Handelt es sich um die Überreste eines Blutsaugers – eines so genannten «Chupacabra»? Der mysteriöse Kadaver aus Oklahoma bereitete schon DNA-Spezialisten in aller Welt Kopfzerbrechen. Trotz umfangreicher Tests war bisher niemand in der Lage, die Identität der verwesten Kreatur zu klären. Der Autor wohnte den Untersuchungen von Salzburger Gerichtsmedizinern bei. Und erzählt nun erstmals, warum auch die dortigen Experten ihren Augen nicht so recht trauen mochten.
von Reinhard Habeck Am 19. Juli 1995 wurde in Wien, Neue Donau, ein Torso mit Kopf aufgefunden.
Die Leiche war in einen schwarzen Plastikmüllsack verpackt. Drei Tage später entdeckte ein Angestellter in einer Tierkörperverwertungsanstalt ein Beckenteil samt Beinen in einem Müllcontainer. Wer der unbekannte Tote war, konnte nie aufgeklärt werden.
Die Entdeckung schauriger Leichenteile sorgt immer wieder für Aufregung.
Meist gelingt es den Spezialisten der Gerichtsmedizin, die wahre Identität vermisster, verunglückter oder ermordeter Personen zu klären.
Seit 1997 gibt es auch in Österreich eine so genannte DNA-Datenbank, die zur erfolgreichen Verbrechensaufklärung massgeblich beiträgt. Biologische Spuren wie Haut, Haare, Sperma, Blut oder Speichel, die von mutmasslichen Tätern stammen oder am Tatort hinterlassen wurden, können nun mit modernsten Methoden analysiert und genetische Profile erstellt werden.
Stimmen genetische Merkmale mit den DNA-Proben eines Verdächtigen überein, kann daraus geschlossen werden, dass er am Tatort gewesen ist. Stimmen die Profile nicht überein, wird der Verdächtige entlastet. Die Methode der DNA-Analyse wurde im Laufe der Jahre immer präziser. Durch Untersuchungen des Knochengewebes können seit 1991 selbst bis zur Unkenntlichkeit verkohlte oder zerstörte Spuren exakt bestimmt werden.
Wie aber sind Knochen zu beurteilen, die sich trotz aller Mühen der Aufklärung in kein bekanntes Schema einordnen lassen? Auch das gibt es. Die Vorgeschichte: Im Frühjahr 2002 landet unbemerkt von den Medien eine unscheinbare Holzkiste aus Amerika in Wien-Schwechat. Sie ist etwa 1,20 Meter lang, einen halben Meter hoch und ebenso breit.
Mit einem speziellen Kunsttransport wird der Behälter in das Wiener Naturhistorische Museum gebracht. Der Inhalt ist höchst brisant: ein mysteriöses Skelett von einem unbekannten Wesen! Als die Truhe geöffnet wird, kommt ein grausliches Gerippe zum Vorschein, das in einer hochprozentigen Alkoholflüssigkeit konserviert ist.
Staunen und Kopfschütteln Entdecker des Kadavers, der aus drei Teilen besteht, ist der Amerikaner Frank D.
Pryor. Er holt das fremde Ding aus dem Spiritus und präsentiert es den versammelten Gelehrten. Staunen und skeptisches Kopfschütteln machen sich breit. Was soll das sein?
Kleiner, länglicher Kopf, grosse Augenhöhlen, langer Hals, keine Arme, keine Beine? Fragmente eines bisher unentdeckten Tieres?
Knochen von einem Alien? Gerichtsmediziner ohne Skalpell, dafür ausgestattet mit modernster Technik, sollen Klarheit bringen. Museumsdirektor Professor Bernd Lötsch winkt dennoch ungläubig ab: «Ein Riesenaufwand für ein banales Kalb!»
