Deutscher Globetrotter fotografierte, was viele Archäologen ignorieren
In den Kellerräumen einer kleinen ecuadorianischen Bank lagern seit Jahrzehnten Tausende von uralten Relikten, die bis heute wissenschaftlich nicht katalogisiert wurden. Reste einer sagenumwobenen «Inka-Kollektion» – zusammengetragen von Padre Carlos Crespi. Fälschungen? Oder doch Überbleibsel einer vergessenen Hochkultur? Globetrotter Marco Alhelm durfte einen Blick in die «Schatzkammer» werfen – und dabei als Erster auch exklusiv fotografieren!
pekulationen über die kuriose Sammlung des ecuadorianischen Paters Carlos Crespi gibt es zuhauf: Welche Sunbekannte südamerikanische Kultur hatte die mysteriösen Metallplatten, Skulpturen, Tonfiguren und verzierten Steine in seinem improvisierten «Museum» einst wohl gefertigt? Warum zeigen einige der Exponate Schriftzeichen aus Kulturen, welche die alten Indios gar nicht gekannt haben konnten? Standen Teile von Crespis Fundstücken einst gar im Zusammenhang mit einem mysteriösen Höhlensystem in Ecuador, das gemäss der Legende Kristallsarkophage einer untergegangenen Hochkultur bergen soll? Und wohin verschwand das archäologische Sammelsurium, nachdem der Pater 1982 das Zeitliche segnete?
Bereits 1923 hatte sich Carlos Crespi nach Ecuador aufgemacht. Zunächst war er in östlichen Regionen des Landes als Missionar tätig, später zog es ihn dann nach Cuenca, wo er 1935 eine Schule gründete und auch ein Museum eröffnete.
Dort stellte er Exponate einheimischer Kulturen aus, die er von befreundeten Einheimischen erhielt: Ritualgegenstände, Keramiken, Götterfiguren aus Stein und Holz sowie viele weitere Objekte aus dem kultischen Bereich und Leben der indigenen Stämme Ecuadors. Abertausend Gegenstände! Darunter auch die ebenso rätselhaften wie umstrittenen gravierten Metallplatten, welche seit dem Erscheinen des Buches «Aussaat und Kosmos» von Erich von Däniken im Jahr 1972 weltweit für hitzige Kontroversen sorgten.
Die genaue Herkunft vieler Stücke bleibt bis heute unklar, ebenso wie Teile der darauf abgebildeten Motive und Schriftzeichen. Restbestände aus den Schätzen der Inka? Das Problem: Pater Crespi sammelte so ziemlich alles, was irgendwie im Zusammenhang mit den alten Kulturen Ecuadors stand.
Vermutlich auch viel wertloses Zeug. Für den Grossteil der Amerikanisten waren seine Artefakte deshalb bereits nach Konsultation von Fotos ausnahmslos plumpe, zeitgenössische Fälschungen der einheimischen Indios. Kein einziger Professor nahm sich die Mühe, wegen Crespis «Kuriositätenkabinett» nach Ecuador zu pilgern, um sich ein eigenes Bild davon zu machen. Konsequenz: Die archäologische Fachwelt ignoriert und verdammt Crespis Relikte seit Jahrzehnten. Ein kolossaler Irrtum!
«Zwar wurden manche der Objekte von einheimischen Experten tatsächlich als moderne Fälschungen entzaubert», wie der junge deutsche Globetrotter Marco Alhelm weiss, der sich intensiv mit der Crespi-Kollektion beschäftigt hat. «Anderen Artefakten aber wurde von Kennern ein Alter von mehreren Jahrhunderten bis hin zu 3000 Jahren zugesprochen.»
Viele Stücke noch immer nicht katalogisiert Was die meisten europäischen Archäologen nicht wissen: In den 80er-Jahren, nach dem Tod des Paters, wurde ein beachtlicher Teil seiner Sammlung vom Museo del Banco Central in Cuenca aufgekauft – Tausende von Exponaten! «Interessanterweise handelte sich dabei ausnahmslos um Objekte, die nach Meinung lokaler Experten keine Fälschungen sind», betont Marco Alhelm. «Offiziell ausgestellt wurden diese Stücke allerdings nie. Unter anderem, weil man sie selbst nach Ausgabe 1/09 Geschichte Crespis Vermächtnis (Fotos oben und unten). Im Keller der Bank lagern Tausende von echten archäologischen Kuriositäten, welche die Fachwelt ignoriert.
mehr als 25 Jahren noch immer nicht vollständig katalogisiert hat. Die Uhren ticken nun mal anders auf dem südamerikanischen Kontinent…» Erschwert werde deren genaue Zuordnung zudem durch die unklare Fundsituation.
