Sie setzen auf den Sieger und wetten gleichzeitig auf den Verlierer. Kaum eine Schaltstelle der Macht, an der die US-Investmentbank Goldman Sachs nicht sitzt und EinÁuss nimmt. Auch in Europa zieht der Finanzmoloch seine Fäden, bis in höchste Kreise.
Symbol der Macht. Der Messeturm in Frankfurt, in dem die US-Bank residiert.
s war wie immer: Goldman Sachs («GS») stand am Pranger, aber von der Bank war niemand zu sehen. Die «Goldmän- Ener» bleiben gerne im Hintergrund – insbesondere wenn sie sich für ihre dubiosen Geschäfte erklären müssten. So war denn auch am 24. Januar 2013 keiner der Finanzjongleure in Davos, um den «Public Eye Award» in Empfang zu nehmen.
Seit Jahren verleihen Greenpeace und die globalisierungskritische Schweizer Organisation «Erklärung von Bern» diesen Schmähpreis an besonders skrupellose Firmen. 2013 liess die Jury die fragwürdige Ehre dem New Yorker Geldhaus zukommen.
Begründung: «Goldman Sachs liebt Finanzblasen. Ob Hypotheken-, Banken- oder Euro-Pleite, fast an jeder grösseren Krise verdient Goldman Sachs kräftig mit. Dabei schreckt die Bank auch nicht vor Geschäften zurück, die ganze Staaten in den Ruin stürzen.» So sei «GS» der «Vampir des Finanzkapitals».
zu ähnlich drastischem Vokabular griffen im Herbst 2012 die französischen Filmemacher Jérôme Fritel und Marc Roche in ihrer Aufsehen erregenden Dokumentation «Goldman Sachs – eine Bank dirigiert die Welt» – unter anderem ausgestrahlt vom TV-Sender «arte»: «Krake», «Sekte», «Ratte», «Raubtier», «Staat im Staat» titulierten sie den Finanzmoloch. Doch die Journalisten blieben nicht polemisch. Stattdessen schufen sie ein ungewöhnlich sauber recherchiertes und erschreckendes Portrait des US-Finanzhauses. Sie deckten auf, wie sich «GS» heimlich anschickt, die Weltherrschaft zu übernehmen – ohne Skrupel und Hemmungen, dafür mit milliardenschwerem Gewinn.
Millionen für Facebook Bis ins Detail verdeutlichten die TV-Reporter, wie die Investmentbank ihre eigenen Kunden – Staaten, Grosskonzerne und kleinere Geldinstitute – betrügt, um selber dicke Geschäfte machen zu können. Und sie zeigten, wie wehrlos die scheinbar Mächtigen dieser Welt gegen die Finanzjongleure offensichtlich sind. «Bis heute hat es noch keine Regierung gewagt, sich diesem Finanzimperium entgegenzustellen, das die Geschicke der Welt lenkt», resümieren die Doku-Macher. «Goldman Sachs hat der Welt ihr Modell und ihr Personal aufgezwungen.»
Auch in das «Facebook»-Netzwerk investierte die Bank 2011 satte 450 Millionen Dollar. Frei nach dem Motto: Alles ist käuflich, selbst private Fotos, Status- und Kontaktdaten. Hauptsache, es lassen sich damit Moneten verdienen.
Mark Carney: Bilderberg-Freund «Dass Mark Carney neuer Chef der Bank von England wird, bedeutet, dass der Bilderberg-Teilnehmer von 2012 die Dominanz von Goldman über die grössten europäischen Volkswirtschaften komplettiert. Wir haben im April 2012 im Internet vorausgesagt, dass er dafür angeworben würde. Carney war 13 Jahre bei Goldman und in die russische Finanzkrise 1998 involviert, die dadurch verschlimmert wurde, dass Goldman das Land beriet und gleichzeitig darauf wettete, dass Russland nicht in der Lage sein würde, seine Schulden zu bezahlen.» Paul Watson, US-Journalist Im Auftrag Gottes? Goldman-Boss Lloyd C. Blankfein scheffelt Millionen und sieht sich im Dienst einer höheren Macht.
Das undurchsichtige Geldhaus gilt als mächtigste Bank der Welt und streicht bei einem Umsatz von mittlerweile über 28,8 Milliarden einen Jahresgewinn von mehr als 4,4 Milliarden US-Dollar ein. «GS» hat 33’000 Angestellte und mit Lloyd C. Blankfein einen Chef, der sich gerne mal als «Herr der Welt» bezeichnet, mit Gott vergleicht und pro Jahr rund 20 Millionen Dollar verdient. Seine «Finanzkrake» kann sich selbst den Luxus leisten, an ihrem Hauptsitz, einem Wolkenkratzer in New York, nicht einmal ein Firmenschild zu zeigen.
