IN DER ERDE VON FINNLAND SOLLEN SKULPTUREN VOM «ANFANG DER WELT» RUHEN

Liegt unter der finnischen Burgruine von Kajaani eine tonnenschwere Goldskulptur? Dies behauptet der Finne Ior Bock und beruft sich auf ein uraltes, umstrittenes Sagenepos. Interessanterweise haben Geophysiker nun ein «metallisches Objekt» in der Erde geortet. Doch die Archäologen tun sich schwer damit.

Vor rund 14’000 Jahren ist die Arktis besiedelt worden. So steht es zumindest in allen Schulbüchern. Dennoch haben Pavel Pavlov von der Russischen Akademie, John Inge Svendsen von der Universität Bergen und Svein Indrelid vom Bergen Museum in den arktischen Gefilden Russlands vor wenigen Jahren Spuren von Menschen gefunden, die mindestens 30’000 bis 40’000 Jahre alt sind.

«Entweder expandierte der europäische Neandertaler viel weiter in den Norden als bisher angenommen oder der moderne Mensch kam nur wenige tausend Jahre nach seinem ersten Auftreten im Süden Europas bereits in die Arktis», hielten Pavlov und seine Kollegen im September 2001 in der internationalen Wissenschafts-Zeitschrift «Nature» fest.

Grund: Bei Mamontovaya Kurya im Uralgebirge hatte Pavlov gehauene Steine entdeckt, die als Werkzeug benutzt werden konnten. Ebenso stiess er dort auf verschiedene Knochen von Säugetieren sowie auf einen Mammutzahn, in den mit einem Stein Kerben geritzt waren.

Besonders erstaunlich: Zu dieser Zeit waren grosse Teile der Arktis noch mit Eis bedeckt. Die Forscher gehen nun davon aus, dass gewisse Regionen von der Eiszeit verschont blieben. «Die Funde legen nahe, dass in dieser Periode der Eiszeit der Nordosten relativ trocken und eisfrei gewesen sein muss.»

Darauf deuteten auch grosse Mengen von Mammutzähnen, die in Finnland gefunden und ebenfalls in diese Zeit datiert werden. «Das bedeutet, dass in dieser Region vor 22’000 bis 40’000 Jahren grosse Tiere gelebt haben müssen.»

Kaum ein Zufall also, dass noch weitere Spuren frühmenschlicher Existenz in der Arktis ans Tageslicht kamen. So wurden Wissenschaftler etwa bei Byzovaya fündig, 300 Kilometer südlich von Pavlovs Fundstelle. Annähernd 300 Artefakte und über 4000 Tierknochen konnten hier ausgegraben werden – vermutlich an die 28’000 Jahre alt und typisch für den Homo Sapiens.

Auch die oben erwähnten Funde von Pavlov zeugen von einer fortgeschrittenen Kultur, sind die Forscher überzeugt: «Wenn Menschen das ganze Jahr hindurch in dieser arktischen Gegend überleben wollten, benötigten sie eine Langzeit-Planung und ein ausgebautes soziales Netzwerk – Qualitäten, die normalerweise dem modernen Menschen zugeschrieben werden», so Pavlov.

Dass der Norden Europas während der Eiszeit besiedelt war, bezeugen weitere Artefakte, die in der Nähe des finnischen Ortes Kristiansstad gefunden wurden. Und zwar in der so genannten Wolfshöhle («Susiluola Cave»). Seit 1997 untersucht das staatliche Amt für Altertümer die Höhle gemeinsam mit den Geologen der Universität von Helsinki. «Die Funde zeigen, dass die Höhle vor über 100’000 Jahren von Menschen benutzt wurde, vor der letzten Eiszeit», so die Archäologen.

Die Geschichte der «Aser» All dies ist Wasser auf die Mühlen des Finnen Ior Bock – und der von ihm verbreiteten «Bock-Saga», die in Buchform bislang leider nur in finnischer Sprache vorliegt. Sie berichtet von einem arktischen Volk, das vor etlichen Jahrtausenden vom Nordpol aus die Erde besiedelte und regierte.

Das Volk der Herrscherkaste wurde Aser genannt, die anderen Völker Vaner.

«Jedem Herrscher soll in diesem riesigen Höhlensystem eine Statue gewidmet sein.»

Während der Eiszeit, so behauptet Bock, waren die Aser-Herrscher von der Aussenwelt abgeschnitten. Ihr Leben in der Kälte sowie die langen Phasen von Dunkelheit seien letztlich auch verantwortlich für die helle Hautfarbe dieser Völkergruppe, auch bekannt als Kaukasier, zu denen man nicht zuletzt Russen und Finnen zählt.

«Tempel der Menschheit» Bocks Problem: Die meisten Wissenschaftler verbannen seine Geschichte ins Reich der Fabeln und Märchen. Gewisse Details machen aber dennoch stutzig.

Erstmals erzählt hat Bror Holger Svedlin – so Bocks ziviler Name – seine Saga 1984. Während zwanzig Jahren habe ihm seine Mutter das sagenumwobene Epos sowie die dazugehörige Lautsprache vermittelt, behauptet Bock. Die Geschichte sei während Jahrhunderten nur mündlich überliefert worden. «Bock» hiess jeweils der Herrscher der Aser. Jener Bock, so der Finne, «der 10’000 Jahre nach dem Ende der Eiszeit» leben würde, sollte das Recht haben, die Saga an die Öffentlichkeit zu bringen. Nach der Rechnung der Familie war das 1984 der Fall.

Wenngleich von offizieller Seite weitgehend ignoriert, so passt die Bock-Saga doch ins Bild mancher Entdeckung zur Menschheitsgeschichte. Und: Ior Bock glaubt sogar zu wissen, wo die Relikte seiner Urahnen liegen. So sollen sich im so genannten Tempel der Menschheit – oder «Lemminkäinen»-Tempel – die gesammelten Artefakte der frühen Menschheitsgeschichte befinden.

Jedem Herrscher – auch Lemminkäinen oder eben Bock genannt – soll in diesem angeblichen Höhlensystem ein Saal gewidmet sein. Darin, so Ior Bock, befinde sich eine lebensgrosse Statue, die den jeweiligen Herrscher mit 27 Jahren zeigt. Ausserdem seien im Tempel auch Artefakte anderer Völker aufbewahrt worden.

Immer wenn ein neuer Herrscher antrat, sollen die Geschenke und Regalien des alten Regenten in den Tempel gebracht worden sein. Zumindest bis die letzte Eiszeit den Kontakt zwischen Herrschervolk und Ringländern unterbrach. In Finnland Der Finne Ior Bock. Ist er tatsächlich ein «Abkömmling der Aser», wie er behauptet?

Private Grabungsarbeiten der «Bock-Fans». Ist dies der Eingang zum Tempel?

und Russland aber habe dieser Brauch bis ins Jahr 987 nach Christus weiter bestanden. Danach wurde der Tempel verschlossen. Und das sollte für 1000 Jahre so bleiben.

Kein Wunder also, dass Ior Bock und seine Anhänger just im Jahr 1987 angefangen haben, den Eingang zum Tempel freizuschaufeln. Das Monument befindet sich am Fuss eines Monolithen auf Bocks eigenem Grundstück, 30 Kilometer östlich von Helsinki.

«Wir hatten die Information, dass der Eingang mit Steinblöcken versperrt ist», erläutert ein Anhänger des Finnen auf der deutschen Homepage «bock-saga.de».

«Tatsächlich stiessen wir auf drei exakt zugeschnittene, übereinander liegende Steinblöcke, die rund 5 Meter lang, 4 Meter breit und 1,5 Meter dick waren. Anschliessend trafen wir am Fuss des Monolithen auf zwei Steine, die präzis in den ursprünglichen Eingang eingefügt waren.»

Nachdem sie den Eingang geöffnet hatten, erwartete die Grabenden aber nicht ei- «Da wir nicht wissen, wie gross der Raum ist, folgen wir dem Verlauf der Decke…»

ne frei gelegte Vorhalle, wie sie das erhofft hatten. Vielmehr war der Raum «mit einer zementartigen Masse ausgefüllt».

Seit 1987 schaufelt die Gruppe den Raum frei, dessen Decke und Boden aus Granit bestehen.

«Da wir nicht wissen, wie gross dieser Raum ist, folgen wir dem Verlauf der Decke und haben bis jetzt einen rund 40 Meter tiefen, 6 Meter breiten und 3 Meter hohen Stollen freigegraben, der in einem Gefälle von etwa 15 Grad schräg nach unten verläuft.» Nach Bocks Beschreibung führt der Stollen in einen Raum, der mit Wasser gefüllt ist. Dort sollen sich drei Korridore befinden, von denen einer zum Tempel führt. Dass die Grabungen nur sehr schleppend vorankommen, liegt am fehlenden Geld. Die Hobby-Archäologen werden weder von den finnischen Behörden noch von örtlichen Museen bei ihrer Arbeit unterstützt. Dies, obwohl geophysikalische Untersuchungen mittels Bodenradar in 24 Metern Tiefe einen kuppelförmigen Hohlraum erahnen lassen, dessen Decke aus Metall zu bestehen scheint. «Nach den letzten Messungen im August 1991 mit demselben System erhielten wir ausserdem ein Bild der Bodenbeschaffenheit, aus dem wir ersehen können, dass es nur noch wenige Meter bis zum Durchbruch sein können», so die Ausgräber.

Ebenfalls 1991 strahlte das finnische Fernsehen einen Dokumentarfilm über die Arbeiten am Tempel aus. Weiterbuddeln aber können die Bockanhänger vorläufig nicht. Nachdem bekannt wurde, dass Ior Bock und seine Freunde ab und an Haschisch konsumierten, zogen sich die Geldgeber zurück.

Gold-Skulptur unter der Erde Auf mehr öffentliche Resonanz stiess der Vorschlag Ior Bocks, in der «nördlichsten Burganlage der Welt», der Schlossruine im finnischen Städtchen Kajaani, nach den Regalien des letzten heidnischen Königs zu suchen.

Gemäss seiner «Bock-Saga» sollen sie 1248 vergraben worden sein – bevor das Land zum katholischen Königreich Schweden stiess. Glaubt man dem Finnen, so liegt im Boden des Geländes, neben Krone, Apfel und Szepter, eine fast 300 Kilo schwere goldene Bock-Skulptur.

Überlieferungen zufolge soll es sich bei «Kajaanin linna» um das kleinste steinerne Schloss Europas gehandelt haben, ehe es im Krieg 1717 zerstört wurde. Eine reichlich kuriose Anlage also. Und tatsächlich ortete der finnische Geophysiker Tomi Herronen von der Universität von Oulu dort im Jahr 2000 anhand von Radaraufnahmen ein Metallobjekt in rund vier Metern Tiefe. Grösse: 0,5 mal 1,5 Meter.

Im Juni 2006 war es dann endlich so- Nikolaus-Brauch: Ein finnischer Fruchtbarkeitskult?

