Sie setzen auf den Sieger und wetten gleichzeitig auf den Verlierer. Kaum eine Schaltstelle der Macht, an der die US-Investmentbank Goldman Sachs nicht sitzt und EinÁuss nimmt. Auch in Europa zieht der Finanzmoloch seine Fäden, bis in höchste Kreise.

Symbol der Macht. Der Messeturm in Frankfurt, in dem die US-Bank residiert.

s war wie immer: Goldman Sachs («GS») stand am Pranger, aber von der Bank war niemand zu sehen. Die «Goldmän- Ener» bleiben gerne im Hintergrund – insbesondere wenn sie sich für ihre dubiosen Geschäfte erklären müssten. So war denn auch am 24. Januar 2013 keiner der Finanzjongleure in Davos, um den «Public Eye Award» in Empfang zu nehmen.

Seit Jahren verleihen Greenpeace und die globalisierungskritische Schweizer Organisation «Erklärung von Bern» diesen Schmähpreis an besonders skrupellose Firmen. 2013 liess die Jury die fragwürdige Ehre dem New Yorker Geldhaus zukommen.

Begründung: «Goldman Sachs liebt Finanzblasen. Ob Hypotheken-, Banken- oder Euro-Pleite, fast an jeder grösseren Krise verdient Goldman Sachs kräftig mit. Dabei schreckt die Bank auch nicht vor Geschäften zurück, die ganze Staaten in den Ruin stürzen.» So sei «GS» der «Vampir des Finanzkapitals».

zu ähnlich drastischem Vokabular griffen im Herbst 2012 die französischen Filmemacher Jérôme Fritel und Marc Roche in ihrer Aufsehen erregenden Dokumentation «Goldman Sachs – eine Bank dirigiert die Welt» – unter anderem ausgestrahlt vom TV-Sender «arte»: «Krake», «Sekte», «Ratte», «Raubtier», «Staat im Staat» titulierten sie den Finanzmoloch. Doch die Journalisten blieben nicht polemisch. Stattdessen schufen sie ein ungewöhnlich sauber recherchiertes und erschreckendes Portrait des US-Finanzhauses. Sie deckten auf, wie sich «GS» heimlich anschickt, die Weltherrschaft zu übernehmen – ohne Skrupel und Hemmungen, dafür mit milliardenschwerem Gewinn.

Millionen für Facebook Bis ins Detail verdeutlichten die TV-Reporter, wie die Investmentbank ihre eigenen Kunden – Staaten, Grosskonzerne und kleinere Geldinstitute – betrügt, um selber dicke Geschäfte machen zu können. Und sie zeigten, wie wehrlos die scheinbar Mächtigen dieser Welt gegen die Finanzjongleure offensichtlich sind. «Bis heute hat es noch keine Regierung gewagt, sich diesem Finanzimperium entgegenzustellen, das die Geschicke der Welt lenkt», resümieren die Doku-Macher. «Goldman Sachs hat der Welt ihr Modell und ihr Personal aufgezwungen.»

Auch in das «Facebook»-Netzwerk investierte die Bank 2011 satte 450 Millionen Dollar. Frei nach dem Motto: Alles ist käuflich, selbst private Fotos, Status- und Kontaktdaten. Hauptsache, es lassen sich damit Moneten verdienen.

Mark Carney: Bilderberg-Freund «Dass Mark Carney neuer Chef der Bank von England wird, bedeutet, dass der Bilderberg-Teilnehmer von 2012 die Dominanz von Goldman über die grössten europäischen Volkswirtschaften komplettiert. Wir haben im April 2012 im Internet vorausgesagt, dass er dafür angeworben würde. Carney war 13 Jahre bei Goldman und in die russische Finanzkrise 1998 involviert, die dadurch verschlimmert wurde, dass Goldman das Land beriet und gleichzeitig darauf wettete, dass Russland nicht in der Lage sein würde, seine Schulden zu bezahlen.» Paul Watson, US-Journalist Im Auftrag Gottes? Goldman-Boss Lloyd C. Blankfein scheffelt Millionen und sieht sich im Dienst einer höheren Macht.

Das undurchsichtige Geldhaus gilt als mächtigste Bank der Welt und streicht bei einem Umsatz von mittlerweile über 28,8 Milliarden einen Jahresgewinn von mehr als 4,4 Milliarden US-Dollar ein. «GS» hat 33’000 Angestellte und mit Lloyd C. Blankfein einen Chef, der sich gerne mal als «Herr der Welt» bezeichnet, mit Gott vergleicht und pro Jahr rund 20 Millionen Dollar verdient. Seine «Finanzkrake» kann sich selbst den Luxus leisten, an ihrem Hauptsitz, einem Wolkenkratzer in New York, nicht einmal ein Firmenschild zu zeigen.

Gegründet wurde Goldman Sachs 1869 vom deutsch-jüdischen Auswanderer Marcus Goldman in New York, zunächst als «M. Goldman & Company». 1882 trat dann Goldmans Schwiegersohn Samuel Sachs, ErÀnder des Aktienhandels, dem Unternehmen bei. 1885 band Goldman seinen Sohn Henry und seinen Schwiegersohn Ludwig Dreyfuss in das Unternehmen ein. Geschäftstüchtig spezialisierte man sich bald auf den Handel mit Wertpapieren und später das Abwickeln von Börsengängen. 1956 organisierte Goldman Sachs den Start der «Ford Motor Company AG» – einer der grössten Börsengänge jener zeit und wohl eine der Initialzündungen für «GS»’ Aufstieg zum weltweiten Finanzmoloch.

Das Geldimperium verfügt heute über ein enormes internationales Netzwerk und sitzt in nahezu allen Schlüsselpositionen der Weltpolitik. Der aktuelle Chef von Goldman Sachs Deutschland, Alexander Dibelius, amtet gleichzeitig als enger Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Gleich mehrere «Goldmänner» Áüstern der US-Regierung ihre Parolen ein und selbst Staatschefs stammen aus dem Geldhaus – etwa der aktuelle italienische Premierminister Mario Monti ebenso wie dessen Vorvorgänger Romano Prodi.

In den wichtigsten Geldhäusern der Welt thronen ebenfalls ehemalige «GS»-Chefs in Führungspositionen. Neuster Coup: Ab Juli 2013 wird die bedeutende Bank of England (BoE) von Mark Carney geleitet, vorher war er Direktor bei Goldman Sachs. So steht demnächst neben der Europäischen zentralbank (EzB) mit Mario Draghi eine weitere wichtige Notenbank unter Kontrolle des «Goldman-Clans». Und die dritte, die «Fed» in New York, wird seit Jahren von Ben Bernanke dirigiert – einem alten Weggefährten und Freund von «GS»-Boss Blankfein.

Die «Goldmänner» Àndet man überall dort, wo Wichtiges entschieden wird: In Finanzministerien, beim Internationalen Währungsfonds, bei der Bank für Internationalen zahlungsausgleich, bei den Bilderbergern, in Aufsichtsräten und Lobbyorganisationen. «Goldman Sachs ist die Geldmaschinerie schlechthin mit einem undurchsichtigen, weltweit einzigartigen Netz an Verbündeten in höchsten Positionen», konstatiert denn auch Greenpeace anlässlich des «Public Eye Award»: Die Manager von Goldman seien «Meister der Drehtüre – durch den Wechsel in politische und öffentliche Ämter sichern sie der Bank die Geschäfte von morgen».

Keine Regierung würde es wagen, sich gegen Goldman Sachs zu stellen.