Gegründet wurde Goldman Sachs 1869 vom deutsch-jüdischen Auswanderer Marcus Goldman in New York, zunächst als «M. Goldman & Company». 1882 trat dann Goldmans Schwiegersohn Samuel Sachs, ErÀnder des Aktienhandels, dem Unternehmen bei. 1885 band Goldman seinen Sohn Henry und seinen Schwiegersohn Ludwig Dreyfuss in das Unternehmen ein. Geschäftstüchtig spezialisierte man sich bald auf den Handel mit Wertpapieren und später das Abwickeln von Börsengängen. 1956 organisierte Goldman Sachs den Start der «Ford Motor Company AG» – einer der grössten Börsengänge jener zeit und wohl eine der Initialzündungen für «GS»’ Aufstieg zum weltweiten Finanzmoloch.
Das Geldimperium verfügt heute über ein enormes internationales Netzwerk und sitzt in nahezu allen Schlüsselpositionen der Weltpolitik. Der aktuelle Chef von Goldman Sachs Deutschland, Alexander Dibelius, amtet gleichzeitig als enger Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Gleich mehrere «Goldmänner» Áüstern der US-Regierung ihre Parolen ein und selbst Staatschefs stammen aus dem Geldhaus – etwa der aktuelle italienische Premierminister Mario Monti ebenso wie dessen Vorvorgänger Romano Prodi.
In den wichtigsten Geldhäusern der Welt thronen ebenfalls ehemalige «GS»-Chefs in Führungspositionen. Neuster Coup: Ab Juli 2013 wird die bedeutende Bank of England (BoE) von Mark Carney geleitet, vorher war er Direktor bei Goldman Sachs. So steht demnächst neben der Europäischen zentralbank (EzB) mit Mario Draghi eine weitere wichtige Notenbank unter Kontrolle des «Goldman-Clans». Und die dritte, die «Fed» in New York, wird seit Jahren von Ben Bernanke dirigiert – einem alten Weggefährten und Freund von «GS»-Boss Blankfein.
Die «Goldmänner» Àndet man überall dort, wo Wichtiges entschieden wird: In Finanzministerien, beim Internationalen Währungsfonds, bei der Bank für Internationalen zahlungsausgleich, bei den Bilderbergern, in Aufsichtsräten und Lobbyorganisationen. «Goldman Sachs ist die Geldmaschinerie schlechthin mit einem undurchsichtigen, weltweit einzigartigen Netz an Verbündeten in höchsten Positionen», konstatiert denn auch Greenpeace anlässlich des «Public Eye Award»: Die Manager von Goldman seien «Meister der Drehtüre – durch den Wechsel in politische und öffentliche Ämter sichern sie der Bank die Geschäfte von morgen».
Keine Regierung würde es wagen, sich gegen Goldman Sachs zu stellen.
Greg Smith. Der frühere Goldman-Angestellte bringt seinen früheren Arbeitgeber in Erklärungsnot.
Steuerzahler sowie der einfachen Bevölkerung brav seine Schulden bezahlt. Und das sind in erster Linie jene masslos überteuerten Kredite von «GS». Denn die Bank hatte die griechische Staatsführung über Jahre hinweg «beraten», ihr beim Tricksen gegenüber der EU geholfen und dem Land gleichzeitig Milliarden von Euro geliehen.
Goldman Sachs habe «zwischen 1998 und 2009 mit Buchungstricks die Hälfte von Griechenlands Staatsschulden gegen horrende Honorare versteckt», kritisieren auch Greenpeace und die «Erklärung von Bern». «Die Finanzkonstrukte trieben Griechenland schliesslich in den Ruin und die EU in eine Ànanzielle Krise, die noch immer andauert und deren Ende nicht abzusehen ist.» Währenddessen kassieren die Banker gleich doppelt ab. Und einer der Auslöser der weltweiten Finanzkrise wird auf diese Weise zu einem ihrer grössten ProÀteure. Frei nach dem Motto: «Am Ende gewinnt immer die Bank.»
«Die dunkle Macht in der Welt der Finanzen» In der einstündigen «arte»-Dokumentation kommen zahlreiche frühere Angestellte von Goldman Sachs zu Wort, ebenso wie EU-Parlamentarier, Wirtschaftsprofessoren und Bankenkenner. Alle sind sich einig: Goldman Sachs sei längst ein «Staat im Staat», die «dunkle Macht in der Welt der Finanzen».
