Impressum ISSN 1660-4377 AuÁage 30’000 Exemplare Erscheinungsweise Zweimonatlich, 6 Ausgaben pro Jahr Herausgeber/Chefredaktion Luc Bürgin Redaktion Mysteries, Postfach, CH 4002 Basel Tel. +41 – 61 – 681 62 61 Fax +41 – 61 – 681 85 62 Internet www.mysteries-magazin.com E-Mail: mysteries@bluewin.ch Redaktionelle Mitarbeit Jan Fischer Stéphanie Erni Lektorat Ruth Gremaud Druck PVA, Landau/Pfalz Kiosk-Vertrieb VU Verlagsunion KG (D/A/CH) Jahresabonnement EUR 47.40/SFr. 69.–

»»Apropos Plünderer: Manche Räuber und Banditen in Ägypten sind neben Goldschätzen auch auf das rote Quecksilber aus. Dabei ist das eine Legende. So etwas existiert überhaupt nicht. Es soll eine flüssige Substanz im Kehlkopf der Mumien sein, die Krankheiten heilt und Dämonen vertreibt. Alles Un-Zahi Hawass, ehemaliger Antikenminister

sinn!«

»Es ist bemerkenswert, dass keine einzige der frühen christlichen Quellen auf das Aussehen Jesu eingeht, nicht einmal in Andeutungen. Und dies, obwohl in jeder antiken BiograÀe grundsätzlich als Allererstes die Gestalt des Helden geschildert wird. Dies öffnete der Fantasie Tür und Tor. Seit dem späten 2. Jahrhundert kursierten gar Gerüchte, Jesus sei körperlich behindert gewesen.« Werner Dahlheim, Althistoriker»Iran ist derzeit das einzige Land, in dem Organhandel legal ist und vom Staat reguliert wird. Eine Hilfsorganisation kauft die Organe und verteilt sie auf medizinischer Basis. Die Ergebnisse sind gemischt: Einerseits ist die Warteliste für Nierentransplantationen deutlich kürzer. Andererseits werden Verkäufer schrecklich stigmatisiert und als ›Halbmenschen‹ Nir Eyal, Ethikmediziner, Harvard-Universität

verunglimpft.«

Anzeigenschluss Ausgabe Nr. 2/2014: 30. Januar 2014 Bankverbindungen Deutschland BW Bank, Stuttgart Konto-Nr.: 14 1899 0 BLZ: 600 501 01 BIC: SOLADEST IBAN: DE96 6005 0101 0001 4189 90 Schweiz Basler Kantonalbank, Basel Konto-Nr.: 165.414.141.84 BIC: BKBBCHBB, Clearing-Nr.: 770 IBAN: CH25 0077 0016 5414 1418 4 Postcheckkonto, Basel: 40-93969-1 Copyright Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen per Post wird keine Haftung übernommen. Foto-Rechte: www.

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»Als Goldanleger sollte ich mich darüber freuen, wenn der Goldpreis steigt. Andererseits hiesse das aber, dass die Welt weiterhin in grossen Problemen steckt, die Notenbanken noch mehr Geld drucken, hohe Arbeitslosigkeit besteht, grosse Wirtschafts- oder geopolitische Krisen herrschen. In einer Welt mit einem Goldpreis von 5000 Dollar pro Feinunze möchte ich ehrlich gesagt nicht gern leben. « Eugen Weinberg, Rohstoff-Analyst»Medizin hat sich teilweise aus der Zauberei entwickelt: Der Mechanismus der Magenspiegelung wurde von einem Arzt entdeckt, der einen Schwertschlucker beobachtete. Die Idee der Narkose ist auf einem Jahrmarkt entstanden, wo die Leute mit Lachgas experimentierten. Da checkte man, dass man sie nicht nur kneifen, sondern auch deren Zähne ziehen konnte, ohne dass sie es merken. « Eckart von Hirschhausen,Comedian

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Lange geheim gehalten, versteckt im Schwarzwald unter dickem Granitgestein, existiert eine massiv geschützte un terirdische Anlage: Der Barbarastollen. Dort lagert alles, was die Geschichte Deutschlands hervorgebracht hat. Abgeschirmt für den ultimativen Katastrophenfall – sowie für Generationen künftiger Jahrhunderte. Das Langzeitgedächtnis einer ganzen Nation.

Zeitkapsel für die Ewigkeit – Abbildung 2

Ob Automobile, Bierdosen, Opern oder Vogelgezwitscher. Es gibt scheinbar nichts, was nicht irgendwo auf dieser Welt versiegelt und versenkt aufbewahrt wird – um der Menschheit oder anderen Zivilisationen in naher oder ferner Zukunft vom heutigen Leben zu berichten.

Die Idee, ein archiviertes Langzeitgedächtnis anzulegen, ist nicht neu. 1936 begann der amerikanische Professor Thornwell Jacobs, Präsident der Oglethorpe University in Atlanta, eine gigantische Zeitkapsel für spätere Generationen einzurichten. Der Wissenschaftler wollte nicht weniger als das gesamte Wissen der Menschheit plus Alltagseindrücke konservieren.

Bereits Jacobs setzte dabei unter anderem auf MikroÀlme und liess 640’000 Seiten wichtiger Werke ablichten. Zusätzlich erstellte er Kopien von Ton- und Bildaufnahmen historischer Persönlichkeiten – aber auch von Vögeln und Sängern. Damit die Menschheit der Zukunft dies alles auf jeden Fall betrachten kann, liess Jacobs einen Generator dazu stellen, der notfalls mit Wind betrieben werden kann. Gemeinsam mit Hunderten von Alltagsdingen wie Toastern, einer Bierdose, einer Donald-Duck- Figur oder auch einem Aschenbecher schloss er alles in einer unterirdischen, ehemaligen Schwimmbadhalle seiner Uni ein.

»Krypta der Zivilisation« nannte er die Anlage, die 1940 versiegelt und luftdicht verschweisst wurde. Eine Stahltür mit der Aufschrift: »Nicht vor dem 28. Mai 8113 öffnen« sichert den Raum, der inzwischen alle zehn Jahre zur Kontrolle geöffnet wird.

Zeitkapsel unter einer Pyramide Vor allem in den Vereinigten Staaten nahm der Kult um solch umfassende Archive für die Ewigkeit teilweise geradezu groteske Züge an: So konkurriert Jacobs »Krypta« mit einer Erinnerungsstätte in Nebraska um den Titel »Grösste Zeitkapsel der Welt«.

Unter einer Pyramide liess dort ein Millionär 1975 über 5000 Alltagsgegenstände inklusive mehrerer teils brandneuer Autos im Boden versenken.

Verrottet ist dagegen eine Zeitkapsel von 1957 in Oklahoma.

Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des US-Bundesstaates hatte die Stadtverwaltung von Tusla die grandiose Idee, ein nagelneues Auto in einer Betongruft zu verbuddeln. Der Gewinner eines Zeitkapsel aus Japan. Erstellt wurde sie 1970 anlässlich der Weltausstellung in Osaka.

Rätselspiels sollte es 50 Jahre später an sich nehmen dürfen.

Als der Termin gekommen war, war das Auto jedoch komplett verrostet – und der Gewinner längst verstorben.

Bis heute ungeklärt ist dagegen der Verbleib eines riesigen Stapels von Schriftrollen mit Unterschriften »mehrerer Millionen« Amerikaner. Er sollte am 4. Juli 1976 auf Initiative von US-Präsident Gerald Ford für hundert Jahre in Pennsylvania versenkt werden. Doch kurz vor der feierlichen Zeremonie verschwand die umfangreiche Sammlung – und wurde bis heute nicht mehr gefunden.