Greg Smith. Der frühere Goldman-Angestellte bringt seinen früheren Arbeitgeber in Erklärungsnot.

Steuerzahler sowie der einfachen Bevölkerung brav seine Schulden bezahlt. Und das sind in erster Linie jene masslos überteuerten Kredite von «GS». Denn die Bank hatte die griechische Staatsführung über Jahre hinweg «beraten», ihr beim Tricksen gegenüber der EU geholfen und dem Land gleichzeitig Milliarden von Euro geliehen.

Goldman Sachs habe «zwischen 1998 und 2009 mit Buchungstricks die Hälfte von Griechenlands Staatsschulden gegen horrende Honorare versteckt», kritisieren auch Greenpeace und die «Erklärung von Bern». «Die Finanzkonstrukte trieben Griechenland schliesslich in den Ruin und die EU in eine Ànanzielle Krise, die noch immer andauert und deren Ende nicht abzusehen ist.» Währenddessen kassieren die Banker gleich doppelt ab. Und einer der Auslöser der weltweiten Finanzkrise wird auf diese Weise zu einem ihrer grössten ProÀteure. Frei nach dem Motto: «Am Ende gewinnt immer die Bank.»

«Die dunkle Macht in der Welt der Finanzen» In der einstündigen «arte»-Dokumentation kommen zahlreiche frühere Angestellte von Goldman Sachs zu Wort, ebenso wie EU-Parlamentarier, Wirtschaftsprofessoren und Bankenkenner. Alle sind sich einig: Goldman Sachs sei längst ein «Staat im Staat», die «dunkle Macht in der Welt der Finanzen».

Für Furore sorgt zurzeit auch das Buch von Greg Smith: «Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab». Der USamerikanische Autor hatte jahrelang als leitender Angestellter in der New Yorker zentrale des Bankhauses gearbeitet und dessen Methoden irgendwann nicht mehr ausgehalten. Sein Werk Milliarden-Poker um Rohstoffe Bei der Preisverleihung des «Public Eye Award» betonten die Wirtschaftskritiker 2013 eine weitere Schandtat von Goldman Sachs: Das Geldhaus sei auch ein «wichtiger Player im Rohstoff-Casino». Die Bank habe diesen Markt als weitere Geldquelle entdeckt und destabilisiere mit ihren Spekulationen die weltweiten Rohstoff- und Lebensmittelpreise. Wenn die Preise für Nahrungsmittel demnächst ähnlich wie 2008 alle Rekorde brechen, würden «Millionen Menschen in Hunger und Elend gestürzt».

Diese unglaubliche Strippenzieherei führt zu ebenso grotesken wie unmoralischen Konstellationen: So entschied im Jahre 2008 der damalige US-Finanzminister Henry Paulson, den Hauptkonkurrenten von «GS», die Investmentbank «Lehmann Brothers», pleitegehen zu lassen. Wenig später rettete er dagegen mit Milliarden von Steuergeldern den Versicherungskonzern AIG. Brisanter Hintergrund: AIG stand bei Goldman Sachs tief in der Kreide – und Paulson war vor seiner zeit als Minister jahrelang Manager und Anteilseigner von Goldman Sachs.

Derzeit treiben die US-Banker ihr mieses Spiel vor allem im krisengeschüttelten Europa: Mit Mario Draghi konnte das Geldhaus, wie erwähnt, einen langjährigen hochrangigen Mitarbeiter als Präsidenten der EzB platzieren. Hier sorgt der Italiener nun dafür, dass Griechenland nicht pleitegeht und auf Kosten der Demonstration gegen Goldman Sachs in New York (2011).

Mario Draghi. Als EZB-Präsident will der Italiener den Euro retten – zur Freude seines früheren Arbeitgebers Goldman Sachs.

stürmt weltweit die Bestsellerlisten und ist «das Buch, das Goldman Sachs ärgert», wie selbst «Der Spiegel» frohlockt.

Greg Smith hatte für Aufsehen gesorgt, als er im Frühjahr 2012 seinen Ausstieg bei Goldman per Kolumne in der «New York Times» publik machte und seine Kündigung mit den zunehmend verwerflichen Geschäftspraktiken des Geldhauses begründete. So schrieb er damals, «GS» bereichere sich auf Kosten der eigenen Kunden und sei nur noch am eigenen ProÀt interessiert – koste es, was es wolle.

In seinem Sachbuch ergänzt der Ex-Banker seine Vorwürfe: Er zeigt auf, dass das Finanzhaus seit einigen Jahren seinen zumindest anfänglichen moralischen Kodex komplett aufgegeben hat.

So habe «GS» sogar mit Schurkenstaaten wie GaddaÀs Libyen fragwürdige Geschäfte gemacht. Der Finanzmoloch spiele mit Geld und wette auf alles, Hauptsache es ist ein dicker Gewinn in Aussicht. Jüngstes Beispiel: In den USA beteiligt sich «GS» sogar an Wetten zu den Erfolgsaussichten und Resozialisierungschancen frisch entlassener Häftlinge.

Für den «Ex-Goldmann» tragen die Grossbanken denn auch die Hauptschuld am derzeitigen Finanzdesaster: Anfang des neuen Jahrtausends seien an der Wall Street komplexe Finanzprodukte («Derivate») entwickelt worden, «um europäischen Regierungen wie Griechenland und Italien zu helfen, ihre Schulden zu verstecken und ihren Haushalt gesünder aussehen zu lassen, als er wirklich war», schreibt Smith: «Diese Deals generierten für die Banken Hunderte von Millionen Dollar an Gebühren, aber letzten Endes halfen sie diesen Ländern nur, ihre Probleme vor sich herzuschieben.» Mit ähnlich fragwürdigen «Dienstleistungen» hätten sich Goldman & Co. auch auf Kosten von Gemeinden, Rentenkassen und Kommunen bereichert.

Während der «arte»-Doku über Goldman schluckt der zuschauer spätestens dann leer, wenn mit Simon Johnson ein früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds zum Ende des Films ein wahrhaft erschreckendes Fazit zieht: «Goldman Sachs ist Teil eines Systems, das sehr schlecht ist – für Amerika, die Demokratie und für die Weltwirtschaft», mahnt der Wirtschaftswissenschaftler mit ernstem Gesichtsausdruck in die Kamera.

«Wir brauchen keine Banken dieser Grössenordnung, wir sollten sie zerschlagen!»

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Wer durch die 16 Jahresbände der «Neuen Bild-Zeitung» in der Staatsbibliothek Berlin blättert, entdeckt unzählige kuriose Meldungen. Anbei ein paar Schnipsel zum Schmunzeln und Kopfschütteln, die dokumentieren, wie schnell sich der Zeitgeist ändern kann.

Grenzüberschreitende Giftelei. Auch CDU-Bundespostminister Ernst Lemmer (rechts) bekam in der NBz sein Fett weg (Nr.

7, Juni 1957) – ebenso seine westdeutsche Partei, die mit dem tödlichen Gift E605 gleichgesetzt wurde (Bild unten).

Proletische Prahlerei. Wenn man der NBz glauben will, wurde das Blatt in der BRD anfänglich bis in höchste Politkreise gelesen. So titelte die Redaktion in ihrer Nr. 13 im August ihres Gründungsjahres 1957: «Kanzler liest NBz». Durchaus möglich, dass sich Adenauer die Gazette zu Gemüte führte. Ebenso wie Angela Merkel heute wohl die «BILD» liest, um deren Lügenstories mit tapferem Lächeln zur Kenntnis zu nehmen.