Ior Bock (aktuelles Foto). Seit 1999 ist er an den Rollstuhl gefesselt. (Foto: Peter Meyer) weit: Nach einem jahrelangen Hin und Her liess das finnische Amt für Altertümer («National Board of Antiquities» – NBA) den unabhängigen Archäologen Kari Outila auf einer Fläche von zwei mal zwei Metern endlich nach dem mysteriösen «Fremdkörper» im Boden graben.

Leider buddelte der Fachmann dabei ob ungenauem Kartenmaterial an der falschen Stelle, nämlich zwei Meter Richtung Westen von der Stelle entfernt, die Geophysiker Herronen in seinem Untersuchungsbericht benannt hatte.

Dummerweise stiess der Archäologe nach einem halben Meter in der Tiefe auch noch unversehens auf ein elektrisches Kabel. Abschliessendes Fazit des Projektteams: «Das angebliche Metallobjekt, bei dem es sich nach der Familiensaga von Ior Bock um einen goldenen Bock handeln soll» habe sich als «falsches Georadarecho» entpuppt – «bedingt durch das Stromkabel im Boden».

Das voreilige Fazit führte zu einiger Kritik, weswegen sich der angeheuerte Archäologe im September 2006 erneut anschickte, nach dem ominösen Gegenstand zu graben. Doch – Zufall oder Absicht? – er verfehlte ihn erneut. Noch dazu endete seine Grabung diesmal in einer Tiefe von 1,3 Metern, statt in drei bis vier Metern, wie dies die geophysikalischen Daten des Objektes erfordert hätten.

Die Gönnervereinigung «Kajaani Castle Friendship Society» hat den finnischen Behörden nun angeboten, weitere Untersuchungen mitzufinanzieren – damit das Rätsel im Boden vielleicht doch noch gelöst werden kann. Mittlerweile wird nämlich auch darüber spekuliert, dass es sich beim metallenen Objekt um eine alte Kanone aus Bronze handeln könnte. Nicht unbedingt das, was sich Ior Bock erträumt hatte…

An den Rollstuhl gefesselt Der goldene Bock auf Kajaani sei aber sowieso nicht der einzige, ist der letzte Abkömmling der Aser überzeugt. Zwei weitere Gold-Skulpturen sollen unter Eichen begraben sein, etwa 80 Kilometer westlich von Helsinki. Besagtes Gelände gehört der Kirche und steht zudem unter Naturschutz. Bis jetzt hat die zuständige Museumsbehörde den Bock-Fans die Ausgrabungen denn auch verweigert.

Wie viel allenfalls wahr ist an Bocks Sagen von den ersten Menschen am Nordpol, wird deshalb so schnell wohl niemand mit letzter Sicherheit beantworten können.

Viele Namen und Protagonisten seiner Erzählungen finden sich aber auch in der «Kalevala», der finnischen Mythologie, wieder – so beispielsweise der Name «Lemminkäinen».

Ein wichtiger Teil der Bock-Saga bildet überdies das sprachliche Lautsystem aus angeblich frühester Zeit, das Eingeweihten sämtliche Zusammenhänge offenbaren soll. Selbstverständlich nur, wenn ein entsprechend Geübter die Worte ausspricht.

So gründe der Begriff «Atlantis» nach der Saga auf dem schwedischen «Alt-land-is» und beziehe sich auf den Atlantik sowie das Eis. Gemeint sei damit die Insel zwischen dem Eis – dort wo die Aser während der Eiszeit überlebten.

Ior Bock selber kann die Ausgrabungsarbeiten mittlerweile leider nicht mehr so intensiv vorantreiben, wie er das früher zu tun pflegte. Nachdem ihn ein psychisch verwirrter Mann am 3. Juni 1999 mit einem Messer attackierte und ihn damit mehrmals in den Rücken stach, sitzt er querschnittgelähmt im Rollstuhl.

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Ein Mann mit einem langen Bart und einem roten Hemd.
Ein Mann, der ein Fahrzeug durch eine Höhle fährt.
Ein Mann mit weißem Bart und grauen Haaren.
Santa Claus zeigt auf dich.
Das Gesicht eines Mannes ist in einem blauen und schwarzen Hintergrund mit Zahlen gezeigt.

ICA-STEINE GERETTET

CIA: ZYPRIES KUSCHT ABNEHMEN? MILCH TRINKEN…

Schlummert unter dem ägyptischen Wüstensand womöglich noch eine zweite Sphinx? Zu diesem Schluss kommt der einheimische Ägyptologe Bassam El Shammaa. Die Ägypter in der Antike hätten eine wichtige Stätte niemals nur von einer Seite her beschützen lassen, ist der Archäologe überzeugt. Ausserdem basiere die gesamte ägyptologische Mythologie auf Dualität. Sie besagt, dass die oberste Gottheit einen Sohn und eine Tochter geschaffen hat – beide in Löwengestalt, wie El Shammaa zu bedenken gibt.

Ausserdem verweist er auf die Traumstele von Pharao Thutmosis IV, auf der ganz klar zwei Sphingen dargestellt sind. Thutmosis regierte um 1397 bis 1388 vor Christus. Die zweite Skulptur – nach El Shammaa eine Löwin – befinde sich noch unter dem Sand und sei vermutlich durch einen Blitz zerstört worden. Thutmosis’ Stele beschreibt einen Traum, in dem das Mischwesen den Pharao bat, es endlich vom Sand der Zeit zu befreien.

Als hätten die Götter persönlich ihre schützende Hand über seine Kollektion gehalten: Wie durch ein Wunder blieb die kontroverse Stein-Sammlung des 2001 verstorbenen Javier Cabrera in der peruanischen Stadt Ica vom verheerenden Erdbeben im August verschont. Laut Tochter Eugenia Cabrera, die das Lebenswerk ihres Vaters heute verwaltet, erlitt das kleine Museum glücklicherweise nur geringfügige Schäden.

Cabrera hatte ab den 60er-Jahren Tausende vermeintlich uralte gravierte Steine aus dem lokalen Erdreich zusammentragen lassen. Einige von ihnen zeigen Dinosaurier oder Herzoperationen. Archäologen gehen deshalb davon aus, dass es sich bei vielen Objekten um moderne Fälschungen handeln dürfte (Bild unten).

Die deutsche Bundesregierung will einen Antrag der Münchner Staatsanwaltschaft zur Inhaftierung 13 verdächtiger CIA-Agenten nicht an die USA weiterleiten. Dies enthüllte Ende September der «Spiegel».

Die Spitzel werden verdächtigt, den Deutsch-Libanesen Khaled al- Masri illegal entführt zu haben.

Grund für die Blockierung der Ermittlungen ist laut Justizministerin Brigitte Zypries, dass die US-Regierung grundsätzlich keine CIA-Agenten inhaftiere.

Mit dem Verzicht auf das Inhaftierungsersuchen will Zypries offenbar auch weiteren Konflikten mit Innenminister Wolfgang Schäuble aus dem Weg gehen. Bush-Fan Schäuble hatte sein Veto angedroht, falls der Weiterleitung des Antrags zur Inhaftierung der CIA-Entführer stattgegeben werde.

Wer nach dem Sport Milch trinkt, baut nicht nur Knochen und Muskeln auf, sondern verbrennt auch Fett. Das zeigt eine neue Studie im «Amercian Journal of Clinical Nutrition». 56 Männer zwischen 18 und 30 Jahren schickte Stuart Phillips von der McMaster-Universität in Hamilton (USA) zwölf Wochen lang täglich in den Kraftraum. Danach tranken die Männer entweder einen halben Liter fettarme Milch, ein Sojagetränk oder ein Kohlehydratgetränk.

Resultat: Die Milchtrinker bauten in dieser Zeit nicht nur gut ein Kilogramm mehr Muskeln auf als die Sojakonsumenten, sondern sie verbrannten im Schnitt auch ein Kilo Fett. Die Kohlenhydrate verhalfen zu einem Fettverlust von einem halben Kilo. Der Sojadrink brachte gar keinen Fettabbau. Deshalb schwärmt Phillips in seiner Publikation von der Milch als idealem Sportgetränk. Nun soll geklärt werden, welche Bestandteile der Milch den wundersamen Fettabbau bewirkten.

Ein Schlussuff einer Metallobjekte mit einem Design darauf.
Ein Glas Milch mit einem Strohhalm.
Eine Gruppe von Lastwagen sitzt im Dreck.
Auf einem Tisch sind Spülbissen Wurst gezeigt.
Ein Mann mit einer Gitarre trägt eine Gesichtsmaske.

2004

Wieder ein «neues» Bin-Laden-Video – und wieder neue Zweifel. Diesmal sorgt neben technischen Aussetzern vor allem der gefärbte Bart des Terroristen für Verwirrung. Wurde hier clever getrickst?

Erstmals seit drei Jahren tauchte jüngst ein neues Bin-Laden-Video des schwer kranken und möglicherweise längst verstorbenen Terroristen auf. Mit erstaunlich moderaten Worten, im Tonfall eines Intellektuellen, warb der Mann darin für den Islam, gegen den Kapitalismus und für das Klima-Protokoll von Kyoto. Von konkreten Terrordrohungen kein Ton.

Und: Seltsamerweise zeigt sich Bin Laden darin erstmals überhaupt mit gestutztem und gefärbtem schwarzen Bart. Reine Eitelkeit? Wohl kaum. Computerexperten geben denn auch zu bedenken, dass an den Aufnahmen mit digitaler Tricktechnik herumgebastelt worden sein könnte. Umso mehr, als das Bild mehrmals längere Zeit «einfriert», während der Ton im Hintergrund weiterläuft – just in den Momenten, in denen der vermeintliche Terrorfürst Andeutungen zu aktuellen weltpolitischen Ereignissen macht.

Für einige ein klarer Hinweis dafür, dass die Aufzeichnung vermutlich älter ist als behauptet und mit Hilfe digitaler Audiotechnik nachträglich «aktualisiert» wurde.

Anderen, wie dem Londoner Islam-Experten Azzam Tamimi, gibt vor allem der seltsame Bart zu denken: «Fromme Salafisten wie Bin Laden», so ist er überzeugt, «dürfen ihren Bart nur im Kriegsfall» färben.

Wollte Bin Laden seinen Gesinnungsgenossen damit ein Signal senden?

PC-Experte entlarvt Fälschung Das Videoband umranken noch weitere Merkwürdigkeiten: In der Nacht zum 6. September 2007 war die Veröffentlichung der Aufnahme von einer Al Kaida nahestehenden Produktionsfirma in Aussicht gestellt worden. Doch noch ehe dies geschah, waren die US-Medien bereits voll mit Zitaten der Hauptaussagen. Grund: Der US-Regierung lag – aus welchem Grund auch immer – ein Vorabexemplar der Rede vor.

Ungeachtet des harmlosen Tonfalls gab sich die CIA in der Folge wie immer alarmiert und schürte gezielt Panik. So plane die Führung des Terrornetzwerks laut CIA-Boss Michael Hayden weitere «Attentate mit massenhaften Opfern, dramatischer Zerstörung und erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen».

Zufall oder Absicht? Nur wenige Tage später, just am 11. September 2007, wurde den Medien ein weiteres «neues» Bin-Laden-Video aufgetischt, diesmal in provokativerem Tonfall. Darin wurden die Attentäter gepriesen und junge Muslime aufgefordert, sich der «Karawane der Märtyrer» anzuschliessen. Kurioserweise handelte es sich diesmal aber nur um eine Audiobotschaft – mit einem Standbild unterlegt.