Eine komplette zeitgenössisch ausgestattete Villa wiederum liess 1905 der Multimillionär Louis Mantin im französischen Für Jahrtausende gedacht: Zeitkapsel der »Westinghouse Electric Corporation « aus den Jahren 1938 und 1965 in Pittsburgh.

Ausgabe 1/2014 61»Crypt of Civilization«. Unter der Oglethorpe University liegt die wohl grösste Zeitkapsel der Welt.

Moulins (Auvergne) für 100 Jahre versiegeln. Nach dieser Zeit sollte die Stadt daraus ein Museum machen, was wunschgemäss umgesetzt wurde.

Ein Milliardenvermögen erwartet mit etwas Glück den Finder einer Zeitkapsel in Amarillo (Texas). Unter einer Skulptur wurden dort anlässlich des Jahrestages der Entdeckung des chemischen Elements Helium vier Behälter eingelagert, deren Inhalt an das Jahr 1968 erinnern soll. In einem davon beÀndet sich ein zu vier Prozent verzinstes Sparbuch mit einem Zehn-Dollar-Guthaben bei der Oklahoma City Bank. Bekommen soll das Geld, wer im Jahre 2968 die Kapsel öffnet. Dann wäre die Sparsumme auf über eine Milliarde Dollar angewachsen – falls bis dahin nicht schon längst alle Banken und Währungen gecrasht sind.

Botschaften für Ausserirdische 2006 hatte auch das Internetunternehmen Yahoo dazu aufgerufen, zukünftigen Generationen ein digitales Vermächtnis zu hinterlassen. 30 Tage lang sammelte der Konzern von Usern eingesandte Fotos, Berichte und Aufnahmen. Über 70’000 Dateien aus aller Welt sollen so zusammengekommen sein. Das Datenpaket wurde der Smithsonian Institution in Washington übergeben und eine Kopie an einem geheim gehaltenen Ort vergraben. Diese Botschaft richte sich, so Yahoo, nicht nur an Menschen: Per Laser wurde der Inhalt auch ins All geschickt.

Über 10’000 grössere Zeitkapseln sind mittlerweile weltweit versteckt, vermutet die »International Time Capsule Society« der US-Universität Oglethorpe in Atlanta.

Die meisten davon so gut, dass sie wohl niemand je Ànden wird.

Deshalb können Zeitkapseln heute bei der Gesellschaft registriert werden. Denn wie schnell selbst bekannte Gedächtnisräume in Vergessenheit geraten können, erlebte die Heimat-Uni von»Grosszeitkapsel-ErÀnder« Jacobs am eigenen Leib: Laut »Spiegel« stolperte 1970 ein neugieriger Student durch den Keller der Bildungsstätte und stand plötzlich verwundert vor einer grossen Stahltür mit der rätselhaften Beschriftung: »Nicht vor dem 28.

Mai 8113 öffnen«. Erst seine Entdeckung erinnerte die Uni-Leitung damals nach Jahren wieder daran, welcher Schatz da in ihrem Untergrund schlummert.

À. ■

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Herr der Fässer: Lothar Porwich vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn.

Auch die Schweiz erstellt »Sicherungskopien von besonders erhaltenswerten Kulturgütern«. Ende der 1960er-Jahre richtete die Eidgenössische Bundesverwaltung hierzu auf dem Gelände des ehemaligen Sandsteinbruchs Ried in Heimiswil (Kanton Bern) eine Kaverne ein, die 1979 ofÀziell als MikroÀlmarchiv des Bundes in Betrieb genommen worden ist. Rund 50’000 Filme lagern dort. Die Gesamtkapazität der Gruft liegt bei 96’000 Filmen, was etwa 77 Millionen A4-Seiten entspricht.

Österreich wiederum fährt zweigleisig, setzt aber in erster Linie auf eine digitale Langzeitarchivierung, wie Hannes Kulovits vom Staatsarchiv in Wien gegenüber »mysteries« erklärt. Unter anderem im Rechenzentrum einer streng geschützten militärischen Bunkeranlage in St. Johann im Pongau wird derzeit das »Digitale Archiv Österreich« (»digLa«) eingerichtet – »unter Einhaltung der maximalen Sicherheitsstandards«. Dort lagern auf der geheimen »Ebene 0« jedoch auch MikroÀlme.

Videoüberwacht: Kameras senden im Alarmfall direkt aus dem Stollen Bilder in die Polizeidirek tion Freiburg.

Was tun die Schweiz und Österreich? – Abbildung 2
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Jacob und Wilhelm hatten ein äusserst enges, fast schon inzestuös anmutendes Verhältnis.

Sie wohnten zeitlebens zusammen. Als Kinder schliefen sie im gleichen Bett. Und selbst als Wilhelm heiratete, lebte Jacob weiterhin im gleichen Haushalt mit. Die Innigkeit der Brüder sorgte bereits bei Zeitgenossen für Klatsch und Tratsch. So spottete etwa der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1858), die beiden Grimms lebten zusammen »wie Mann und Frau«. Schon in frühen Briefwechseln hatten sich die Brüder ewige Treue geschworen: »Wir wollen uns einmal nie trennen«, schrieb Jacob 1820. Und Wilhelm antwortete: »Das ist immer mein Wunsch gewesen, denn ich fühle, dass mich niemand so lieb hat als Du, und ich liebe Dich gewiss ebenso herzlich.« Zweite Originalausgabe der »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm aus dem Jahr 1819 mit Illustration (»Brüderchen und Schwesterchen«).

Bild mit Seltenheitswert: Dieses bisher unveröffentlichte Foto zeigt Mirin Dajo kurz vor seinem tragischen Tod in Winterthur (1948).

Verschollene Polizei-Akten über Mirin Dajo aufgetaucht ständnis« ab, über das es sich »heute nicht mehr zu sprechen lohnt«. Mehr war dem alten Mann nicht zu entlocken.

Wiederentdeckte Akten im Schweizer Bundesarchiv werfen jetzt ein unschönes Licht auf die damalige Affäre. Klipp und klar legen sie dar, dass Johnan de Groot bei seiner überstürzten Flucht 1948 die Spendenkasse des Schweizer Mirin-Dajo-Fonds geplündert hatte! Über 18’000 Schweizer Franken an Gönnerbeiträgen, so die Bezirksanwaltschaft Zürich, habe er damals im Haus von Dajos treusten Schweizer Freunden in Winterthur – dem Ehepaar Walter und Ruth Bührer – mitgehen lassen.

Ebenso krallte sich Johnan de Groot etliche persönliche Schriften Dajos und betrog die Bührers am 16. Juli 1948 erneut: So gab er sich laut den amtlichen Protokollen bei Filmproduzent Armin Schlosser in Bern fälschlicherweise als Vertreter des Mirin-Dajo-Fonds Schweiz aus, um an eine SchmalÀlmkopie der von den Bührers mitÀnanzierten Filmaufnahmen zu kommen, welche die Durchstechungen in der Schweiz zeigen.

Später habe er diese Aufnahmen in Holland, so die Behörden, zu »seinem persönlichen Nutzen verwendet«. (Die OriginalÀlmrollen wurden Luc Bürgin 2003 von Ruth Bührer geschenkt.)

Konsequenz: In einem ofÀziellen Schreiben an die holländischen Behörden bemühte sich die Eidgenossenschaft 1949 um die Auslieferung von Johnan de Groot und dessen Freundes Der Meister und sein Gehilfe: Johnan de Groot bei einer Durchstechung Dajos im Bürgerspital von Basel (1947).

Hylke Otter. Dies, nachdem die Bezirksanwaltschaft Zürich bereits am 1. März 1949 einen Haftbefehl wegen Verdachts auf Veruntreuung und Betrug erlassen hatte.