48 Ausgabe 2/2013 Go Trabi, go! Immer wieder beschwor die «Stasi-BILD» die technologische Überlegenheit des Ostens. Entsprechend stolz verkündete sie im Juli 1967 den Sieg ihrer Fahrzeuge bei der Rallye-Europameisterschaft in der DDR. Frei nach dem Motto: Besser ein Wartburg als ein Porsche.

Anglerlatein aus dem Polit-Büro. In der DDR war gemäss NBz alles besser und grösser – selbst die Fische. So wuchsen Hechte hier schon mal auf 2,30 Meter Länge und ein Gewicht von 46 Kilo heran, wie die Schreiberlinge im Juni 1964 (Nr. 21) berichteten. Angler und Biologen wissen: Bis heute haben selbst Rekordexemplare dieses Süsswasser-Räubers europaweit maximal 1,6 Meter und rund 25 Kilo erreicht. Merke: Wenn Anglerlatein und Politpropaganda sich in seichtem Gewässer tummeln, wachsen tolle Hechte scheinbar ins Unermessliche.

Propaganda gegen Pilzköpfe: «So auszusehen wie die, ist kein Kunststück: Man stülpe sich eine irre Perücke aufs Haupt und schaue blöd drein», lästerte die NBz (Nr. 15) im April 1967 über die Beatles und liess damit tief in die verstaubten Vorstellungen des SED-Apparates blicken. Wie ein guter ostdeutscher Heranwachsender auszusehen hatte, wurde selbstverständlich ebenfalls illustriert (unten).

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ben. 1999 meldeten Zeitungen dann: «Dantes Asche in Florenz wiedergefunden»! Angestellte der Nationalbibliothek hatten den «Dichterstaub» zufällig beim Aufräumen in einem Bücherregal entdeckt – in einer unscheinbaren Tüte zwischen alten Handschriften. «Dante ist seit 678 Jahren tot, aber die Komödie geht weiter», spottete die Tageszeitung «La Repubblica».

Wissenschaftler getäuscht: Totenasche war Holzstaub Laut Experte Glunk beinhaltet der Beutel jedoch keine Überreste von Dante. 1865, als man zum ersten Mal die wieder entdeckte Kiste mit den Gebeinen des Gelehrten erkundete, habe der Holzbehälter auf einem Teppich gestanden. «Nach der Untersuchung sammelte der anwesende Bildhauer Enrico Pazzi ehrfürchtig die Holzstaubreste zusammen, die auf dem Teppich zurückgeblieben waren, in der Überzeugung, es handle sich dabei um Knochenpartikel des Verstorbenen.»

Mit Sicherheit wird es Dan Brown meisterhaft verstehen, Dantes geheimnisvolles Universum fantasievoll auszuschmü- Luzifer in altem Dante-Manuskript: Der Teufel quält die «Verräter» Judas, Brutus und Cassius.

Geheimnisvolles Florenz: Durch die Stadt führt ein uralter Geheimgang.

cken. Man denke nur an die mächtige Florentiner Familie der Medici, die sogar einen Papst stellte und ein ganzes Netzwerk von Geheimgängen installierte. Einer davon erstreckt sich über einen Kilometer – mitten durch Florenz.

Nicht alle sind indes glücklich über Browns Themenwahl. So mahnen einige Literaturwissenschaftler bereits, der US-Multimilliardär möge Dante doch bitte nicht ähnlich viele Halbwahrheiten andichten wie den historischen Persönlichkeiten in seinen vorherigen Romanen.

Die deutsche Dante-Gesellschaft dagegen bleibt im Hinblick auf den Veröffentlichungstermin des neuen Romans im Mai gelassen: «Dass Dante nach nun bald 700 Jahren immer noch die Fantasie der Menschen anregt, zeigt für mich eher die Grösse seines Schaffens», betont ihr Vorstand Winfried Wehle auf Anfrage von «mysteries». «Auch ein Dan Brown kann Dante nicht schaden.»

Redaktionelle Mitarbeit: Ruth Gremaud, Omar Gisler ■

Bis heute hält sich hartnäckig die Legende, dass eigentlich die Templer Amerika als Erste angesteuert hätten. Just diese Entdeckung könnte ebenfalls Thema des Romans sein. Und denkt man an die ofÀziellen «Wiederentdecker» Amerikas, Christoph Columbus und Amerigo Vespucci, scheint sich dieser Verdacht zu erhärten.

So stand Vespucci in den Diensten der Medicis, jenes übermächtigen Geschlechts aus Dantes Heimatstadt Florenz. Columbus wiederum soll zwar aus Genua stammen, stand aber im Dienste des spanischen Königshauses. Reiner Zufall, dass auch die iberische Halbinsel auf Fotos in Browns «Schnitzeljagd» auftaucht – etwa als Wappen des historisch Ein recht rätselhaftes Bild in Browns Galerie zeigt eine Skulptur mit einem Ei. Soll sie das legendäre «Ei des Kolumbus» darstellen? Auf diese Weise würde sich ein grosser Kreis schliessen. Denn die berühmte Legende ist vermutlich keine ErÀndung des Entdeckers. Alten Geschichten zufolge entstand diese Redensart vielmehr in Zusammenhang mit dem geschichtsträchtigen Dom von Florenz – ausgerechnet jenem Bauwerk also, das Browns grosse Roman-Ankündigung derzeit medienwirksam ziert.

Gemäss der wohl bekannteren Anekdote wurde Kolumbus nach seiner Rückkehr aus Amerika während eines Essens vorgehalten, es sei doch leicht gewesen, die «Neue Welt» zu entdecken – das hätten auch andere schaffen können. Daraufhin verlangt der Seefahrer von den Anwesenden, ein gekochtes Ei auf dessen Spitze zu stellen.

Keinem gelingt dies. Der Seefahrer Ausgabe 2/2013 19 bedeutenden Toledo?

Browns Bilderrätsel: Diese Ei-Skulptur publizierte der Autor im Internet.

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Opulente Inszenierung: Szene aus dem umstrittenen Kinofilm «König Ludwig II.». (Fotos: Warner Bros./zVg.)

Wird hier etwas vertuscht? Um das neuste Leinwandepos «König Ludwig II.» ist ein heftiger Streit entbrannt. Der Geheimbund der Guglmänner, der sich seit Jahren für die Rehabilitation des Monarchen einsetzt, erhebt deftige Manipulationsvorwürfe gegen die Produzenten des Filmes: Das neue Leindwandepos halte bewusst die Wahrheit zurück, so die Kritik.

Lange war nichts mehr zu hören von den Guglmännern, dem kuriosen Geheimbund aus Bayern. Doch nun haben sich die anonymen Kapuzenträger (rechts unten) zurück gemeldet.

Mit einer wütenden Mitteilung anlässlich der deutschen Filmproduktion «König Ludwig II.».

Am Anfang der Stellungnahme Ànden die stets nur maskiert Auftretenden noch versöhnliche Worte. «König Ludwig II.» sei an sich kein schlechter Streifen, aber die ausgesprochen gute Leistung der Schauspieler werde durch das Ende des Films zunichte gemacht, so der Geheimbund im Internet. «Im zweiten Teil (…), der Alter und Tod des Monarchen beleuchtet, verfällt die Geschichte wieder in die uralten Lügenklischees», kritisiert der Kapuzen-Club. «Ludwig hätte sich nicht mehr um den Staat gekümmert – Hunderte von Signaten noch aus den letzten Lebenstagen beweisen das Gegenteil. Er hätte Gudden (Ludwigs Leibarzt, Anm. d. Red.) getötet und dann den Freitod im See gesucht.»

