«Operation Megillah»: Unter diesem Decknamen liess Israel ab 1993 mit 16 archäologischen Erkundungsmannschaften in der Qumran-Region nach weiteren versteckten Schriftrollen suchen. Zahlreiche Ungereimtheiten rund um die beispiellose archäologische Schatzsuche werfen seither Fragen auf: Galt – und gilt – die eigentliche Suche womöglich der sagenumwobenen Bundeslade? Und was hat es mit dem geheimnisvollen «Zink-Sarkophag» auf sich, der kürzlich auftauchte?
von G.F.L. und B.B.N.
Tunis, 9. September 1993. Palästinenserchef Arafat unterzeichnet die Urkunde, in der die Anerkennung Israels durch die Palästinensische Befreiungsorganisation festgelegt ist.
Arafat ahnt nicht einmal, als er sein Signum unter das Vertragswerk setzt, dass exakt zu diesem Zeitpunkt auf israelischer Seite bereits die Vorbereitungen für ein in der Geschichte der Archäologie beispielloses Unternehmen auf Hochtouren laufen: «Operation Megillah».
Das Ziel von «Megillah» ist klar definiert: Bis zum Abzug der jüdischen Verwaltungsorgane aus der West-Bank sollen dort an den wichtigsten bekannten aber noch nicht erkundeten archäologischen Schauplätzen so genannte «Not-oder Schnellgrabungen» erfolgen – mit der unverhohlenen Absicht, die dabei zutage geförderten Fundstücke in israelischen Staatsbesitz zu überführen.
Die Operation Megillah wird mit derselben Gründlichkeit vorbereitet, wie die Undercover-Unternehmen des berüchtigten israelischen Nachrichtendienstes Mossad – allerdings mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Megillah unterliegt nicht der Geheimhaltung. Im Gegenteil, die Presse wird sogar von der federführenden Institution vorab über die geplante Aktion in Kenntnis gesetzt.
Federführende Institution ist in diesem Fall die israelische Behörde für Altertümer unter ihrem Direktor Amir Drori. Ihr obliegt die gesamte Planungs-, Kommando- und Entscheidungskompetenz für Megillah.
Doch die «Israel Antiquities Author-Die Höhlen von Qumran. Hier wurde 1947 durch Zufall ein Teil der berühmten Schriftrollen vom Toten Meer gefunden.
ity» steht nicht allein da. Unterstützt wird sie unter anderem vom «Büro für archäologische Angelegenheiten der Zivilverwaltung von Jericho und der Judäischen Wüste».
Der Codename der Operation ist zugleich ihr Programm. «Megillah» ist der jüdische Ausdruck für «Schriftrolle» – und genau auf die haben es die «History- Fahnder» auch in erster Linie bei dem archäologischen Mammuteinsatz abgesehen. Ihre Hoffnung: Bisher noch unentdeckte Schriftrollen in den Qumran-Höhlen oder dem daran angrenzenden Territorium aufzuspüren.
Jahrhundert-Fund Die Qumran-Rollen sind nach dem Schatz des Tut-anch-Amun der wohl bekannteste archäologische Fund des letzten Jahrhunderts. Zu verdanken ist er aber nicht ausgräberischem Können sondern blankem Zufall.
So kann sich die Forschung in letzter Konsequenz für diesen einmaligen Wissensschatz bei einem Schaf bedanken: Hätte sich das Tier im Frühling 1947 nicht in den Felsklüften des Toten Meeres verirrt, wüssten wir wohl noch heute nichts von der Existenz dieser Rollen.
‹‹ Ohne das Schaf wüssten wir heute nichts von den Schriftrollen.
Ein junger Hirte war bei seiner Suche nach dem Ausreisser damals auf die erste Fundhöhle gestossen. Die darin gelagerten Schriftrollen waren in Tonkrügen deponiert und für ihr hohes Alter ausserordentlich gut erhalten. Die archäologische Sensation war perfekt.
Die berühmteste, weil am besten erhaltene Rolle erzählt die Geschichte des Propheten Jesaja. Der Jesaja-Text ist exemplarisch, denn inhaltlich widmen sich die Schriftrollen überwiegend religiösen Themen.
Doch Qumran hatte noch mehr zu bieten. So sollte sich im Laufe der nächsten Jahre herausstellen, dass der Ursprungsfund nur der erste war in einer langen Kette spektakulärer Entdeckungen in der Region.
Weltweites Medieninteresse löste nur fünf Jahre nach der ersten Entdeckung der zweite, für viele noch spektakulärere Fund aus. Er bestand aus lediglich zwei Objekten. Wieder handelte es sich um beschriftete Rollen – aus (zur damaligen Zeit) wertvollem Kupfer. Es musste also wahrlich etwas von enormer Wichtigkeit oder Bedeutung in diesen Rollen vermerkt sein. Und das war es auch!