Die Angeschuldigten wiesen in der Folge alle Vorwürfe von sich und logen, dass sich die Balken bogen. Dennoch empfahl die niederländische Justiz am 2. März 1950, das Verfahren mangels Beweisen einzustellen. Grund: Es lägen kaum schriftliche Unterlagen über die Finanzen des Fonds vor. Ausserdem sei unklar, ob zwischen Dajo und seinen Gehilfen »eine Art Ànanzieller Teilhaberschaft« eingegangen worden sei.

Folge: Die Schweiz stellte die Strafuntersuchung mit ofÀziellem Schreiben im Juni 1950 ein – und Johnan de Groot kam mit dem Schrecken davon.

Die veruntreuten Spendengelder hatte er damals längst verprasst.

red. ■

◄»Fortgesetzte Veruntreuung«: Dutzende von Dokumenten im Schweizer Bundesarchiv dokumentieren Johnan de Groots schändliches Tun.

Weniger Sex und Gewalt: Zensur aus PR-Gründen

Beim Inhalt der Märchen nahmen es die Brüder Grimm mit der Wahrheit nicht immer allzu genau. Die ersten Ausgaben ihrer »Kinder- und Hausmärchen« Áoppten derart, dass sich Wilhelm dazu entschloss, die Geschichten zu entschärfen und sie damit massen- und vor allem kindertauglicher zu machen. Weniger Sex und Gewalt, lautete die neue Strategie.

Waren in den ursprünglichen Volksmären oft Mütter die Bösen, schrieben die Grimms diese Rolle fortan lieber Stiefmüttern zu, etwa in »Hänsel und Gretel« und »Schneewittchen«. Manche Erzählungen haben die beiden Forscher aus den NeuauÁagen ihrer »Kinderund Hausmärchen« sogar komplett eliminiert. Zum Beispiel die blutrünstige Erzählung »Wie die Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben«.

Märchen mit ausgesprochen erotischen Passagen wiederum zensierten die Grimms ebenfalls. Dornröschen etwa wird in der »Volksversion« vom heissblütigen Prinzen keinesfalls nur wachgeküsst, sondern gleichzeitig auch geschwängert.

Ebenfalls deutlich entschärft wurde »Rapunzel«. Bei deren Anblick wurden dem feurigen Liebhaber stets »die Kleiderchen eng«, wie es im später entschärften Original ursprünglich noch ziemlich eindeutig hiess.

»Unverletzbarer Friedensprophet«: So dreist trieb es sein Gehilfe Neue Entdeckung im Fall Mirin Dajo: 1947 hatte der Holländer als »unverletzbarer Friedensprophet« die europäische Ärzteschaft mit todesmutigen Experimenten schockiert. Verschollen geglaubte Dokumente der Schweizer Justizbehörden werfen nun ein düsteres Licht auf Dajos engsten Freund und Gehilfen.

Der Mann war ein Wunder. Er blutete nicht. Er empfand keinen Schmerz. Selbst Infektionen konnten ihm nichts anhaben. Hunderte Male liess sich der Holländer 1947 von seinem Assistenten vor Publikum mit einem Florett durchstechen, ohne dabei verletzt zu werden. Kein Fakir-Trick, wie medizinische Untersuchungen und Filmaufnahmen in der Schweiz bewiesen.

Mirin Dajos unerwartet früher Tod blieb ein Mysterium: Völlig überraschend war der bescheidene holländische Friedensapostel am 26. Mai 1948 nach einer Operation an den Folgen eines Ärztefehlers gestorben (siehe »mysteries«, Nr. 3/2009). Schockiert machte sich sein engster Freund und Gehilfe Jan »Johnan« de Groot kurz darauf aus dem Staub, zurück nach Holland. Mirin Dajos Eltern schäumten vor Wut und setzten später die Justiz gegen ihn in Bewegung. Weshalb, blieb bis heute auch Insidern verschlossen. Selbst 2003, in einem seiner letzten Interviews vor seinem Tod, erzählte Dajos engster Kompagnon in Haarlem bei Amsterdam zwar allerlei nette Geschichten, aber nicht die ganze Wahrheit. Unwirsch tat der mittlerweile 89-jährige de Groot die Angelegenheit damals als »Missver- Johnan de Groot (oben), Hylke Otter und Mirin Dajo. (Foto von 1947) 42 Ausgabe 1/2014

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Fantastischer Märchen-Schatz in Deutschland entdeckt

Nicht nur die Brüder Grimm sammelten deutsche Volkserzählungen: In einem Archiv entdeckte eine 79-jährige Forscherin jede Menge vergessene Überlieferungen aus dem 19. Jahrhundert – von Zauberern, Hexen, Zwergen und weiteren Gestalten der Anderswelt. Im eigenen Land kaum beachtet, stösst der fantastische Märchenschatz im Ausland auf Begeisterung.

Ausgabe 6/2013 Ausgabe 1/2014 ie Welt ist um einen märchenhaften Schatz reicher. Seine Entdeckerin heisst Erika Eichenseer, ist 79 Jahre alt und Dlebt in Regensburg. Im dortigen Stadtarchiv hat die umtriebige Dame Kostbarkeiten gefunden, die mittlerweile selbst zusammentragen konnte.

Schönwerth schuf auf diese Weise die grösste volkskundliche Sammlung aus jener Zeit im gesamten deutschsprachigen Raum.

»Alles schrieb er auf, darunter auch Märchen, Mythen und Sagen, die ihm die einfachen Leute vom Land erzählt hatten«, sagt Erika Eichenseer. Manches veröffentlichte Schönwerth Mitte des 19. Jahrhunderts in den Bänden »Aus der Oberpfalz, Sitten und Sagen«. Der Grossteil aber schlummerte bislang ungesichtet in seinem Nachlass. Das ist erstaunlich, priesen und schätzten ihn zu Lebzeiten doch selbst prominenteste Kollegen: »Nirgendwo in ganz Deutschland ist umsichtiger, voller und mit so leisem Gespür gesammelt worden«, lobte Jacob Grimm (1785–1863) seinen Oberpfälzer Zeitgenossen und soll sogar einmal gesagt haben: »Wenn einer da ist, der mich dereinst ersetzen kann, so ist es Schönwerth.« Dennoch geriet Franz Xaver von Schönwerth nahezu in Vergessenheit. Seinen umfangreichen Nachlass hatte seine Witwe dem Historischen Verein von Oberpfalz und Regensburg überlassen, in dessen Archiv noch heute 30 Schachteln mit Schönbisher kaum erforscht worden.

anfänglich nur verständnisloses Achselzucken.

in den USA und Australien für Schlagzeilen sorgen: 500 uralte deutsche Märchen, die heute fast keiner mehr kennt. Handschriftlich aufgezeichnet hatte diese Erzählungen der bayerische Volkskundler Franz Xaver von Schönwerth (1810–1886) – wie so vieles andere, was der begeisterte Forscher aus der Alltagskultur der Oberpfalz um die Mitte des 19. Jahrhunderts werth-Handschriften verwahrt sind. Die wertvolle Sammlung war»Auf meine seit etwa 1970 wiederkehrende Frage nach Märchen aus der Oberpfalz erntete ich selbst bei Fachleuten nur ein verständnisloses Achselzucken und das Gefühl, nach etwas Dummem gefragt zu haben«, erinnert sich Erika Eichenseer. Anlässlich des 200. Geburtstags von Schönwerth stieg sie 2009 nochmals ins Archiv, um Material für eine mögliche Jubiläumspublikation zu sichten.

