Verschluderte Geheimdossiers und peinliche Ausreden
achdem ich Ihnen nun unsere Abteilung gezeigt habe, gibt es da noch etwas, was Sie brennend interessie- Nren dürfte!» Zielstrebig dirigiert mich Hans-Ueli Frey durch sein Büro mitten im EuroAirport bei Basel. Aus einem Archivregal zaubert der Leiter der Fachstelle Umwelt (Flugwegund Fluglärmüberwachung) einen prallen Aktenordner hervor.
«Voilà!» schmunzelt Frey – und breitet sein UFO-Dossier vor mir aus. Fasziniert schweift mein Blick über Notizen, Briefe und grossformatige Fotoabzüge analoger Radaraufzeichnungen. Ich traue meinen Augen nicht: Alle Dokumente betreffen merkwürdige Vorkommnisse im Luftraum rund um den Basler Flughafen – manche davon bis heute ungeklärt.
Einer der seltsamsten Vorfälle ereignete sich im Mai 1981, wie Frey erzählt: «An jenem Tag registrierten wir im nördlichen Anflugsektor völlig rätselhafte UFO-Erscheinungen – um 10.38 Uhr morgens, wie Sie hier sehen. In einem anderen Fall konnten wir eine Sechser- oder Siebner-Flotte von unbekannten Objekten dokumentieren und fotografieren, die von einem Flugzeugpiloten rapportiert worden war.»
«Man sollte dieses Material eines Tages veröffentlichen», meinte ich zu Frey, als wir uns verabschiedeten. «An mir solls nicht liegen», schmunzelte der charismatische Kommunikator.
«Sie wissen ja jetzt, wo Sie mich finden.» Das war am 7. Januar 1999. Was ich damals nicht ahnte: Etwas mehr als ein Jahr danach quittierte Hans-Ueli Frey seinen Job bei der Basler Flughafendirektion – nach rund zwanzig Dienstjahren. Grund genug, ihn später nochmals auf das UFO-Dossier anzusprechen.
«Ich gehe davon aus, dass unsere Dokumentation in den Archiven des EuroAirport vorhanden sein müsste, und somit auch weiterhin einsehbar ist», versicherte er mir im Oktober 2003.
Bankrotterklärung vor laufender Kamera Gespannt lotste ich damals ein TV-Reporterteam der Schweizer «Rundschau» auf den Flughafen, um Freys Nachfolger Jürg Tschopp um die Herausgabe des Dossiers zu bitten. Das Filmmaterial wurde leider nie ausgestrahlt oder ausgewertet, liegt mir aber ungeschnitten vor. Auf den Aufnahmen ringt ein sichtlich genervter und desinteressierter Jürg Tschopp um Antworten: «Von einem solchen UFO-Dossier ist mir nichts bekannt», versichert er mehrmals. «Ich habe bis heute keine derartigen Dokumente gesehen. Grundsätzlich ausschliessen kann ich die Existenz solcher Unterlagen natürlich nicht. Aber wir schauen hier nach vorne und auf das tägliche Geschehen – und sicher nicht zehn Jahre zurück.»
Jürg Tschopp hat seinen Dienst mittlerweile ebenfalls quittiert. Ein Grund mehr, beim EuroAirport erneut um Herausgabe Ausgabe 4/11 Phänomene des betreffenden Aktenordners zu bitten. Antwort der Flughafen-Sprecherin Vivienne Gaskell vom 31. Mai 2011: «Ich habe mit verschiedenen Stellen intern Kontakt aufgenommen und Ihr Anliegen eruiert. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass uns die Dossiers, von denen Sie sprechen, absolut unbekannt sind.» Im Klartext: Entweder hat die Flughafendirektion keine Ahnung, in welchen Archiven ihre Akten landen. Oder aber sie hat diese schlicht verschlampt. In jedem Fall ein Armutszeugnis!
Nullantworten wie diese sind für Behörden und militärische Stellen in der Schweiz leider typisch. Während EU-Staaten wie Frankreich, England oder Spanien ihre prallen UFO- – Archive längst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben, wollen die Schweizer Luftfahrtbehörden von derlei Phänomenen noch immer nichts wissen – zumindest nicht offiziell.
Selbst die bis heute ungeklärten UFO-Erlebnisse des Piloten Hans-Georg-Schmid vom 14. April 1977 wurden von der Fluggesellschaft Swissair jahrzehntelang unter dem Deckel gehalten – bis ich seinen handschriftlichen Flight-Report samt Radarprotokoll aus Maastricht in den 90er-Jahren publik machte («UFOs über der Schweiz», Kopp Verlag, derzeit leider vergriffen): Über Luxemburg war Schmids DC-9 damals längere Zeit von einem UFO begleitet worden, das mit ihm Katz und Maus gespielt hatte und schliesslich mit zehn- bis zwölffacher Rekordpilot Hans-Georg-Schmid (l.). Jahrzehntelang hielt die Swissair sein brisantes UFO-Erlebnis unter Verschluss.
