IN DER ERDE VON FINNLAND SOLLEN SKULPTUREN VOM «ANFANG DER WELT» RUHEN
Liegt unter der finnischen Burgruine von Kajaani eine tonnenschwere Goldskulptur? Dies behauptet der Finne Ior Bock und beruft sich auf ein uraltes, umstrittenes Sagenepos. Interessanterweise haben Geophysiker nun ein «metallisches Objekt» in der Erde geortet. Doch die Archäologen tun sich schwer damit.
Vor rund 14’000 Jahren ist die Arktis besiedelt worden. So steht es zumindest in allen Schulbüchern. Dennoch haben Pavel Pavlov von der Russischen Akademie, John Inge Svendsen von der Universität Bergen und Svein Indrelid vom Bergen Museum in den arktischen Gefilden Russlands vor wenigen Jahren Spuren von Menschen gefunden, die mindestens 30’000 bis 40’000 Jahre alt sind.
«Entweder expandierte der europäische Neandertaler viel weiter in den Norden als bisher angenommen oder der moderne Mensch kam nur wenige tausend Jahre nach seinem ersten Auftreten im Süden Europas bereits in die Arktis», hielten Pavlov und seine Kollegen im September 2001 in der internationalen Wissenschafts-Zeitschrift «Nature» fest.
Grund: Bei Mamontovaya Kurya im Uralgebirge hatte Pavlov gehauene Steine entdeckt, die als Werkzeug benutzt werden konnten. Ebenso stiess er dort auf verschiedene Knochen von Säugetieren sowie auf einen Mammutzahn, in den mit einem Stein Kerben geritzt waren.
Besonders erstaunlich: Zu dieser Zeit waren grosse Teile der Arktis noch mit Eis bedeckt. Die Forscher gehen nun davon aus, dass gewisse Regionen von der Eiszeit verschont blieben. «Die Funde legen nahe, dass in dieser Periode der Eiszeit der Nordosten relativ trocken und eisfrei gewesen sein muss.»
Darauf deuteten auch grosse Mengen von Mammutzähnen, die in Finnland gefunden und ebenfalls in diese Zeit datiert werden. «Das bedeutet, dass in dieser Region vor 22’000 bis 40’000 Jahren grosse Tiere gelebt haben müssen.»
Kaum ein Zufall also, dass noch weitere Spuren frühmenschlicher Existenz in der Arktis ans Tageslicht kamen. So wurden Wissenschaftler etwa bei Byzovaya fündig, 300 Kilometer südlich von Pavlovs Fundstelle. Annähernd 300 Artefakte und über 4000 Tierknochen konnten hier ausgegraben werden – vermutlich an die 28’000 Jahre alt und typisch für den Homo Sapiens.
Auch die oben erwähnten Funde von Pavlov zeugen von einer fortgeschrittenen Kultur, sind die Forscher überzeugt: «Wenn Menschen das ganze Jahr hindurch in dieser arktischen Gegend überleben wollten, benötigten sie eine Langzeit-Planung und ein ausgebautes soziales Netzwerk – Qualitäten, die normalerweise dem modernen Menschen zugeschrieben werden», so Pavlov.
Dass der Norden Europas während der Eiszeit besiedelt war, bezeugen weitere Artefakte, die in der Nähe des finnischen Ortes Kristiansstad gefunden wurden. Und zwar in der so genannten Wolfshöhle («Susiluola Cave»). Seit 1997 untersucht das staatliche Amt für Altertümer die Höhle gemeinsam mit den Geologen der Universität von Helsinki. «Die Funde zeigen, dass die Höhle vor über 100’000 Jahren von Menschen benutzt wurde, vor der letzten Eiszeit», so die Archäologen.
Die Geschichte der «Aser» All dies ist Wasser auf die Mühlen des Finnen Ior Bock – und der von ihm verbreiteten «Bock-Saga», die in Buchform bislang leider nur in finnischer Sprache vorliegt. Sie berichtet von einem arktischen Volk, das vor etlichen Jahrtausenden vom Nordpol aus die Erde besiedelte und regierte.
Das Volk der Herrscherkaste wurde Aser genannt, die anderen Völker Vaner.
«Jedem Herrscher soll in diesem riesigen Höhlensystem eine Statue gewidmet sein.»
Während der Eiszeit, so behauptet Bock, waren die Aser-Herrscher von der Aussenwelt abgeschnitten. Ihr Leben in der Kälte sowie die langen Phasen von Dunkelheit seien letztlich auch verantwortlich für die helle Hautfarbe dieser Völkergruppe, auch bekannt als Kaukasier, zu denen man nicht zuletzt Russen und Finnen zählt.
«Tempel der Menschheit» Bocks Problem: Die meisten Wissenschaftler verbannen seine Geschichte ins Reich der Fabeln und Märchen. Gewisse Details machen aber dennoch stutzig.
