Öffnet ein uraltes Kultgebräu aus Südamerika die Pforten zu höherem Bewusstsein? Ayahuasca (»Liane der Geister«) wird in Südamerika von Indianerstämmen seit jeher zur Heilung eingesetzt. Als Hellsichtiger hat sich Martin Zoller kürzlich auf den Weg in den Dschungel gemacht, in Ecuador an der Grenze zu Kolumbien – um die Wirkungen von Ayahuasca im Rahmen einer schamanischen Zeremonie am eigenen Leib zu erforschen. Dabei wurde er intensiv mit seiner Vergangenheit und unserer Zukunft konfrontiert.
von Robert Fleischer ie Reise zu den Ursprüngen der Ayahuasca-PÁanze beginnt für Martin Zoller mit einer Vision. »Ich befand mich Dplötzlich mitten im Regenwald«, erinnert er sich, »und da erblickte ich einen Adler, der sich in die Lüfte hob. Er Áog in eine grosse Stadt.« Später verstand Zoller, was die Vision ihm sagen wollte: »Der Adler war der Überbringer einer uralten Medizin – er brachte Ayahuasca in die moderne Gesellschaft.« Und so begab sich Zoller dorthin, wo Ayahuasca seinen Ursprung hat. Dorthin, woher der Adler in seiner Vision gekommen war.
Ayahuasca ist der Stoff, der in hiesigen Gazetten oft als »Indianerdroge« abgetan wird. Bereits 2015 liess sich der deutsche Moderator Joko Winterscheidt medienwirksam bei seinem Ayahuasca-Trip Àlmen. »Sein Körper kribbelte, er musste sich übergeben, hatte Wahrnehmungsstörungen, lag stundenlang orientierungslos auf einer Matte mitten im Dschungel«, beschrieb der»Focus« die Szene überaus dramatisch.
hergestellt hat.
Abenteuerlicher Trip in die frühere Sperrzone Ein Horrortrip in der Wildnis? Ist es das, was Martin Zoller sucht?
Der Schweizer winkt ab: »Ayahuasca ist eine Medizin, die uns helfen kann, mit unserer Seele in Kontakt zu treten und zu lernen, wer wir wirklich sind.« Speziell für Menschen aus dem Westen könne Ayahuasca hilfreich sein. Etwa um Ängste und Depressionen zu überwinden oder Süchte abzubauen. Doch wie wird sich die Substanz auf ihn auswirken?
Gemächlich tuckert der Bus über eine unebene Landstrasse in den Dschungel. Drinnen halten sich die Fahrgäste an den Sitzen fest, aus den Lautsprechern tönen ecuadorianische Volkslieder.
Eine Frau hat einen HühnerkäÀg neben sich auf den Sitz gestellt, aus dem bei jedem Schlagloch ein lautes Gackern ertönt.
und ohne Internet. Martin ist nach stundenlangem Flug froh, dass er überhaupt einen Bus in die Urwaldregion an der ecuadorianisch-kolumbianischen Grenze erwischt hat. Jahrzehntelang galt das Gebiet als Sperrzone für Ausländer.
Wenige Monate zuvor waren die Zufahrtsstrassen noch von schwer bewaffneten Soldaten der FARC bewacht worden, einer kolumbianischen Guerillabewegung, die sich bis Juni 2016 einen blutigen Bürgerkrieg mit der Regierung lieferte.
Die letzten 30 Kilometer auf den verschlungenen Pfaden im Dschungel legt der Schweizer stehend auf der LadeÁäche ei nes kleinen LKW zurück. Um nicht herunterzufallen, halten sich seine Reisebegleiterin Karina Luna und er an einer dort installierten Leiter fest. Auch Karina sehnt sich nach der langen, beschwerlichen Reise nach einem Bett. Die bolivianische Schamanin führt seit fünf Jahren Ayahuasca-Zeremonien in ihrem Land Endlich am Ziel. Das Zeremonienhaus (»Maluca«) im Dschungel von Ecuador, an der Grenze zu Kolumbien.
durch. Sie ist es auch, die den Kontakt zu den Einheimischen Als sich das Auto dem Indianerdorf nähert, dämmert es bereits. In den Wipfeln der riesigen Bäume mischen sich zahlreiche fremde Vogelstimmen in das Grillenzirpen. Martin ist überrascht von der Architektur der Indianerhäuser. Die kleinen Holzhütten stehen auf hohen Pfählen, die Wohnräume sind über enge Treppen zu erreichen. »In der Regenzeit steigen die Flüsse teils derart an, dass das Gebiet meterhoch überschwemmt wird«, erklärt ihm Karina Luna. »Die Häuser sind dann nur noch mit dem Kanu zu erreichen.« Auch sonst ist das Leben im Dschungel nicht mit westlichen Standards vergleichbar. Fliessendes Wasser gibt es nicht, genauso wenig wie Toiletten. Wer ein Geschäft zu verrichten hat, der tut dies in den Sträuchern – umschwirrt von Myriaden von Mücken.
