Cordans Maya-Notizen. Viele seiner Aufzeichnungen sind verschwunden.

sierten die Bloms regelrechte «Touristenfahrten» zu den Lakandonen, was ihm sauer aufstiess. «Ihr wollt dieses Volk doch nur ausbeuten», entfuhr es ihm erbost. Duby-Blom und er lieferten sich von da an erbitterte Grabenkämpfe.

Als Wolfgang Cordan einige archäologische Stücke ausstellen will, erreichen ihn anonyme Drohbriefe: «Pack Deine Ausstellung zusammen oder Du stirbst!» Am 8. Mai 1959 umstellen angeheuerte Pistolenschützen tagelang sein Haus, verwüsten sein Archiv und plündern, was ihnen wertvoll scheint. Cordan versteckt sich derweil auf dem Dachboden seines Freundes Weber, wie dieser später vor laufender Kamera bestätigte. Dann lässt der Forscher alles stehen und liegen – und flüchtet Hals über Kopf. Zufall, dass kurz zuvor in Tortuguero – ganz in Cordans Nähe! – die Schriftfragmente der einzigen bis heute erhaltenen 2012-Prophezeiung der Maya entdeckt wurden? Ob Cordan davon gewusst hat?

Als Drahtzieher der Attacken verdächtigte der Deutsche in seinen Werken später «einen örtlichen Archäologen» – womöglich den damaligen US-Jungspund Robert D. Bruce, mit dem er sich nach gemeinsamen Expeditionen zu den Lakandonen massiv in die Haare geraten war. Im Gegenzug bezichtigte ihn Bruce Jahrzehnte später der Grabräuberei. Deshalb hätten sich auch die «Judiciales Federals», die gefürchteten mexikanischen Regierungstruppen, an Cordans Fersen geheftet.

Hatte Robert D. Bruce, der enttäuschte Cordan-Verehrer, die «Pistoleros» selber aufgeboten? Vielleicht. Aber da war ja auch noch Gertrude Duby-Blom, die Cordan auf den Tod nicht Wolfgang Cordan (um 1955). Wie nahe kam ausstehen konnte. Die 1993 im hohen Alter von 92 Jahren verer dem Geheimnis der alten Maya wirklich?

storbene Pfarrerstochter hielt die Fäden im Städtchen zusammen wie niemand anderer. Forschende «Konkurrenten» weckten ihren Amazoneninstinkt. Oder, wie es das «Mannsweib» (Cordan) 1981 gegenüber Friedrich von Thun scharfzüngig formulierte: «Mich lässt Cordan kühl.

Er hat uns ja auch in Büchern angegriffen – ziemlich schäbig. Ich nehme diesen Mann nicht ernst. Er war brillant in vielerlei Beziehung. Aber, was er nicht beweisen konnte, hat er erfunden…»

Herzanfall und neue Lebensaufgabe: Die Entschlüsselung der Maya-Glyphen Anders sah das damals Cordans Freund José Weber aus Las Casas: «Als Archäologe war der Mann erfolgreich!» betonte der Privatlehrer vor laufender Kamera. «In einem Jahr etwa hat er zwei, drei Maya-Sprachen gelernt.» Wer also war daran interessiert, Cordan zu vertreiben? «Das sage ich nicht!» winkte Weber ab. «Leider weiss ich sehr viel darüber, nur bringt uns das auch nicht weiter, oder? Ich glaube, der Grund war Neid…»

In Mexico City angekommen erleidet Wolfgang Cordan einen Herzanfall – und nutzt die Gelegenheit, um sein neues Lebensziel zu formulieren: Die endgültige Entzifferung der geheimnisvollen Maya-Glyphen! Unterstützung erhält er von seinem Indio-Schützling und Freund Carlos Lampo. Unermüdlich arbeiten die Beiden an einem vergleichenden Wörterbuch der Maya-Sprache – an jener «grünen Datei», die nach Cordans Ableben unter mysteriösen Umständen von der Bildfläche verschwinden sollte.