Für Furore sorgt zurzeit auch das Buch von Greg Smith: «Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab». Der USamerikanische Autor hatte jahrelang als leitender Angestellter in der New Yorker zentrale des Bankhauses gearbeitet und dessen Methoden irgendwann nicht mehr ausgehalten. Sein Werk Milliarden-Poker um Rohstoffe Bei der Preisverleihung des «Public Eye Award» betonten die Wirtschaftskritiker 2013 eine weitere Schandtat von Goldman Sachs: Das Geldhaus sei auch ein «wichtiger Player im Rohstoff-Casino». Die Bank habe diesen Markt als weitere Geldquelle entdeckt und destabilisiere mit ihren Spekulationen die weltweiten Rohstoff- und Lebensmittelpreise. Wenn die Preise für Nahrungsmittel demnächst ähnlich wie 2008 alle Rekorde brechen, würden «Millionen Menschen in Hunger und Elend gestürzt».
Diese unglaubliche Strippenzieherei führt zu ebenso grotesken wie unmoralischen Konstellationen: So entschied im Jahre 2008 der damalige US-Finanzminister Henry Paulson, den Hauptkonkurrenten von «GS», die Investmentbank «Lehmann Brothers», pleitegehen zu lassen. Wenig später rettete er dagegen mit Milliarden von Steuergeldern den Versicherungskonzern AIG. Brisanter Hintergrund: AIG stand bei Goldman Sachs tief in der Kreide – und Paulson war vor seiner zeit als Minister jahrelang Manager und Anteilseigner von Goldman Sachs.
Derzeit treiben die US-Banker ihr mieses Spiel vor allem im krisengeschüttelten Europa: Mit Mario Draghi konnte das Geldhaus, wie erwähnt, einen langjährigen hochrangigen Mitarbeiter als Präsidenten der EzB platzieren. Hier sorgt der Italiener nun dafür, dass Griechenland nicht pleitegeht und auf Kosten der Demonstration gegen Goldman Sachs in New York (2011).
Mario Draghi. Als EZB-Präsident will der Italiener den Euro retten – zur Freude seines früheren Arbeitgebers Goldman Sachs.
stürmt weltweit die Bestsellerlisten und ist «das Buch, das Goldman Sachs ärgert», wie selbst «Der Spiegel» frohlockt.
Greg Smith hatte für Aufsehen gesorgt, als er im Frühjahr 2012 seinen Ausstieg bei Goldman per Kolumne in der «New York Times» publik machte und seine Kündigung mit den zunehmend verwerflichen Geschäftspraktiken des Geldhauses begründete. So schrieb er damals, «GS» bereichere sich auf Kosten der eigenen Kunden und sei nur noch am eigenen ProÀt interessiert – koste es, was es wolle.
In seinem Sachbuch ergänzt der Ex-Banker seine Vorwürfe: Er zeigt auf, dass das Finanzhaus seit einigen Jahren seinen zumindest anfänglichen moralischen Kodex komplett aufgegeben hat.
So habe «GS» sogar mit Schurkenstaaten wie GaddaÀs Libyen fragwürdige Geschäfte gemacht. Der Finanzmoloch spiele mit Geld und wette auf alles, Hauptsache es ist ein dicker Gewinn in Aussicht. Jüngstes Beispiel: In den USA beteiligt sich «GS» sogar an Wetten zu den Erfolgsaussichten und Resozialisierungschancen frisch entlassener Häftlinge.
Für den «Ex-Goldmann» tragen die Grossbanken denn auch die Hauptschuld am derzeitigen Finanzdesaster: Anfang des neuen Jahrtausends seien an der Wall Street komplexe Finanzprodukte («Derivate») entwickelt worden, «um europäischen Regierungen wie Griechenland und Italien zu helfen, ihre Schulden zu verstecken und ihren Haushalt gesünder aussehen zu lassen, als er wirklich war», schreibt Smith: «Diese Deals generierten für die Banken Hunderte von Millionen Dollar an Gebühren, aber letzten Endes halfen sie diesen Ländern nur, ihre Probleme vor sich herzuschieben.» Mit ähnlich fragwürdigen «Dienstleistungen» hätten sich Goldman & Co. auch auf Kosten von Gemeinden, Rentenkassen und Kommunen bereichert.
Während der «arte»-Doku über Goldman schluckt der zuschauer spätestens dann leer, wenn mit Simon Johnson ein früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds zum Ende des Films ein wahrhaft erschreckendes Fazit zieht: «Goldman Sachs ist Teil eines Systems, das sehr schlecht ist – für Amerika, die Demokratie und für die Weltwirtschaft», mahnt der Wirtschaftswissenschaftler mit ernstem Gesichtsausdruck in die Kamera.
«Wir brauchen keine Banken dieser Grössenordnung, wir sollten sie zerschlagen!»
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