Zehn Tage lang wird Martin mit den Siona-Indianern zusammenleben, ohne Strom, Plötzlich erscheint ein Indianer in westlich anmutender Kleidung an der Tür.
Herzlich begrüsst er Karina und Martin. Es ist Norman Luis Pia guaje, der jüngere der beiden Schamanen des Siona-Stammes.
»Kommt mit«, sagt er und macht dabei eine einladende Handbewegung, »wir machen heute Abend eine erste Zeremonie.«»Extreme Formen von Pseudohalluzinationen« DMT heisst der Stoff, aus dem hier die Träume sind. Das Molekül mit der chemischen Bezeichnung »N,N-Dimethyltryptamin« kommt in etlichen PÁanzen, aber auch im Menschen und in Säugetieren vor. DMT wirkt intensiv auf den Cortex des Gehirns und führt zu deutlichen Veränderungen der visuellen Wahrnehmung.
Wer es zu sich nimmt, erfährt westlichen Wissenschaftlern zufolge »extreme Formen von Pseudohalluzinationen«. Er erlebt ande- Zehn Tage lang ohne Strom, ohne Smartphone Handy oder Internet.
in einem Zug leer. Der Sud schmeckt bittersäuerlich. Leicht benommen Àndet er seinen Weg zurück zur Hängematte. Dann ändert sich plötzlich alles…
Zugang zu einer anderen Welt 1990 führte Professor Rick Strassman an der medizinischen Fakultät der Universität New Mexico in Albuquerque die erste neuere Studie über die Wirkung von DMT durch. Fünf Schweisstreibende Vorbereitungen: Norman beim »Ernten« der Yahé-Zutaten.
re Wirklichkeiten, die zwar real erscheinen, es jedoch nicht sind.
Anders sehen das die indigenen Völker im Regenwald, die den Stoff seit Jahrtausenden in Form von Ayahuasca zu sich nehmen, um mit der Welt der Ahnen und Naturgeister in Kontakt zu treten und tiefgreifende spirituelle Erfahrungen zu erleben.
Norman führt Martin Zoller und Karina Luna durch den pechschwarzen Urwald. Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtet er dabei einen winzigen Trampelpfad aus, während es in den Büschen und Sträuchern links und rechts raschelt. Nach wenigen Minuten stehen sie vor einer grossen, einfachen Holzhütte auf einer künstlich angelegten Lichtung mitten im Dschungel. »Dies ist das Zeremonienhaus, die Maluca«, erklärt Norman.
Die Zeremonie nimmt ihren Lauf Nun kommt ein älterer Indianer mit Federschmuck und rituellen Gegenständen um den Hals auf sie zu. Es ist Don Felinto Piagualeichter wird.« je, Normans Vater und der Oberschamane des Siona-Stammes.
HöÁich gibt der um die 70 Jahre alte Mann Martin die Hand und bittet ihn einzutreten. In der Maluca ist es dunkel. Eine Stunde lang liegen Martin, Karina und einige weitere Besucher in ihren Hängematten und lauschen den tropischen Vogelstimmen aus allen Richtungen. Dann werden sie zu Norman und seinem Vater Don Felinto gerufen.
Die beiden erfahrenen Schamanen beschreiben das Prozedere und geben Tipps: »Am besten ist es, sich für die Ayahuasca-Sitzung ein Thema vorzunehmen, das man bearbeiten möchte«, rät Don Felinto. Sein Sohn Norman fügt hinzu: »Wer sich übergeben muss oder ein Geschäft zu erledigen hat, geht bitte in diese Richtung«, und deutet mit seinem Arm hinter die Hütte. Schon bald wird Martin diesen Tipp zu schätzen wissen.