Schaffte der 1962 ins mexikanische Merida (Yucatan) übersiedelte Forscher kurz vor seinem Tod das schier Unmögliche? Gelang es ihm, mit Unterstützung des damaligen Linguistikstudenten und späteren Universitätsprofessors Ramon Arzapalo, das Geheimnis der Maya-Glyphen endgültig zu lüften? Ja, glaubte zumindest ein ehemaliger Schüler von ihm, den Friedrich von Thun interviewen konnte: Rodolfo Ruz Menéndez (1925-2005). Damals noch an der Universitätsbibliothek von Merida tätig, erklärte er: «Ich bin der Meinung, dass Cordan tatsächlich den Weg fand, die Titelthema Ausgabe 4/11 Schrift der Maya zu entziffern. Gegen Ende seines Lebens hat er eine der drei erhaltenen Maya-Handschriften fast vollständig lesen können.»

Im Januar 1966 hielt sich der herzkranke Cordan in Chichicastenango im Hochland von Guatemala auf.

Voller Tatendrang, denn der deutsche Staat hatte ihm soeben 90’000 Mark als Kriegsentschädigung zugesprochen. Endlich keine finanzielle Not mehr! Gut gelaunt schmiedet der Querdenker neue Reisepläne. Kurze Zeit später ist Wolfgang Cordan tot. Man findet den 56-Jährigen am 29. Januar 1966 leblos in seinem Zimmer. Diagnose: Herzschlag! Herzschlag? TV-Journalist Friedrich von Thun wurde stutzig. Umso mehr, als Cordans Indiofreund Lampo wenige Monate später von seiner eigenen Sippe erschlagen wurde. Der Reporter: «Wir finden in Cordans Nachlass Stösse von Manuskripten und Notizen, die seine Hartnäckigkeit belegen, ja seine Besessenheit. Jede Hieroglyphe ist hier vermerkt, mit einer Nummer versehen, mit der phonetischen Leseweise daneben oder den verschiedenen Möglichkeiten der Übersetzung.» Cordans Schlüsselarbeit über die Entzifferung der Maya-Glyphen jedoch blieb verschollen. «Man findet einige Notizen, nicht aber sein Hauptwerk.»

Wer Wolfgang Cordan in den Jahren vor seinem Tod besuchte, erlebte einen charismatischen Mann, der enthusiastisch über die Entzifferung der Maya-Glyphen referierte und jeden in seinen Bann zog. Darunter auch den deutschen Journalisten Wo liegen die Reste von Ernst von Khuon, wie Aufnahmen von 1964 belegen. Der alte Filmstreifen zeigt: Cor-Cordans Nachlass? dan strotzte damals nur so vor Elan, die Veröffentlichung seines Lebenswerk vor Augen. Obwohl ihn seine Neider längst umzingelt hatten. Darunter wohl auch so Wo liegt Wolfgang Cordans Nachlass mancher Indio, der um die uralten Geheimnisse seines Volkes fürchtete.

heute? Erst um 1978 landeten Teile Derlei Gedanken dürften auch TV-Journalist von Thun beschäftigt haben, als er davon – hauptsächlich literarische sich anfangs der 80er-Jahre mit noch lebenden Freunden des Maya-Forschers traf.