Zur Verfügung gestellt hatte die Aufnahme einmal mehr das Washingtoner «IntelCenter» – und das lässt aufhorchen.

Denn an der «Black-Hat»-Konferenz in Las Vegas im August 2007 hatte der US-Computerspezialist Neal Krawetz demonstriert, wie selbst hochprofessionelle Bildmanipulationen sichtbar gemacht werden können. Er zeigte dies am Beispiel mehrerer Al-Kaida-Videos, die von «IntelCenter» verbreitet worden waren.

Das «Privatunternehmen» arbeitet eng mit dem Pentagon zusammen. Viele seiner Mitarbeiter sind ehemalige Agenten. Krawetz machte das misstrauisch – zu Recht.

Da wäre beispielsweise das Al-Kaida-Video vom 27. Juli 2006, das die Nummer 2 des Terrornetzes, Aiman al-Zawahiri, zeigt, wie er in einem Aufnahmestudio sitzt.

Wie ist es möglich, so fragten sich damals viele, dass sich ein Terrorist in ein Studio begibt und dabei nicht festgenommen wird? «Ganz einfach», antwortet Computerexperte Krawetz. «Al-Zawahiri befand sich gar nicht im Studio – er wurde später ins Bild hineinkopiert.»

Noch mehr Tricksereien Krawetz ist sich seiner Sache sicher, denn er hat eine komplizierte technologische Methode entwickelt, mit welcher sich der Fehlerlevel jedes Einzelbilds analysieren lässt. Ersichtlich wird damit, welche Bildpixel verändert und wie stark sie manipuliert wurden. So konnte der PC-Experte etwa beweisen, dass das Studio, in dem sich der Al-Kaida-Vizechef angeblich aufhielt, aus fünf verschiedenen Aufnahmen zusammengesetzt worden war.

Ein weiteres Video aus demselben Jahr zeigt Al-Zawahiri vor einem Schreibtisch.

Im Hintergrund hängt eine Fahne mit einer arabischen Aufschrift. Auch hier konnte Krawetz nachweisen, dass der Araber vor einem einfarbigen Hintergrund aufgenommen und nachträglich ins Bild eingefügt wurde. Selbst die Schrift auf der Fahne war digital manipuliert…

red. n

Ein Mann mit einem langen Bart und einem weißen Hut.
Ein Mann stand mit den Armen gekreuzt vor einem Gesicht einer Frau.

KISS-GITARRIST: «ICH SAH EIN UFO»

ALSO DOCH: INDY SUCHT KRISTALLSCHÄDEL

Die Sterne taten es Kiss-Gitarrist Ace Frehley bereits in seiner Jugend an. In der New Yorker Bronx erhielt er deshalb den Spitznamen «Spaceman». Vor einigen Jahren wurde sein grösster Traum nun offenbar wahr, wie er kürzlich in einer TV-Dokumentation schilderte. So sah Ace 2002, wie ein UFO in seinem Garten landete. Er erzählte die Geschichte auch dem Radio-Interviewer Eddie Trunk: «Ich erinnere mich sehr lebhaft, dass ich abgehoben habe.» Ace ist davon überzeugt, dass ihn Ausserirdische mitgenommen und wieder zur Erde zurückgebracht hätten. Ein Kreis verbrannter Erde in seinem Garten, etwa acht Meter im Durchmesser, zeuge heute noch von der unheimlichen Begegnung.

Nicht das erste UFO übrigens, das Frehley sah: Bereits 1974 konnte er Ungewöhnliches beobachten – im Flugzeug unterwegs nach New York. «Als ich die Augen schliessen wollte, sah ich draussen einen hellen Lichtball», erzählte Ace dem UFO-Spezialisten Timothy Green Beckley. «Ich blinzelte ein-, zweimal, um sicher zu sein, dass das keine Einbildung war. Aber dieses Ding war immer noch da.»

Es habe ausgesehen wie ein grosser Baseball, so Ace, und hätte sich von einer Seite zur anderen bewegt. «Dann flog es ziemlich schnell davon.»

Nun scheint offiziell, was «mysteries» bereits vor zwei Monaten vermeldete: Filmheld Indiana Jones bekommt es im vierten Film mit den sagenumwobenen Kristallschädeln der Maya im südamerikanischen Dschungel zu tun. Zumindest lässt das nun auch der offiziell bekanntgegebene Filmtitel vermuten: «Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull». Bis Redaktionsschluss dieses Hefts wurde in den Studios von Los Angeles eifrig gefilmt. Auf vier gigantischen Sets prügelten sich Harrison Ford und seine Filmgefährten dort mit russischen Bösewichten um die Wette. Trotz strengster Geheimhaltung rund um die Produktion drangen auf Umwegen derweil weitere Schnappschüsse an die Öffentlichkeit – sie zeigen unter anderem russische Militärvehikel aus den 50er-Jahren (oben), ägyptische Statuen und südamerikanische Stufenpyramiden. Auch Nazi-Komparsen sollen auf dem Studiogelände gesichtet worden sein…

Auf einem Tisch sind Spülbissen Wurst gezeigt.
Ein Mann mit einer Gitarre trägt eine Gesichtsmaske.
Ein Bild von zwei Händen, die sich vor einem Gebäude halten, mit einem roten Pfeil.
Ein Mann mit Brillen und einem Anzug und Krawatte.

KOSTBARSTES GUT WIRD UNSERE GESUNDHEIT

«Der vermeintliche Kostenfaktor Gesundheit wird der künftig entscheidende Produktionsfaktor für die Wirtschaft in der Informationsgesellschaft der Zukunft – eine wirtschaftliche Macht!», prophezeit Wirtschaftspolitiker Erik Händeler. Er stützt sich dabei auf eine leider kaum beachtete Aussenseitertheorie.

kunft anwenden lässt: Dinge werden nicht aus Zufall oder Spielerei weiterentwickelt und angewendet. Sondern Innovationen, Veränderungen in der Gesellschaft und neue Märkte entstehen, weil sie wirtschaftlich notwendig werden, wie der russische Ökonom Nikolai Kondratieff (1892 bis 1938) bereits vor 80 Jahren schrieb.

Kondratieff entdeckte, dass es neben dem überschaubaren Auf und Ab der Wirtschaft auch regelmässige 40 bis 60 Jahre Wer etwas über die Zukunft sagt, stösst mit Recht auf Misstrauen. Denn die Zukunft hat ja noch gar nicht stattgefunden. Sie ist völlig offen, weil nicht klar ist, wie sich die Menschen in ihrer Freiheit entscheiden werden.

Doch gibt es im Rückblick auf unsere Geschichte ein Gesetz, das sich auf die Zulange Konjunkturzyklen gibt, als er untersuchte, wie sich die Dynamik von Kohleverbrauch oder von Preisstabilität in den damaligen Industriestaaten veränderte.

1926 beschrieb er in der Berliner Zeitschrift «Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik» zweieinhalb lange Wellen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis 1919 und sagte einen langen Abschwung voraus, der als Weltwirtschaftskrise auch so eintraf. Den Grund dafür fand er im realen Leben: Jede Zeit arbeitet mit einem bestimmten Mix an Werkzeugen, Kompetenzen und Produktionsfaktoren. Doch diese wachsen nicht im selben Verhältnis wie die Gesamtwirtschaft. Irgendwann gibt es einen nötigen Produktionsfaktor, der im Verhältnis zu den anderen zu knapp wird und daher viel zu teuer, um noch weiter rentabel arbeiten zu können. Es lohnt sich dann nicht mehr, zu investieren und Leute zu beschäftigen, die Löhne sinken und Arbeitslosigkeit samt Verteilungskämpfe wachsen.

An diesen Knappheiten entstehen dann Innovationen und neue Märkte, weil sie wirtschaftlich notwendig werden, schrieb Nikolai Kondratieff. Als beispielsweise die englischen Unternehmer nicht mehr nachkamen, Bergwerke zu entwässern und Spinnräder mit Tierkraft anzutreiben, beknieten sie den wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität Edinburg, eine bestehende atmosphärische Maschine zu einer rentablen Dampfmaschine weiterzuentwickeln – zwölf Jahre tüftelte James Watt in der Folge daran herum, bis sie endlich ausreichend effizient angewandt werden konnte.

Plötzlich ging es aufwärts…

Als nach 1769 Dampfkraft Spinnmaschinen antrieb, leisteten diese 200 mal mehr als das alte Spinnrad. Textilien wurden viel billiger, mehr Menschen als vorher konnten sich nun welche leisten.

Dampfbetriebene Blasebälge erhöhten die Schmelztemperatur am Hochofen und sorgten für eine grössere Ausbeute des Erzes und für besseres Eisen – der Preis dafür sank, so dass sich Handwerker mehr Werkzeug anschaffen und besser arbeiten konnten. Dazu benötigte dieses Paradigma eine neue Infrastruktur und beschäftigte zusätzlich viele Menschen, um Kohle und Erz zu beschaffen und Waren auf Dampfschiffen in neugegrabenen Binnenkanälen zu transportieren.

Das ging gut, bis diese Strukturen an eine neue Knappheitsgrenze stiessen: Wer auf einem Eselskarren Kartoffeln oder Erz oder Textilwaren über morastige Feldwege in die nächste Kleinstadt schaffen wollte, dem war der Aufwand dafür zu gross, und auch ein zusätzlicher Ochsenkarren konnte «Die Eisenbahn wurde nicht gebaut, weil man keine Lust mehr auf die Kutsche hatte.»

das Problem nicht lösen – es lohnte sich nicht, zu investieren oder Leute zu beschäftigen.

Die Eisenbahn wurde also nicht deshalb gebaut, weil die Leute keine Lust mehr hatten, mit der Kutsche zu fahren. Sondern weil der grosse Transportaufwand der aktuell engste Flaschenhals der Volkswirtschaft war und ihr damit den Atem abdrückte.

Es reicht aber nicht, eine neue, problemlösende Technik zu entwickeln – diese ist schneller gefunden, als sich die Strukturen der Gesellschaft darauf einstellen. Sie benötigt neue Bildungsinhalte, eine neue Infrastruktur, neue Führungsmethoden und eine andere Firmenkultur.

Mit ihren neuen Spielregeln und Erfolgsmustern dafür, wie man Wohlstand schafft, verändern solche grundlegenden Erfindungen die Art, wie sich eine Gesellschaft organisiert. Weil sie damit alle Bereiche des Lebens berühren und verändern, stossen sie immer auf Widerstand.

Denn egal welcher Zeit oder Generation wir angehören: Alles, was wir gelernt haben, war eine teure Investition. Und niemand von uns möchte, dass das, was er so mühsam gelernt hat, plötzlich weniger wert wird – deswegen werden Menschen eher ihre Wahrnehmung anpassen als ihre Meinungen ändern.

Bei der Eisenbahn etwa bremsten die Fürsten, die nicht wollten, dass die Schienen über ihre Fürstentumsgrenze hinweg gebaut werden, sowie Fachleute, die Krankheiten prognostizierten oder zu denken gaben, wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch sich auf Rädern fortbewege, hätte er ihm auch welche gegeben.