»Auf einmal habe ich paketweise Märchen gefunden, rund 500 wunderbare handschriftliche Texte«, berichtet sie gegenüber»mysteries«.»Die Erzählungen waren aber nicht wie in einem Geschichtenbuch mit Titeln versehen oder illustriert. Die Aufzeichnungen hatten lediglich Nummern: 1 bis 10 oder 12, und dann gehen die Geschichten los.« Ob sprechende Zaubervögel, Àschleibige Wasserfräuleins, verwunschene Krähen oder Hexen: Schönwerths Erzählungen wimmeln nur so von Fabelgestalten, an deren Existenz damals viele glaubten. Entsprechend fantastisch klingen die neuen Titel der Volksgeschichten: »König Goldhaar«, »Die Geldmühle«, »Hüttenmännlein«, »Riesen-Spässe« oder »Die Zaubergeige«. Zwi-Bei Experten erntete ich Derbe Märchen aus dem Volk – für Erwachsene Die von Schönwerth gesammelten Märchen stammen von einfachen Menschen in der Oberpfalz und entsprechen der »Oral History«, der mündlichen Geschichtsüberlieferung. Ihre Sprache, in wenigen Fällen in Dialekt, ist dementsprechend einfach und klar, manchmal sogar derb. Sie wirkt daher authentisch und wurde von Schönwerth nur geringfügig geglättet.

»Wir begegnen hier interessanten regionaltypischen Varianten oder völlig neuen Themen«, erklärt Schönwerth-Expertin Erika Eichenseer. »Die Erzählungen sind auch keine Kindermärchen, sondern richten sich vornehmlich an heranwachsende Jugendliche, denen sie eine Lebenshilfe anbieten. Dabei werden düstere Erlebnisse oder Sexualität nicht ausgespart.«

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Traue nicht jedem Buchdeckel, den du siehst: Im Innern mancher verstaubt anmutenden Schrift oder Broschüre könnten sich brisantere Inhalte verbergen als ihre harmlos klingenden Titel vermuten lassen. Aufrufe zum politischen Widerstand ebenso wie Propaganda von Geheimdiensten oder versteckte Botschaften extremistischer Szenen.

Ob »50 Eintopfgerichte«, »Fremdländische Stubenvögel« oder»Pilze, Beeren, Wildgemüse«: Nicht jedes Buch hält, was sein Umschlag verspricht. Nicht zuletzt in antiquarischen Sammlun gen schlummert bis heute die eine oder andere unentdeckte»Tarnschrift«: Bücher oder Broschüren aus unserer jüngeren Vergangenheit, die brisante Inhalte hinter belanglosen Titeln verbergen.

Ihre Hochphase erreichten diese so genann ten »Tarnschriften« zu Hitlers Zeit. Regimegegner mussten damals beim Verbreiten ihrer oppositio nellen Ansichten schwer auf der Hut sein. Ent sprechend einfallsreich ging der Widerstand bei seiner Aufklärungsarbeit vor. So liess die Kom munistische Partei Deutschland (KPD) 1939 in Schweden eine Broschüre mit dem Titelblatt »Ex centric Shampoo. Das Beste für HaarpÁege« (Bild rechts) drucken. Doch statt Hygienetipps bein haltete das Heftchen antifaschistische Schriften.

Und der vermeintliche Stadtplan zur »Grossen Reichs Ausstellung« 1937 in Düsseldorf war kei ne Orientierungshilfe für Touristen, sondern ein Aufruf zum Widerstand gegen Hitler.

Nicht zuletzt die KPD und ihre Auslandsgenossen versuchten, mit dieser Form der Gegenpropaganda den Nazis Einhalt zu ge bieten. Doch auch Staaten und Militärstrategen arbeiteten im Zweiten Weltkrieg mit den Methoden der versteckten Propagan da. So vertrieb die britische Armee 1944 ein Heftchen mit dem doppeldeutigen Titel »Die Heimat grüsst«. Darin versteckt: Tipps für deutsche Soldaten, wie sie sich durch simulierte Krankheiten oder Selbstverletzungen dem Kriegsdienst entziehen können.

Gegen 1000 verschiedene Titel mit Tarnliteratur wurden al lein während der NS Zeit gedruckt, schätzen Historiker. Umso erstaunlicher, dass diese Widerstandsform lange unerforscht blieb. »Tarnschriften sind ein bisher kaum beachtetes Thema in der europäischen Kulturgeschichte«, bestätigt die Steiermärki sche Landesbibliothek. Die Bücherei präsentierte Ende 2012 eine der ersten Ausstellungen zum Thema.

Die österreichischen Wissenschaftler zeigten dabei auf, dass »verkleidete Literatur« keines wegs nur ein Phänomen der NS Zeit war. Auch im Nachkriegsdeutschland tauchte diese Form von subversiver Opposition auf. So versah etwa die Rote Armee Fraktion (RAF) ihre Kampfschrif ten gerne mit trügerischen Allerweltstiteln wie»Kochbuch« oder »Die neue Strassenverkehrs ordnung«. Linksradikale Hausbesetzer wieder um kommunizierten in den frühen 80er Jahren mit Druckwerken, die aussen wie Telefonbücher gestaltet waren, im Innern aber wichtige Szene Informationen enthielten.

Auch die beiden deutschen Staaten versuch ten im Kalten Krieg regelmässig, die Bevölke rung des jeweiligen Bruderlands mit eingeschmuggelter Lektüre zu beeinÁussen. Die SED-Führung etwa liess 1956 im Westen einen vermeintlichen Groschenroman namens »Luna Kriminal« verteilen, der in Wahrheit eine Protestschrift zum KPD Verbot in der Bundesrepublik enthielt. Umgekehrt lief die versteckte Pro paganda mindestens ebenso rege. Wissenschaftler schätzen, dass zwischen 1950 und 1969 rund 30’000 Tarnschriften vom Westen in den Osten geschleust worden sind. So liess die BRD 1950 in der DDR ein »Lehrbuch der russischen Sprache« vertei len, das im Innenteil den »Sowjet Imperialismus« anprangerte.

Hitler und Mussolini als Clowns. In einem als Zirkus-Programmheft getarnten Flugblatt verspotteten Antifaschisten die beiden Diktatoren.

Im Gegensatz zu ihren späteren Nachah mern riskierten die Widerstandskämpfer Tarnschriften sind ein im Dritten Reich Kopf und Kragen. In der bisher kaum beachtetes Regel begannen und endeten ihre Bücher und Hefte mit unverdächtigen Textseiten.

Thema der Geschichte. Erst ganz im Inneren verbargen sich bei genauerem Hinsehen die brisanten Bot schaften. Die meisten Tarnschriften wurden im Ausland, etwa der Schweiz, gedruckt. Unter grosser Gefahr wurde das Aufklä rungsmaterial dann ins Deutsche Reich geschmuggelt und dort heimlich verteilt.

Wer erwischt wurde, riskierte sein Leben Auch wenn die Nazis nur einen Bruchteil der Tarnliteratur ent deckten, endeten solche Aktionen für viele Oppositionelle töd lich. In den Archiven sind zahlreiche Fälle dokumentiert, bei denen Schriftenschmuggler erwischt wurden – nicht zuletzt auch im Grenzbereich um Basel.

Bei Lörrach etwa schnappten deutsche Grenzer gemäss Ge stapo Akten an einem nicht näher datierten »4. Dezember« zwei Schweizer. Die Männer hatten »eine grosse Anzahl« kleiner Bü cher dabei. »Wie wasche ich schnell und sparsam«, »Nieren und Blasenkrankheiten« und »Erste Hilfe in Unglücksfällen« lauteten die Titel. Doch die Werke enthielten allesamt »Tarnschriften ge gen das nationalsozialistische Regime«, wie die Gestapo empört festhielt. Über das weitere Schicksal der Schmuggler ist nichts bekannt. Rosig dürfte es nicht gewesen sein.