Die Guglmänner vertreten dagegen nach jahrelanger Spurensuche die Meinung, dass der König hinterhältig ermordet wurde, von politischen Gegnern aus der eigenen Familie. Man werde deshalb den Verdacht nicht los, dass «EinÁuss auf die Regie Umstrittener «Märchenkönig».Schauspieler Sebastian Schippe als König Ludwig II. im gleichnamigen Kinofilm.

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senschaftlichen Analysen zur NBz und resümieren: Die zeitung diente «sowohl der Propaganda als auch der Nachrichtengewinnung». Sprich: Sie war ein nachrichtendienstliches Mittel, ein Agenten-Machwerk unter journalistischem Deckmantel.

Im Westen die Hölle, im Osten das Paradies?

Ihrem Auftrag gemäss hatte die NBz von Anfang an in nahezu allen ihrer Artikel einen durchgehenden Grundtenor, wie «mysteries» beim Sichten der insgesamt 16 Jahresbände bestätigt fand: Hier der gute Osten mit seinen grossartigen Lebensumständen und beeindruckenden technologischen Errungenschaften – dort der böse Westen voller Alt-Nazis, Ausbeutung, Verbrechen und sozialer Ungerechtigkeit. Entsprechend tendenziös waren die Artikel in den 60er-Jahren betitelt: «500’000 Obdachlose leben in westdeutschen Slums», hiess es da etwa. Oder: «Der Mob tobt in West-Berlin». Oder: «Bundeswehr im Griff der NPD». Selbst gegen die «BILD»-zeitung schossen die DDR-Schreiberlinge: «Springer kann Krieg kaum erwarten», ätzten sie unter anderem über ihre westdeutschen Kollegen.

Doch es gab auch Gutes im Westen, wie die «Stasi-BILD» gelegentlich festhalten musste. Lieblingskind war dabei die Kommunistische Partei Deutschland (KPD) mit ihrer Nachfolgepartei DKP. Trotz weitestgehender politischer Bedeutungslosigkeit in der Bundesrepublik erfuhren diese westdeutschen Genossen in der NBz stets ausführliche, wohlwollende Berichterstattung.

Boulevard-Propaganda. Das Titelblatt der NBZ-Erstausgabe im Mai 1957.

Ausgabe 2/2013 ie fetteste Schlagzeile machte sie Jahrzehnte nach ihrer letzten Ausgabe. Viele Geschichten und Themen der D«Neuen Bild-zeitung» (NBz) seien «ausgedacht» gewesen, lästerte die echte «BILD» im Sommer 2012 über das vergessene Plagiat aus dem Osten. Unfreiwillig bestätigte das Boulevardblatt damit, wie ähnlich die von 1957 bis 1973 erschienene SED-Imitation ihrem westdeutschen Vorbild war.

Auch wenn sich heute kaum jemand noch daran erinnern wird.

Tatsächlich hatten sich die ostdeutschen zeitungsmacher bei der Gestaltung ihrer Wochenzeitung bewusst eng am Original orientiert: Logo, Name, Aufmachung und Sprache – alles sollte die Leser an die echte «BILD» erinnern. Bereits die Erstausgabe der NBz im Mai 1957 wartete mit einer Titelstory in bester «Sex-and-Crime»-Manier auf: «War es Mord? Sekretärin tot in der Badewanne», hiess es in dicken Lettern auf der Titelseite. Involviert in das Verbrechen – so mutmassten die Journalisten – sei ein Westberliner Politiker, der diverse Sex-Affären habe und zudem in dubiose Machenschaften verwickelt sei.

Die NBz wurde ausschliesslich in den Westen versandt und an innerdeutschen Grenzübergängen ausgelegt. zum Preis von 10 Pfennig. Herausgeber war ofÀziell der «Nationalrat der Nationalen Front» – ein zusammenschluss aller Parteien und Massenorganisationen der DDR.

Aufgrund des Konzeptes und tendenziösen Inhalts darf jedoch davon ausgegangen werden, dass auch die Stasi kräftig am Blatt mitgewerkelt hatte.

Gemäss einer internen Anweisung aus dem Nationalrat im Jahre 1960 waren Auftrag und ziel der NBz: «1. Der Kampf gegen den deutschen Militarismus auf der Grundlage des Deutschlandplanes des Volkes. 2. Der Widerstand aller Schichten der westdeutschen Bevölkerung, vor allem jedoch der Arbeiter gegen die Atomkriegsgefahr, das Bonner Regime und die verräterische rechte SPD- und DGB-Führung. 3. Die Propagierung der Errungenschaften der DDR und des Wesens unserer sozialistischen Demokratie sowie die Stärke des sozialistischen Lagers.»

Gleichzeitig sollten die ostdeutschen Journalisten im Kontakt mit westdeutschen Lesern sowie Politikern und Kollegen spionieren, konstatieren die Historiker Jochen Staadt, Tobias Voigt und Stefan Wolle in ihrem Buch «Feind-Bild Springer. Ein Verlag und seine Gegner». Die Autoren liefern darin eine der raren wis- Klassische Boulevard-Elemente kamen zumindest in den Anfangsjahren der NBz ebenfalls nicht zu kurz: So zierten in den ersten Ausgaben regelmässig leicht bekleidete Pin-Up-Girls («Rank und schlank») die Seiten. Es gab Tratsch und Mode-Artikel, viel Sport und sogar einen Cartoon («Piff, der Hund»). Die Sprache war bewusst derb («Bomben-Boys bei Bardame Monika»), wirkte aber meist ziemlich bemüht. An die Machart des Originals reichte das SED-Pendant nur selten heran.

Nichtsdestotrotz gelang den ostdeutschen Boulevard-Journalisten durchaus auch die eine oder andere wirkliche Enthüllung: Mit grosser Leidenschaft und teils geradezu akribischer Beweisführung prangerten sie zu Recht die mangelhafte EntnaziÀzierung in der BRD an («‹Freundeskreis Himmler› kommandiert»).

Gefüttert mit teils russischen Geheimdiensterkenntnissen und Informationen aus alten NSDAP-Akten dokumentierte man die Nazi-Vergangenheit westlicher Politiker, darunter so hochrangiger Vertreter wie Bundeskanzler Konrad Adenauer («Adenauer jagte Juden») oder Bundespräsident Heinrich Lübke («Dieses Kz hier baute Lübke!»). Und auch die braune Vergangenheit von Bundeswehrgenerälen, hochrangigen Richtern und Geheimdienstmitarbeitern machte die Redaktion publik.

Mutige Enthüllungen in fetten Schlagzeilen Der Verweis auf Alt-Nazis in der bundesdeutschen Führungsschicht hatte in der DDR Tradition. So brachte die Staatsführung regelmässig belastendes Material über westliche Politiker an die Öffentlichkeit und publizierte sogar ein «Braunbuch» – einen dicken Band über die Nazi-Vergangenheit vieler West-Politiker und Beamter. Auf diese Weise wollte die SED aufzeigen, dass die verhasste Bundesrepublik nichts anderes als eine Fortführung des nationalsozialistischen Hitler-Deutschland sei.