Besonders eine Rolle hatte es in sich.
Sie hat als «kupferne Schatzrolle» archäologische Berühmtheit erlangt. Der erste eingravierte Satz zeigt gleich auf, worum es geht: «In der Ruine im Tal von Achor, unter den Stufen, die von Osten hereinführen, 40 Ellen Richtung Westen: eine Kiste Silber. Gewicht: 17 Talente.»
Für die Forscher war das der Sechser im Lotto. Sie hielten eine Schatzliste mit genauen Angaben über die Verbringung der Reichtümer an nicht weniger als 64 verschiedene Plätze in den Händen!
Ihre Vermutung: Die Angaben beziehen sich auf einen israelitischen Tempelschatz, den jüdische Priester vor 2000 Jahren vergruben. «Die Geschichte ist ein Thriller», urteilt der Amerikaner Kyle McCarter, der rund ein halbes Jahrzehnt an der Rolle arbeitete und sie übersetzte.
Sein Resümee: Der Schatz liegt vielleicht heute noch «im Jordantal und am Toten Meer» vergraben. Falls alle 64 genannten Örtlichkeiten zutreffen und die Massangaben nicht übertrieben hoch angesetzt wurden, bedeutet das, dass in der Qumran-Region nicht weniger als 65 Tonnen Silber und 26 Tonnen pures Gold auf ihren Finder harren.
Zweite Kupferrolle?
Natürlich nimmt Wunder, warum die Horte trotz der präzisen Informationen in der Kupferrolle noch nicht gehoben wurden.
Das ist jedoch leicht erklärbar. Im letzten der 64 Verstecke findet sich nämlich, wie der anonyme Verfasser der Schatzliste in das dünne Metallblech stanzte, angeblich eine zweite Kupferrolle.
Diese soll eine exakte Erklärung der Angaben in der 1952 geborgenen Rolle zum Inhalt haben und zusätzlich ausführliche Erläuterungen mit den genauen Berechnungen enthalten. Wer also an die ‹‹ Wer an die Schätze will, benötigt die zweite Rolle.
Schätze will, muss folglich zuerst diese finden.
Selbstverständlich ist trotz des Fehlens des zweiten Dokuments versucht worden, dem Schatzpuzzle auf die Spur zu kommen. Offenbar waren diese Projekte aber nicht von Erfolg gekrönt.
Auf der anderen Seite konnte natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass im Zuge des Megillah-Grosseinsatz nicht doch das eine oder andere Versteck lokalisiert werden würde.
Die Chancen dafür standen zwar alles andere als gut, aber immerhin doch besser als je zuvor. Denn als Ende Oktober 1993 sämtliche Vorbereitungen abgeschlossen waren, verfügte die «Operation Megillah» laut Auskunft von Efrat Orbach, der Sprecherin der israelischen Altertümerverwaltung, über nicht weniger als 16 Forschungsteams. 16 Erkundungsmannschaften für ein und dasselbe Grabungsterritorium – das ist zweifelsohne weltrekordverdächtig!
Schwerpunkt der Feldaktivitäten bildeten drei benachbarte Sektoren auf der West-Bank:
- die Umgebung der Stadt Jericho
- das Gebiet der Qumran-Siedlung mit
- das sich daran in südlicher Richtung
Damit waren die Claims abgesteckt und von den jeweiligen Suchmannschaften besetzt.
Es ist Anfang November 1993 – die «Operation Schriftrollen» tritt in die entscheidende Phase, den Beginn der archäologischen Feldarbeit. Gleichzeitig vollziehen die Israelis mit Beginn des Ernstfalls von Megillah einen äusserst geschickten, weil kaum merklichen Wandel in ihrer Informationspolitik. Die neue Devise lautet plötzlich: «Viel reden, aber nur ja nichts aussagen!»
Insofern lassen sich die nachfolgenden Ereignisse während des Ablaufs der Operation nur sehr schwer und lückenhaft rekapitulieren. Zwar stützen sich unsere Schilderungen grösstenteils auf schriftliche Quellen, dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie bei neuer Informationslage der Revision bedürfen. Hier also der Ablauf von Megillah, so wie er sich heute darstellt.
Anfänglich läuft alles exakt nach Plan.
Das grösste Problem für die einzelnen Gruppen besteht in dem für sie völlig fremden Arbeitstempo. Schliemanns Enkel führen ein Rennen gegen die Zeit.
Altertümerbergung aber ist arbeits- und zeitintensiv, erfordert Genauigkeit, Sorgfalt und Vorsicht. Bei Megillah treten diese Prämissen jedoch in den Hintergrund.
Doch sonst ist Direktor Amir Drori mit dem Anlaufen der Operation zufrieden – zumal sich bereits nach wenigen Tagen die ersten Erfolge einstellen, über die selbst-






















