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Jahrzehntelang widmete ihm niemand Beachtung. Doch der Reisebericht im renommierten «Journal of the Bihar Research Society» hat es in sich: Detailliert beschreibt der Verfasser um 1940 technische Geräte, die es im alten Tibet gar nicht gegeben haben dürfte. Zurückgehe das geheime Wissen auf eine uralte Religionsgemeinschaft: die «Gyal-dzom». Deren Priester hätten «Kräfte» beherrscht, von denen wir heute nur zu träumen wagen. Nur ein Märchen – oder handfeste Realität?

von Luc Bürgin

Der Reisebericht von Captain V. D’Auvergne klingt wie ein Märchen. Wäre er 1940 nicht im Journal der international renommierten indischen Bihar Research Society erschienen, würde man ihn wohl als Fantasietripp eines Irren abtun.

Obwohl D’Auvergnes Schilderungen wissenschaftlichen Koryphäen in Indien noch heute ein Begriff sind, werden sie in der westlichen Welt komplett ignoriert.

Keine Zeile, nicht ein einziges Wörtchen zeugt davon. Und so wissen wir über D’Auvergne eigentlich nur, dass der Franzose seine Tibet-Erlebnisse damals den klügsten Gelehrten Indiens vortrug – und bei ihnen auf Zustimmung stiess.

Die Bihar Research Society genoss bis vor kurzem einen exzellenten Ruf. Sie beherbergt die weltweit grösste Sammlung an alten buddhistischen Manuskripten. Viele davon liegen lediglich als Einzelexemplare vor.

Leider wurde beim Katalogisieren der Kostbarkeiten geschludert. Und so mag es nicht zu verwundern, dass ein Grossteil der wertvollen Schriften in den letzten Jahrzehnten verschwunden ist. Einige scheinen sogar unter der Hand an japanische Wissenschaftler verhökert worden zu sein. Ein kulturhistorisches Drama. Konsequenz: Die Society wurde mittlerweile vom indischen Staat übernommen, um zu retten, was noch zu retten ist.

Geheime Priesterschaft

1940 – als D’Auvergnes Bericht im Journal der Gelehrten erschien – war die buddhistische Weisheit noch vollkommen. Dass seine Schilderungen von westlichen Gelehrten übergangen wurden, liegt wohl an ihrem kontroversen Charakter: Bis ins kleinste Detail erstattet der Franzose Bericht über allerlei Kuriositäten, die ihm während seiner Reise widerfuhren. Zu einer Zeit, als Tibet noch am anderen Ende der Welt lag.

Besonders pikant: Auf seiner Reise erfuhr D’Auvergne von einer geheimen Religionsgemeinschaft, die in längst vergangenen Tagen existiert haben soll: die so genannte Gyal-dzom. Deren Priester hätten «Kräfte» beherrscht, die in unserer heutigen Kultur als unglaublich oder «übernatürlich» empfunden würden.

Eine Statue eines Kopfes mit einer Krone darauf.

Geheimnisvolle Religionsgemeinschaft. Die Priester der «Gyal-dzom» sollen über seltsame Kräfte verfügt haben.

Kräfte technologischen Charakters, von denen sich der Franzose mit eigenen Augen überzeugen konnte. Der vollständige Text seines Vortrags umfasst gegen 20 Seiten. Unter anderem verblüfft D’Auvergne darin mit der Beschreibung prähistorischer «Funkgeräte»: «Während meines Aufenthaltes in den Moru-amo-Lhaga sass ich eines Nachmittages in der Zug-kang mit Pezu Lama, der wegen seines hohen Alters nur Goppoo gerufen wurde (was so viel heisst wie alter Mann), als dieser plötzlich zu reden aufhörte und tat, als ob er etwas hören würde.

Dann entnahm er dem Stoffbeutel seines tin-lo (Gewand) einen zylinderförmigen Metallgegenstand von ungefähr 8″ Länge und 2″ Durchmesser, nahm von dessen einem Ende einen Deckel ab und hielt das offene Ende während einer Minute an sein Ohr, dann drehte er es um und öffnete das andere Ende, flüsterte ein oder zwei Sätze hinein, verschloss das Instrument und steckte es wieder in sein Gewand.