Frank D. Pryor wundert sich. Als Cowboy und Jäger weiss er sehr wohl, wie die Anatomie von Rindern beschaffen ist, aber ein Skelett wie dieses, ist ihm noch nie unter die Augen gekommen. Ich frage ihn, wann und bei welcher Gelegenheit er über die abnormen Knochen gestolpert ist. «Im Jahre 1990 während eines Jagdausfluges im waldigen Gelände von Oklahoma», erinnert sich der Amerikaner. «Damals stiess ich überraschend auf diese Knochenreste, die erbärmlich gestunken hatten. Ich konnte mir nicht erklären, zu welchem Vieh sie gehörten und beschloss, den makabren Fund mit auf meine Farm zu nehmen. Der Tierarzt meines Heimatortes konnte bei der Identifizierung aber leider nicht helfen. Niemand wusste zu sagen, welcher Tiergattung das merkwürdige Skelett zugeordnet werden kann.»
Frank D. Pryor liess das keine Ruhe. In den folgenden Jahren wurde das Gerippe an 14 amerikanischen Universitäten und Instituten untersucht. Die Ergebnisse waren stets verwirrend. Trotz aufwändiger «Ralf», das kuriose Wesen. Welcher Spezies kann der Kadaver zugeordnet werden?
Untersuchungen, mehrfacher DNA-Analysen und Computer-Tomographien, konnte die zoologische Zuordnung nicht eindeutig vorgenommen werden.
«Ausserirdische Lebensform» Einmal glaubte man Spuren von einem Lama entdeckt zu haben, dann wurden die Erbsubstanzen von einem jungen Kamel und anderer Tiergattungen angezeigt. Frank Pryor nannte sein Wesen seither «Ralf», eine Abkürzung für «Rätselhafte ausserirdische Lebensform».
Eine Namensgebung mit Augenzwinkern, die aber, so glaubt der Amerikaner, der Analogie des «Kryptowesens» am nächsten kommt. Pryor weiss warum: «Nicht zuletzt deshalb, weil in der Umgebung des Fundortes immer wieder UFO-Aktivitäten gemeldet werden.»
Bei der abenteuerlichen Suche nach der wahren Identität des zweifelhaften Beweisstückes hat sich ein Mann besonders engagiert. Er heisst Klaus Dona, ist Kulturmanager und lebt in Wien. Als Initiator der Ausstellung «Unsolved Mysteries», die 2001 in Wien eine viel beachtete Weltpremiere hatte, versetzte er Laien und Wissenschaftler gleichermassen ins Staunen.
Klaus Dona ist geradezu besessen von der Idee, möglichst viele rätselhafte Artefakte aus aller Welt aufzustöbern. Darin war er bisher recht erfolgreich. Bei den Recherchen in Geheimarchiven und wenig bekannten Privatsammlungen kam er auf die Spur von «Ralf» und seinem Besitzer Frank D. Pryor.
Es wurde vereinbart, das ominöse Gerippe als Attraktion für eine geplante Folgeausstellung auf Übersee-Reise nach Österreich zu schicken. Zunächst mit Zwischenstopp in Wien, landete «Ralf» bald darauf im gerichtsmedizinischen Institut der Universität Salzburg.
Bei der äusserlichen Begutachtung tippten die Wissenschaftler aufgrund der Gebissstruktur und der Wirbelsäule auf einen Vierbeiner, am ehesten auf ein Kalb.
Der erste Verdacht von Professor Lötsch schien sich zu bewahrheiten. Dennoch offenbarten sich Ungereimtheiten. Erstens: Die Rückenknochen sind zu lang für ein junges Rind und das Gehörsystem zu gross.
Zweitens: Anatomen in Wien schliessen nicht aus, dass die Knochenfragmente einem Zweibeiner gehörten.
Damit letzte Zweifel über die Identifizierung der Spezies beseitigt werden können, wurde eine radiographische Untersuchung sowie eine DNA-Analyse vorgenommen.