Obwohl diese Propaganda nachweislich vom Ministerium für Staatssicherheit gesteuert wurde, mussten Historiker im Nachhinein feststellen, dass die Vorwürfe sehr oft zutrafen – so auch bei Adenauer und Lübke. Ebenfalls aktenkundig ist, dass Sowjets und DDR-Führung beim Ausmisten der braunen Kameraden deutlich konsequenter waren. zwar fanden auch dort die meisten NSDAP- und SS-Vertreter schnell wieder einen Job, aber Plakative Anklage: Immer wieder outete die NBZ die dunkle Vergangenheit prominenter Machthaber aus Westdeutschland, in diesem Fall von Bundespräsident Lübke.

seltener in entscheidenden oder öffentlichen Bereichen, wie der Geschichtsforscher und Politikwissenschaftler Clemens Vollnhals herausfand.

Ganz so edel und nazifrei wie in der Selbstdarstellung (NBz: «Wir haben die Vergangenheit bewältigt») war die DDR-Führung dann aber doch nicht. Schliesslich nahm es die NBz-Redaktion wie mancher «BILD»-Reporter mit der Wahrheit ganz allgemein nicht so genau. So wurde etwa von wahren Flüchtlingsströmen Ausgabe 2/2013 45

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Impressum ISSN 1660-4377 AuÁage 37’000 Exemplare Erscheinungsweise Zweimonatlich, 6 Ausgaben pro Jahr Herausgeber/Chefredaktion Luc Bürgin Redaktion Mysteries, Postfach, CH 4002 Basel Tel. +41 – 61 – 681 62 61 Fax +41 – 61 – 681 85 62 Internet www.mysteries-magazin.com E-Mail: mysteries@bluewin.ch Redaktionelle Mitarbeit Jan Fischer Stéphanie Erni Lektorat Ruth Gremaud Druck PVA, Landau/Pfalz Kiosk-Vertrieb VU Verlagsunion KG (D/A/CH) Jahresabonnement EUR 47.40/SFr. 69.–

» «Die Deutschen sind ja sowieso ein merkwürdiges Volk. Die Deutschen leben, um zu arbeiten, während ich in Italien oder Frankreich den Eindruck habe, dass die Leute dort arbeiten, um zu leben. Wir leben überhaupt nicht. Ich lebe, das weiss ich mit Bestimmtheit – nur darf ich das hierzulande nieman-

dem zeigen.»

KatrinSass, Schauspielerin

«Es gibt Studien, die belegen, dass die am schnellsten wachsende religiöse Gruppe die der Konfessionslosen ist. Es gibt viele Repräsentationen gottähnlicher und übernatürlicher Charaktere in der Popkultur, etwa Superhelden oder Vampire. Das zeigt, dass wir an etwas glauben wollen, das grösser ist als wir und über uns hinausgeht. Ich hoffe nur, dass es am Ende nicht die Vampire sind.» JonathanFitzgerald, Schriftsteller «Die Herrschaften im ostdeutschen Politbüro wären damals gut beraten gewesen, selbstironischen Humor zu fördern, aber sie haben sich mitunter lieber selber zu WitzÀguren gemacht. Mit mehr guten Komödien über sich selbst hätte die DDR sicherlich länger überlebt. Eine Komödie beweist, dass man noch die Grösse hat, sich nicht so wichtig zu nehmen.» BastianPastewka, Comedian und Schauspieler

Anzeigenschluss Ausgabe Nr. 3/2013: 30. März 2013 Bankverbindungen Deutschland BW Bank, Stuttgart Konto-Nr.: 14 1899 0 BLZ: 600 501 01 BIC: SOLADEST IBAN: DE96 6005 0101 0001 4189 90 Schweiz Basler Kantonalbank, Basel Konto-Nr.: 165.414.141.84 BIC: BKBBCHBB, Clearing-Nr.: 770 IBAN: CH25 0077 0016 5414 1418 4 Postcheckkonto, Basel: 40-93969-1 Copyright Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen per Post wird keine Haftung übernommen. Foto-Rechte: www.

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«E-Nummern? Die stehen auf vielen Food-Produkten gar nicht mehr als E-Nummern auf der Packung, sondern ausformuliert, weil man festgestellt hat, dass Konsumenten heute Produkte mit E-Nummern meiden. Um die neuen Inhaltsangaben zu verstehen, muss man Lebensmittelchemiker sein. Kennen Sie Hefeextrakt? Hefeextrakt ist ein Geschmacksverstärker. Das muss man erst mal wissen!» TimMälzer,Fernsehkoch «Als liberaler Komiker bin ich kein Freund der Schweizer UBS-Bank. Im Gegenteil: Man müsste die UBS mal dem freien Markt aussetzen. Man hätte sie Konkurs gehen lassen müssen. Je grösser etwas ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es demnächst auseinanderbricht. Das weiss jedes Kind, das schon einmal mit Blauklötzchen gespielt hat.» AndreasThiel, Schweizer Satiriker

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genommen wurde», spekuliert der Geheimbund weiter. Es sei zum Beispiel auffällig, dass ausgerechnet die Todesszenen gegenüber dem restlichen Film auch qualitativ deutlich abfallen.

Sie ständen in «diametralem Gegensatz zu den hervorragenden Bildgestaltungen» des vorherigen Teils.

Als weitere Indizien, dass bei der Filmproduktion politisch gemauschelt wurde, werten die Guglmänner die Aussagen einiger Beteiligter. So hätten mehrere Schauspieler in Interviews «vom ungeklärten Tod des Königs, vom Geheimnis, vom ewigen Rätsel» gesprochen. «Der Film aber zeigt ganz konkret die Selbstmordversion.»

Existiert eine zweite Filmfassung mit anderem Ende?

Auch «mysteries» erhielt jüngst einen spannenden Hinweis zum rätselhaften Tod des bayerischen «Märchenkönigs»: Ein Leser, der öffentlich noch nicht namentlich in Erscheinung treten möchte, schrieb uns, ein ihm bekannter Frauenarzt, der offenbar auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besass («Dr. Schoch am Münchner Romanplatz»), habe auch Mitglieder des Ludwigschen Adelsgeschlecht der Wittelsbacher behandelt, wie er von ihm in den späten 70er-Jahren persönlich erfahren hatte.

Bei solch einem Hausbesuch habe der Mediziner eines Tages Kurioses erlebt: Er sah «bei einer Frau aus der Wittelsbach-Familie das Hemd von Ludwig II., das jener an seinem Todestag trug», so unser lnformant. Auf der Rückseite des Textils habe man «einige Löcher» erkennen können, «die darauf hindeuten, dass er hinterrücks erschossen wurde».

Ein weiteres Indiz, das an der ofÀziellen Version vom königlichen Suizid zweifel aufkommen lässt.

Die Königstreuen fragen deshalb provokant: «Gibt es vielleicht eine andere Fassung dieses Films, die das Ende zumindest offen lässt (wie dies ja auch in der Pressemitteilung dargestellt wurde)? Wurde diese Urfassung zensiert?» Abschliessend fordert die Vereinigung, etwas grotesk anmutend, «dass diese ursprüngliche Fassung – von der die Schauspieler ganz offensichtlich sprechen – dem Volk gezeigt wird und zwar im Bayerischen Fernsehen».

«mysteries» konfrontierte die Macher der Produktion mit den Vorwürfen und fragte, ob an den Verdächtigungen etwas dran sei, ob es etwa Druck von Aussen oder sogar ein alternatives FilmÀnale gegeben habe. Bis Redaktionsschluss ging von den Verantwortlichen leider keine Antwort ein.