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»Französisch« als Mittel zur Wehrunfähigkeit.

Blick in eine getarnte Anleitung der Alliierten für deutsche Soldaten.

»Tarnschriften«: Die verbotene Literatur aus dem Untergrund – Abbildung 2
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Die riesigen Granitsärge im Serapeum waren ausnahmslos leer – und dies, obwohl Auguste Mariette (1821–1881, Bild links) keinerlei Anzeichen auf Grabräuber fand. Was aber entdeckte der umtriebige Franzose in den restlichen Sarkophagen? »mysteries« zog seine Originalpublikation zu Rate (»Le Sérapéum de Memphis«, Paris 1875). Nachfolgend einige der wichtigsten Passagen auf Deutsch.

18. Dynastie – »Apis IV«»Als ich den Deckel aufhob, dachte ich, der Sarg wäre leer. Bei näherem Hinsehen jedoch entdeckte ich auf dem Grund des Sarges einen Stierkopf und darunter eine schwärzliche Masse, die diesem als Stütze gedient hatte.

Ich untersuchte zuerst den losen Schädel, der auf der Masse auÁag. Die Haut war komplett verschwunden, und auch mein Suchen nach etwaigen Binden blieb erfolglos. Anschliessend untersuchte ich die Unterlage. Sie war von einer ziemlich exakten ovalen Form, rund einen Meter lang, rund dreissig Zentimeter breit, etwa ebenso dick und glich einer Anhäufung von Bitumen mit einer Beimischung von ungeordneten Knochenstücken.« 19. Dynastie – »Apis II und III«»Meine erste Sorge galt dem Stierschädel: Ich fand keinen. Die bitumenartige, stark riechende Masse, zerÀel bei der kleinsten Berührung zu Staub. Sie enthielt eine Menge kleiner Knochen, die schon bei der Bestattung des Tieres zerbrochen worden waren. Darunter befanden sich, zufällig angeordnet, etliche Statuetten und Amulette (…). Danach ging ich zur Besichtigung des zweiten Sarkophages über. Er war ohne jede Inschrift und sah dem ersten ähnlich. Der Sarg in Form einer Mumie hatte die gleichen Inschriften. Als ich ihn aufhob, bemerkte ich, dass er direkt auf dem Felsen lag und nur von einem Deckel bedeckt war. Dasselbe Schauspiel, als ich das Tuch entdeckte, das die Bitumen-Masse enthielt: Kein Stierkopf, keine grossen Knochenstücke.

Im Gegenteil: Nur noch mehr kleine Knochensplitter.« 19. Dynastie – »Apis IX«»Es könnte durchaus sein, dass die Mumie, deren Überreste ich eingesammelt habe, gar nicht die eines Stieres, sondern die von Sha-em-Djom ist. Dieser neue Gesichtspunkt wäre weiterführende Abklärungen wert. Man muss sich eine Mumie in menschlicher Form vorstellen, von der Brust abwärts vollständig zerstört.

(…) Im Innern befand sich wiederum nur die riechende Bitumen-Masse, gemischt mit unförmigen Knochenstücken. Mitten drin befanden sich zudem zwei oder drei in Gold gefasste Schmuckstücke aus Glasblättchen…« Nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: Blick in einen normalerweise verschlossenen Seitengang.

An seinem Ende befindet sich ein weiterer Monster-Sarkophag.

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Ein Grossteil der umfangreichen Grimm-Privatbücherei liegt heute in der Bibliothek der Humboldt-Universität Berlin. Dort waren die kostbaren alten Schinken bis in die 1970er-Jahre sogar frei ausleihbar. Noch dazu stempelten die Bibliothekare munter Ausleihdaten in die Innenseiten der Buchdeckel. Ausgerechnet dorthin, wo die berühmten Ex-Besitzer handschriftliche Notizen hinterlassen hatten (siehe Bild rechts).

Bis heute sind die Reparaturarbeiten an den »beschädigten« Raritäten nicht abgeschlossen, wie Vertreter der Unibibliothek gegenüber»mysteries« mitteilen: »Die Restaurierungen sind aufwändig, damit teuer und erfolgen in der Regel über Privatspenden.« Fast schon entschuldigend ergänzt die bekannte Berliner Institution: »In vielen deutschen Bibliotheken wurden ab circa 1900 teilweise bis in die 1970er-Jahre (…) Datums-Stempel gesetzt, um Anhaltspunkte für die NutzungshäuÀgkeit der Bücher zu haben.« Erst ab 1975 sei damit begonnen worden, Bücher der ehemaligen Privatbibliothek der Brüder Grimm aus dem Magazinbestand der Unibibliothek herauszusuchen »und sie separat und damit geschützt aufzustellen«.

Der gestiefelte Kater kommt aus Frankreich und Aschenputtel stammt aus China

Viele Märchen in der Grimm-Sammlung waren keinesfalls so deutsch wie es der Name ihres Buches versprach. Zuträger der Brüder waren oft Hugenotten, hatten also französische Wurzeln. Literaturwissenschaftler gehen heute davon aus, dass die Grimms dies wussten, aber bewusst verschwiegen: »Sie wollten deutsche Märchen sammeln, nicht französische!«, so der Volkskundeprofessor Heinz Rölleke.

Waren Märchen zu eindeutig »fremden Ursprungs«, löschten die Brüder sie vorausschauend aus ihrer Sammlung. So erging es etwa dem »Gestiefelten Kater« mit seinem verräterischen Musketier-Dress. Aber auch »Blaubart« war zu wenig deutsch und schaffte es ebenfalls nur in die wenig beachtete Erstausgabe der »Kinder- und Hausmärchen«.

Generell kann man wohl in den seltensten Fällen von eindeutig »deutschen Märchen« sprechen. Dafür ist diese Erzählform viel zu alt und zu verbreitet. Von»Aschenputtel« beispielsweise existiert eine Urversion, die im China des 9. Jahrhunderts aufgeschrieben worden ist. Verwandte Versionen dieser Erzählung kursierten bereits im Alten Ägypten und später auch im Römischen Reich.

Waren die Märchenbrüder Antisemiten?

Ausgerechnet der Inhaber der Grimm-Professur an der Uni Kassel, Holger Erhardt (Bild), hat herausgefunden, dass Jacob und Wilhelm Grimm eine grosse Abneigung gegenüber Juden hatten. »In ihren privaten Äusserungen, Briefen und Tagebüchern kann man mitunter sehr unschöne Bemerkungen Ànden«, konstatiert der Forscher.

Zudem hätten die Brüder auch deutlich judenfeindliche Märchen veröffentlicht, etwa »Der Jude im Dorn«, in welchem ein Jude in einer Dornenhecke tanzen muss und am Ende erhängt wird. Erhardt nimmt die Sprachwissenschaftler aber auch in Schutz. Man dürfe diese Sache »nicht überbewerten«, betont er.