Als er mein Erstaunen und meine Neugier – die ich nicht verstecken konnte – bemerkte, teilte er mir ruhig mit, dass er soeben mit seinem jüngeren Bruder gesprochen hätte, einem Lama in den nördlichen Tzangan-Ora-Bergen, über 200 Meilen entfernt von Moru-amo. (…)

Ich hielt es für das Beste, keine weiteren Fragen mehr zu stellen, aber während meiner monatelangen Genesungszeit bei Dzurmo erwähnte ich diese Sache. Er klärte mich heiter darüber auf, dass es sich um eine einfache, kleine ‹Annehmlichkeit› handle, den so genannten L’en sang-wa (geheimer Bote), einstmals weit verbreitet bei den alten Gyal-Dzom.

Ohne Gegenstück nutzlos

Die kleinen Geräte wurden nur paarweise hergestellt und durch ein besonderes Verfahren in einer Art und Weise miteinander in Verbindung gebracht, dass die Stimme das feine Gewebe des anderen Gerätes in eine sehr feine Schwingung versetzte. Ein Gerät war ohne sein besonderes Gegenstück nutzlos. Der Stoff, aus welchem das Gewebe angefertigt wurde, war eine Art Mischung aus verschiedenen Mineralien und pflanzlichen Extrakten, deren Geheimnis von den alten Gyal-Dzom eifersüchtig bewahrt wurde.

Offenbar ist das Geheimnis jedoch durchgesickert und durch die Jahrhunderte getröpfelt; es wird jedoch immer noch sorgfältig von einigen Auserwählten gehütet.»

‹‹ Wie beleuchteten die alten Tibeter unterirdische Stollen?

Auch von Methoden zur Aufhebung der Schwerkraft, seltsam wuchernden Pflanzen, ja sogar Schneemenschen, ist im Vortrag die Rede. Und dann schockierte D’Auvergne seine Zuhörer mit einer geradezu ungeheurlichen Geschichte:

«Einmal, als ich mich mitten in den Kho-Khun-Bergen befand, die bis zu einer Höhe von 18 000 Fuss reichen, lud mich der Chesho Lama des Tao-chug-Klosters ein, die unterirdischen Schwefelquellen zu besichtigen, deren Einkünfte für das Kloster von grosser Bedeutung sind.

Während wir durch die unterirdischen Stollen gingen, erregte eine höchst unübliche Beleuchtungsart meine Aufmerksamkeit. Tief im Berg gab es einen wundervollen See; um ihn zu erreichen, mussten wir einen Fussweg von einer halben Stunde durch die riesigen Höhlen, vorbei an einem Labyrinth finsterer Stollen, auf uns nehmen.

An mehreren Stellen öffnete sich der Durchgang zu weiten Hallen, oftmals von einem Durchmesser von 80 oder 100 Fuss, deren Decke so hoch war, dass man sie in der düsteren Finsternis nicht sehen konnte. Nach dem Betreten des grossen Tores am Höhleneingang begleitete uns das Tageslicht für 30 oder 40 Yards, als wir jedoch um eine Biegung gingen, nahm ich einen Stollen in völliger Dunkelheit wahr.

Ich machte meinem Begleiter gegenüber eine entsprechende Bemerkung, er sagte jedoch, dass es da Licht gäbe. Genau beim Stolleneingang hob der Che-sho etwas vom Boden auf, das aussah wie ein Metallgong von ungefähr 9″ Durchmesser, an dem ein Holzhammer befestigt war.

Beim Metall, aus welchem der Gong hergestellt worden war, schien es sich um polierte Bronze zu handeln, durchzogen von einem höchst dekorativen, ornamentalen Geflecht aus feinem Silberfaden. Er hob den Holzhammer hoch und versetzte dem Gong einen Schlag.

Das Resultat war gelinde gesagt aufsehenerregend, da langsam ein halbes Dutzend Lichter von einer eigentümlichen grünen Farbe entstanden, zuerst gedämpft, innerhalb einer Minute jedoch hatten sie an Helligkeit gewonnen und jedes einzelne von ihnen konnte es mit der Kraft von 500 Kerzen aufnehmen. Die Lichter befanden sich in einem Abstand von 20 Fuss an den Stollenwänden und hingen an einer Art Arm aus Holz ungefähr fünf Fuss über dem Boden. Zuerst dachte ich, dass der Gongschlag ein Signal an jemanden war, um das Licht anzumachen, aber wie Sie gleich hören werden, irrte ich mich.