Schallgeschwindigkeit (!) wegdüste. Leider kann Schmid dies heute nicht mehr bestätigen: Am 23.Juli 2007 verunglückte der Rekordpilot in einem Experimentalflugzeug über Basel.
UFO-Informant: «Man hat meinen PC gefilzt» Ähnlich verzwickt präsentiert sich die Situation bei der Schweizer Luftwaffe: Jahrelang stand ich in direktem Kontakt mit einem Schweizer Geheimagenten und einem Mitarbeiter des Militärflugplatzes Dübendorf. Beide versorgten mich mit Bündeln von internen Informationen, geheimen eidgenössischen UFO-Radarakten und militärischen Zeugenberichten.
Phänomene Ausgabe 4/11 Hans-Ueli Frey (l.): Liess sein Nachfolger Jürg Tschopp (r.) im Basler EuroAirport brisante UFO-Akten verschwinden?
tigkeit (Dokumentation von UFOs) einen krassen Missbrauch meiner Stellung darstelle.
Wie ich weiter feststellen musste, ist man in die Datenbank meines Computers eingebrochen – unter Umgehung des Passwortes. Es wird offensichtlich belastendes Material gesucht.» (24.
Februar 1996) «Der UFO-Beitrag im Schweizer Fernsehen (‹10 vor 10› vom 26. September 1996) ist der Luftwaffenführung eindeutig zu weit gegangen. Es wurden Radarauswertungsbilder gezeigt. Über diesen Sendeteil war die Luftwaffenführung angeblich nicht informiert – sonst wäre es unterbunden worden. (…) Luc Bürgin hat in der TV-Sendung erwähnt, dass er aus zuverlässiger Quelle unseres Militärdepartementes weiss, dass (…). Folge: Es wird eine militärisch/polizeiliche Untersuchung geben, um herauszufinden, wer, was, wo, wie, mit wem usw. Es sollen auch Personen miteinbezogen werden, die als Mitwisser ausfindig gemacht werden können.
(…) Eine ganz neue Politik UFO-Phänomene betreffend! Plötzlich ist die Angelegenheit von höchstem Interesse für die staatliche Sicherheit (…) da Unruhe schürend…» (2. Oktober 1996) Und was sagt der Schweizer Luftwaffen-Pressesprecher Jürg Nussbaum heute zur ganzen UFO-Angelegenheit? «Seit ich für die Luftwaffe arbeite – 1996 – und gemäss meiner Kenntnis bereits zuvor, haben weder das Departement noch die Luftwaffe noch sonst offizielle Stellen UFOs als Bedrohung gesehen.» Das Phänomen, so Nussbaum am 25. Mai 2011, sei Manche ihrer vertraulichen Äusserungen musste ich aus Sicherheitsgründen für mich behalten. Da beide Informanten mittlerweile verstorben sind, hier dennoch einige bislang unveröffentlichte Müsterchen aus ihren Briefen: «In der Hysterie der Schweizer Fichen- und P-26/27-Affären mussten alle Dokumente und Archive, die nicht mit den im Pflichtenheft übereinstimmenden Arbeiten korrespondierten, schlagartig vernichtet werden. Die Chefs auf allen Stufen fürchteten Durchsuchungen. Im Rahmen dieser Vernichtungsaktionen wurden viele wertvolle Informationen, Dokumente, Auswertungen usw. für alle Zeiten vernichtet. (…) An Rapporten, Briefings oder Debriefings wird ausserdem immer nur mündlich Bericht über aussergewöhnliche Phänomene erstattet. Es wird immer darauf hingewiesen, dass keine schriftlichen Belege und Protokolle erstellt werden.» (10. Juni 1993) «Ich habe in ein Wespennest gestochen! Mein Chef hat mir mehrmals sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass meine Tä- «Kuriose Funksprüche»: Ausschnitt aus dem dicken Dossier eines militärischen Mitarbeiters, das «mysteries» vorliegt.
«Stichwort Dogana». Meldekarte der Schweizer Luftwaffe aus den 90er-Jahren bezüglich «fremder» Flugobjekte.
Ausgabe 4/11 Phänomene Schweizer UFO-Experte der Luftwaffe kooperierte eng mit CIA-Boss.
beim Schweizer Militär «schlicht kein Thema». Oder im Klartext: Da uns das Phänomen nicht bedroht, ignorieren wir es.