Einer der führenden österreichischen Experten auf diesem Gebiet ist der Molekularbiologie und DNA-Spurenanalytiker Dr. Jan Kiesslich. Er ist der richtige Fachmann, wenn es um die Auswertung kriminalistischer Zusammenhänge und die Identifizierung unbekannter Toter anhand biologischer Spuren geht. Urgeschichtler und Archäologen suchen ebenso seinen kompetenten Rat bei der Analyse alter Erbsubstanzen.
Wie lässt sich nun für den Laien verständlich die Untersuchung am abgestorbenen Körper beschreiben? Der Gerichtsmediziner: «Jedes Lebewesen ist bis zu einem gewissen Grad durch seine Erb- «Die Spezialisten machten sich optimistisch an die Arbeit, doch dann…»
information bestimmt und definiert. Das heisst, es finden sich auch Informationen über die Spezies, also die biologische Art, in der Erbinformation. Daraus lässt sich ableiten, ob wir es mit einem Menschen, Rind, Wurm oder was auch immer zu tun haben.»
Diese Information ist in jeder Körperzelle enthalten: «Daher ist es möglich, selbst aus sehr unvollständigen Überresten Informationen über die genetische Konstitution eines Individuums zu erfahren und seine Spezies zu bestimmen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass noch Spuren der Erbinformation, also der DNA, vorhanden sind. Bei ungenügenden Methoden der Aufbewahrung und mit zunehmendem Alter wird dies immer unwahrscheinlicher.»
Nicht ganz so einfach…
Und wie ist nun die Vorgehensweise im Fall «Ralf»? Der Fachmann: «Technisch gesehen wird aus vorliegendem Probenmaterial DNA chemisch präpariert und dann mit einer speziellen Methode künstlich so weit vervielfacht, um die Information lesen zu können.
Die Sprache der DNA beruht auf einem 4-Buchstaben-Code, der geeignet ist, jedwede Art genetischer Information zu speichern. Das bedeutet, für die Speziesbestimmung wird sozusagen ein Kapitel im ‹Buch des Lebens› nachgelesen. Dann kann anhand entsprechender Datenbanken dieses ‹Kapitel› einer Spezies oder einem Individuum zugeordnet werden.»
Da sollte es beim «Kryptowesen» aus Oklahoma kein Problem geben – oder? Dr.
Kiesslich machte sich optimistisch an die Arbeit. «Ich habe mehrere Proben aus den Knochen entnommen und versucht, eine Speziesbestimmung durchzuführen», erklärt der Experte und kann seine Enttäuschung nicht verbergen. «Die Arbeit war nicht von Erfolg gekrönt.»
Der Wissenschaftler nahm eine zweite Serie von Proben und schickte sie an seine Kollegen vom Institut für Anthropologie und Humanökologie der Universität Göttingen, die noch feinere Untersuchungsmethoden vornehmen können.Auch diese Analyse war nicht eindeutig.
Im Gegenteil: Wie bereits aus den amerikanischen Labortests bekannt, ergaben die aktuellen DNA-Analysen wiederum ein Gemisch an unterschiedlichen Erbfaktoren, darunter Daten, die sowohl auf ein Schwein als auch auf ein Rind hinweisen.
Ein weiterer Befund liess sogar auf ein Gürteltier schliessen.
Ein Gürteltier? Dr. Kiesslich ist vorsichtig in der Beurteilung, weil das «ein zufälliges, nicht reproduzierbares Ergebnis» gewesen sei. Hinzu kommt, dass «Ralf» aufgrund der Zahnstruktur zu Lebzeiten eher ein Vegetarier gewesen sein muss.
Gürteltiere aber sind Insektenfresser.
Die Sachlage bleibt mysteriös. Weshalb konnte die Erbsubstanz des unbekannten Tieres nicht einwandfrei bestimmt werden? «Meiner Meinung nach liegt das daran, dass die DNA in den Überresten bereits zu stark zersetzt oder durch fremde DNA-Spuren kontaminiert war», gesteht der Molekularbiologe freimütig und resigniert: «Somit konnte ein klares Ergebnis leider nicht erzielt werden.»