Dann entzünden die Schamanen Räucherwerk und stimmen rituelle Gesänge an, um das »Yahé« zu beschwören – so nennen die Siona-Indianer ihr Gebräu. Bei diesem uralten Ritual werden die Ahnen angerufen, um während der Zeremonie Schutz und Hilfe zu leisten. Aus einem grossen Topf verabreicht Norman dann jedem Gast ein kleines Glas, in dem sich die dicklichbraune Brühe beÀndet. Martin setzt das Glas an und trinkt es Jahre lang spritzte er 60 Freiwilligen rund 400 Dosen der reinen Substanz in das Muskelgewebe oder in die Blutbahn. Die Probanden beschrieben einhellig»kaleidoskopartige visuelle Halluzinationen«, intensive Farben und die Loslösung des Bewusstseins vom physischen Körper.
Die Beteiligten hatten das Gefühl, als eröffnete ihnen DMT einen »Zugang zu einer anderen Welt«, in der sie tiefgreifende Erfahrungen machten, die ihr Leben teilweise veränderten. »Einige der Probanden lösten während den Sitzungen schwierige persönliche Probleme«, schildert Professor Strassman die Wirkung in seinem Buch »DMT – Das Molekül des Bewusstseins«.
»Hier schienen grundsätzliche Prozesse einer Psychotherapie stattzuÀnden: Es wurde über etwas nachgedacht, Erinnerungen und EmpÀndungen kamen hoch, Gefühle wurden gespürt und dann mit bestimmten Vorstellungen verknüpft. Den meisten von uns fällt eine Konfrontation mit schmerzhaften Gefühlen schwer, und manchmal kann DMT bewirken, dass diese Konfrontation Die Substanz könne dabei helfen, sich mit unverarbeiteten traumatischen Ereignissen zu konfrontieren. Wichtig sei dabei der kontrollierte Rahmen der Sitzung. »Die Erfahrung des absoluten Kontrollverlustes in einer sicheren und unterstützenden Umgebung kann es ermöglichen, in vollständigen Kontakt mit Die gesammelten Chacruna-Blätter, nach vierstündiger Arbeit. Nur die besten davon wandern in den Trank.
Ausgabe 3/2017 Gruppenbild im Dschungel.
Don Felinto Piaguaje, Oberschamane des Siona-Stammes, sein Sohn Norman Luis Piaguaje (links) und Martin Zoller (rechts).
bestimmten schmerzhaften Gefühlen zu kommen, sich diese einzugestehen und sie so loszulassen«, erklärt er.
Von den kontrollierten Bedingungen an der Universität von New Mexico könnte besagte Holzhütte mitten im nächtlichen Urwald, in der Martin Zoller nun liegt, kaum weiter entfernt sein.
Und ihm ist schlecht. Er springt auf und folgt Normans Wegbeschreibung hinter die Hütte, wo er sich zwischen den Sträuchern übergibt. Auch zu Durchfall soll es nach der Gabe von Ayahuasca oft kommen. Beides empÀnden die Konsumenten als befreiend und reinigend.
Martin kehrt zu seiner Hängematte zurück und gibt sich der Erfahrung hin.
»Plötzlich tauchten meine verstorbenen Grosseltern auf«, erinnert er sich. »Das war ganz real. Ich konnte sie wirklich sehen! Und dann lebte ich auf einmal nicht mehr dreidimensional, sondern wie in einem Hologramm. Meine Grosseltern sahen so aus wie ich sie kannte, als sie alt waren. Sie haben mir ihre Präsenz gezeigt: Wir sind hier, wir gehören noch zu dir. Da habe ich verstanden, dass sie gar nicht tot sind, sondern nur in einer anderen Dimension. Und was dann passierte, war selbst für mich als Medium schon fast unglaublich!« Emotionale Erfahrungen der intimsten Art Martin hält kurz inne und sortiert seine Worte, bevor er fortfährt:»Ich konnte meinen Bruder, meinen Vater, meine Mutter, meine Stiefmutter, meine Frau und auch die Familie meiner Frau vor mir sehen. Und dann tauchte ich in jede einzelne dieser Personen ein und konnte diese Menschen plötzlich von innen spüren, auf eine Art und Weise, wie es mir vorher nicht möglich war. Es war ein ganz neues Kennenlernen, weil ich dadurch bestimmte Verhaltensmuster von ihnen neu verstanden habe.« Als die heftigsten Erfahrungen nachlassen, setzt sich Martin zu den beiden Schamanen Norman und Don Felinto, die inzwischen ein Feuer entfacht haben. Nachdenklich starrt der Ältere in die züngelnde Flamme. Früher sei hier alles anders gewesen, berichtet er. Alle Mitglieder seines Stammes trafen sich regelmässig zu den Ayahuasca-Zeremonien. Die gemeinsame Erfahrung des Eins-Sein mit allem stärkte das Gefühl, zusammenzugehören, half dabei, KonÁikte zu klären, Harmonie in der Gemeinschaft herzustellen.