Nachdem wir das letzte Licht hinter uns gelassen hatten, bogen wir nach unten in einen anderen dunklen Stollen ab, ein erneuter Schlag mit dem Holzhammer auf den Gong und es erschienen noch mehr Lichtfunken, die allmählich so gross wie die anderen wurden, und so ging es während über einer halben Stunde weiter, während der wir zahlreiche sich windende Stollen durchquerten, bis wir endlich in einen Raum eintauchten – eine riesige Höhle, deren Grösse ich wegen der Dunkelheit, abgesehen von einem schwachen phosphoreszierenden Leuchten, nicht schätzen konnte.

Funkelnde Lichtpunkte

Dem Geruch und der heiss gewordenen Atmosphäre nach mussten wir uns in der Nähe der Schwefelquellen befinden. Zwei heftigere Schläge mit dem Holzhammer auf den Gong und 50 Lichtpunkte erschienen, die an Helligkeit und Intensität gewannen, bis die unermessliche Weite des gewaltigen Gewölbes in einem schimmernden Grün hell ausgeleuchtet war und den Blick auf einen kleinen, leicht ovalen See freigab, der ungefähr wohl 100 mal 60 Fuss gemessen haben mag. (…)

Mich einem dieser Lichter nähernd fand ich heraus, dass es sich nur um einen Brocken aus gewöhnlichem Bergkristall von ungefähr 4″ Durchmesser handelte, der an einer Art grauer Metallplatte von einer Dicke von ungefähr einem halben Inch und einem Durchmesser von einem Fuss angebracht war. Das Ganze hing an einer Schlaufe aus Bronzedraht am rechtwinkligen Arm eines hölzernen Ständers.

Über und um die Platte zogen sich in feinen Linien ornamentale Zeichen aus goldenen Hieroglyphen, ähnlich der Buchstaben der Höhlen-Schriften. (…)

Der Che-sho teilte mir breitwillig mit, dass der Klang des Gongs die Metallplatte durchdrang, von welcher eine schwingende Kraft ausging, die sich derart auf die Kristallpartikel auswirkte, dass ihnen ein helles, strahlendes Leuchten eingeflösst wurde, welches sich entsprechend der Fülle des schwingenden Klanges allmählich bis zu einer gewissen Helligkeit vergrösserte. (…)

Che-sho sagte, dass ihm nicht bekannt war, aus welchem Metall die Platte oder der Gong hergestellt wurden, da sein Kloster beides bereits vor Hunderten von Jahren erhalten habe…»

Von weiteren kuriosen Dingen im alten Tibet weiss der berühmte französische Jesuitenpater Evariste-Régis Huc (1813– 1860) zu berichten. Er wanderte um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch das geheimnisvolle Land. Im Zentrum seines Interesses: ein «Wunderbaum» in der Klosterstadt Kumbum.

Detaillierter Bericht

In seinem Reisebericht «Souvenirs d’un voyage dans la Tartarie, le Thibet et la Chine pendant les années 1844, 1845 et 1846» schildert Huc das Prachtgewächs – «dessen Stamm drei Männer mit ihren Armen kaum umspannen konnten» – bis ins kleinste Detail:

«Der wunderbare Baum ist noch heute vorhanden. Wir hatten während unserer Reise so oft von ihm erzählen hören, dass wir sehr begierig waren, ihn mit eigenen Augen zu sehen. Wir säumten also nicht.

Unten an dem Berge, wo die Klosterstadt erbaut worden ist, unfern vom Haupttempel, liegt ein grosser viereckiger Platz, von einer Backsteinmauer umgeben. Wir gingen in diesen Hofraum, in welchem der Baum steht, und konnten denselben voller Musse betrachten. Einige seiner Zweige hatten wir schon von draussen her bemerkt. Vor allem fassten wir neugierig und scharf die Blätter ins Auge, und wir warenim höchsten Grad erstaunt und betroffen, als wir wirklich auf jedem einzelnen Blatte sehr wohlgebildete tibetanische Schriftcharaktere fanden. Sie sind allemal grün, manchmal dunkler und zuweilen auch heller als das Blatt selbst. Wir dachten an eine Betrügerei des Lamas, konnten aber nicht das Geringste von einer solchen entdekken, wiewohl alles von uns mit der äussersten Sorgsamkeit untersucht wurde. Uns schien es, als ob die Charaktere eben so wesentlich zu den Blättern gehören wie die Adern selbst. Ihre Lage und Stelle ist nicht allemal dieselbe, denn bald sind sie in der Mitte oder an der Spitze des Blattes, bald unten oder an den Seiten. Bei den jungen, noch ganz zarten Blättern treten sie in Anfängen, noch halb entwickelt, auf. Auch die Rinde des Stammes und der Zweige, die sich in ähnlicher Weise wie bei
den Platanen abschält, hat gleichfalls derartige Schriftzeichen.