Wurde das grausliche Skelett vielleicht aus verschiedenen Tierknochen zusammengesetzt? Ist «Ralf» eine Attrappe? Waren Spassvögel am Werk? Oder ist «Ralf» gar das Produkt genetischer Experimente aus einem Geheimlabor?
Nur Probleme gehabt Dem Entdecker Frank D. Pryor jedenfalls ist kein Vorwurf zu machen. Der Fund brachte ihm weder Ruhm noch Geld – nur Unannehmlichkeiten. «Manchmal denke ich», klagt der Amerikaner, «es wäre besser gewesen, ich hätte den Kadaver im Wald liegen lassen.»
Dr. Jan Kiesslich auf den Fälschervorwurf angesprochen: «Ob das Knochengerüst ein Falsifikat ist, weiss ich nicht. Ich bin kein Veterinärmediziner, aber mein persönlicher Eindruck ist, dass es sich nicht um ein aus unterschiedlichen Knochen zusammengesetztes Wesen handelt.
Schon aus dem einfachen Grund, weil die Knochenteile anatomisch sehr gut zusammenpassen und vom Zustand her gleichartig sind. Wenn hier also Fälscher am Werk waren, dann verdammt gute, denn sie hätten grossen Aufwand betrieben und müssten sehr viel Zeit gehabt haben.»
Wenn Ralf also keine Fälschung ist, was dann? Eine gewagte Hypothese bringt das Geschöpf mit Beobachtungen zusammen, die aus der Gegend des Fundortes vorliegen. Demnach berichten Einheimische immer wieder von einem seltsamen Wesen, das an die blutsaugende Kreatur «Chupacabra» – übersetzt: Ziegensauger – erinnert.
Dieses mysteriöse Tier hat vor allem in der lateinamerikanischen Folklore seinen «Es sah einer Fledermaus ähnlich, hatte aber die Grösse eines Hundes.»
festen Bestandteil. In Puerto Rico, Texas, Florida und Mexiko häufen sich die Begegnungen mit dieser fremden Spezies. Chupacabra wird von Augenzeugen eine Vorliebe für Blut und Verstümmelungen nachgesagt.
So soll er für den Tod ganzer Viehbestände verantwortlich sein, die in den letzten Jahrzehnten mit Bisswunden aufgefunden worden waren. Die Bevölkerung ist angesichts grausam verstümmelter Kadaver, aus denen das Blut gesaugt und Organe herausgerissen wurden, verständlicherweise verstört.
Blutsauger beobachtet Schauermärchen oder Wirklichkeit? Der steirische Maler Gerhard Patz schwört, er habe das Ungeheuer mit eigenen Augen gesehen. 1996 verbrachte der Künstler den Frühling in Santa Rosalia, 900 Kilometer südlich von Los Angeles in Mexiko. Am Abend des 22. Mai beobachtete er gemeinsam mit Miguel Habana, einem befreundeten Bauer und Langustenfischer, etwas höchst Merkwürdiges. Gerhard Patz erinnert sich: «Wir sind vor dem Haus gesessen, als plötzlich ein grosses Tier über uns geflogen ist. Es hat einer Fledermaus ähnlich gesehen, hatte aber die Grösse eines Hundes. Wir haben noch gelacht und gewitzelt: Das ist ein Chupacabra!»
Am nächsten Morgen verging den Männern das Lachen. Patz: «Lautes Geschrei von Frauen hat mich aufgeweckt.
Ich bin nachschauen gegangen und habe drei tote Ziegen gesehen. Sie waren blutleer, vollkommen ausgesaugt. Spuren hat man keine gesehen, nur faustgrosse Löcher im Hals der Tiere.»
Schwindel? Machwerk aus dem Labor?
Oder vergessenes Ungeheuer? «Ralfs» Überreste, die vielleicht Auskunft darüber geben könnten, sind erstarrt. Ihr letztes Geheimnis haben sie für sich behalten.
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