Erstmals erzählt hat Bror Holger Svedlin – so Bocks ziviler Name – seine Saga 1984. Während zwanzig Jahren habe ihm seine Mutter das sagenumwobene Epos sowie die dazugehörige Lautsprache vermittelt, behauptet Bock. Die Geschichte sei während Jahrhunderten nur mündlich überliefert worden. «Bock» hiess jeweils der Herrscher der Aser. Jener Bock, so der Finne, «der 10’000 Jahre nach dem Ende der Eiszeit» leben würde, sollte das Recht haben, die Saga an die Öffentlichkeit zu bringen. Nach der Rechnung der Familie war das 1984 der Fall.
Wenngleich von offizieller Seite weitgehend ignoriert, so passt die Bock-Saga doch ins Bild mancher Entdeckung zur Menschheitsgeschichte. Und: Ior Bock glaubt sogar zu wissen, wo die Relikte seiner Urahnen liegen. So sollen sich im so genannten Tempel der Menschheit – oder «Lemminkäinen»-Tempel – die gesammelten Artefakte der frühen Menschheitsgeschichte befinden.
Jedem Herrscher – auch Lemminkäinen oder eben Bock genannt – soll in diesem angeblichen Höhlensystem ein Saal gewidmet sein. Darin, so Ior Bock, befinde sich eine lebensgrosse Statue, die den jeweiligen Herrscher mit 27 Jahren zeigt. Ausserdem seien im Tempel auch Artefakte anderer Völker aufbewahrt worden.
Immer wenn ein neuer Herrscher antrat, sollen die Geschenke und Regalien des alten Regenten in den Tempel gebracht worden sein. Zumindest bis die letzte Eiszeit den Kontakt zwischen Herrschervolk und Ringländern unterbrach. In Finnland Der Finne Ior Bock. Ist er tatsächlich ein «Abkömmling der Aser», wie er behauptet?
Private Grabungsarbeiten der «Bock-Fans». Ist dies der Eingang zum Tempel?
und Russland aber habe dieser Brauch bis ins Jahr 987 nach Christus weiter bestanden. Danach wurde der Tempel verschlossen. Und das sollte für 1000 Jahre so bleiben.
Kein Wunder also, dass Ior Bock und seine Anhänger just im Jahr 1987 angefangen haben, den Eingang zum Tempel freizuschaufeln. Das Monument befindet sich am Fuss eines Monolithen auf Bocks eigenem Grundstück, 30 Kilometer östlich von Helsinki.
«Wir hatten die Information, dass der Eingang mit Steinblöcken versperrt ist», erläutert ein Anhänger des Finnen auf der deutschen Homepage «bock-saga.de».
«Tatsächlich stiessen wir auf drei exakt zugeschnittene, übereinander liegende Steinblöcke, die rund 5 Meter lang, 4 Meter breit und 1,5 Meter dick waren. Anschliessend trafen wir am Fuss des Monolithen auf zwei Steine, die präzis in den ursprünglichen Eingang eingefügt waren.»
Nachdem sie den Eingang geöffnet hatten, erwartete die Grabenden aber nicht ei- «Da wir nicht wissen, wie gross der Raum ist, folgen wir dem Verlauf der Decke…»
ne frei gelegte Vorhalle, wie sie das erhofft hatten. Vielmehr war der Raum «mit einer zementartigen Masse ausgefüllt».
Seit 1987 schaufelt die Gruppe den Raum frei, dessen Decke und Boden aus Granit bestehen.
«Da wir nicht wissen, wie gross dieser Raum ist, folgen wir dem Verlauf der Decke und haben bis jetzt einen rund 40 Meter tiefen, 6 Meter breiten und 3 Meter hohen Stollen freigegraben, der in einem Gefälle von etwa 15 Grad schräg nach unten verläuft.» Nach Bocks Beschreibung führt der Stollen in einen Raum, der mit Wasser gefüllt ist. Dort sollen sich drei Korridore befinden, von denen einer zum Tempel führt. Dass die Grabungen nur sehr schleppend vorankommen, liegt am fehlenden Geld. Die Hobby-Archäologen werden weder von den finnischen Behörden noch von örtlichen Museen bei ihrer Arbeit unterstützt. Dies, obwohl geophysikalische Untersuchungen mittels Bodenradar in 24 Metern Tiefe einen kuppelförmigen Hohlraum erahnen lassen, dessen Decke aus Metall zu bestehen scheint. «Nach den letzten Messungen im August 1991 mit demselben System erhielten wir ausserdem ein Bild der Bodenbeschaffenheit, aus dem wir ersehen können, dass es nur noch wenige Meter bis zum Durchbruch sein können», so die Ausgräber.
Ebenfalls 1991 strahlte das finnische Fernsehen einen Dokumentarfilm über die Arbeiten am Tempel aus. Weiterbuddeln aber können die Bockanhänger vorläufig nicht. Nachdem bekannt wurde, dass Ior Bock und seine Freunde ab und an Haschisch konsumierten, zogen sich die Geldgeber zurück.