Höchste Zeit also, mehr darüber in Erfahrung zu bringen, fand der reisefreudige Deutsche: Im Oktober 2007 fasste Alhelm kurzfristig den Entschluss, nach Cuenca aufzubrechen, um dort mehr über den Verbleib der Crespi-Sammlung in Erfahrung zu bringen. «Zunächst traf ich mich mit dem Direktor des Museo Remigio Crespo, Francisco Alvarez Pazos», erzählt er. «Ein weiterer Termin führte mich zum Museo del Banco Central, wo ich mich mit Andrés Abad, dem Direktor der dortigen Kulturabteilung, traf. Anschliessend sprach ich noch mit José Maldonado, dem Chefrestaurator des Museums der Bank.»
Resultat: Zwei von drei Experten winkten wie erwartet ab: Es gäbe keine echten Metallplatten, auf denen Schriftsymbole abgebildet seien. Überhaupt seien wohl alle Stücke neuzeitliche Fälschungen aus Messing und Blech. In Cuenca selbst seien ausserdem keine dieser Objekte mehr aufzufinden. Man wüsste selber nicht, wo sich der Grossteil dieser Kuriositäten mittlerweile befände. Marco Alhelm: «Trotz allem hatte ich das Gefühl, dass man mir nicht die ganze Wahrheit sagen wollte…»
Lediglich Restaurator José Maldonado räumte ein, dass zumindest einige der Metallplatten aus der Crespi-Sammlung tatsächlich echt sein könnten. Einige wenige der umstrittensten Exponate befinden sich zudem in europäischem Geschichte Ausgabe 1/09 Sammlung im Museo del Banco Central. Warum nimmt sich kein westlicher Archäologe die Zeit, diese kostbaren Objekte endlich wissenschaftlich zu dokumentieren? Rechts: Globetrotter Marco Alhelm, der die Objekte als Erster fotografieren konnte.
Privatbesitz, wie «mysteries» weiss.
Weiter gab Maldonado zu Protokoll, dass im städtischen Salesianerkloster Maria Auxiliadora noch einige weitere Stücke dieser Art lägen, welche die dortigen Geistlichen aber streng unter Verschluss hielten. Schade!
«Tausende von Fundstücken» Andere Crespi-Objekte dagegen, deren historische Echtheit anerkannt wurde, lagern tatsächlich bis heute im Archiv des Museo del Banco Central, wie Alhelm vor Ort bestätigt wurde. Zwar keine Metallplatten, dafür jede Menge Steinund Tonobjekte. Fotografieren konnte sie bislang niemand.
Umso erfreuter war der deutsche Weltenbummler, als er wider Erwarten die Erlaubnis dazu bekam: «Dank Andrés Abad, der mir die Türen zu diesen nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Kellerräumen öffnete, durfte ich die von der Bank aufgekauften Exponate aus der Sammlung von Carlos Crespi exklusiv ablichten», erzählt er nicht ohne Stolz. «Da lagen etliche Tausend bisher nicht katalogisierte Fundstücke aus allen Teilen Ecuadors – direkt vor meinen Augen! Faszinierend – und durchaus verwirrend…»
Ob Vasen, Töpfe, V-förmig gewölbte Throne aus Stein oder seltsame Götterfigürchen: Alhelm blitzte mit seiner Kamera eifrig drauf los – um Aussenstehenden endlich auch bildlich zu dokumentieren, was wissenschaftlich längst katalogisiert und untersucht gehört. Bleibt die Frage, wann die geheimnisumwitterten Museumsstücke im Keller der Bank von Cuenca endlich auch der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Ausgabe 1/09 Geschichte









