Das ist in etwa ähnlich logisch, wie wenn wir die Präsenz von libyschen Kampfflugzeugen über unseren Köpfen dulden würden, nur weil sie uns nicht angreifen.
Allerdings, so Nussbaum weiter, habe es «in den 80er- und 90er-Jahren in der militärischen Einsatzzentrale von Dübendorf tatsächlich einen Betriebsleiter-Assistenten gegeben, der das Ganze akribisch überprüft hat», wie ihm jüngst bestätigt worden sei. Besagter Mitarbeiter hätte deshalb intern den Übernamen «Ufologe» erhalten: «Bei all seinen Nachforschungen ist er zu keinen auswertbaren Resultaten gekommen.»
Geheimdienstchef liess UFOs nachspüren liess.Jahrzehntelang fungierte Lécher als Nachrichtenchef der damaligen Flieger- und Fliegerabwehrtruppen, ehe er 1982 vom später heftig umstrittenen Peter Regli abgelöst wurde.
Lécher hat in der Schweiz Militärgeschichte geschrieben: Am 25. April 1945 nahm er in Dübendorf den deutschen Piloten Hans Guido Mutke in Empfang, der dort mit seiner Me262 – dem ersten Düsenjäger der Welt – notgelandet war. 1964 wiederum trieb der Geheimdienstler der Luftwaffe hinter den Kulissen sogar die Anschaffung von Atombomben voran.
Zur Zeit des Kalten Krieges interessierte sich Jean-Rodolphe Lécher aber auch brennend für das UFO-Phänomen.
Offizielle Briefe aus seiner Feder, ein UFO-Fragebogen für Militärpiloten sowie ein geheimes UFO-Nachrichtenbulletin (1974) mit seiner Unterschrift zeugen davon. Parallel dazu baute er über Jahrzehnte ein internationales Tja, liebe Schweizer Luftwaffe: Da seid ihr schlicht falsch informiert! Unzählige ausgewertete UFO-Radardokumente aus Dübendorf sowie Protokolle über Abfangmissionen in meinem Archiv sprechen eine andere Sprache. Mysteriöses erreignete sich beispielsweise am 5. Juni 1996, als zahlreiche Beamte der Flugsicherung, Einsatzzentrale und der elektronischen Aufklärung direkt über dem Militärflugplatz Dübendorf eine «taumelnde, silbrig glänzende Scheibe» beobachten konnten!
Doch es wird noch peinlicher, denn da war auch noch «ein Mitarbeiter der Luftwaffe», der laut Nussbaum «von Mitte der 70er- bis ca. Mitte der 90er-Jahre hobbymässig UFO-Berichte gesammelt hat». Wieder falsch, lieber Herr Nussbaum! Gerne informiere ich Sie genauer: Beim besagten «Mitarbeiter» handelt es sich um niemand Geringeren als den unter Militärhistorikern bestens bekannten Jean-Rodolphe Lécher, der dem Phänomen ab 1947 bis in die 80er-Jahre amtlich nachspüren Beziehungsnetz auf. «UFO-Sachbearbeiter bei der Luftwaffe, so teilte mir Lécher am 28. Februar 1992 zudem schriftlich mit, sei vor seiner Pensionierung (1982) ein ihm unterstellter Mitarbeiter gewesen, «der sich mit der Auswertung Technik befasste».
Dazu der frühere Schweizer Luftwaffenkommandant Walter Dürig: «Ein prominenter Freund Léchers war Vernon A. Walter, Dreisterngeneral der US Army, CIA-Direktor, Verteidungsattaché in verschiedenen Ländern und Botschafter der USA in der Bundesrepublik. Näheres über ihre persönlichen Beziehungen haben die beiden Männer ins Grab mitgenommen.»
Fazit: Hätten alarmierte Schweizer Flughafenmitarbeiter und militärische Führungspersonen über UFOs nicht heimlich Buch geführt, wüssten wir heute so gut wie gar nichts über die mysteriösen Besucher, auf die sich kein eidgenössischer Beamter einen Reim machen will. Wie feixte Asterix-Freund Obelix doch so schön: «Die spinnen, die Schweizer!»
Tausende geheimer UFO-Dokumente wurden in den letzten Jahren europaweit freigegeben – in Frank-
reich, England oder Spanien. In Deutschland und der Schweiz dagegen will man von derlei Akten nichts wissen. Das Problem der eidgenössischen Behörden: Viele interne UFO-Dossiers wurden in den letzten Jahrzehnten verschlampt, verschludert oder vernichtet – aus Dummheit und Ignoranz!


















