Das unterschiedliche Tempo von technisch-ökonomischem und sozio-institutionellem System verursacht somit einen Produktivitätsstau, der das Wirtschaftswachstum niedrig hält, bis sich ein Konsens im Land herausgebildet hat, wohin die Reise gehen soll.

Strom, Autos – und Computer Nach dem gelösten Transportproblem half uns der elektrische Strom, endlich in Massen zu produzieren – die Chemieindustrie wurde dadurch erst möglich. Stahl konnte effizienter hergestellt werden. Und die Handwerker in der Grossstadt konnten sich mit der sauberen, lautlosen Energieart im Hinterhof eine Werkstatt mit Elektromotor einrichten, wo Dampfmaschinen zuvor unmöglich waren.

Im Zweiten Weltkrieg und danach half uns das technologische Netz rund um das Auto, Einzelpersonen oder individuell benötigte Waren überall hin zu bringen, ohne sich nach Fahrplänen richten zu müssen.

Und weil die Informationsmenge explo- Die von Kondratieff entdeckten Konjunkturwellen erlauben konkrete Prognosen.

dierte, brauchten wir eine elektronische Kiste wie den Computer, um unser Wissen effizienter zu verwalten. Was diese Neuerungen an Zeit und Kraft einsparten, konnte jeweils in die Schaffung von etwas Zusätzlichem investiert werden – so wuchs in der Folge der Wohlstand.

Welcher Faktor wird knapp?

Um die Zukunft zu gestalten, müssen sich Politik, Unternehmen und Gesellschaft also mit der Frage beschäftigen: Welcher Produktionsfaktor wird in absehbarer Zeit relativ knapp? Allein das wäre ein grosser Fortschritt, auch wenn man da natürlich unterschiedlicher Meinung sein kann. So identifizieren manche die Knappheit an Energie als die nächste Grenze und machen dort die grossen Märkte von morgen aus.

Gegen diese Sichtweise spricht aber ein gewichtiges Argument: Wenn Öl, Gas und andere herkömmliche Energieträger knapp werden und daher kaum noch zu bezahlen sind, dann haben wir zunächst einen grossen Wohlstandsverlust zu verkraften. Denn es ist günstiges Öl, das uns Strassen teeren und das Angebot im Supermarkt so breit fächern lässt.

Mit grossen Chancen stehen aber besonders wir Mitteleuropäer in den Startlöchern, diesen Rückschritt wieder gut zu machen durch regenerative Energiequellen von der Geothermie über Windkraft und Biomasse bis hin zur Solarzelle und einer höheren Energieeffizienz. Es geht bei der Überwindung der Energieknappheit also nicht um eine Wirtschaftsleistung, die zu der bisherigen zusätzlich dazu gewonnen wird, sondern es geht darum, einen Wohlstandsverlust auszugleichen.

Der nächste Strukturzyklus im Sinne Kondratieffs erschliesst dagegen vor allem die Knappheit an produktiver Lebensarbeitszeit in den Strukturen der Wissensgesellschaft. Regenerative Energien und Umweltschutz haben darin ihren Platz als Teil eines grösseren innovativen Netzes, Gesundheit zu erhalten.

Nachdem wir inzwischen die Probleme ganz gut gelöst haben, wie wir eine Waschmaschine zusammenmontieren oder Briefe ausdrucken und ein noch schnellerer Com- «Mangel an Gesundheit, im seelischen und sozialen Sinn, hält unser Wachstum niedrig!»

puter uns auch nicht mehr nennenswert produktiver macht, ist die Nachfrage nach Gesundheit trotz steigender Beiträge längst grösser, als es das reglementierte staatliche System finanzieren kann. Dort entsteht der grösste Innovationsdruck, der neue Produkte und Dienstleistungen rentabel macht.

Die stetig steigenden Schäden für die gesamte Volkswirtschaft, der Kostendruck sowie die Verteilungskämpfe verdeutlichen: Der vermeintliche Kostenfaktor Gesundheit wird der künftig entscheidende Produktionsfaktor für die Wirtschaft in der Informationsgesellschaft, eine wirtschaftliche Macht!

Gesundheit, und zwar im ganzen, also auch im seelischen und sozialen Sinne – das ist heute die neue Knappheitsgrenze im Sinne der Kondratiefftheorie, die das Wachstum niedrig hält! Deswegen werden sich daran die neuen Strukturen und Märkte entwickeln: Nanotechnik, Gentechnik und auch optische Technologien habe ihre grösste Anwendung im Gesundheitsbereich.

Aber nicht die Technik wird im Vordergrund stehen, sondern Änderungen im Lebensstil, der uns krank macht. Das real existierende Krankheitssystem wird sich wandeln hin zu einem präventiven Gesundheitssystem, in dem die Akteure das Geld der Krankenkassen nicht mit Krankheitsreparatur, sondern auch mit der Gesunderhaltung der Gesunden verdienen werden.

Da der Lebensstil stark mit persönlicher Entscheidungsfreiheit zusammenhängt, wird der einzelne mehr Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen müssen, auch finanziell.

Gesundheit schafft Wohlstand Die genetische Ausstattung des Menschen taugt theoretisch für ein Lebensalter bis zu 120 Jahren. Was wir derzeit angesichts unserer technischen Möglichkeiten und unseres Wissensfortschritts erleben, ist also nicht eine alles verschlingende Überalterung, wie es uns die öffentliche Katastrophenstimmung vorgaukelt, sondern schlicht eine Normalisierung. Es ist nämlich normal, rüstig 80 Jahre alt zu werden. Während die Wirtschaft früher von der körperlichen Verfassung der Arbeiter abhing, hängt der Wohlstand in der Informationsgesellschaft der Zukunft nun also von der seelischen und geistigen Gesundheit der «Wissensarbeiter» ab.

Zunächst unbemerkt, hatte die Informationstechnik die Erfolgsmuster der bisher gewohnten Arbeit ganz einfach deshalb zerstört, weil sie meistens überflüssig wurde. Roboter übernahmen die Handgriffe der früheren Fliessbandarbeiter; mit Hilfe von Computern liessen sich plötzlich sekundenschnell ganze Broschüren gestalten; Elektronik vermittelte Telefongespräche.

Die bisher erreichte Stufe des Wohlstandes ist damit nicht verschwunden. Er wird jetzt eben von elektrischen Sklaven erarbeitet, deren menschliche Vorgänger sich darüber empörten, dass uns nun die Arbeit ausgehe.

Aber:Arbeit ist, Probleme zu lösen. Und weil wir immer Probleme haben werden, wird uns die bezahlte Arbeit auch nicht ausgehen. Im Gegenteil: Wir werden in Zukunft weit mehr Arbeit haben, als wir überhaupt bewältigen können. Arbeitslosigkeit bedeutet nun nicht mehr, dass die Löhne zu hoch sind oder dass es an Arbeit fehlt. Sondern dass es nicht genug Menschen gibt, die können, was gerade nötig ist, um die anfallenden Bedürfnisse zu erfüllen.

Die Arbeit geht uns also nicht aus, sie verändert sich lediglich: Während die Generation vor uns zum grössten Teil in der Fabrik stand und mit ihren Händen die materielle Welt direkt bearbeitete, geht es ab jetzt darum, in der «gedachten Welt» einen Wert zu schaffen. Ob die Maschinen 100 oder 100’000 Teile herstellen, fällt nicht so stark ins Gewicht – das sind letztendlich nur Energie- und Materialkosten.

Der grösste Teil der Wertschöpfung ist immateriell geworden – entwickeln, planen, organisieren, analysieren, entscheiden, den Markt beobachten, in der gigantischen Informationsflut das Wissen zu finden, das man gerade braucht, um sein Problem zu lösen.

Das verändert alle Bereiche des Lebens: Anforderungen in der Schule, Bewertung von Aktien, Wirtschaftspolitik, Hierarchien, Berufsalltag. Anders als früher an der Stanzmaschine verschwimmt das Verhältnis von Arbeitszeit und Produktivität: Ein Texter kann in drei Stunden einen guten Artikel schreiben. Aber wenn er sich weniger konzentrieren kann, braucht er für denselben Output fünf Tage – und der Text ist vielleicht langweiliger zu lesen.

Eine halbe Stunde Mittagsschlaf bringt mehr, als sich drei Stunden am Schreibtisch mit Kaffee wach halten; eine Zeit im «Raum der Stille» bringt einen näher an die Lösung einer Aufgabe als stundenlange Meetings oder angestrengte Ideensuche vor dem Bildschirm im eigenen Büro.

«Wer körperlich oder seelisch ausgebrannt ist, kann notgedrungen auch weniger leisten.»

Ein Ingenieur, der den Fehler an einer kaputten Maschine finden muss, benötigt dazu alleine Tage; wenn er dagegen einen Bekannten im Nachbardorf anrufen kann, der einen Spezialisten kennt, den er fragen kann, dann hat er mit dessen Hilfe nach einer halbe Stunden die Anlage repariert.

Investition wird also immer weniger materiell – und zunehmend immateriell: Im Sinne eines ständigen Lernens, aber auch in der Möglichkeit, mit jemandem Kaffee trinken zu gehen, um Vertrauen und damit Informationsströme aufzubauen.

Weil der Weg über zu viele Schreibtische den Weg verlängert, was im Zeitwettbewerb eine schlechte Idee ist, haben wir in den 90er-Jahren flache Hierarchien eingeführt: Nicht aus Mode, sondern aus der Knappheit heraus, Wissen besser anzuwenden.

Während man früher um so weiter nach oben kam, je höher man formal gebildet war, rutscht die Kompetenz nun von oben zurück auf die Ebene der Fach- und Sachbearbeiter. Das verändert die Stellung des einzelnen in der Firma. Statt ein gehorsames, austauschbares Rädchen zu sein, wird er zum unverzichtbaren Spezialisten eines Zwischenschritts, und sei er hierarchisch noch so unbedeutend.

Viele Fach- und Sachbearbeiter sind aber noch gar nicht bereit, die nötige Freiheit eines «Informationsarbeiters» auszufüllen und die entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Andererseits werden viele Führungskräfte weiterhin für die Fehler ihrer Mitarbeiter an den Ohren gezogen.

Deswegen funktionieren im gegenwärtigen Moment meist weder die alten noch die neuen Firmenstrukturen. Folge: Unruhe macht sich breit und – wegen der vielen Auseinandersetzungen – auch Müdigkeit.

Leidige Machtkämpfe Das Problem: Wer heute etwas Geniales vorschlägt, aber zu fünf Prozent irrt, den nageln wir fest bei den fünf Prozent, anstatt den guten Gedanken aufzunehmen – denn das könnte ja dessen Status erhöhen.

Im Meeting signalisieren wir den anderen unterschwellig: «Wehe, Du kritisierst mich – sonst rede ich nicht mehr mit Dir!»

