Rätselhafte Krankheit rafft Top-Kicker dahin
Aufregung unter internationalen Spitzenfussballern: Immer häufiger erkranken Topkicker an einer rätselhaften Krankheit. Die so genannte «Lou Gehrig’s Disease» führt zu Muskelschmerzen, Krämpfen, Lähmungen, Schluck- und Atembeschwerden – und schliesslich zum Tod. In Italien ermitteln jetzt die Behörden. Nach umfangreichen Recherchen glauben sie dem Grund der Todeskrankheit mittlerweile auf die Spur gekommen zu sein. Doch noch fehlen die Beweise…
von Omar Gisler
Die Worte, die Benedetta Signorini am 24. Mai 2001 ins Mikrofon sprach, gingen den 30 000 Zuschauern im italienischen Marassi-Stadion ans Herz.
«Ich möchte aufstehen und mit euch Fussball spielen», las sie ab einem Zettel. «Ich möchte mit euch Fans singen. Ich möchte, dass dies alles nur ein Traum ist, der mit dem Aufwachen zu Ende ist. Ich weiss aber, dass dies nicht der Fall ist.»
Der Verfasser dieser Zeilen sass neben seiner Tochter im Rollstuhl und schwieg. Regungslos verfolgte er das Freundschaftsspiel zwischen Genoa und einer Auswahl von ehemaligen Gegenspielern.
Bis 1994 hatte Gianluca Signorini noch mit Genoa in der Serie A gespielt, zuvor in Parma und bei der AS Roma. Er bestritt insgesamt 201 Spiele und galt als einer der besten Verteidiger des Landes.
Letztes Mal im Rampenlicht
Nach seinem Karrierenende wurde es ruhig um ihn. Bis er an jenem Auffahrtstag im Mai 2001 nochmals das Rampenlicht suchte. Ganz Italien sollte wissen, dass er ein Todgeweihter war. Signorini litt an amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer unheilbaren Muskelkrankheit, bekannt auch unter der Bezeichnung «Lou Gehrig’s Disease».
Die Krankheit führt zu Muskelschmerzen, Krämpfen, Lähmungen, Schluck- und Atembeschwerden und schliesslich zum Tod.

Spitzenfussballer sind verunsichert. Droht ihnen tatsächlich ein ähnliches Schicksal wie Lou Gehrig?
An jenem Abend beschlich Adriano Lombardi, der sich das «Abschiedsspiel» von Signorini zu Hause in Avellino am TV ansah, eine schreckliche Gewissheit. Tags darauf bestieg er den Zug nach Mailand, um sich dort im San-Luca-Spital von Spezialisten untersuchen zu lassen. Drei Tage später hatte er die Gewissheit: ALS! Lombardi, der in seiner Karriere als Profifussballer über 500 Pflichtspiele für Perugia, Como und Avellino bestritten hatte, schockte die Nation im Februar 2003 mit seinem Geständnis in der Zeitung «La Repubblica»: «Ich kann mich nicht einmal mehr am Kopf kratzen. Das einzige, was ich noch machen kann, ist auf den Tod zu warten.»
Sammelbilder durchwühlt
Was Lombardi den Journalisten erzählt hatte, wiederholte er kurze Zeit später gegenüber dem Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello. Der versucht seit mittlerweile fünf Jahren, den Dopingsumpf im italienischen Fussball trockenzulegen. Dazu schlug er auch ungewöhnliche Wege ein.
Weil ihm der italienische Fussball-Verband keine entsprechende Statistik liefern konnte, durchwühlte er die Archive der Firma Panini, die seit Jahrzehnten Fussball-Sammelbildchen produziert. Er trug die Daten von 24 000 Akteuren zusammen, die zwischen 1960 und 1996 in der Serie A oder B gekickt hatten.
Noch während der Auswertung schüttelte er verstört den Kopf: Von den 24 000 Profis waren 470 mittlerweile verstorben – 13 von ihnen an ALS. Weitere 32 litten an der Krankheit.