Schon mit acht Jahren verabreichten ihm seine Eltern das erste Mal den bitteren Trunk. »La medicina«, wie sie Ayahuasca hier nennen, gehörte hunderte Jahre lang zum Alltag der Indianer. Doch die Industrialisierung und das moderne Leben machen auch im Urwald nicht halt. Viele jüngere Stammesmitglieder ziehen weg, gehen in die grossen Städte, in denen es Universitäten, Supermärkte und schicke Kleidung gibt. Das traditionelle Leben im Stamm scheint nur noch wenigen attraktiv.
Je nach Stamm unterscheidet sich die Zusammensetzung des psychedelischen Trunks ein wenig. Auch die Siona haben ihre Geheimnisse bei der Zubereitung, die sie nur mit wenigen teilen.
Gringos – also solche wie Martin – gehören in der Regel nicht dazu. Doch tags darauf darf Martin den Schamanen Norman bei der Suche nach Ayahuasca-Bestandteilen begleiten.
Geschickt klettert Norman zwei bis drei Meter einen Baum stamm hinauf. Mit einer grossen Machete hackt er die Ayahuas ca-Liane vorsichtig vom Baumstamm herunter. Unten vor dem Ausgabe 3/2017 61 Plötzlich tauchten vor mir meine verstorbenen Grosseltern auf!
wirkliche Arbeit fängt jetzt erst an: Mit einem groben Holzknüppel dreschen Norman und sein Vater auf die Lianenstücke ein, die vor ihnen auf einem Stein liegen.
Im Inneren offenbaren die aufgeplatzten Stängel rosarot gefärbte Holzfasern. Auch Martin macht mit. Das laute Tack-tack des Holzknüppels ist bis weit in den Dschungel zu hören. Während Don Felinto das Feuer unter dem grossen Kessel entfacht, wäscht Sohn Norman die Chacruna-Blätter und sortiert einige aus. Viele Blätter sind von Insekten löchrig gefressen.
Endlich sind alle Zutaten im Topf. Das Feuer lodert, der Sud köchelt vor sich hin. »Wie lange dauert es jetzt, bis es fertig ist?«, fragt Martin den Oberschamanen. »Mindestens sechs Stunden muss das kochen – manchmal braucht es tagelang«, antwortet Besucher.
bestimmten Stellen im Urwald Baum hat Norman einen Plastiksack ausgebreitet, in den er die fertig zugeschnittenen Stücke hineinwirft.
Mit dem vollen Sack auf dem Rücken geht es zurück zur »Küche«. Sie besteht aus einer an vier Holzpfeilern aufgespannten Plastikplane über einem grossen Kochtopf, der auf eisernen Stangen über einer Feuerstelle steht. Dann gehen Norman und Martin erneut ins Dickicht. Ohne die Machete wäre hier kein Vorankommen möglich. Doch die PÁanze, die den psychoaktiven Wirkstoff von Ayahuasca enthält, wächst nur hier, an den unzugänglichsten Orten tief im Dschungel.
Endlich sind sie angekommen. Mit routinierten Handbewegungen zupft Norman einige Blätter von einem unscheinbar wirkenden Strauch: Chacruna nennen ihn die Siona-Indianer. Die PÁanze mit der botanischen Bezeichnung Psychotria viridis enthält das psychedelisch wirksame DMT. Nur gemeinsam mit der Liane entfaltet der Ayahuasca-Trunk seine bewusstseinsverändernde Wirkung. Denn die darin enthaltenen Harman-Alkaloide sorgen dafür, dass der Körper DMT nur sehr langsam abbauen kann. Dadurch erweitern sich die Sinne, öffnet sich der Zugang die Ayahuasca-Liane und die Chacruna-Sträucher angepÁanzt. Nach welchen Kriterien dies geschieht, bleibt ihr Geheimnis.