Was natürlich höchst unproduktiv ist…

Wer aus der Deckung tritt und Fehlentwicklungen anspricht, um ein langfristig gesundes Firmenklima und eine redliche Entscheidungsbasis zu schaffen, der steht schnell alleine da. Denn bei abteilungsinternen Streitereien halten wir eher zu dem, Kondratieffs Theorie: Umfassender als alle anderen Am Anfang seiner Theorie steht für den russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff (1892 – 1938) die Frage, warum «die Dynamik des Wirtschaftslebens in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht einfachen und linearen, sondern komplexen und zyklischen Charakters» ist, kurz: warum sie so stark schwankt. Kondratieffs Erklärung: Weil ein Produktionsfaktor – zum Beispiel Transport – im Verhältnis zu den anderen Produktionsmitteln zu knapp und daher zu teuer wird,stagniert die Wirtschaft.Denn wenn es an Produktivitätsfortschritten fehlt, machen Unternehmer kaum noch Gewinne und haben damit keinen Grund, zu investieren und Menschen zu beschäftigen. Wenn aber dann eine grundlegende Erfindung die Knappheit überwindet, fliesst das freie Geld in diesen Sektor, weil sich dort gut Geld verdienen lässt. Die freigesetzten, eingesparten Ressourcen werden in allen anderen Branchen ausgegeben, die Wirtschaft boomt. Bis es eben wieder eine neue Knappheit im Produktionsprozess gibt.

Kondratieffs Theorie ist damit umfassender als manche andere Wirtschaftstheorie, die Wirtschaft nur unter monetären Aspekten diskutiert. Preise, Zinsen, Löhne, Geldmenge, Inflation – das alles ist nicht die Ursache der ökonomischen Entwicklung, sondern nur deren Folge. Kondratieff sah den Motor der Wirtschaft in den Verbesserungen des realen Lebens,die den Menschen Zeit und Kraft sparen,um damit etwas anderes anzufangen – so entstehen rentable Arbeitsplätze und mehr Wohlstand.

n

Eine Zeitlinie von 1815 bis 2002.
Ein Flugzeug fliegt vor einem Gebäude.
Ein Mann in blauem Anzug und ein Mikrofon.
Ein Mann mit Brille und Bart schaut auf die Kamera.

PATIENTEN BERICHTEN ÜBER EIGENARTIGE EMOTIONALE VERÄNDERUNGEN

Glücklich, wem nach langem Warten erfolgreich ein fremdes Organ transplantiert und damit ein zweites Leben geschenkt wird. Dabei erleben manche Patienten in der Folge jedoch seltsame Persönlichkeitsveränderungen. Handelt es sich um zellulär gespeicherte «Erinnerungen» ihrer Organspender?

Als Claire Sylvia 1988 ein neues Herz und eine neue Lunge erhielt war sie überglücklich. Die US-Tänzerin hatte nur noch wenige Wochen zu leben, als überraschend passende Organe eines Spenders zur Verfügung standen. Für Claire Sylvia – und auch für ihre Tochter – war dieses zweite, geschenkte Leben ein Wunder.

Einem todkranken Menschen Herz und Lunge herauszuschneiden, um sie durch die funktionstüchtigen Organe eines soeben Verstorbenen zu ersetzen, macht aus rein mechanischer Sicht Sinn. Schliesslich werden ja auch bei einem Auto defekte Teile durch funktionierende ersetzt. Nur: Der Mensch ist keine Maschine. Und so verläuft längst nicht jede Transplantation erfolgreich.

Der Körper betrachtet die eingesetzten Organe nämlich als Fremdkörper und versucht, sie abzustossen. Deshalb müssen Organempfänger ein Leben lang entsprechende Medikamente zu sich nehmen, um dies zu verhindern.

Im Falle der amerikanischen Tänzerin aber lief alles wie am Schnürchen. Ihr Körper akzeptierte die neuen Organe – und alles schien geritzt. Zumindest aus Sicht der Ärzte. Claire Sylvia aber blieb nach der Operation skeptisch: «Ich stellte mir vor, dass das neue Herz die Nähte sprengen und direkt aus meinem Körper heraushüpfen würde. Ich überlegte sogar, ob Dr. Baldwin es richtig angenäht hatte. Ich hätte schwören können, dass es weiter hinten in meinem Brustkorb schlug als mein altes Herz.» Und tatsächlich: Als sie den Arzt danach fragte, «erklärte er mir, er habe das neue Herz weiter hinten einsetzen müssen, damit es passte».

«Wer war ich jetzt?»

In ihrem Buch «Herzensfremd» beschreibt Claire Sylvia ihr «altes» Leben mit der unheilbaren Lungenkrankheit, ihre Vorbereitung auf den Tod, die plötzliche Rettung dank der Organe eines jungen, verunfallten Motorradfahrers und die anschliessenden Schwierigkeiten, damit klar zu kommen: «Bestimmte Teile meines Körpers waren herausgenommen und durch die eines anderen Menschen ersetzt worden. Welche Bedeutung hatte so etwas? Und was war das für ein anderer? Und wie passte er – oder sein Anderssein – zu mir? Ich hatte immer gewusst, wer ich war, aber wer war ich jetzt? Ich war in der Mitte durchgerissen und wieder zusammengenäht worden, aber irgendetwas war anders als vorher.»

Mit eindrücklichen Worten schildert die heute 67-Jährige, wie sich der verstorbene Spender nach der Organtransplantation ihres neuen Herzens und ihrer neuen Lunge in ihr Leben «einschlich». Sie träumte mehrmals von ihm, besonders lebhaft fünf Monate nach der Operation: «Ich stehe im Freien auf einer Weide. Bei mir ist ein junger Mann mit rotblondem Haar; er ist gross, mager und drahtig. Er heisst Tim. Für mich ist es Zeit, ihn zu verlassen, um bei einer Gruppe von turnenden Akrobaten mitzumachen. Ich beginne, einen schmalen Pfad hinabzugehen, fort von Tim. Plötzlich drehe ich mich um, weil ich fühle, dass zwischen uns noch etwas Unerledigtes ist. Ich kehre um, um ihm Lebewohl zu sagen. Tim sieht mich an, während ich auf ihn zugehe, und es scheint ihn zu freuen, dass ich wieder zu ihm zurückkomme. Wir küssen uns – und während wir dies tun, atme ich ihn in mich ein. Es fühlt sich wie der tiefste Atemzug, den ich jemals getan habe. Und ich weiss im selben Moment, «Wir küssen uns – und während wir dies tun, atme ich ihn in mich ein…»

dass wir beide, Tim und ich, für immer vereint sein werden.»

Ein Traum, der die Frau nicht mehr loslassen sollte. Hiess ihr Spender tatsächlich Tim? Versuchte er gar aus der jenseitigen Welt mir ihr in Kontakt zu treten? Sylvia begann zu recherchieren – und tatsächlich gelang es ihr nach einiger Zeit, die Angehörigen des Organspenders ausfindig zu machen. Keine leichte Aufgabe, denn die Klinik gibt weder dem Empfänger noch der Familie des Spenders Auskunft über die jeweiligen Personalien.

Schliesslich stiess die Tänzerin aber auf die Todesanzeige ihres «Lebensretters» und stellte fest, dass an ihren Träumen tatsächlich mehr war, als manche aus ihrem Umfeld glauben mochten: Ihr Spender hiess tatsächlich Tim! «Obwohl Tims Leben ein jähes Ende fand, sollte ausser seinen Organen auch sein Geist weiterleben.

Ich glaube fest daran – und seine Mutter tut das auch – dass Tim mich dazu gebracht hat, seine Angehörigen zu suchen, um wieder mit ihnen in Kontakt zu sein», schreibt Claire Sylvia in ihrem Schlusswort.

Die Amerikanerin begegnete Tim auch in ganz alltäglichen Belangen. So hatte die körperbewusste Frau, die immer sehr auf ihre Ernährung achtete, plötzlich Lust auf Bier und Fastfood, vor allem auf Hähnchen aus den Imbissstuben von «Kentucky Fried Chicken». Erst später sollte sich herausstellen, dass ihr Organspender dort regelmässig eingekehrt war. Nach dem Unfall fand man unter seiner Jacke sogar noch eine Tüte mit Fastfood besagter Imbisskette.

Abschied – und Aufbruch Tim war gerade mal 18 Jahre alt, als er mit seinem Motorrad verunfallte. Der junge Mann galt als unsteter, äusserst umtriebiger Mensch. Auch das machte der um fast dreissig Jahre älteren Frau zu schaffen: «Einige Wochen später, als ich immer noch nicht imstande war, meine innere Unruhe zu kontrollieren, flog ich aus einem Impuls heraus nach Frankreich.»

Aber statt das Land in der Art einer Dame mittleren Alters zu bereisen, «benahm ich mich eher wie ein College-Kid in den Semesterferien. Es hätte lustig sein können, doch die meiste Zeit war ich völlig durcheinander. Was tust du hier eigentlich, fragte ich mich immer wieder. Warum unternimmst du so eine Reise, wenn es dir nicht einmal Spass macht?»

Claire Sylvia lernte schliesslich, sich Aufwühlend. Viele Patienten erleben nach der Operation psychische Veränderungen.

mit ihrer neuen Situation zu arrangieren.

Vier Jahre nach der Transplantation fuhr sie mit einem Freund auf dessen Motorrad mit.

Auch diesmal fühlte sie sich durch einen Traum dazu aufgefordert: «Das irre Tempo liess mein Herz höher schlagen, ansonsten muss ich zugeben, dass mein restliches Selbst etwas Angst dabei hatte. Im Laufe des Abends machte mir die Sache immer weniger Spass. Irgendeine Veränderung ging vor, und obwohl ich es damals nicht erkannte, glaube ich heute, dass die Ritualisierung des Motorradtraums mir erlaubte,Tims Geist sanft loszulassen.

Ich hatte endlich zu meiner neuen Identität gefunden, zu einer Art drittes Wesen, das weder die alte Claire noch der neue Tim war, sondern so etwas wie eine Kombination von beiden.»

Im Gespräch mit anderen Organempfängern erkannte Sylvia die Wichtigkeit psychologischer Betreuung: «Die Gesellschaft hatte zwar Millionen in die spezielle Ausbildung und Technologie investiert, die zur Vollbringung dieses medizinischen Wunders notwendig waren, doch mit den emotionalen und psychologischen Auswirkungen dieser dramatischen lebensrettenden Operation werden die Organempfänger fast ganz allein gelassen.» Eine Meinung, die auch die Psychiater, die in ihrem Buch zu Wort kommen, teilen.

Die Geschichte von Claire Sylvia ist längst kein Einzelfall. Der amerikanische Neuropsychologe und Bestsellerautor Paul Pearsall von der Universität Hawaii sammelte persönliche Zeugnisse von etlichen Organempfängern, deren Erfahrungen sich durch die Schulmedizin nicht erklären lassen.

Gemeinsam mit Gary Schwartz, Professor für Psychologie, Neurologie und Psychiatrie an der Universität von Arizona sowie der Ärztin und Herzspezialistin Linda Russek hat Pearsall einige der beeindruckendsten Zeugnisse von Herztransplantatempfängern analysiert.

