Das gefällt den Novartis-Bossen gar nicht: Findige Basler haben ein SchlupÁoch entdeckt, das Normalsterblichen ermöglicht, doch in die abgeschottete Firmenlandschaft von Novartis zu gelangen. Neben einem Fitnessstudio, Solarien und einem medizinischen Zentrum verfügt die »Stadt in der Stadt« nämlich auch über eine eigene Apotheke. Und laut Gesetz muss jede Apotheke in der Schweiz öffentlich zugänglich sein. Folge: Wer an der gläsernen Pforte des Campus Einlass begehrt, weil er ein Medikament benötigt, muss hereingelassen werden. Ein Sicherheitsmann begleitet ihn dann zur Campus-Apotheke und wieder zurück. Verständlich, dass die Konzernleitung hofft, dass sich dieser Trick unter der Bevölkerung nicht herumspricht.
gen aus dem eigenen Sack. Ein Klacks für ein Unternehmen, das jährlich gegen 60 Milliarden Dollar Umsatz macht. Und so Àndet sich im abgeschirmten Gelände ebenso selbstverständlich auch eine öffentlich nicht zugängliche Filiale der Schweizer Post, während das Staatsunternehmen in den Nachbarquartieren aus Ànanziellen Gründen immer mehr kleine PostÀlialen dicht macht.
Milliarden für Luxus und Urwaldbäume aus Thailand Für die Erweiterung seines Campus’ nach US-Modell kaufte Novartis der Stadt komplette Strassenzüge ab, privatisierte und umzäunte ehemals öffentliche Wege. Alte Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht: »So verschwinden – mit staatlicher Hilfe – erneut günstige Wohnungen zu Gunsten einer hübschen Grünanlage für die Topmanager aus aller Welt«, beklagte sich bereits 2005 der Basler Mieterverband. »Wenn Novartis ruft, springt der Staat«, seufzen kritische Basler schon lange.
Knapp zwei Milliarden Euro hat sich der Multi die Luxuswelt bereits kosten lassen. Und das ist erst der Anfang: Bis 2030 will Novartis ihre Privatstadt weiter ausbauen. Gerade erst hat sie dem Kanton Basel-Stadt für über 80 Millionen Euro ein an den Campus angrenzendes Hafenareal abgekauft. Riesige Hochhäuser von bis zu 120 Metern Höhe sollen hier demnächst aus dem Boden gestampft werden, gegen 13'000 Menschen mittelfristig in dieser neuen Siedlung arbeiten. Unter modernsten und komfortabelsten Bedingungen – koste es was es wolle.
Für die edlen Parks liess das Unternehmen extra mächtige Regenwaldbäume aus Thailand nach Basel einÁiegen. In durchgestylten Teichanlagen dürfen teure Koi-Karpfen schwimmen. Stardesigner wie Frank O. Gehry, José Rafael Moneo Vallés, Eduardo Souto de Mouro, Fumihiko Maki oder die ArchitekturÀrma SANAA entwarfen die diversen Firmengebäude, wodurch auf kleinstem Raum eine Ansammlung von Spitzenarchitektur entstand, die weltweit ihresgleichen sucht. Ein verschwenderischer Gigantismus, der so manchem übel aufstösst, angesichts stetig steigender Gesundheitskosten – auch aufgrund wachsender Ausgaben Bürogebäude von Stararchitekt Frank O. Gehry. Die»Cloud « wurde im Spätsommer 2009 auf dem Campus eröffnet.
Ausgabe 1/2014 für teure Medikamente von Konzernen wie Novartis. Aufkommen muss dafür schlussendlich die Allgemeinheit: in Form von explodierenden Krankenkassenbeiträgen. Dass Novartis ihrem abtretenden Konzernchef Daniel Vasella 2013 zudem eine Ab-Àndung von knapp 60 Millionen Euro angeboten hatte, mag die Volksseele bis heute ebenfalls nicht nachvollziehen.
Parallelgesellschaft mitten in der Stadt Reichlich hochnäsig empÀnden weite Teile der Bevölkerung das öffentliche Auftreten des Pharmakonzerns. Denn wer als Aussenstehender die architektonischen Meisterwerke mitten in der Stadt bestaunen möchte, wird von Campus-Pförtnern und uniformierten Sicherheitskräften brüsk weggewiesen. Nur wer Novartis genehm ist, darf das rund 20 Hektar grosse, neue Quartier mittels Sondergenehmigung betreten.
Selbst Journalisten werden bei Besuchsanfragen nach Gut und Böse sortiert, wie »mysteries« erfahren musste.
Oder wie es Firmensprecher Claudio Beccarelli in seiner Antwort auf eine entsprechende Anfrage formulierte: »Wir erhalten wöchentlich verschiedene Medienanfragen aus aller Welt zum Novartis Campus in Basel. Medienanfragen, deren inhaltliche Ausrichtung einen direkten Beitrag zur Mission von Novartis als Gesund-An Wochenenden eine Geisterstadt.