»In der Romantik war Antisemitismus nichts Ungewöhnliches.« 40 Ausgabe 1/2014

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ontag, 11. November 2013. Morgendämmerung in Kairo. Kurz vor 6 Uhr. Unser Bus passiert den streng Mbewachten Eingang zum Gizeh-Plateau. Zwei Stunden haben wir die Cheopspyramide dank einer Spezialbewilligung ganz für uns allein, dürfen das grandiose Bauwerk nach Lust und Laune erkunden. Die Freude darüber währt indes nur kurz: Aus heiterem Himmel braute sich an jenem Morgen über Gizeh ein Sturm zusammen, dessen mediale Ausläufer Deutschland erst Wochen später nach unserer Rückkehr erreichen sollten…

Neben unseren einheimischen Begleitern haben sich an jenem Morgen überraschend zusätzliche Beamte der ägyptischen Verwaltung angekündigt, um unser Treiben zu verfolgen. Gleichzeitig wird uns nach der Ankunft das FotograÀeren verboten: Alle Kameras müssen draussen bleiben. Oben am ehemaligen Grabräubertunnel angekommen, Àlme ich mit meinem Handy weiter, beobachtet von einem Begleiter in Zivil. Mit einer höÁichen Geste bittet er mich nach dem Eingang ins Innere, mein Smartphone wegzustecken. Warum, bleibt vorläuÀg ein Rätsel.

Über eine Stunde später: Etwas früher als meine Reisegefährten keuche ich von der Königinnenkammer durch den 1,17 Meter niedrigen und 1,07 Meter breiten Gang klitschnass zurück zum Haupteingang hoch über dem Gizeh-Plateau. Auf einem Holzschemel neben den Pyramidenwächtern rauche ich in der kühlen Morgenluft eine Zigarette.

Ohne mich weiter zu beachten, unterhalten sich die beiden auffallend laut auf Arabisch. Obwohl ich ihre Sprache nicht verstehe, merke ich schnell: Irgendetwas scheint ihnen an diesem Morgen keine Ruhe zu lassen. Nachdenklich Ausgabe 1/2014 11 schweift mein Blick über das menschenleere Plateau. Dorthin, wo sich vor der ägyptischen Revolution Abertausende von Besuchern und Händlern tummelten. Selbst nach der ofÀziellen Öffnung gegen 8 Uhr suche ich die sonst so zahlreichen Touristenbusse vergeblich. Gespenstische Bilder, die uns während der gesamten Reise an allen berühmten ägyptischen Ausgrabungsstätten verfolgen sollten: Von Ausschreitungen keine Spur. Von Not und Armut ob der spärlichen Besucher dafür umso mehr.

In Memphis etwa pilgerte ich mit meinen Begleitern durch eine komplett menschenleere Pharaonenstätte. 3000 Touristen pro Tag bewunderten hier früher die überdimensionale Ramses-Statue. Heute verirren sich täglich knapp 100 Gäste dorthin, wie uns erzählt wird. Das gleiche Szenario in Abydos oder Dendera, deren prächtige Tempel wir ebenfalls mutterseelenallein besichtigten: Derart verwaist hatte ich die Monumente noch nie erlebt.

Ähnliches in Sakkara, wo wir einen Tag zuvor durch den Wüstensand streiften. Selbst bei der berühmten Stufenpyramide zählten wir mehr Händler als Touristen. Eingekleidet in ein abenteuerlich anmutendes Holzgerüst harrt das Monument seiner Restaurierung, die derzeit kaum bezahlt werden kann.

»Hoffentlich kracht das hier nicht zusammen«, murmelt einer meiner Begleiter, während uns ein Souvenirhändler auf seinem Esel auf Schritt und Trott verfolgt. »Hans, gib Gas!«, ruft uns der Araber zu und zeigt uns grinsend seinen letzten Zahn, während wir schwitzend durch den Wüstensand stapfen. Sinnlose Sprüche wie diese klopfen ägyptische Händler in allen Sprachen, wenn sie einem irgendwelchen Ramsch andrehen wollen. Von rechts kreuzt ein weiterer Verkäufer unseren Weg. »Nieder mit der Schwiegermutter«, johlt er. »Mensch Meier!« jauchzt ein Dritter…

Mehr Händler als Tou risten. Das smogverhangene Gizeh-Plateau. Im Hintergrund, kaum noch erkennbar, die Pyramiden.

Kein einziger Aufseher in Sicht. Also machen wir uns hinter die Absperrlinien zum Eingangsbereich der Stufenpyramide auf, wo unlängst ein kräftiger Sandsturm tobte. Am Boden, in Körben verstaut: Steine, Scherben, Plastikmüll und Knochenreste, die der Wind in den Pyramideneingang gepeitscht hatte. Jeder könnte hier auf eigene Faust im Dreck wühlen, nach Pharaonenresten schürfen, sich im Erfolgsfall ungehindert bedienen, denke wohl nicht nur ich, während uns der alte Araber auf seinem Esel weiter verfolgt. »Hans, gib Gas!« erschallt es einmal mehr.

Unruhe am Pyramideneingang Zurück in die frühen Morgenstunden hoch oben am Pyramideneingang. Während meine Kollegen unter strengen Blicken der Aufpasser immer noch durch das verwinkelte Ganglabyrinth der grossen Pyramide kriechen, zünde ich mir eine zweite Zigarette an. Unauffällig schweift mein Blick nach rechts, wo mich zwei bewaffnete Polizisten nicht aus den Augen lassen. Zu den Pyramidenwäch-Gerüstbau im Stil der alten Pharaonen.

Auch die Restaurationsarbeiten an der Stufenpyramide von Sakkara stehen derzeit mangels Finanzen still.

Wie lange noch?

Ramses-Statue in Memphis: Mutterseelenallein schleichen wir durch die prächtige Anlage. Kommen nicht bald wieder Touristen, droht die Schliessung. Auch das Museum von Sakkara kämpft ums Überleben. Offen steht es derzeit nur noch, weil der Direktor heimlich Geld aus dem eigenen Sack einschiesst, wie hinter vorgehaltener Hand zu erfahren war.

tern haben sich inzwischen weitere Behördenvertreter und vorübergehend auch ein paar Einheimische gesellt. Man kennt sich.

Doch die Stimmung bleibt angespannt. Mehrmals fällt das Wort»Black List«. Mit fuchtelnden Händen wird zunehmend heftiger debattiert. Nicht über die ausbleibenden Touristen, wie mir bald klar wird. Nicht über die verzwickte politische Situation. Sondern über einen Eklat, von dem in jenen Tagen im ägyptischen Radio berichtet wurde, nachdem unmittelbar vor unserer Ankunft bereits entsprechende Filmaufnahmen auf arabischen Internet-Seiten (vetogate.com) die Runde machten.

»Ein paar Deutsche« hätten sich in der Cheopspyramide Ungeheuerliches geleistet, erzählt man mir hinter vorgehaltener Hand. »Darunter ein gewisser Gurlitz oder so. Und ein Erdmann, der von einer Cheops-Lüge spricht.« Ich spitze die Ohren: Offenbar waren damit der Chemnitzer Experimentalarchäologe Dominique Görlitz und sein Kollege Stefan Erdmann gemeint.

Bereits im Sommer 2013 hatten die beiden über ihre Forschungen in der Che-Stuhl und Bank. opspyramide informiert und einen Film in Aussicht gestellt. Eine erfreuliche Sache.

Umso mehr, als sich Görlitz in den letzten Jahren einen tadellosen Ruf als Schilfboot-Abenteurer und Nachfolger von Thor Heyerdahl erwarb und vor Kurzem auch erfolgreich doktorierte (»mysteries« Nr. 5/2012). Einer spontanen Eingabe folgend hatte ich Görlitz' Partner, einem unabhängigen deutschen Filmproduzenten, kurz vor meinem Besuch auf dem Plateau nichtsahnend noch eine E-Mail geschickt. »Wann erscheint eigentlich eure DVD über die Cheops-Pyramide?«, wollte ich von ihm wissen. Antwort:»Derzeit arbeiten wir leider nicht am Film, da es Probleme gibt mit der ägyptischen Antikenverwaltung.« Probleme mit der Antikenverwaltung? Ohne mir viel dabei zu denken, versprach ich ihm, mich vor Ort schlau zu machen. Und nun dies: Auffällig präsente Aufpasser, die meine Reisegefährten im Pyramideninnern auf Schritt und Tritt begleiteten, nicht zuletzt in der Felsenkammer tief unter der Erde. Dazu ein Tagesthema, über das ich zumindest an jenem Montagmorgen mehr Insiderinformationen besass als so manch erzürnter Behördenvertreter. Bald prasselten von ägyptischer Seite alle möglichen Fragen auf mich ein. Ehe ich mich versah, sass ich diplomatisch zwischen Stuhl und Bank. Und das mitten im arabischen Wüstensand.