Gold-Skulptur unter der Erde Auf mehr öffentliche Resonanz stiess der Vorschlag Ior Bocks, in der «nördlichsten Burganlage der Welt», der Schlossruine im finnischen Städtchen Kajaani, nach den Regalien des letzten heidnischen Königs zu suchen.
Gemäss seiner «Bock-Saga» sollen sie 1248 vergraben worden sein – bevor das Land zum katholischen Königreich Schweden stiess. Glaubt man dem Finnen, so liegt im Boden des Geländes, neben Krone, Apfel und Szepter, eine fast 300 Kilo schwere goldene Bock-Skulptur.
Überlieferungen zufolge soll es sich bei «Kajaanin linna» um das kleinste steinerne Schloss Europas gehandelt haben, ehe es im Krieg 1717 zerstört wurde. Eine reichlich kuriose Anlage also. Und tatsächlich ortete der finnische Geophysiker Tomi Herronen von der Universität von Oulu dort im Jahr 2000 anhand von Radaraufnahmen ein Metallobjekt in rund vier Metern Tiefe. Grösse: 0,5 mal 1,5 Meter.
Im Juni 2006 war es dann endlich so- Nikolaus-Brauch: Ein finnischer Fruchtbarkeitskult?
Ior Bock (aktuelles Foto). Seit 1999 ist er an den Rollstuhl gefesselt. (Foto: Peter Meyer) weit: Nach einem jahrelangen Hin und Her liess das finnische Amt für Altertümer («National Board of Antiquities» – NBA) den unabhängigen Archäologen Kari Outila auf einer Fläche von zwei mal zwei Metern endlich nach dem mysteriösen «Fremdkörper» im Boden graben.
Leider buddelte der Fachmann dabei ob ungenauem Kartenmaterial an der falschen Stelle, nämlich zwei Meter Richtung Westen von der Stelle entfernt, die Geophysiker Herronen in seinem Untersuchungsbericht benannt hatte.
Dummerweise stiess der Archäologe nach einem halben Meter in der Tiefe auch noch unversehens auf ein elektrisches Kabel. Abschliessendes Fazit des Projektteams: «Das angebliche Metallobjekt, bei dem es sich nach der Familiensaga von Ior Bock um einen goldenen Bock handeln soll» habe sich als «falsches Georadarecho» entpuppt – «bedingt durch das Stromkabel im Boden».
Das voreilige Fazit führte zu einiger Kritik, weswegen sich der angeheuerte Archäologe im September 2006 erneut anschickte, nach dem ominösen Gegenstand zu graben. Doch – Zufall oder Absicht? – er verfehlte ihn erneut. Noch dazu endete seine Grabung diesmal in einer Tiefe von 1,3 Metern, statt in drei bis vier Metern, wie dies die geophysikalischen Daten des Objektes erfordert hätten.
Die Gönnervereinigung «Kajaani Castle Friendship Society» hat den finnischen Behörden nun angeboten, weitere Untersuchungen mitzufinanzieren – damit das Rätsel im Boden vielleicht doch noch gelöst werden kann. Mittlerweile wird nämlich auch darüber spekuliert, dass es sich beim metallenen Objekt um eine alte Kanone aus Bronze handeln könnte. Nicht unbedingt das, was sich Ior Bock erträumt hatte…
An den Rollstuhl gefesselt Der goldene Bock auf Kajaani sei aber sowieso nicht der einzige, ist der letzte Abkömmling der Aser überzeugt. Zwei weitere Gold-Skulpturen sollen unter Eichen begraben sein, etwa 80 Kilometer westlich von Helsinki. Besagtes Gelände gehört der Kirche und steht zudem unter Naturschutz. Bis jetzt hat die zuständige Museumsbehörde den Bock-Fans die Ausgrabungen denn auch verweigert.
Wie viel allenfalls wahr ist an Bocks Sagen von den ersten Menschen am Nordpol, wird deshalb so schnell wohl niemand mit letzter Sicherheit beantworten können.
Viele Namen und Protagonisten seiner Erzählungen finden sich aber auch in der «Kalevala», der finnischen Mythologie, wieder – so beispielsweise der Name «Lemminkäinen».
Ein wichtiger Teil der Bock-Saga bildet überdies das sprachliche Lautsystem aus angeblich frühester Zeit, das Eingeweihten sämtliche Zusammenhänge offenbaren soll. Selbstverständlich nur, wenn ein entsprechend Geübter die Worte ausspricht.
So gründe der Begriff «Atlantis» nach der Saga auf dem schwedischen «Alt-land-is» und beziehe sich auf den Atlantik sowie das Eis. Gemeint sei damit die Insel zwischen dem Eis – dort wo die Aser während der Eiszeit überlebten.
Ior Bock selber kann die Ausgrabungsarbeiten mittlerweile leider nicht mehr so intensiv vorantreiben, wie er das früher zu tun pflegte. Nachdem ihn ein psychisch verwirrter Mann am 3. Juni 1999 mit einem Messer attackierte und ihn damit mehrmals in den Rücken stach, sitzt er querschnittgelähmt im Rollstuhl.
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