Genugtuung für die Guglmänner, dass der Film an den Kinokassen Áoppt? Lediglich rund 100’000 Besucher wollten ihn sehen. «Ludwig II.»spielte bislang nur etwa 800’000 Euro ein – bei 15 Millionen Produktionskosten.

red. ■

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Hut ab vor ‹Timomathiks›! Dieser Kerl riskiert Kopf und Kragen für eine gute Sache.

Hoffentlich macht er weiter so. Danke, dass wir so viel Wissenswertes zum Bessler-Rad erfahren durften.

Martin Maurer (CH) Die neueste Ausgabe ist wie immer unschlagbar. Noch ehe ich fertig war, hatte mich der Artikel über das Bessler-Rad «elektrisiert». Ein amerikanischer Freund von mir hat eine Website, auf der er ein ähnliches Projekt vorstellt. Mein Fachenglisch über Mechanik und Elektrik ist leider zu bescheiden, um zu verstehen, ob es genau das Gleiche ist oder nicht. Am besten mal seine Website anschauen: www.

lionandlambpowerco.com/index.html Richard Baumann (CH) Das Bessler-Rad ist meines Erachtens ein überdimensioniertes Uhrwerk, welches die gleichen Komponenten aufweist wie eine Kuckucksuhr. zum einen das Rad, welches sich durch seine Konstruktion immer in einem Ungleichgewicht beÀndet und somit einen unerschöpÁichen Energiespeicher liefert. Die zweite Komponente ist das Pendel als Taktgeber und die dritte Komponente das Hemmwerk, welches vom ErÀnder in seinen zeichnungen absichtlich verschleiert dargestellt wurde, um damit den Nachbau seiner ErÀndung zu verhindern.

Die Angabe, dass das Bessler-Rad mit einer Umlaufgeschwindigkeit von 50 bis 55 U/m rotierte (das ist ca. 1 Rotation/s), ist meiner Meinung nach unrealistisch.

Durch diese hohe Drehzahl entstehen hohe Fliehkräfte, welche die Gewichte an die äussere Wand drücken würden und somit die weitere Funktion unmöglich wäre.

Dies führt zu dem Schluss, dass das Bessler-Rad mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mit 50 bis 55 U/m, sondern mit 50 bis 55 Takten oder Schlägen/m rotierte.

Eduard Bardas (D) Anmerkung der Redaktion: Wer als Mathematiker, Physiker oder Ingenieur mehr über «Timomathiks», seine innovativen Formeln und Berechnungen erfahren will, Àndet weitere fachtechnische Informationen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Raum und Zeit», wo seine praktischen Erläuterungen, theoretisch untermauert, ausführlich vorgestellt werden.

SchallkanonenundAbzockerei England und osteuropäische Staaten nehmen ihre Bürger damit bereits ins Visier – und auch bei uns scheint der Einsatz nur noch eine Frage der Zeit: Mit Akustik-Waffen wollen Militär und Polizei aufmüpÀge Wutbürger künftig besser auf Distanz halten und Demonstrationen auÁösen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Denn die schmerzhaften Schallwellen können zu bleibenden Hörschäden führen. («mysteries» Nr. 5/2012)

Weiterso, «Timomathiks»! Erwartet uns ein revolutionärer Durchbruch im Verständnis von Energie, Masse und Zeit? Ein uraltes Geheimprinzip soll bald weltweit offengelegt werden. Gegenüber «mysteries» entschlüsselte und demonstrierte der Berliner Wiederentdecker «Timomathiks»erstmals alle Geheimnisse der genialen Wundermaschine von Johann Bessler, die bis heute für Kontroversen sorgt. («mysteries» Nr. 1/2013)

Ich bin schon das dritte Jahr Abonnent und Ànde das Heft immer sehr interessant, auch Luc Bürgins Editorial. Das sollte bei unseren Politikern PÁichtlektüre sein! Der Artikel über die Schallkanonen hat mich speziell interessiert, weil ich mich schon seit über 30 Jahren mit Ultraschall befasse, im zusammenhang mit Marderabwehr, zuerst im Auto, später auch gegen Mäuse und andere Nagetiere. Als Hobbyelektroniker habe ich einige dieser Geräte gebaut, gemäss Schema in einer Fachzeitschrift.

Was mich genervt hat in Ihrem Schluss-Artikel («Selbst Kinder werden mit Pfeiftönen gejagt und geplagt»), ist die Tatsache, dass es Orte gibt, an denen das Herumlungern dieser Jugendlichen wirklich unterbunden werden sollte. Nun kommt aber der Hammer: Im Internet habe ich recherchiert, wo die Geräte zu haben sind. Unter einer Schweizer Adresse kann man diese Dinger bestellen. Als ich allerdings den Preis dafür sah, haute es mich aus den Socken: Sage und schreibe 1200 Franken verlangen die für so ein Ding. Da ich weiss, woraus das Innenleben besteht, nämlich ein bisschen Elektronik im Wert von vielleicht 10 bis 20 Franken, Ànde ich den Preis mehr als Wucher. Es wäre gut, wenn «mysteries» solche Abzockerei auch mal anprangern würde.

Reinhard Henz (CH) Ausgabe 2/2013 11 Habe vor Jahren schon einmal darüber gelesen. Damals war es aber nicht so anschaulich geschildert wie durch die Skizzen auf den Seiten 24 und 25. Wer sich die Bilder 2, 3, 4 ansieht, dem müsste sofort ins Auge springen, dass durch veränderte Gewichtsbewegungen zur Nabe hin und wieder weiter weg, die Geschichte funktionieren müsste. Werde bei Gelegenheit versuchen, ein Modell nach diesem Prinzip zu bauen. Vielen Dank für die Anregung.

Rainer Voit (D) Ihren Artikel über die Energie-Revolution (Bessler-Rad) Ànde ich ausgezeichnet. Ich wünsche Ihnen und ihrem ganzen Team ein erfolgreiches Neues Jahr 2013. Weiter grosse Erfolge, Gottes reichsten Segen!

Josef Gruber (D) Ich bin Leser Ihrer zeitschrift von Anfang an. Die grosse Maschine von Bessler hat nach Berichten so 50 bis 70 Watt abgegeben. Das entspricht der Dauerleistung eines Menschen – damals eine beachtliche Leistung. Heute ist das gar nichts, damit können Sie bestenfalls einen Laptop betreiben.

Dr. Günter Ebeleseder (A)

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Irland oder anderswo kaum einen Cent ihres Gewinns versteuern? Unterdessen treibt die EU die Privatisierung unserer Trinkwasserversorgung voran. Ein weiterer Bürokraten-Irrsinn, der uns in zukunft nur Eines bringen wird: Höhere Preise und schlechtere Qualität. Apropos: Wissen Sie, wie viel Geld eine EU-Sekretärin bei den Brüsseler Paragraphen-Vergewaltigern einsackt? Bis zu 8000 Euro pro Monat – und das ernst noch netto. Potztausend!

Demokratie zu stärken? Oder gar eine weitere Sondergebühr, um all die Helfer zu bezahlen, die unsere Stimmzettel auszählen?

Auf Rohstoffe setzen derzeit alle Spekulanten, auf unsere Intelligenz hat noch niemand gewettet. Dabei scheint jeder noch so dämliche Gedanke in der heutigen zeit Gold wert, weil die Menschheit in ihrer Dummheit mit zunehmendem Alter ihre Weisheit zu erkennen glaubt. Ein fataler Trugschluss, der nur deswegen denkbar bleibt, weil er unseren armseligen Hirnwindungen entstammt. Stellen Sie sich nur mal Jörg Kachelmann als neuen Familienminister vor. Selbst dieser Quatsch wäre in der heutigen zeit denkbar. Ebenso Miss Piggy als abgehalfterte Quoten-Queen im nächsten RTL-Dschungelcamp.