Im Zentrum der Kontroverse: Die seit jeher kritisch diskutierte Inschrift »Cheops« in der obersten der fünf Entlastungskammern der Pyramide. Der einzige schriftliche Hinweis auf den berühmten Erbauer und Pharao im gesamten ägyptischen Bauwerk! Angeblich sollen Handwerker die Hieroglyphen dort oben vor rund 4500 Jahren hinterlassen haben, samt weiteren roten Markie-Ausgabe 1/2014 13 Unversehens sass ich diplomatisch zwischen rungen. Bis heute ranken sich zudem Gerüchte darum, dass die 1837 vom Briten Howard Vyse »entdeckten« Zeichen samt Cheops-Inschrift von ihm selbst hingepinselt worden sein könnten, um Berühmtheit zu erlangen. Möglich wärs. Allerdings müsste die weitgehend unbekannte Entstehungsgeschichte der Pyramide in diesem Fall neu überdacht werden – und damit womöglich auch ihr Alter. Ein Gräuel für konservative Ägyptologen.

Probenentnahme mit Hammer und Meissel Bereits 2009 war der junge Iraner Alireza Zarei in den obersten Kammern der Pyramiden herumgeklettert, um die Vyse-Inschriften einer Überprüfung zu unterziehen. Seine spektakulären Fotos nährten den Verdacht, dass dort oben etwas nicht stimmt (Bild rechts). »An der Nordwand der obersten Kammer konnte ich gut erhaltene Handwerker-Hie roglyphen fotograÀeren, die über zwei Fugen laufen«, berichtete mir Zarei. Das machte ihn insofern stutzig, als alle Markierungen und Zeichen in den Kammern laut Ägyptologen VOR dem Einfügen der Steine aufgepinselt worden sein sollen. »Diese Hieroglyphen aber wurden deÀnitiv erst nachträglich aufgemalt, nach dem Einfügen der riesigen Steinblöcke durch die damaligen Baumeister vor rund 4500 Jahren. Fachlich gesehen macht das nicht den geringsten Sinn!« Widersprüche, die auch Stefan Erdmann und Dominique Görlitz keine Ruhe liessen. Zusammen mit einem Kameramann nahmen die beiden dank einer Sondergenehmigung im April 2013 zuerst die Königskammer unter die Lupe, um dann von dort mittels einer Leiter ebenfalls bis in die Entlastungskammern zu klettern. Ziel: Mehr über Entstehung und Farbzusammensetzung der roten Inschriften in Erfahrung zu bringen. Offensichtlich mit Erfolg: Am 24. Juli 2013 kündigte das Team via Internet eine entsprechende DVD-Dokumentation an.

In einer weiteren Filmvorschau Mitte Oktober liessen sie die Bombe im Internet Ebenfalls in der Kritik: Der deutsche Hobby-Forscher Stefan Erdmann.

schliesslich platzen: Eine Nahaufnahme zeigte Görlitz, wie er sich in die Entlastungskammern hochquält und dort mit Hammer und Meissel (!) reichlich grob eine kleine Schriftprobe heraushackt, um diese – zurück in Deutschland – vom renommierten »SGS Institut Fresenius« in Dresden untersuchen zu lassen.

Erste Befunde der Analysen, so erfuhr ich damals über Umwege, »deuten in Richtungen, die überhaupt nicht zu erwarten waren«. Oder wie Görlitz Mitte Oktober 2013 an einem Kongress im Sauerland öffentlich erklärte: »Erste Untersuchungen der von uns gewonnenen Farbpartikel zeigen, dass diese NICHT den allgemein bekannten, typisch roten, eisenoxidhaltigen Farben der Ägypter entsprechen!« Eine fantastische Entdeckung – falls man ofÀziell und legal vorging. Doch offenbar war alles anders… Zornige Gesichter und juristische Drohungen Hoch oben auf dem Gizeh-Plateau schien das Verdikt in jenen smogverhangenen Novembertagen jedenfalls klar: Illegal und ohne Wissen der Antikenverwaltung hätten die Deutschen die ägyptische Gastfreundschaft bewusst missbraucht und ihr Nationaldenkmal geschändet, schimpften Einheimische.»Über Twitter und die Facebook-Seite ›Egypt's Heritage Task Force‹ wird die Regierung dazu aufgefordert, die Filmemacher entsprechend zur Rechenschaft zu ziehen«, kommentierte bereits am 10. November 2013 die deutsche Internetseite »blog.selket.de«.

Die Antikenverwaltung erwäge tatsächlich juristische Schritte, bestätigte mir an jenem Montag in Kairo ein einÁussreicher Ägyptologe. Erdmann und Görlitz drohten im Minimum eine Einreisesperre oder weitere juristische Konsequenzen, seufzte er kopfschüttelnd. Vieles deute zudem darauf hin, dass sich die Deutschen ohne Genehmigung am Nationalmonument zu schaffen gemacht hätten. »Ein derartiges Unterfangen kann unmöglich zufällig erfolgt sein«, doppelte ein anderer Ägyptologe nach.

»So etwas muss von langer Hand gezielt vorbereitet werden.« War dem tatsächlich so? Noch am gleichen Abend schickte ich Dominique Görlitz aus Kairo eine Mail-Anfrage, bat um genauere Infos und warnte ihn vor dem drohenden Rummel. Der Forscher antwortete wie der Blitz: »Wir hatten eine Betretungsgenehmigung für die Königskammer ausserhalb der Besucherzeit.

Unsere ägyptischen Begleiter blieben unten, und so ergab sich die Möglichkeit zur Untersuchung.« Konkret machte sich das deutsche Team laut eigener Aussage, mangels brauchbarer Ergebnisse in der Königskammer und verbleibender Besuchszeit, samt Kameramann »spontan« ganz nach oben in die Entlastungskammern auf. »Keinesfalls haben Angeblich uralte Arbeiter-Hieroglyphen in den Entlastungskammern, die über Fugen laufen. Dieses Bild des Iraners Alireza Zarei von 2009 zeigt, dass Teile der roten Markierungen offenbar erst nachträglich aufgepinselt wurden. Also doch eine neuzeitliche Fälschung?

Da konnte er sich noch freuen: Görlitz nach seinem waghalsigen Aufstieg in die oberste Entlastungskammer der Pyramide.