Nun sitzen Don Felinto und Norman regungslos neben dem heissen Kessel und warten. Ob sie sich im Geiste schon auf die nächste Zeremonie vorbereiten?
Martin wagt es, die Eintönigkeit mit einigen Fragen zu unterbrechen. Woher weiss man als Schamane, welche PÁanze im Dschungel gegen welche Erkrankung hilft? Don Felinto schaut auf: »Für uns ist der Yahé-Trank ein Lehrmeister. Wenn wir Yahé einnehmen, dann verstehen wir, dass die Bäume auch Personen sind. Dann verraten sie uns ihr Geheimnis.« Der alte Schamane wirft ein Stück Holz ins Feuer und fährt fort: »Manchmal kennt ein kleiner Baum sehr viel Medizin, und er erzählt mir, wie man sie zubereitet, damit sie wirkt.« zur Geisterwelt.
Nun ist Geduld gefragt – sehr viel Geduld Vier Stunden sind Martin und Norman bereits im Dschungel unterwegs. Inzwischen haben sie einen grossen Sack mit Chacruna-Blättern gesammelt. Martins Körper ist übersät mit Mückenstichen. Seltsamerweise scheinen sich die kleinen Blutsauger kein bisschen für Norman zu interessieren, der mit kurzen Ho-Don Felinto Piaguaje: sen und ärmellosem Hemd kaum einen Stich aufweist.
»Für uns ist der Yahé-Trank Eigentlich wäre es nun Zeit für eine kleine Siesta – doch die ein Lehrmeister.« Ausgabe 3/2017 Don Felinto und lächelt über seinen ungeduldigen westlichen Die Zubereitung von Ayahuasca ist eine langwierige Angelegenheit. Sie beginnt schon lange vor dem Kochprozess. Die Siona-Indianer haben an Es ist angerichtet! Nach einer gefühlten Ewigkeit ist der bewusstseinserweiternde Ayahuasca-Sud endlich geniessbar.
»Also verbindest du dich mit den Bäumen und sprichst mit ihnen?«, fragt Martin ungläubig. Don Felinto antwortet: »Naja, wenn man Yahé nimmt, dann wird man selbst zu einem Baum und man redet sozusagen unter seinesgleichen. Er sagt dann: Ich bin für das und das gut, und du musst mich so und so vorbereiten.« Martin betrachtet die Flammen, die unter dem Kessel vor sich hin züngeln. »Was muss man als Schamane mitbringen, um ein solches Wissen über die Heilkräfte der Natur zu erlangen?«, fragt er. »Man muss rein sein in seinem Leben und in den Gedanken«, erklärt Don Felinto vieldeutig, »und man darf keine Angst haben. Dann wird man von Yahé zur Erkenntnis geführt.« Am Abend beginnt die zweite Ayahuasca-Zeremonie. Martin hat sich ein Ziel gesetzt: Er will versuchen, Prophezeiungen zu empfangen. Nachdem Don Felinto und Norman ihre Schamanenkleider angezogen und Räucherwerk entzündet haben, reichen sie ihm und anderen den Trank. Doch diesmal hält der Geist von Yahé unangenehme Bilder bereit…
Bedrückende Zukunftsvisionen Während Martin im Dunkeln in seiner Hängematte liegt und darauf wartet, dass die Wirkung einsetzt, spürt er, wie eine dickÁüssige, klebrige Flüssigkeit aus seiner Hängematte steigt und ihn bis zum Hals eindeckt. Er schaut an sich herab. Es ist Öl. Erdöl. Das Gefühl wird derart unangenehm, dass er seine Hängematte verlassen muss. Draussen im Dschungel aber hat sich alles verändert. Wo vorher Bäume standen, erblickt Martin nun eine riesige Industrieanlage. Statt Baumstämmen erblickt er Kamine, statt Ästen Rohrleitungen, statt Büschen gebogene Drähte. Der Waldboden unter ihm leuchtet phosphoreszierend – fast so, als bestünde er aus Neonröhren.
Martin ist von diesem Anblick derart überwältigt, dass er in die Zeremonienhütte zurückkehren muss. Nach einer kleinen Meditation wagt er sich wieder hinaus in den Dschungel. Nun ist seine Vision plötzlich anders. Aus den Drähten und Kaminen sind riesige menschliche Schatten geworden. Menschen überall, wohin das Auge blickt.