Zehn entsprechende Fälle werden in ihrem Beitrag «Veränderungen bei Herztransplantat-Empfängern, die der Persönlichkeit des Spenders entsprechen» im «Journal of Near-Death Studies» (20/3) aus dem Jahr 2002 besprochen.

Haben Zellen ein Gedächtnis?

Die Wissenschaftler versuchten darin, anhand von Beispielen das Vorhandensein eines Zellgedächtnisses zu belegen. «Es wird grundsätzlich angenommen, dass Lernprozesse in erster Linie über das Nervensystem und in zweiter Linie über das Immunsystem ablaufen. Also dürften Patienten, die Organtransplantationen erhalten, eigentlich keine Persönlichkeitsveränderungen durchlaufen oder Charakterzüge von Spendern annehmen, denen sie nie begegnet sind», schreiben sie in der Einführung.

Die Autoren gehen davon aus, dass alle lebendigen Zellen «über ein Gedächtnis und Entscheidungsmechanismen» verfügen. Sie beziehen sich dabei auf die so genannte «Theorie dynamischer Energiesysteme». Dabei seien logische Konzepte entwickelt worden, die zur Annahme führen, dass alle dynamischen Systeme Informationen und Energie speichern.

«Die Theorie dient als Erklärung für eine Reihe umstrittener und scheinbar abnormer Beobachtungen in der komplementären und alternativen Medizin einschliesslich der Homöopathie. Dies führt zu neuen Aussagen. Eine davon ist, dass sensible Empfänger von fremden Organen Details der Lebensgeschichte des Spenders durchleben können, die in dem transplantierten Gewebe gespeichert sind.»

In einzelnen im Artikel aufgezeichneten Fällen kommen jeweils der Empfänger, einer seiner Angehörigen oder Freunde sowie ein Angehöriger des Spenders zu Wort. So bekundete etwa ein damals 47-jähriger Weisser, der das Herz eines 17-jährigen Afroamerikaners erhalten hatte, Mühe damit, mit einem schwarzen Herz zu leben.

Seine Frau hingegen gab zu Protokoll, dass er in der Gesellschaft von Afroamerikanern viel entspannter wirke als früher, auch wenn ihm das selbst nicht auffalle.

Der Empfänger wunderte sich zudem darüber, dass er nun gerne klassische Musik hörte, die er früher nicht leiden konnte.

«Die Musik beruhigt mein Herz. Ich spiele sie ständig. Ich weiss, dass es nicht an meinem neuen Herzen liegt, denn ein Schwarzer würde sich dafür nicht interessieren», so der Mann.

Voreingenommen ging er davon aus, dass sein 17-jähriger Spender Fan von Rap-Musik war. Was er nicht wusste: Der junge Mann hatte die klassische Musik nicht nur geliebt, er war auch ein begabter Geigenspieler. Als er aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen wurde, war er unterwegs zum Geigenunterricht. «Er starb auf der Strasse, die Arme um den Geigenkasten geschlungen», erzählte seine Mutter.

Weiter berichteten die Wissenschaftler in ihrer damaligen Studie von einer lesbischen Empfängerin, die nach der Transplantation heterosexuell wurde und einen Mann heiratete. Ausserdem konnte die Fastfood-Liebhaberin Fleisch nach der Operation plötzlich nicht mehr ausstehen.

Nur ein Zufall? Wohl kaum. Denn ihre Spenderin war Vegetarierin.

Ähnlich verblüffend auch die Geschichte eines Jungen, die im Bericht der Wissenschaftler aufgelistet wird: Diesem wurde das Herz eines Ertrunkenen transplantiert – worauf er plötzlich Angst vor dem Wasser hatte.

Alle Spender ausfindig gemacht Beispiele, die nachdenklich stimmen. Umso mehr, als die Empfänger alle nichts über ihre Organspender wussten, als sie gegenüber den Wissenschaftlern über die Veränderungen in ihrem Leben berichtet hatten. Und dies noch dazu eher zurückhaltend, weil sie nicht für verrückt gehalten werden wollten.

Dass sie tatsächlich richtig lagen, stellte sich erst später heraus, nachdem die Autoren der Studie in mühseliger Kleinarbeit die entsprechenden Spender ausfindig machen konnten und durch Angehörige mehr über die verstorbenen Personen erfahren hatten. Die Übereinstimmungen in den besagten zehn Fällen seien mit Sicherheit «zu zufällig, um Zufall zu sein», sind sich der Neuropsychologe Paul Pearsall und seine Kollegen einig.

Professor Joachim Hornung. Ihn interessiert vor allem die spirituelle Dimension.

Weil die Veränderungen nach Herztransplantationen dauerhafter und tiefgreifender waren als bei anderen Organen, ziehen die Wissenschaftler auch in Betracht, dass das Herz in diesem Zusammenhang eine besondere Stellung einnimmt.

«Eine andere Patientin wurde nach der Operation Vegetarier – wie ihre Spenderin.»

Eine neue Studie soll deshalb dynamische Energiesysteme am menschlichen Herz überprüfen. Die Hypothese dabei lautet, «dass Informationen und Energie in Form von elektromagnetischen Wellen zwischen Herz und Hirn hin- und herfliessen», so die Autoren. «Sollten zukünftige Studien mit Transplantationspatienten Beweise für das Vorhandensein eines Zellgedächtnisses erbringen, so wären die Konsequenzen für Theorie, Medizin und Ethik enorm.»

Entsprechend kritisch äussern sich Schulwissenschaftler über derlei Hoffnungen. Für Bernd Harrer, Sprecher der deutschen Skeptikergruppe GWUP, ist der Fall denn auch klar: «Wenn Transplantierte Persönlichkeitsveränderungen an sich beobachten, sind diese durch die Nebenwirkungen der immunsuppressiven Medikamente – also der Medikamente, die verhindern, dass körpereigene Zellen das fremde Gewebe angreifen – psychosozialen Stress und die bereits vorher vorhandene Psychopathologie des Patienten zu erklären.» Basta!

Und doch: Hören sich die Theorien von dynamischen Energiesystemen und Zellgedächtnissen für viele schon revolutionär und gewagt an, so gehen sie für Joachim Hornung, emeritierter Professor für Medizinische Statistik an der freien Universität Berlin, zu wenig weit. Ihm fehlt bei der ganzen Diskussion nämlich der spirituelle Aspekt: «Die Theorie vom Zellgedächtnis ist für diejenigen akzeptabel, die Anhänger eines materialistisch-mechanistischen Weltbilds sind», betont er.

«Spirituelle Dimension» Für den heute 72-Jährigen scheint dagegen klar, dass die Organempfänger vom Geist des Spenders besetzt sind. Oder anders gesagt, dass die Seele des Spenders bei seinem Herzen bleibt.

Hornung: «Wenn nun die Seele des verstorbenen Organspenders sein noch lebendes Herz sucht und bei ihm zu wohnen wünscht, dann muss das Herz selbst eine spirituelle Dimension haben, die es für die Seele des Organspenders attraktiv macht.»

Der Professor interessiert sich für das Thema seit den Debatten im Vorfeld des neuen Transplantationsgesetzes in Deutschland.

«Als das neue Gesetz 1995 in Beratung war, sammelte einer meiner Kollegen Unterschriften für einen Vorstoss der Grünen», erinnert sich Hornung gegenüber «mysteries». «Sie wollten verhindern, dass Angehörige einer Organentnahme zustimmen dürfen. Eine Entnahme sollte nur aufgrund einer persönlichen Zustimmung des Patienten möglich sein, die er natürlich im Voraus gab – das konnte ich nur unterstützen.»

Der Vorstoss hatte keine Chance, Joachim Hornung aber blieb beim Thema. Und so stiess der ehemalige Medizinstatistiker bei seinen Recherchen auch auf die brasilianischen «Kardecisten». Diese therapieren «besetzte» Menschen. Dabei arbeiten sie meist zu zweit: Ein Therapeut fungiert als Medium, der den besetzenden Geist sprechen lässt. Der andere befragt diesen Geist. «Dieser versucht den Besetzer davon zu überzeugen, dass er tot ist und versucht ihn zu überreden, den Patienten zu verlassen und den gewöhnlichen Weg ins Jenseits anzutreten», so Hornung.

Sterbeprozess beeinträchtigt?

William J. Baldwin wiederum arbeitet ohne Medium. Der Seelsorger und Hypnotherapeut aus Florida versetzt seine Patienten vielmehr in eine leichte Hypnose und spricht so mit dem besetzenden Geist.

In seinem Buch «Healing Lost Souls – Releasing Unwanted Spirits From Your Energy Body» beschreibt er den Fall eines Organtransplantierten.

Dazu Professor Hornung: «Der Besetzer in dem von Baldwin geschilderten Fall erlitt eine Multi-Organentnahme und sagt unter der Therapie: Meine Nieren gingen hierhin, meine Leber dorthin, und mein Herz noch woanders hin.

Ich folgte meinem Herzen, denn das ist es, wo ich lebe.»

Im Gegensatz zu Claire Sylvia, die enorm dankbar war für die gespendeten Organe und seither auch aktiv für Organspenden eintritt, erachtet der deutsche Wissenschaftler die Organentnahme als problematisch. Vor allem auch deshalb, weil beispielsweise Herz und Lungen bereits bei Hirntoten entnommen werden – also komatösen, hirngeschädigten Menschen, die künstlich beatmet werden müssen. Denn die Organe müssen bei der Entnahme ja noch «leben», also durchblutet sein.

Damit aber werde der Sterbeprozess unterbrochen oder beeinträchtigt, findet Hornung, der auch an die Wiedergeburt glaubt: «In jedem Fall bleibt sich die Seele ihrer selbst bewusst, sie behält dasselbe Ich-Gefühl.» Das Bewusstsein sei folglich nicht nur ans Gehirn gebunden und sterbe deshalb auch nicht beim Hirntod. Ausserdem könnten wegen einer Organentnahme die Angehörigen den Sterbeprozess nicht begleiten.

Gegen die Theorie des Zellgedächtnisses will sich Joachim Hornung dennoch nicht grundsätzlich aussprechen: «Es ist wohl weniger eine Frage des Entweder-Oder, sondern vielmehr die eines Sowohlals-Auch.»

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Eine Frau mit dem Kopf in den Händen.
Ein Zimmer mit mehreren medizinischen Geräten und Lichtern.
Ein Mann im Hemd lächelt und schaut auf die Kamera.
Ein Plakat für ein Buch namens Wege des Schicksals.
Ein Bild eines seltsamen Aussehens von Außerirdischen mit schwarzem Hintergrund.

War es wirklich ein Meteorit? Wie der Blitz krachte in Peru ein Geschoss vom Himmel, das über 150 Leute krank werden liess. Seither schiessen Spekulationen ins Kraut.

Die Meldung schlug ein wie eine Bombe – im wörtlichsten Sinn: In Peru, so meldeten die Weltmedien am 19. September 2007 unisono, soll in der Nacht zum Sonntag ein Meteorit eingeschlagen sein.

Einer Feuerkugel gleich sei er zur Erde gestürzt, wo er unweit des Titicaca-Sees ein rund 20 bis 30 Meter breites und fünf Meter tiefes Kraterloch hinterliess (Bild).