Soll bald abgerissen werden: Die 2011 vom wütenden Mob angezündete Parteizentrale, direkt neben dem Museum von Kairo.

wir, wie der Eindruck entstanden ist, die Vyse-Inschrift beprobt«, muss ich im Nationalmuseum von Kairo nicht um die Wette so Görlitz, »sondern rund 1,5 Meter entfernte, andere rote Linibrüllen, um mich verständlich zu machen. So spärlich besucht en und Zeichnungen: Wir nahmen minimal-invasive Proben die wie heute hatte ich den Prachtbau noch nie erlebt. Ansonsten angesichts der Schmierereien, welche dort von zahllosen Besuscheint im Innern alles wie sonst: Neben Särgen und Vitrinen chern hinterlassen wurden, für die Geschichte des Bauwerks schlummern hinter notdürftigen Absperrungen ungesichert riekeine eigentliche Beschädigung sein können.« sige, zugenagelte Holzkisten aus aller Welt. Vermutlich ausge- Dazu bewogen habe sie die »freie, unvoreingenommene Forliehene oder restaurierte Exponate. Frei nach dem ägyptischen schung«. »Ein befreundeter Wissenschaftler hatte zweimal über Motto: »Was du heute kannst besorgen, geht auch morgen.« eine deutsche Universität eine ähnliche Beprobung bei den Stünden am Eingang zum Museumsgarten nicht die ausge- Behörden beantragt und nicht mal eine brannte Parteizentrale sowie Panzerwaschriftliche Absage erhalten«, so Görlitz gen voller Soldaten, würde niemand mer- Ehrlich gesagt, hätte an jenem Abend. Internationale Forscher ken, dass hier 2011 der Mob wütete.

hätten jahrzehntelang Zeit gehabt, sich Unser Führer ermöglicht uns einen ich Görlitz an jenem Tag der Sache anzunehmen: »Warum ist eine Kurzbesuch im Büro des neuen Musewürgen können…

solche Analyse noch nicht erfolgt?« umsdirektors.

Der stellt charmant in Eine gute Frage, welche die unbefugte Aussicht, mit uns in den geheimnisum- Probenentnahme mit Hammer und Meissel kaum rechtfertigt, witterten Keller des Museums zu steigen. Stunden später wird so winzig und harmlos sie auch gewesen sein mag. Man stelle klar: Aus dem Spontanbesuch wird leider nichts. Der Herr Direksich nur mal vor, ein Moslem würde in der Grabeskirche von Jetor sitzt mittlerweile vor dem Fernseher und will offenbar seine rusalem heimlich Proben abmeisseln und die entsprechenden Ruhe haben. Vielleicht verkroch sich der gute Mann mit Absicht, Filmaufnahmen anschliessend ins Internet stellen. Ehrlich gedenke ich mir. Ausgerechnet in jenen Stunden weilte nämlich sagt, hätte ich Görlitz an jenem Tag würgen können. Trotz aller auch seine Vorgängerin, die frühere Museumsdirektorin Wafaa Begeisterung über seinen Forschungseifer.

El Saddik, im Gebäude. Oben im Tutanchamun-Saal steht die ebenso streitbare wie gescheite Frau einem ägyptischen TV-Abstecher ins Museum am Tahrir-Platz Team vor der berühmten Goldmaske Rede und Antwort, wäh- Szenenwechsel. 12. November 2013, einen Tag später. Zwirend ich unbehelligt zwischen den Vitrinen herumschlendere.

schenstopp am Tahrir-Platz. Zum ersten Mal in meinem Leben Selbst hier, im heiligsten aller Museumsräume, wurde 2011 Ausgabe 1/2014 hemmungslos geplündert und zerstört, bestätigt unser ägyptischer Reiseführer: 54 Stücke seien damals entwendet worden.

29 davon sind mittlerweile wieder aufgetaucht – darunter auch die Trompeten Tutanchamuns. Vom Rest fehlt nach wie vor jede Spur. Neben ProÀs, welche sich ins Museum abgeseilt und die Kabel der Überwachungskameras durchschnitten hatten, sei in jener Nacht leider auch viel Gesindel unterwegs gewesen: »Einige der Plünderer räumten sämtliche Gold-Replikate aus dem Museumsshop aus, weil sie dachten, es mit wertvollen Stücken zu tun zu haben.« Andere schmissen vermeintlich wertlose Relikte achtlos in den Mülleimer, wo sie später gefunden wurden. So etwa die Tafel einer Echnaton-Statue mit blauer Krone.

Glück im Unglück habe man bereits vor rund zehn Jahren gehabt, erfahren wir: »Um ein Haar wäre damals Tuts nicht rostender Stahldolch verloren gegangen: Ein Mann hatte sich nachts im Museum versteckt und das aus Meteoriteneisen geschmiedete Messer unter seinen Kleidern versteckt. Am nächsten Morgen wollte er sich just dann rausschleichen, als die Türen öffneten. Das kam den Polizisten verdächtig vor – und so konnten sie das Stück glücklicherweise vor dem Verschwinden bewahren.« OfÀzielle Entschuldigung und eine böse Überraschung Zurück im Hotel erreichen mich gegen Abend weitere Mails in Sachen Erdmann und Görlitz. Die beiden hatten sich mit ihrer Spontanaktion leider viele Sympathien verscherzt. Dass sie trotz guter Absicht einen kapitalen Fehler begannen hatten, merkten sie in jenen Tagen glücklicherweise bald. Noch während ich vor Ort weilte, entschuldigten sie sich in einem ofÀziellen Schreiben bei der ägyptischen Antikenverwaltung für ihr Vorgehen.

Speziell Görlitz brachte – während wir via Luxor weiter nach Assuan fuhren – seinen vollen Kooperationswillen mit der ägyptischen Obrigkeit zum Ausdruck, was die Publikation der bisherigen Analyseresultate angeht. Ein weiser Schritt! Leider fruchteten alle diplomatischen Versuche vorläuÀg nicht mehr, denn die arabische Behördenmaschinerie war längst angelaufen.

21. Oktober. Kaum war ich zurück in Basel, ging der Medienrummel los: »Das ägyptische Ministerium für Altertümer will drei Pfusch in der Pyramide: Was die Ägypter gerne verschweigen Bei allem Verständnis für den Ärger der ägyptischen Behörden über Görlitz’ und Erdmanns Farbkrümel-Aktion sollten folgende Fakten nicht unerwähnt bleiben: 1.) Ende der 1990er-Jahre erweiterten Unbekannte in der Cheopspyramide maschinell den so genannten »Caviglia-Tunnel« in der untersten Entlastungskammer. Und dies gleich um etliche Meter, in mehrere Richtungen! Bis heute ist unbekannt, wer hier mit ofÀzieller Duldung gewütet hat.

2.) 2002 zerstörten Mitarbeiter der Firma iRobot mit ihrem Minirover versehentlich den rechten Kupferstift am Ende des Südschachts der Königinnenkammer. Der Pfusch geschah unter Aufsicht von Zahi Hawass. Niemand zog den Antikenchef oder sein Team dafür je zur Rechenschaft.

Hielt grosse Stücke auf Görlitz: Empfehlungsschreiben des norwegischen Experimentalarchäologen Thor Heyerdahl von 1996.

Ausgabe 1/2014 17 Auch das ist Ägypten: Rund um das Museum verwittern uralte Sarkophage in der prallen Sonne.

Regierung Ägyptens zur Verfügung. Es handelt sich um verfärbte und nicht verfärbte Gesteinsproben von circa 100 Milligramm.« Kein Wort davon, dass just derselbe Fresenius-Mitarbeiter vor Jahren bereits schon mal Gesteinsproben aus der Cheopspyramide von Stefan Erdmann untersucht hatte.

Und Dominique Görlitz? Der hielt in jenen Tagen trotz etlichen journalistischen Falschmeldungen tapfer den Mund, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu giessen – im Wissen um seinen fatalen Fehler und im Vertrauen auf eine diplomatische Lösung mit den ägyptischen Behörden. Viel Wasser ist seither den Nil hinabgeÁossen. Noch bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe wurde auf höchster Ebene zwischen den Parteien verhandelt, wie»mysteries« weiss. Bis sich die Behörden in Kairo mit dem deutschen Team auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt haben, bleiben sämtliche Filmaufnahmen und Probenergebnisse unter Verschluss. Wie es 2014 weitergehen wird, wissen vorläuÀg nur die ägyptischen Götter.

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