Skripte und Fotos – in Westberlin, «Leider hatte Cordan, als er nach Guatemala verreiste, seine wichtigen Unterlagen bei seiner Schwester. Ein weiterer bei sich», gab etwa sein Schüler Rodolfo Ruz Menéndez von der Universität in Meri-Teil ging zwischen 1958 und 1975 ins da zu Protokoll. «Soweit ich informiert bin, hat man nie etwas davon gefunden. Es ist Nederlands Letterkundig Museum möglich, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist. Aber es kann auch sein, dass nach Den Haag. Dort soll auch ein er getötet wurde. Ein Anhaltspunkt dafür wäre, dass seine wertvollsten Papiere und kleiner Rest seiner unzähligen Kar-Unterlagen nie aufgetaucht sind.» Denkbar, dass Cordan seine wichtigsten Notizen teikärtchen liegen, vermutlich nur «irgendwo versteckt» habe, ergänzte der von ihm inspirierte Professor William Brito die braunen – und nicht die ver- Sansores (Instituto Yucateco de Antropologia e Historia): «Meiner Meinung nach schwundenen grünen. Am 16. Januhatte er sein Manuskript immer bei sich. Vielleicht ist es doch in Guatemala gebliear 2001 verzeichnete das Museum ben. Entweder wurde es gestohlen, oder jemand bewahrt es bis heute auf…»

zudem den Eingang von «11 Schachteln mit neuem, bislang nicht kata- «Cordan war ebenso gut wie manch anerkannter Maya-Forscher» logisiertem Material», wie der Berli-Eine neuerliche Spurensuche könnte dennoch fruchtbar sein. «Cordan hätte in der ner Bibliothekar Manfred Herzer damaligen Pionierzeit durchaus zum kleinen Kreis seriöser Maya-Forscher zählen 2003 erfuhr. Deren Herkunft würde können», betont auf Anfrage von «mysteries» der deutsche Altamerikanistik-Expervom Museum «aus Datenschutzte Professor Berthold Riese. «Das geschah aber nicht. Weil sich die akademische gründen» verheimlicht.

Weiteres Welt hermetisch gegen Aussenseiter abschottete.» Es hätte damals in der Tat viele Material aus dem Archiv «Castrum Dilettanten auf diesem Gebiet gegeben, «die unmethodisch, ohne tiefere Sach-Peregrini», so Herzer, sei mittlerweikenntnisse und mit fantastischen Gedankengebilden an die schwierige Aufgabe der le ebenfalls dazu gekommen…

Maya-Schriftentzifferung» herangingen, so Riese. «Davor wollte sich die akademische Welt schützen und hat dabei auch Cordan ausgegrenzt. Wohl zu Unrecht, denn er war nicht schlechter als manch anerkannter Forscher seiner Zeit!»

Professor Riese ist in Maya-Fachkreisen alles andere als ein Unbekannter. In jahrelanger Fleissarbeit legte er an der Universität Bonn das «Biographische Archiv zur Anthropologie» an. Teile davon stehen mittlerweile in digitalisierter Form zur Verfügung. Die restlichen Originalpapiere liegen heute im Keller des Bonner Altamerikanistik-Instituts. Doch: Die «Akte Cordan» ist unter den Ordnern mittlerweile offensichtlich verschwunden, wie «mysteries» aus äusserst gut unterrichteter Quelle erfuhr. Nur ein weiterer kurioser Zufall?

Bald schreiben wir das viel diskutierte Maya-Jahr 2012. Wie hätte Wolfgang Cordan die Maya-Prophezeiung von Tortuguero wohl entziffert, die für den 21. Dezember 2012 laut neuster Übersetzung die «Inthronisierung eines übernatürlichen Wesens» prophezeit? Tauchen seine verschollenen Entzifferungskarten kurz vor dem Kalenderwechsel der Maya womöglich doch noch auf? Wird der akademische Fluch, der jahrzehntelang wie ein Damoklesschwert über Cordan hing, damit endlich gebrochen? Nur die Götter wissen es. Denn wie bereits Karlhans Kluncker 1982 in einer posthum publizierten Gedichtsammlung des deutschen Forschers festhielt: «Dass unersetzliche Fotografien, die Johannes Piron aus Berlin eingeschrieben an den Verlag schickte, verloren gingen, beweist, dass es in Sachen Cordan auch heute noch gelegentlich zu spuken scheint.»

vergessenen TV-Report (1981) – Abbildung 2
vergessenen TV-Report (1981) – Abbildung 3
vergessenen TV-Report (1981) – Abbildung 4