In der Folge seien rund 150 Bewohner des Bauerndorfes Carancas ob «des stechenden Rauchs» unweit des Einschlagskraters erkrankt, ebenso wie mehrere Polizisten.

Symptome: Atembeschwerden, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Brechreiz. Laut den örtlichen Behörden seien dafür wohl «toxische Gase aus dem Krater» verantwortlich.

Die umstrittene russische Online-Ausgabe der «Prawda» dagegen behauptete am 20. September 2007 aus Geheimdienstkreisen erfahren zu haben, dass der Einschlag von einem geheimen US-Spionagesatelliten (KH-13) ausgelöst worden sei, der eigentlich den Iran überwachen sollte. Er sei im «Orbit zerstört» worden, von Bush-Gegnern der «United Space Air Forces’30th Space Wing» auf der Vandenberg Airforce-Basis in Kalifornien, um damit ein Zeichen gegen den drohenden Iran-Angriff Amerikas zu setzen.

Klein – und metallisch Quatsch, sagen westliche Meteoritenexperten wie Michael Khan vom Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation (ESOC) in Darmstadt.

«Die Gegend sieht sehr moorig aus, und ich halte es nicht für unplausibel, dass ein Meteorit dort eingetreten ist und dabei Faul- oder Moorgase ausgetreten sind», liess er sich dazu von deutschen Journalisten zitieren. Der Meteorit sei wohl metallisch gewesen, mit einem Durchmesser von etwas unter einem Meter.

Parallel dazu meldete sich auch Phil Plait auf der kritischen Webseite «badastronomy.com» zu Wort: «Der beschriebene Rauch und andere Dinge machen mich misstrauisch», konstatierte der Mann, der sonst eher dafür bekannt ist, Verschwörungsfans mit nüchternen Fakten zu geisseln. «Das passt nicht zu einem Meteoriten.

Vielleicht krachte da einfach Weltraumschrott nieder, ein Satelliten-Reentry…»

Und etwas später doppelte er nach und brachte gar die Möglichkeit einer verirrten Scud-Rakete ins Spiel: «Schauen wir uns mal die Beweise an: Der Krater schaut überhaupt nicht aus wie ein klasischer hypersonischer Impact-Krater. Die Form ist falsch, die Grösse ist falsch. Und: In der ganzen Geschichte der Menschheit wurde bislang noch nie ein Meteoriteneinschlag beschrieben, der die Leute krank machte.»

Tatsache dagegen sei, dass Peru Mitte der 90er-Jahre etliche Scud-Raketen erworben habe, deren giftige Antriebsstoffe exakt die gesundheitlichen Beschwerden verursachen würden, wie sie nun aus Carancas berichtet worden waren.

«National Geographic» schliesslich berief sich am 21. September 2007, wenige Tage vor Druckbeginn dieser Ausgabe, auf Luisa Maceda des Peru’s Mining, Metallurgy and Geology Institute (INGEM- MET). Laut Maceda sollen die Beschwerden der Einwohner auf Arsengase zurückzuführen sein.

Grund: Die heisse Oberfläche des kosmischen Objekts habe einen unterirdischen Wasseranschluss zum Schmelzen gebracht, der mit Arsen verdorben gewesen sei. Fortsetzung folgt…

red. n

Ein Plakat mit einer Menge Informationen über ein Buch.
Ein Plakat mit einer Pyramide und den Worten "Thot-Spuren Aus Stein" darauf.
Ein Mann in Anzug und Krawatte stellt sich für ein Foto.
Ein Mann mit Brillen und einem grünen Hemd.
Ein Mann mit Brillen und einer Jacke.
Ein Mann mit einem weißen Hemd und einem weißen Kragenhemd.
Ein Mann in Anzug und Krawatte sitzt an einem Tisch.
Ein Mann in Anzug und Krawatte mit einem grasigen Feld hinter sich.
Ein Mann in Anzug und Krawatte steht vor einem Podium.

SCHWEIZER JURIST ROLLT «JUSTIZMORD» WIEDER AUF – UND FORDERT:

225 Jahre ist her, seit in der Schweiz Europas letzte «Hexe» enthauptet wurde. Offiziell, weil sich in ihrem Umfeld Psi-Phänomene ereigneten. Inoffiziell, weil sie mit ihrem Arbeitgeber ein heimliches Verhältnis hatte. Nun beschäftigt der kontroverse Fall erneut die Politik.

Das Dienstmädchen Göldi habe unter allen Umständen verschwinden müssen. Davon ist der Glarner Kantonal- und Ständerat Fritz Schiesser überzeugt. Für ihn ist der Fall Anna Göldi ein dunkler Fleck in der Geschichte des Schweizer Kantons.

Denn die angebliche Hexe wurde Opfer eines Justizmordes. Davon sind Historiker und Juristen zwar schon lange überzeugt.

Dennoch sträubt sich die Glarner Regierung bis heute, die im 18. Jahrhundert hingerichtete «Hexe» zu rehabilitieren.

Noch besteht aber Hoffnung: Der Politiker Fritz Schiesser hat beim Glarner Landrat kürzlich eine entsprechende Motion eingereicht. Auf diesem Weg könnte die Regierung vielleicht doch noch dazu gebracht werden, Anna Göldi nachträglich zu rehabilitieren und «diesen letzten Schritt auch noch zu tun», wie Schiesser fordert.

Eine neu gegründete «Anna-Göldi-Stiftung» unterstützt seine Forderung.

Die Dienstmagd Anna Göldi wurde vor 225 Jahren zum Tod verurteilt. Angeblich verhexte sie die Tochter ihres früheren Dienstherrn Johann Jakob Tschudi. Das Kind hatte – so die Zeugenaussagen – über Monate hinweg immer wieder Stecknadeln ausgespuckt – insgesamt über 100 Stück.

Darunter auch ein paar kleinere Nägel.

Mitten in der Zeit der Aufklärung wurde Anna Göldi deshalb der Hexenprozess gemacht. Die frühere Dienstmagd wurde am 13. Mai 1782 enthauptet – und ging als letzte Hexe Europas in die Geschichte ein.

Schon damals fanden kritische Bürger, dass Anna Göldi unschuldig war. August Ludwig Schlözer, Professor für Universalgeschichte und Staatswesen an der Uni Göttingen, bezeichnete den Fall bereits ein halbes Jahr nach dem Prozess als Justizmord: «Ich verstehe unter diesem neuen Wort die Ermordung eines Unschuldigen, vorsätzlich, und sogar mit allem Pompe der heiligen Justiz, verübt von Leuten, die gesetzt sind, dass sie verhüten sollen, dass kein Mord geschehe…»

Zum Verhängnis wurde Anna Göldi vermutlich ein sexuelles Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber Johann Jakob Tschudi. Für diesen wurde es gefährlich, als entsprechende Gerüchte die Runde machten. Denn Ehebrecher wurden im Kanton Glarus nicht nur gebüsst, sie verloren auch all ihre Ämter. Und dieses Risiko wollte Ratsherr, Richter und Arzt Tschudi nicht eingehen.

Neue Dokumente entdeckt Wieder aufgerollt hat den Fall im Mai 2007 nun der Glarner Journalist und Jurist Walter Hauser und unterzog die alten Quellen einer neuen Untersuchung. Dabei gelang es ihm, bislang unbekannte Dokumente aus der damaligen Zeit ans Tageslicht zu bringen. Hauser untersuchte aber nicht nur Medienberichte und Gerichtsprotokolle. In seinem neuen Buch «Der Justizmord an Anna Göldi» beschreibt er auch die politische und juristische Situation in der damaligen Schweiz – vor allem natürlich im Kanton Glarus.

In der Schweiz existierte damals noch keine Pressefreiheit. Und damit es niemand wagte, den Fall zu kritisieren, liessen die richterlichen Behörden jeden verfolgen, der etwas «Falsches» sagte oder schrieb. Im Ausland jedoch – vor allem in Deutschland – sorgte der Hexenprozess schnell für Schlagzeilen.

Einen bissigen Kommentar über die Glarner Eidgenossen schrieb beispielsweise der schwäbische Journalist und Satiriker Wilhelm Ludwig Wekhrlin vier Monate nach dem Prozess in seiner Zeitschrift «Chronologen»: «Ihr Winkel ist noch der einzige, so weit man deutsch spricht, der noch an Hexen glaubt. Wie sehr ist das Volk zu bedauern, dessen Leben in den Händen solcher Kriminalrichter steht.»

Wilhelm Ludwig Wekhrlin warf den Richtern vor, einem Betrug aufgesessen zu sein. Hätte der Fall in Wien oder Berlin stattgefunden, wäre das nadelspeiende Kind «mit der Rute gezüchtigt» worden.

Ähnlich tönte es bei Heinrich Ludewig Lehmann. In seinen «Briefen» zum Hexenprozess schrieb der Journalist aus Magdeburg: «Schande, ewige Schande ists für meine liebe Schweiz, dass man daselbst noch 1782 an Hexen glaubt und sie hinrichtet.» Lehmann kannte den Kanton Glarus gut und hat gleich nach dem Prozess den Fall untersucht.

Journalisten als «Staatsfeinde» Beide Journalisten wurden von der glarnerischen Obrigkeit in der Folge zu Staatsfeinden erklärt. Sie sollten verhaftet und zur Verantwortung gezogen werden. Insbesondere waren die Behörden daran interessiert zu erfahren, woher die Schreiber ihre Informationen hatten, denn Anna Göldi war in einem geheimen Prozess verurteilt worden – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Zur Inhaftierung der beiden Deutschen kam es jedoch nicht, und auch der Informant blieb unerkannt – zumindest bis vor kurzem. Denn Walter Hauser lüftet dieses Geheimnis nun erstmals in seinem Buch.

Im Poesiealbum von Journalist Heinrich Ludewig Lehmann fand der Autor eine Notiz, in welcher dieser klar äusserte, wer ihm die Akten gegeben oder zumindest gezeigt hatte – nämlich der Protokollführer des Hexenprozesses, Ratsherr und Landschreiber Johann Melchior Kubli.

Letzterer war im Verlauf des Verfahrens gegen die Todesstrafe eingetreten und über das Urteil allem Anschein nach hoch empört. Nur seiner Zivilcourage ist es zu ver- «Wieso hat das Kind die Nadeln erst Wochen später wieder ausgespuckt?»

danken, dass der Fall in der Öffentlichkeit überhaupt bekannt wurde – schliesslich waren die damaligen Journalisten unter Androhung der Todesstrafe zum Schweigen verdonnert worden. Ausserdem waren sämtliche Gerichtsakten schon bald nach dem Urteil vernichtet worden. Zu peinlich war den Behörden die Schmäh aus dem Ausland.

Zwar beschuldigten die Glarner Richter Pfarrer Tschudi. Er jagte Anna Göldi fort.

Anna Göldi nicht direkt der Hexerei. Vielmehr wurde die Magd als «Verderberin» verurteilt. Dennoch war es – für alle offensichtlich – ein eigentlicher Hexenprozess.

Denn die Magd wurde nur aufgrund einer einzigen Aussage verhaftet – derjenigen der «Nadeln speienden» Tochter ihres Arbeitgebers Tschudi. Wie Göldi das achtjährige Kind «vergiftet» haben soll, konnte jedoch nie geklärt werden.