Der abgeschirmte»Campus des Wissens « von Novartis mitten in Basel.
heitsunternehmen aufweisen, werden dabei bevorzugt behandelt. Es tut mir leid, Ihnen eine Absage erteilen zu müssen.« Anders formuliert:»Wir bezweifeln, dass Sie so berichten würden, wie wir es uns wünschen, also bleiben Sie bitte gefälligst draussen, damit wir unsere Mission ungestört weiterverfolgen können!« Und Pressefotos aus dem Innern? Die gibts von Novartis ebenfalls nicht.
Kein Wunder schiessen die Spekulationen über das Treiben der mehrheitlich ausländischen Angestellten in der »verbotenen Stadt« angesichts von so viel Geheimniskrämerei immer öfter ins Kraut.
SüfÀsant resümierte unlängst einer der vielen Leserbriefschreiber in den regionalen Medien: »Ich bin froh, dass diese Leute ihr Gehege nicht verlassen müssen. Wir dürfen ja auch nicht auf den Campus.« Global und international orientiert, übersehen die hochbezahlten Novartis-Bosse, wie sich die Stimmung in der Basler Bevölkerung zunehmend gegen sie richtet. In ihrer missionarischen Abgehobenheit und Entrücktheit will die Konzernleitung partout nicht verstehen, warum beim Thema »Campus« immer wieder von einer verbotenen Stadt gesprochen wird. Das stimme doch gar nicht: Das städtische Tourismusbüro organisiere schliesslich Leben und arbeiten im goldenen Käfig.
Die privilegierten Novartis-Angestellten aus aller Welt in ihrem Campus.
52 Ausgabe 1/2014 Überwachungskameras und Stahlzäune. Die klare Botschaft an die Stadtbevölkerung:»Ihr müsst hier leider draussen bleiben. « regelmässig Führungen, argumentieren die Manager. Und tat- FotograÀeren sei auf dem Campus für alle streng verboten, ersächlich: »Mit uns dürfen Sie den Novartis Campus betreten«, innern die Exkursionsveranstalter stets. Selbst Mitarbeitern ist heisst es beim Basler Fremdenverkehrsamt auf telefonische dies strikt untersagt.»Und wann würde die nächste Besichti-Anfrage hin höÁich. Jeweils an arbeitsfreien Samstagen – dann gungstour stattÀnden? «, fragt»mysteries « abschliessend. »Analso, wenn der Campus einer Geisterstadt gleicht. »Zuvor benötigesichts der aktuellen Wartezeiten frühestens in etwa drei gen wir allerdings eine gut lesbare Kopie Ihres Ausweises sowie Monaten«, so die freundliche Antwort.
Noch ein Schattenstaat: Neues Buch beleuchtet den Turm von Basel Nicht nur Novartis – sondern auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) geniesst in Basel weitreichende Sonderrechte. Als Bank aller weltweiten Nationalbanken und »internationale Organisation« residiert sie direkt neben dem Hauptbahnhof auf exterritorialem Gebiet. Zu ihrem Grundstück hat nicht einmal die Schweizer Polizei Zutritt. Selbst im Falle eines Mordes dürfen Justizbeamte das riesige Turmgebäude nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Bank betreten.
Das mächtigste Geldhaus der Welt verfügt über einen eigenen Sicherheitsdienst und eine eigene Gerichtsbarkeit. Oder wie es ofÀziell heisst:»Die Bank übt die Aufsicht und polizeiliche Kontrolle in ihren Räumlichkeiten aus.« BIZ-Banker haben Diplomatenstatus und können sich somit sogar ausserhalb ihres Territoriums dem Zugriff der Behörden entziehen. Trotz fürstlicher Gehälter zahlen sämtliche Angestellten keinerlei Steuern – ebenso wenig wie das Unternehmen selbst! (»mysteries« Nr. 6/2011) Erstmals setzt sich nun ein kritisches Sachbuch mit der BIZ auseinander. In »Tower of Basel« rekonstruiert der britische Wirtschaftskenner Adam Lebor die nach eigenen Worten »nebulöse Geschichte einer geheimen Bank, welche die Welt regiert«.
Bis ins letzte Detail beleuchtet er die fragwürdige Rolle der BIZ im Zweiten Weltkrieg und während der jüngsten Bankenkrise. Dazu wälzte der Investigativjournalist jahrelang Akten, sprach mit führenden Bankern und Ex-Managern und traf anonyme Informanten. VorläuÀg ist das hochgelobte Werk leider nur auf Englisch erhältlich (ISBN 978-1610392549).







































































































































