Zum Vergleich: In der «normalen» Bevölkerung erkranken auf 100 000 Menschen durchschnittlich zwei bis drei Personen am Lou-Gehrig-Syndrom. Guariniello spricht deshalb von einer «Berufskrankheit der Fussballer».
Bestätigt wurde seine Diagnose in England. Dort fand der «Guardian» heraus, dass ALS bisher mindestens drei britische Kicker dahingerafft hatte: Rob Hindmarch (Derby, Sunderland), Don Revie (ehemals Trainer von Leeds) und Willie Maddren (Middlesbrough).
‹‹ Wieviele Akteure trifft die seltsame Krankheit statistisch?
Guariniello entdeckte zudem, dass die Rate der Krebstoten bei Fussballern doppelt so hoch ist wie im allgemeinen Durchschnitt. Besonders häufig traten bei den italienischen Ex-Profis Leber- und Bluttumore auf.
Anabolika und Wachstumshormone gelten als Verursacher dieser Krankheiten. «Wir haben nicht nur eine juristische, sondern auch eine moralische Pflicht, endlich herauszufinden, was genau sich hinter dem Phänomen verbirgt», betont Guariniello.
Seit Jahrzehnten gedopt
Gedopt wird im italienischen Fussball offenbar seit Jahrzehnten. Der Fussballer Carlo Petrini, ein «Wandervogel», der in den Sechziger- und Siebzigerjahren unter anderem bei Genoa, Milan, Torino, Roma und Bologna unter Vertrag stand, schreibt in seiner Autobiographie Folgendes: «Trainer Giorgio Ghezzi bereitete in der Kabine eine Flüssigkeit zu. (…) Ein Mitspieler erklärte mir, dass sich unser Trainer mit Spritzen bestens auskenne, schliesslich habe er viele Jahre lang bei Inter Mailand gespielt.»
‹‹Warum sind Verteidiger eher gefährdet als andere? ‹
Laut Petrini waren in dieser Angelegenheit drei Punkte klar gewesen. Erstens: Der Klubarzt wusste von nichts. Zweitens: Wenn sich einer geweigert hätte, sich spritzen zu lassen, wäre er aus der Mannschaft geflogen. Drittens: «Wir durften mit niemandem darüber reden, nicht einmal mit unseren engsten Familienangehörigen.»
Wie Petrini weiter schreibt, soll eines Tages einer seiner Kollegen – Giuliano Taccola – «bleich wie eine Leiche» in der Kabine gelegen haben. Taccola starb 1970 im Alter von 26 Jahren.
Zu kleine Nummer…
Petrini ist überzeugt, dass die Spritzen daran Schuld waren. Doch Taccola war eine zu kleine Nummer, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. Dafür sorgte erst die Witwe von Guido Vincenzi, einem langjährigen Verteidiger von Inter Mailand und Sampdoria Genua, der 1997 im Alter von 65 Jahren starb.
Frau Vincenzi ging zur Staatsanwaltschaft und beantragte eine Untersuchung, weil sie vermutete, die Lähmung, an der ihr Mann gelitten hatte, könnte auf unsachgemässe ärztliche Behandlung während seiner Profikarriere zurückzuführen sein. «Mein Mann sagte mir, er habe stets genommen, was man ihm verabreicht habe.» Staatsanwalt Guariniello machte sich an die Arbeit.
Obwohl die Untersuchungen mittlerweile unzählige Aktenschränke füllen, konnten die Ermittler bisher nicht beweisen, dass ALS durch Doping verursacht wird. Auffällig ist jedoch, dass es sich bei den meisten Opfern der Krankheit um Spieler handelt, die in der Abwehr oder im defensiven Mittelfeld spielten – also dort, wo die Knochen besonders harten Belastungen ausgesetzt sind.
Signorini erklärte, dass er an einem chronischen Knöchelleiden gelitten habe. Dank verschiedenen Medikamenten wie beispielsweise Voltaren, Neoton und Esafoshina habe er trotzdem meistens auflaufen können.