Wer schmiert besagte TV-Drecksendung eigentlichmit Millionen, um uns nach Feierabend von wichtigeren Dingen abzulenken?

Als Hauptsponsoren aufgeführt werden 2012/2013: Rasierklingen-Hersteller Wilkinson Sword, die Keks-Bäcker Bahlsen und Blau Mobilfunk (E-Plus): Nimmersatte Monster, denen wir regelmässig Geld in den Rachen stopfen. Welcher sozial getarnte Finanzkonzern die Ekel-Show wohl 2014 Ànanziert? Der WWF?

Die Grünen? Oder gar der Vatikan? Ist es nicht ebenso krank, wenn die Apple-Bosse 2012 Rekordgewinne vermelden und die Konzernaktien Sekunden später um 12 Prozent in den Keller rasseln, weil sich raffgierige Aktionäre noch mehr Rendite erhofft hatten? Und: Wussten Sie, dass US-Milliardenimperien wie Google, Starbucks oder Amazon dank cleveren Firmenkonstrukten via Der Wahnsinn kennt keine Grenzen:Warum beklatschen wir vor dem TV täglich frenetisch Playback-Auftritte, obwohl wir wissen, dass die Musik vom Band kommt? Warum glauben wir den Moderatoren jedes Wort, obwohl sie ihre Texte vor unseren Augen von Telepromptern und Papptafeln ablesen? Und warum sollte ich der FIFA und ihrem aufgeblasenen Chef-Gartenzwerg Sepp Blatter noch trauen, nachdem die zeitschrift «France Football» enthüllte, dass die WM-Vergabe an den Wüstenstaat Katar tatsächlich geschmiert wurde? Lustiger zufall: Das deutsche Kartenspiel «Mau-Mau» heisst in der Schweiz «Tschau Sepp». In diesem Sinne lege ich meine Karten gerne auf den Tisch: Ciao Sepp!

DreistertreibtsderzeitnurnochdieUEFA.Haben Sie ebenfalls bemerkt, dass alle acht Paarungen des Champions-League-Achtel- Ànals während der «Live-Auslosung» Ende 2012 mit dem öffentlich gezeigten TV-Probelauf der ziehung übereinstimmten? «Ein lustiger zufall», zwinkerte uns die UEFA-Truppe nach obligatem Kaviargelage genüsslich zu. Da wiehern ja selbst Erni und Bert!

Bin ich nun ein Verschwörungstheoretiker, weil ich hier ebenfalls Beschiss wittere? Immerhin ist die statistische Chance für einen solchen zufall etwa so gross wie die Wahrscheinlichkeit, dass Herr Brüderle Frau Merkel verschwesterlet oder Papa Schlumpf in Schlumpfhausen von SchlumpÀnchen vernascht wird.

Wie schoss es mir kürzlich ernüchtertdurch den Kopf: Stell Dir vor, die Menschheit macht einenBewusstseinssprung und keiner merkts! Insofern schlage ich das Krümelmonster als neuen Hoffnungsträger für unseren Planeten vor. Frei nach dem Motto: Lieber menschliche Monster als monströse Menschen. Kekse als neue Weltwährung? Leckere Vorstellung!

Undirgendwodadraussen,imJahr2099,wird der neue Berliner Flughafen eingeweiht. Das ist die gute Nachricht. Und noch weiter da draussen summt derweil ein Bienchen fröhlich vor sich hin und bestäubt eine hübsche Blüte. Leider nicht auf unserer Welt.

Luc Bürgin (Herausgeber)

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Alexander Hartmann über sein neues Leben

in Richtung ProÀtmaximierung. Ständig hiess es: «Wir wollen dieses Geschäft machen. Sag uns, was es dazu braucht.» Und wenn du gesagt hast, «Das geht so nicht», war die Antwort: «Dann mach möglich, dass es geht!» Irgendwann musste ich mich fragen: Kann ich das vor mir selbst noch verantworten? Sind derlei Geschäfte – obwohl aus juristischer Sicht legal – auch moralisch Kurz gesagt: Irgendwann hatten Sie es satt, die Reichen noch Das ist eine persönliche Lebensentscheidung. Es gibt den Moment, in dem man sich fragt: Worum geht es im Leben eigentlich? Gibt es noch etwas anderes? Über solche Dinge habe ich in dieser zeit viel mit meiner Familie und Freunden gesprochen, die mich in meinen Entscheidungen bestärkt haben.

Ich habe allerdings noch einen weiteren Input gebraucht: Ein zweijähriges Nachdiplomstudium zum Master in angewandter Ethik. Anschliessend ertrug ich es in der Bankenwelt gar nicht mehr.

In der Folge wechselten Sie in den Sozialbereich, studieren an der Uni derzeit Sozialpädagogik und Sozialarbeit und arbeiten in einem Schweizer Waisenhaus. Der ehemalige Bankdirektor hat tatsächlich als Praktikant in einem sozialen Wohnheim von vorne angefangen?

Ich wollte auf jeden Fall etwas für Menschen machen, die nicht viel Glück hatten oder eine Stimme brauchten. Bevor ich im Waisenhaus anÀng, hatte ich bei Wohltätigkeitsorganisationen angefragt, ob die nicht jemanden wie mich in der Geschäftsleitung gebrauchen könnten. Ich musste aber schnell lernen, dass dort niemand auf mich gewartet hatte. Anders im Waisenhaus.

Das Hauptproblem ist fast immer Gier – die Gier des Menschen, möglichst viel zu besitzen und zu bekommen. Es gibt auch bei den Bankern eine Gilde, die nur das Eine will: Geld und Macht.

Besser wird dies erst, wenn man es hinbekommt, die Banken für eine neue Generation attraktiv zu machen, die andere als diese ziele in den Vordergrund stellt.

Geldinstitute wetten heute zunehmend auf Staatsbankrotte, mittels Nahrungsmittelspekulationen versuchen sie sogar aus Hungersnöten ProÀt zu ziehen. Sind Banker wirklich so skrupellos und gefühlskalt, wie man derzeit den Eindruck bekommen muss?

Das ist wohl auch stufenabhängig. In der Bankenindustrie arbeiten Hunderttausende von Menschen. Der Grossteil davon macht sich durchaus seine Gedanken und Àndet vieles nicht gut, was im Topmanagement der Grossbanken entschieden wird. Man darf nicht verallgemeinern, nicht alle Banker sind gleich. Aber kritische Geister steigen in der Regel nicht auf.

Genauso wenig werden sie irgendwann Chefs auf Top Level.

Ein Wandel wird kaum aus den Banken heraus geschehen, der Àndet erst statt, wenn die Kunden beginnen, konsequent nach nachhaltigen und ethisch korrekten Produkten zu fragen.

Dann müssen die Finanzunternehmen reagieren. zudem ist es wichtig, Banken wirksam zu regulieren. Man muss ihnen Spielregeln aufzeigen und Grenzen markieren. Aber da sind wir bereits beim nächsten Problem: den ungleichen Spiessen. Der Regulator hinkt den Topshots unter den Banken immer hinterher. Wenn diese etwas Neues machen, muss er zuerst mal darauf reagieren. Und dann stellt sich natürlich noch die Frage, inwieweit die aktuellen Regulatoren von den Banken unabhängig sind. In der Schweiz zum Beispiel sitzen ehemalige Grossbanker in der Grossbankenkontrolle. Können und wollen die wirklich unabhängig agieren?