Doch die Menschen verhalten sich sonderbar: »Ich sah, dass der eine Baum, der einen Mann darstellte, immer so eine Bewegung machte, als wenn er etwas trinken würde. Gleichzeitig hat er auf sehr hohle und sinnlose Art mit einer Frau kommuniziert, die neben ihm war. Und dann haben die ganzen anderen Bäume ringsherum angefangen zu lachen oder miteinander zu diskutieren, aber ebenfalls auf eine sehr hohle und monotone Art. Da habe ich verstanden, dass all dies Teil der Prophezeiung war.« Für Martin steht fest, dass er in jener Nacht einen Blick in die Zukunft der Menschheit warf. »Die Prophezeiung zeigte nicht irgendeinen dritten Weltkrieg, in dem die Menschheit ausgelöscht wird, aber trotzdem eine Warnung. Wir werden in eine technisierte Gesellschaft gehen, in der wir wie gehirnlos wirken, wo wir einfach trinken, rauchen und miteinander plaudern, aber zu keiner wirklich tiefen Auseinandersetzung mehr fähig sind, weder mit anderen noch mit uns selbst.« Einige Zeit später sitzt Martin Zoller wieder im Flieger nach Bo-Psychologin Ninnet Pereyra:»Durch Ayahuasca habe ich verstanden, dass ich ein Teil des Universums bin.« livien. In Cochabamba konnte er die Universidad Privada Abierta Latinoamericana (»Offene Privatuniversität Lateinamerikas«) besuchen, wo erfolgreiche Topmanager regelmässig Ayahuasca konsumieren und sich dabei näher kommen. Noch immer läuft es ihm eiskalt den Rücken herunter, wenn er sich an seine Vision im Dschungel erinnert.
Nachdenklich steuert er die letzte Etappe seiner Reise an – den Titicacasee, der grösste und höchstgelegene Salzsee Südamerikas. Martin hat sich mit Ninnet Pereyra verabredet. Sie arbeitet als Psychologin in einer peruanischen Entzugsklinik. »Ayahuasca wird bei uns im Zusammenspiel mit anderen Therapieformen verwendet, um drogenabhängige Jugendliche auf einen neuen Weg zu bekommen«, berichtet sie ihm.
»In La Paz zum Beispiel setzt man Ayahuasca erfolgreich ein, damit die Jugendlichen sich über ihre Situation klar werden. Warum tue ich, was ich tue? Mit jeder Einnahme verstehen sie immer besser, wie sie abhängig werden konnten und lernen, sich zu hinterfragen: Was macht die Droge mit dir? Aus welchem Grund nimmst du sie? Wie gehst du mit den Mitmenschen um? Was ist es, das dir schadet?« Die Erfolgsquote sei enorm, so Ninnet. Natürlich spiele auch die Betreuung durch geschulte Psychologen eine wichtige Rolle.
Die Abenddämmerung setzt ein. »Ist Ayahuasca vielleicht eine Art Weckruf, um uns wieder in Verbindung mit unserer Seele zu bringen?«, fragt Martin. Ninnet nickt. »Durch Ayahuasca habe ich verstanden, dass ich ein Teil des Universums bin – zwar nur ein ganz kleiner, aber ein ganz wichtiger.« 2006 urteilte der Oberste Gerichtshof der USA, dass Ayahuasca für den religiösen Gebrauch freizugeben sei. Im selben Jahr strich Brasilien die PÁanze von der Liste halluzinogener Drogen.
2008 erhielt Ayahuasca in Peru den Status eines nationalen Kulturerbes. Seither wird der PÁanzensud dort in Kliniken und in der Wirtschaft eingesetzt. Und in Deutschland oder der Schweiz?
Bei uns unterliegt der Wirkstoff DMT weiterhin dem Betäubungsmittelgesetz. Der Umgang ohne Erlaubnis ist strafbar.
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➤ Infos: Der Film »Ayahuasca« ist ab sofort auf exomagazin.tv zu sehen und wird auch als DVD erscheinen. News unter: www.martinzoller.com



















































































