Lombardi gab zu Protokoll, dass ihm häufig eine Infusion («Die Ärzte sagten jeweils, es sei eine Mischung aus Wasser und Zucker») gespritzt worden sei. Dazu gab man auch ihm in den meisten Fällen Voltaren.
‹‹ Droht den Klubärzten jetzt Anklage wegen Tötung?
Guariniello vermutet deshalb, dass ALS in erster Linie auf die exzessive Verabreichung von Schmerzmitteln und entzündungshemmenden Substanzen, die teilweise auf der Dopingliste stehen, zurückzuführen ist.
Ein Vergleich mit dem Radsport stützt diese These: Die Fahnder studierten 6000 Akten von Radprofis, die in den letzten 30 Jahren aktiv waren, stiessen aber nie auf das Gehrig-Syndrom.
Guariniello und seine Mitarbeiter vom italienischen Gesundheitsministerium möchten ihre Ermittlungen bis Ende 2003 abgeschlossen haben. Bei einem allfälligen Prozess wird wohl Giovanni Ziviani eine Schlüsselrolle zukommen. Er galt in den Siebzigerjahren als grosses Talent, doch Verletzungen warfen ihn immer wieder aus der Bahn. Ziviani spielte 1979 zusammen mit Signorini und Ubaldo Nanni – einem Verteidiger, der im April dieses Jahres an ALS starb – in Pisa in der Serie C1.
Ärzte in Erklärungsnot
Im August 2003 packte Ziviani gegenüber der Staatsanwaltschaft schliesslich aus und gab unter anderem zu Protokoll: «Wir wurden mit Schmerzmitteln jeweils nur so vollgestopft. Einmal musste ich sogar mit einem gebrochenen Fuss auflaufen.»
Solche Aussagen bringen etliche Klubpräsidenten und Mannschaftsärzte in ernsthafte Erklärungsnot. Ihnen droht eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, sollte Guariniello tatsächlich beweisen können, dass die mysteriösen Todesfälle auf die rücksichtslose Behandlungsweise in den Fussball-Vereinen zurückzuführen sind.
Rückendeckung bekommen die Klubs von Antonella Signorini, deren Mann im November 2002 im Alter von 42 Jahren verstorben ist. Die Witwe glaubt: «Gianlucas Tod ist Schicksal.»
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Lou Gehrig’s Disease (ALS): Kaum Hoffnung
Henry Ludwig (Lou) Gehrig kam 1903 als Sohn deutscher Einwanderer in Manhattan zur Welt. In den Zwanzigerjahren avancierte er zur Baseball-Legende. Seine Würfe waren derart hart, dass ihn die Fans ehrfürchtig «The Iron Horse» nannten.
Gehrig war der erste Spieler, der den Ball im gleichenMatch viermal aus dem Stadion drosch. Er absolvierte 2130 Games ohne Unterbruch. Erstmals fehlte er
am 2. Mai 1939 in der Aufstellung der New York Yankees – krankheitsbedingt. Der Star starb am 2. Juni 1941 an amyotropher Lateralsklerose (ALS). Seitdem
wird ALS auch als Lou Gehrig’s Disease bezeichnet.
Statistisch gesehen erleiden 2 von 100 000 Menschen diese seltene Erkrankung des Nervensystems, die zu Muskelschwund führt. Die Patienten leben im Durchschnitt zwei bis fünf Jahre mit der seltenen Krankheit. 99 Prozent der ALS-Kranken erleiden schliesslich einen schrecklichen Erstickungstod.
Über die Ursachen von ALS wird gerätselt; Heilungsmöglichkeiten gibt es bis heute nicht. Einige Forscher versuchten in den letzten Jahren, die defekten Nervenzellen mittels Stammzellen-Transplantation zu ersetzen. Diese Versuche sind aber ethisch umstritten und werden
unter anderem vom Vatikan bekämpft.