Sie selbst haben vor rund drei Jahren dem Finanzbusiness den Rücken gekehrt. Interessanterweise mit einer ähnlichen Begründung wie Goldman-Aussteiger Greg Smith: Die Unternehmenskultur habe sich geändert, auch in Ihrem Geldhaus habe zum Schluss statt des Menschen nur noch der ProÀt im Vordergrund gestanden.

Das ist so! Ich hatte beruÁich bei einer Grossbank angefangen und deren Kultur schnell nicht mehr gemocht: Der Mitarbeiter als Automat, der Leistung bringt, egal wie es ihm geht. Darauf hatte ich mir etwas Anderes gesucht und fand eine nach alter Sitte patronal geführte Privatbank mit einem überschaubaren Team, in dem man sich noch kannte und mit Namen angesprochen hat.

Dann aber gab es dort einen Führungswechsel, und es kam das Topmanagement einer Grossbank. Von da an ging es erneut Jeans statt Anzug. Der frühere Finanzmanager arbeitet heute in einem Jugendheim als angehender Pädagoge.

vertretbar?

reicher zu machen?

Ein Wandel wird kaum von den Banken ausgehen, dazu brauchts die Kunden.

Notausgang als Weg in eine neue Zukunft.

Alexander Hartmann wollte wieder in den Spiegel schauen können und sattelte deshalb beruflich um.

Selbst dort hiess es jedoch unmissverständlich: Gerne, aber du musst eine Ausbildung machen, und die beginnt mit einem Praktikum. So kam es schliesslich zum Ausbildungsvertrag.

War das nicht eine grosse Umstellung – quasi von der Luxussuite in die Suppenküche? Noch einmal ganz von vorne anzufangen, ohne zu wissen, wohin das führt?

Natürlich war es ein Sprung ins kalte Wasser. Und ebenso natürlich bedeutete es eine grosse Umstellung von der Geschäftsreise mit 5-Sterne-Hotels hin zu einer Tätigkeit, zu der auch das Kochen für Jugendliche inklusive anschliessendem Bodenschrubben gehört.

Doch ich hänge nicht so stark an materiellen Dingen und Macht. Schön war, dass ich vom Team offen, interessiert und ohne Vorbehalte empfangen wurde – das hatte ich nicht unbedingt erwartet.

Schliesslich stand dies in krassem Gegensatz zu dem, was ich in Bankerkreisen erleben musste, wo man oft Vorbehalte gegenüber Personen aus dem Sozialbereich hat.

Interessanterweise versuchen Sie auch in Ihrem neuen Job wieder Werte zu schaffen, allerdings statt monetärer nun moralische. Was ist heute für Sie wirklich wertvoll? Worauf kommt es wirklich an?

Ich will mich am Morgen im Spiegel anschauen können. Und ich möchte vermitteln, dass Geld nicht das einzige Mittel ist, um glücklich zu werden. Glückseligkeit hat viele Facetten: Sie beginnt für mich nicht zuletzt bei der Familie und der Überzeugung, sich in einem Wertesystem zu bewegen, das für einen persönlich stimmt. Das versuche ich den Jugendlichen, mit denen ich nun zusammenarbeite, zu vermitteln. Oft ist das schwierig. Viele Heranwachsende streben in erster Linie ein schnelles Auto an, viel Geld und möglichst ein Model als Partner. Sie haben zum Teil derzeit noch wenig Verständnis für meinen Berufswechsel. Bis auf einen Jungen, der aus schlimmen Verhältnissen aus Afrika geÁüchtet ist. Er erklärte, er könne das gut verstehen – die Familie sei das Wichtigste.

Was muss sich ändern, damit unsere Kinder auf dieser Welt eine lebenswerte Zukunft haben?

Die Güter müssen besser verteilt werden – nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt. Es darf nicht immer nur darum gehen, den eigenen Gewinn zu maximieren.

Wenn sich die Überzeugung durchsetzt, dass jeder Mensch – und vielleicht sogar jedes Lebewesen – gleich viel wert ist, wird die Welt besser. Ob oder wann das passiert? Ich weiss es nicht.

Ich hoffe es einfach. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft etwas im Umbruch ist. Dass ein Umdenken stattÀndet. zumindest ein bisschen.

Kurze Frage, kurze Antwort: Was ist für Sie der Sinn des Lebens?

Suche dein Glück und verwirkliche dich selbst dabei – und das, ohne anderen dabei zu schaden. Das ist zumindest meine Lebensphilosophie.

Interview: red. ■

Jahrzehntelang arbeitete Alexander Hartmann (45) in der internationalen Finanzindustrie, jonglierte mit riesigen Geldsummen und jettete um die Welt. Bis zum Bankdirektor hatte sich der Schweizer hochgeschuftet. Doch vor drei Jahren zog er die Reissleine: Er legte den Designeranzug ab, tauschte die Luxuslimousine gegen einen Kleinwagen und Àng von vorne an, in Jeans und mit dem Putzlappen. Statt den Reichen hilft der Ex-Banker jetzt Jugendlichen aus schwierigen familiären Verhältnissen.

wie interne und externe Regeln eingehalten werden. Und als Compliance OfÀcer hätte ich es mir sicher zweimal überlegt, ob ich zu einer Organisation wie Goldman Sachs wechsle. Allein aufgrund der Risikoausrichtung und der zumindest moralisch fragwürdigen Geschäftspraktiken. Grosse Institutionen, die Ànanziell viel bewegen, fallen auf. Und Goldman Sachs ist ja nicht zuletzt deswegen auffällig, weil leitende Mitarbeiter nach ihrem Ausscheiden plötzlich in höchsten politischen Positionen wieder auftauchen.

Kritisiert wird oft, dass kein Staat sich traut, sich ernsthaft mit Goldman Sachs anzulegen.

Auch mit Grosskonzernen wie Roche, Novartis oder Nestlé traut sich niemand anzulegen. Nestlé beispielsweise will das Wasser privatisieren, was ich ebenfalls höchst fragwürdig Ànde. Je grösser ein Unternehmen, desto mächtiger ist es – und desto grösser auch die Gefahr, dass Missbrauch betrieben wird. Ich denke schon, dass derlei Grosskonzerne, die oft als Monster gesehen werden, gefährlich sind, auf alle Fälle, ja.

Was läuft in der Finanz- und Wirtschaftswelt generell schief?

Alexander Hartmann, Sie haben 20 Jahre bei einer Schweizer Privatbank gearbeitet, die letzten Jahre sogar als Direktor – man kann Sie also als Finanzinsider bezeichnen. EmpÀnden Sie Goldman Sachs als ähnlich gefährlich – als den «Vampir in der Finanzwelt» – wie es viele Wirtschaftskritiker tun?

Goldman Sachs ist deÀnitiv etwas Besonderes, ein schillernder Name. Er steht für Investmentbanking und riskante Geschäfte – für viel Arbeit, viel Stress, viel EinÁuss. Ich selbst war als Compliance OfÀcer tätig, nicht als Investmentbanker. Kurz: Ich war dafür zuständig, dass bei Bankgeschäften die Gesetze so- 28 Ausgabe 2/2013

Ex-Banker: «Hauptproblem ist fast immer die Gier…» – Abbildung 2
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