Geheime Pentagon-Berichte Versehentlich Freigegeben
Zellbiologe und UN-Waffeninspektor
US-Schütze. Die heimliche Weiterentwicklung von Betäubungswaffen auf chemischer Basis läuft auf Hochtouren.
Upps! Das US Marine Corps verschickte versehentlich geheime Dokumente – ausgerechnet an das Sunshine Project des deutschen Biowaffen-Kritikers Jan van Aken. Die Papiere zeigen: Die Entwicklung opiumähnlicher Betäubungsmittel wird trotz Verbot weitergeführt.
Dumm gelaufen für das US Marine Corps: In ein und demselben Brief wurden dem Sunshine Project Dokumente über das US-Chemiewaffenprogramm zugesandt und gleichzeitig mitgeteilt, dass diese Dokumente noch unter Verschluss seien und nicht freigegeben werden könnten. Offenbar wurden beim Marine Corps zwei Umschläge miteinander vertauscht.
Die Dokumente (rechte Seite) belegen eine ungewöhnliche Kontinuität der amerikanischen Versuche, so genannte «nicht tödliche» Chemikalien als Waffen zu entwickeln. Sie betreffen Forschungsprojekte aus der Mitte der 90er-Jahre, bei denen betäubende Chemikalien entwickelt werden sollten, wie sie unlängst auch bei der fatalen Geiselbefreiung in Moskau eingesetzt wurden.
Obwohl in diesen Projektbeschreibungen ausdrücklich erwähnt wird, dass derartige «nicht tödliche» Chemiewaffen unter das Chemiewaffen-Übereinkommen (CWÜ) von 1993 fallen, wurden die Projekte dennoch weitergeführt.
Bis 1992 entwickelte die US-Armee unter dem Projektnamen ARCAD (Advanced Riot Control Agent Device) Betäubungsmittel für den Einsatz als Waffe.
1992 wurde ARCAD mit Blick auf das gerade vollendete CWÜ eingestellt. In den jetzt veröffentlichten Dokumenten heisst es wörtlich, ARCAD sei beendet worden, «because of multilateral treaty language restricting the use of riot control agents». Aus den Dokumenten geht jedoch auch hervor, dass trotz des Chemiewaffenverbotes bereits zwei Jahre später die Projekte fortgesetzt wurden.
Dieser Fall ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie schnell sich derartige Waffenprogramme innerhalb militärischer Strukturen verselbständigen können und selbst politische Weisungen in einer Mischung aus willkürlicher Rechtsauslegung, wissenschaftlicher Neugier und Ignoranz gegenüber dem eigenen Tun von übergeordneten Stellen missachtet beziehungsweise unterlaufen werden.
Es ist verständlich, dass das Marine Corps diese Unterlagen lieber nicht veröffentlicht sehen möchte. Nachdem das US-Büro des Sunshine Projects im September 2001 die entsprechenden Dokumente unter dem US Freedom of Information Act angefragt hatte, beschied das Marine Corps jetzt, nach über zwei Jahren, dass diese Dokumente nicht freigegeben werden könnten.
Vielmehr müssten sie zunächst vom «Directorate for Freedom of Information and Security Review» (DFOISR) des Pentagon unter Sicherheitsaspekten überprüft werden.
In dem gleichen Brief befanden sich dann jedoch sowohl die angefragten Dokumente als auch Versionen der Dokumente, in denen verschiedene Stellen geschwärzt waren. Offensichtlich hat der Sachbearbeiter im Marine Corps die Dokumente mit einem entsprechenden Schwärzungsvorschlag an das DFOISR schicken wollen und sie versehentlich in den Sunshine-Umschlag gesteckt.
Cocktail aus Opiaten Hintergrund: Im Rahmen des ARCAD-Programms wurde am Aberdeen Proving Ground in Maryland bis 1992 ein Cocktail aus Opiaten (etwa Fentanyl) und einem Opium-Antagonisten getestet. Durch den Opium-Antagonisten sollten die lebensgefährlichen Nebenwirkungen der betäubenden Opiate gemindert werden.
Nachdem dieses Programm 1992 zunächst eingestampft wurde, beantragten die beteiligten Forscher 1994 dann beim Joint Non-Lethal Weapons Directorate (JNLWD) des US Marine Corps ein neues Forschungsprojekt, in dem diese Mischung als Aerosol getestet werden sollte.
Zudem sollten weitere, neue chemische Substanzen auf ihre Waffenfähigkeit getestet werden. Etwa einige neue Opiate, die gerade erst von der Firma Glaxo entwickelt worden waren. Oder auch eine Substanz, die in der Vergangenheit bereits erfolgreich bei der Betäubung von Grosswild eingesetzt worden war.
Offenbar wurde das Programm über die ganzen 90er-Jahre hin fortgesetzt, denn dem Sunshine Project liegt ein Vertrag zwischen JNLWD und der Firma Optimetrics aus dem Jahre 2000 über ein Projekt vor, dass vollkommen deckungsgleich ist mit den Projekten, die bereits 1994 vorgeschlagen wurden. Kein Wunder, denn der zuständige Wissenschaftler bei Optimetrics war früher in die C-Waffen-Entwicklung bei Aberdeen Proving Ground involviert.
Jan van Aken ■