Blick unter die Rinde

Wenn man ein Stück alter Rinde abhebt, so sieht man auf der darunter befindlichen neuen Rinde die noch unbestimmten Formen der Charaktere, welche schon herauszuwachsen beginnen, und was uns sehr merkwürdig erscheint, sehr oft von denen, welche man auf der alten Rinde bemerkte, verschieden sind.
Wir gaben uns alle Mühe, irgendeinen Betrug aufzufinden, aber vergeblich. Es hatte mit der Sache seine volle Richtigkeit. Uns trat der Schweiss vor die Stirn. Andere Leute, die geschickter sind als wir, mögen ausreichende Erklärungen über diesen Baum geben. Wir können nichts weiter sagen, als was wir gesehen haben. Man lächelt vielleicht über unsere Ignoranz, aber die Aufrichtigkeit dessen, was wir sagen, wird man nicht in Abrede stellen dürfen.»

Ein schwarz-weißes Foto eines Gebäudes mit einem Boot vor ihm.

Blick auf den Potala-Eingang in Lhasa. Von hier herrschte der Dalai-Lhama über sein Volk, ehe er ins Exil ging.

Eine Gruppe von Männern, die an einem Design arbeiten.

Mönche bei der Herstellung eines Mandalas. Nur noch wenige pflegen die alten Traditionen Tibets.

Eine Gruppe von Männern sitzt auf dem Boden vor einem Gebäude.

Momentaufnahme aus dem «neuen» Tibet. Vieles ging unter der Herrschaft der Chinesen unwiederbringlich verloren.

Der deutsche Asienforscher Wilhelm Filchner besuchte das Kloster Kumbum ebenfalls: 1904, 1927/27 und 1936. Er bestätigte Hucs Beschreibung des Klosterlebens nachdrücklich. Doch blieb es ihm verwehrt, den «Baum der zehntausend Bilder» zu sehen. Wie er berichtet, soll über dem Wundergewächs mittlerweile eine Reliquienkuppel («Tschorten») – und darüber der Golddachtempel als grösstes Heiligtum des Klosters errichtet worden sein. Filchner schreibt: «Niemand weiss, wie der Baum aussieht. Das Tschorten schweigt und verbirgt seinen Schatz. Da und dort schimmert seine Haut aus geschmiedetem Silber zwischen der gelben chinesischen Seide hervor, in die das Denkmal gehüllt ist. Es reicht durch das obere Stockwerk hindurch bis dicht unter das Dach hinauf.»

Alles verloren?!

Berichte dieser Art stellen vieles in Frage, was westliche Denker heute zu wissen glauben. Glaubt man den Reisenden, dann muss es in Tibet noch anfangs des
letzten Jahrhunderts vor seltsamen Kulturgütern nur so gewimmelt haben. Leider sorgten die Chinesen 1951 nach ihrem Einmarsch dafür, dass kaum ein religiöser Stein auf dem anderen blieb: Über eine Million Tibeter verloren ihr Leben, Tausende von Sakralbauten wurden zerstört, bergeweise uralte Schriften vernichtet – das Volk damit seiner Geschichte beraubt. Das Tibet von einst hat nichts mehr mit dem Tibet von heute zu tun.
Die geheimnisvolle Kultur der Gyaldzom und ihrer Priester, von der Captain D’Auvergne 1940 noch zu berichten wusste, bleibt damit für immer im Dunkeln –
aber nicht vergessen. Oder wie es der renommierte österreichische Tibet-Kenner Heinrich Harrer treffend formulierte:
«Wenngleich die Vernichtung der Kulturgüter auch weitergeht, nicht einmal den Chinesen wird es gelingen, die höchsten Berge der Welt, die das Land umgeben, den Thron der tibetischen Götter, zu zerstören. Und deshalb werden die frommen Tibeter auch künftig, wenn sie die hohen Pässe überschreiten, rufen: ‹Die Götter werden siegen!›»