Angeblich hatte sie dem Mädchen ein «Leckerli» gegeben, in das die Nadeln eingebacken waren. Nur: Wie sollen über 100 Nadeln in einem einzigen Biscuit Platz haben? Und wieso hatte das Kind diese Nadeln erst Wochen später wieder ausgespuckt? Fragen, die sich auch zeitgenössische Ärzten hätten stellen können – wenn sie denn an einem gerechten Prozess Interesse gehabt hätten.

Geständnis unter Folter Verurteilt wurde Anna Göldi schliesslich auf Grund ihres Geständnisses, das sie unter Folter ablegte – auch das ein typisches Merkmal für einen Hexenprozess. Der Unglücklichen wurden die Hände auf den Rücken gebunden. Dann hievte man sie mittels eines dort befestigten Hakens in die Höhe. Dabei wurden ihre Arme ausgerenkt.

Um ihr noch mehr Schmerzen zuzuführen, befestigten ihre Peiniger zusätzlich noch einen Stein an ihre Füsse. In dieser grausamen Stellung wurde die Angeklagte verhört. Am 13. Juni 1782 wurde Anna Göldi schliesslich enthauptet und vor Ort sogleich verscharrt.

Die Dienstmagd war vom Leben wahrlich nicht verwöhnt worden. In ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen erhielt sie schliesslich Anstellungen bei den reichsten und mächtigsten Familien des Kantons.

Erst arbeitete Göldi bei der Familie Zwicky.

Auf die Zwickys folgten die Tschudis, eine der wenigen Schweizer Aristokratenfamilien.Als Anna Göldi bei Doktor Tschudi ihre Stelle antrat, war sie bereits 46 Jahre alt, machte auf ihren 13 Jahre jüngeren Hausherrn aber offenbar grossen Eindruck.

Ein Jahr nach Dienstantritt kam es dann zum ersten Zwischenfall: Die kleine Anna Maria – Tschudis Tochter – fand Stecknadeln in ihrer Tasse. Da die Dienstmagd Göldi ihr immer die Morgenmilch zubereitete, geriet sie als Erste in Verdacht. Nachdem bald darauf auch Stecknadeln in Tassen oder im Brot gefunden wurden, entliess Doktor Tschudi die Magd.

Nadeln,die das Kind «gespuckt» haben soll.

Diese beschwerte sich aber beim evangelischen Pfarrer, ihr Dienstherr habe sie zu Unrecht entlassen. Doch der Pfarrer – ein entfernter Verwandter Tschudis – jagte Göldi davon. Darauf verliess sie Glarus.

Damit aber fingen die Probleme erst richtig an. Denn obwohl die Magd weg war, hielt sich vor Ort hartnäckig das Gerücht, Doktor Tschudi habe mit ihr ein Verhältnis gehabt und sie sogar geschwängert.

Die Ehre der Familie Tschudi stand auf dem Spiel. Anna Göldi sollte festgenommen und verhört werden – um den Gerüchten ein Ende zu setzen. Dank der Warnung ihres früheren Liebhabers Zwicky entkam Göldi zunächst. Aufgrund eines Steckbriefes in der Zeitung konnte sie schliesslich aber gefasst werden.

Merkwürdiges Psi-Phänomen Das Sexualleben Tschudis geriet in den Hintergrund, als seine Tochter plötzlich anfing, während blutigen Hustenanfällen Stecknadeln «auszuspucken». Selbst kleine Nägel oder Drahtstücke würgte das Mädchen in der Folge hervor. Ausserdem zeigte es Lähmungserscheinungen. Erneut machten die Eltern die mittlerweile entlassene Magd dafür verantwortlich – wider besseres Wissen, immerhin war Tschudi Arzt.

Die «Krankheit» des Mädchens kam aber zur rechten Zeit. Denn nun gab es plötzlich einen Grund, die frühere Dienstmagd festzuhalten, zu verhören und letztlich auch zu verurteilen.

Göldi wurde nochmals ins Haus der Tschudis geholt – um die kranke Anna Maria zu heilen – schliesslich hatte sie diese zuvor ja auch «verhext». Und tatsächlich: Nachdem die Frau das Mädchen ein paar Mal gestreichelt hatte, waren die Beschwerden plötzlich weg. Für die Kläger ein Indiz mehr, dass die Magd selber das Kind verhext haben musste. Unglaublich – aber wahr.

Wie der Schweizer Journalist Walter Hauser nun darlegt, wurde Anna Göldi aber nicht nur zu Unrecht verurteilt, sie wurde auch vom falschen Gericht verurteilt. Voreilig hatte sich der evangelische Rat des Falles angenommen, auch auf Druck von Tschudi, denn diesen Rat konnte er beeinflussen. Als Nicht-Glarnerin hätte Göldi sich aber dem «Gemeinen Rat» stellen müssen – ihm gehörten sowohl Reformierte als auch Katholiken an. Ausserdem war dieses Gericht auch zuständig für Straftaten mit Todesfolge.

Auf diesen Umstand verwies im 19. Jahrhundert bereits der Schweizer Bundesrat Joachim Heer: «Weil Anna Göldi eine Aussserkantonale war, hätte der Evangelische Rat des Landes Glarus gar kein Urteil fällen dürfen – geschweige denn ein Todesurteil.»

In den Hexenprozess hineingezogen wurde auch Rudolf Steinmüller, ein guter Freund von Anna Göldi und entfernter Verwandter der Tschudis. Mit ihm lag die Familie – vermutlich wegen Erbfragen – im Streit. Tschudis kleine Tochter bezichtigte Steinmüller, den sie kaum kannte, er sei dabei gewesen, als Göldi ihr die mit den Nadeln verhexte Süssigkeit gab.

Steinmüller stellte Kräutermixturen her – da war es nahe liegend, ihm vorzuwerfen, er habe das ominöse «Leckerli» vergiftet. Der arme Mann wurde ebenfalls verhaftet und verhört. Er beging in der Zelle Selbstmord.

Späte Einsicht?

Macht die Glarner Regierung nun also – wie von vielen lokalen Parlamentariern gefordert – das Unrecht aus vergangener Zeit endlich wieder gut und stellt sie mit einer offiziellen Rehabilitierung zumindest die Ehre der Enthaupteten wieder her?

Leider dürften die Chancen dafür eher gering sein. Schliesslich hatten die zuständigen Behörden bereits Ende Mai dieses Jahres ausdrücklich erklärt, der Fall sei längst verjährt und die Frau «im Bewusstsein der Öffentlichkeit» mittlerweile ja quasi schon rehabilitiert – zumindest moralisch.

Und in einer zweiten Stellungnahme im September betonte die Glarner Regierung, Anna Göldi könne deswegen nicht «offiziell rehabilitiert» werden, weil man die Verantwortung für die Geschichte einer einstigen Lebensgemeinschaft nicht übernehmen könne. Der Regierungsrat habe aber das damalige Urteil «bereits als Fehlurteil bezeichnet und damit Anna Göldi für unschuldig erklärt».

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Ein Plakat mit einem Buch, auf dem steht: "Falsch Inormiert!"

Nach unserer Berichterstattung über die mysteriöse Kreatur meldet sich nun ein vermeintlicher Skeptiker aus Venezuela zu Wort – und beharrt überraschend darauf, dass das Foto von 1920 tatsächlich echt sei.

Um 1920 gelang dem jungen Schweizer François de Loys im Dschungel von Venezuela das Foto seines Lebens (oben rechts). Doch die Fachwelt verunglimpfte ihn als Fälscher: Bei dem von ihm und seinen Leuten erlegten und fotografierten Riesenwesen handle es sich um einen herkömmlichen Klammeraffen (oben links).

Mit einigen Tricks hätte man das Tier in der Presse dann zum «1,6 Meter grossen, schwanzlosen, unbekannten Menschenaffen» hochstilisiert.

Wie «mysteries» in Heft 3/2007 berichtete, zeigten neuere biographische Recherchen nun aber, dass es offenbar keinen Grund gibt, an de Loys’ Aufrichtigkeit zu zweifeln. So veröffentlichten die drei Autoren Ángel L. Viloria, Franco Urbani und Bernardo Urbani 1999 im Schweizer «Bulletin de la Société Vaudoise des Sciences Naturelles» einen ausführlichen Artikel über die Affäre samt bislang unbekannten biographischen Details über de Loys.

Quintessenz der Autoren: Liest man den Lebenslauf von François de Loys, erfährt man, dass der Schweizer ein verantwortungsvoller Wissenschaftler aus noblem Haus war. Insofern scheint es höchst un-

«Kann de Loys ob neuer Indizien doch als Witzbold entlarvt werden?»

wahrscheinlich, dass ein Forscher seiner Art sich eine solche Geschichte um des Ruhmes willen zusammen fabuliert hat.

Unser Leser Andreas Müller machte uns in der Folge darauf aufmerksam, dass die drei Autoren in den vergangenen Jahren einen weiteren Artikel publiziert hätten, in welchem de Loys ob neuer Indizien doch noch als «Witzbold» entlarvt worden sei.

«In der Tat haben wir mittlerweile vier Artikel über das Thema veröffentlicht», räumt Hauptautor Ángel Viloria, ein Zoologe aus Venezuela, nun gegenüber «mysteries» ein. «Nach unserer Publikation, die auch im Schweizer ‹Bulletin› abgedruckt worden war, wurde uns ein Zeitungsausschnitt von 1962 zugespielt, in dem der Wissenschaftler Dr. Enrique Tejera aus Venezuela behauptet, er sei dabei gewesen, als de Loys sein Foto schoss – und dass es sich bei der Kreatur tatsächlich um einen simplen Klammeraffen handelte.»

Besagter Zeitungsausschnitt habe zu langen, kontroversen Debatten mit seinen Co-Autoren Franco und Bernardo Urbani geführt, «da ich im Gegensatz zu den beiden nicht von Tejeras Aufrichtigkeit überzeugt bin. Aus meiner Sicht log Tejera damals einiges zusammen, wenngleich es durchaus stimmen kann, dass er den Schweizer einst im Dschungel von Venezuela getroffen hatte.»

Wider Willen zugestimmt Dennoch bestand Bernardo Urbani auf einer neuen, kritischen Fassung der Originalpublikation durch alle drei Autoren, mit der sich Ángel Viloria nach einigem Ringen zähneknirschend einverstanden erklärte.

Mit gemischten Gefühlen, wie er rückblickend einräumt: «Nach all unseren Recherchen und aus meiner Sicht als erfahrener Zoologe, der die fragliche Dschungelgegend bestens kennt, bin ich immer noch davon überzeugt, dass das De-Loys- Foto eine unbekannte lokale Affen-Spezies zeigt. Zugegeben: Sie mag mittlerweile ausgestorben sein.Aber ich denke, dass sie damals noch existierte und das Foto tatsächlich echt ist.»

red. n

Ein Mann in einem pelzigen Anzug mit einem Seil um den Hals.
Ein Mann mit grauen Haaren und blauen Augen lächelt.
Ein Plakat mit vielen verschiedenen Dingen.
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