Kennen Sie Hergé (1907–1983), den Zeichner von Tim und Struppi (»Tintin«)? Kaum einer weiss, dass der visionäre belgische Illustrator ein bestens informierter Mystery-Fan war. Ob Yetis, UFOs oder Götter aus dem All: Der Mann war seiner Zeit voraus. Er liess sich von parawissenschaftlichen Forschern wie dem »französischen Däniken« Robert Charroux oder von Querdenker Jacques Bergier inspirieren und beraten. Auch Kryptozoologe Bernard Heuvelmans gehörte zu Hergés engstem Freundeskreis. Steckt in seinen Verschwörungsabenteuern mehr Wahrheit als mancher ahnt?
eorges Prosper Remi alias Hergé kam 1907 in der Nähe von Brüssel auf die Welt. Er wuchs in kleinbürgerlichen GVerhältnissen auf. Seine Eltern erzogen ihn erzkonservativ und streng katholisch. Eine Gesinnung, die ihn zeitlebens begleiten sollte. So betonte der Künstler in Interviews gerne, er sei an sich wenig politisch interessiert, aber am ehesten noch ein Konservativer.
Obwohl er in den Wirren des Ersten Weltkriegs aufwuchs, im Zuge dessen auch sein Heimatort Brüssel von den Deutschen besetzt wurde, bezeichnete Remi seine Kindheit rückblickend als »ereignislos«, »grau« und »unbedeutend«. Erst mit dem Beitritt zu den PfadÀndern sei etwas Farbe und Spannung reingekommen. Dort und in der Schule begann der Heranwachsende mit dem Zeichnen. Bereits als Jugendlicher illustrierte er die in Belgien erscheinende PfadÀnderzeitung. Über seine dortige Aktivität und in verschiedenen weiteren katholischen Jugendorganisationen kam der junge Mann schliesslich zur rechtsbürgerlichen Tageszeitung »Le XXe Siècle«. Ab 1928 leitete und gestaltete Hergé die Jugendbeilage des Blattes, »Le Petit Vingtième«. Hier erschienen ab 1929 die ersten »Tim und Struppi«- Folgen. Anfänglich noch eher ungelenk skizziert, ausnahmslos in Schwarzweiss.
1940, im Zweiten Weltkrieg und unter Nazi-Besatzung, wurde »Le XXe Siècle« eingestellt. Remi wechselte zum belgischen Printorgan »Le Soir« und liess seine Comics vorübergehend dort publizieren. Dieses Engagement brachte ihm später viel Kritik ein, da die Zeitung mit den Nationalsozialisten kooperierte, welche sie als Sprachrohr nutzten. Hergé musste sich deshalb zeitlebens mit dem Vorwurf auseinandersetzen, damals politisch zu weit rechts verhaftet gewesen zu sein.
54 Ausgabe 2/2017 für das Geheimnisvolle und Überirdische durch die Serie: Mysteriöse Kristallkugeln, afrikanische Leopardenmenschen, Sonnentore, Kugelblitze, der Fluch des Tutenchamuns, vorzeitliche Artefakte oder vergessene Kulturen – die Welt des Unerklärlichen war auch die Welt von Tim und Struppi.
»Verschwörungsabenteuer«, nennt deshalb der renommierte Kulturwissenschaftler Georg Seesslen in seinem Buch »Tintin, und wie er die Welt sah« die Geschichten aus der Feder Hergés. Die Comics seien voller »Fingerzeige, Vorahnungen und Beweise eines übermenschlichen Wirkens in der Welt«: »Was die Cha-Ausgabe 2/2017 55 Aller Widrigkeiten zum Trotz entwickelten sich Tim und Struppi schnell zum Publikumsmagneten. »Der Erfolg stellte sich beinahe unmittelbar ein«, konstatiert der führende »Tintinologe« Michael Farr in seinem Buch»Auf den Spuren von Tim und Struppi«. »Donnerstags, wenn Tim und Struppi erschienen, verdoppelte sich die verkaufte AuÁage der Tageszeitung. Bald verdreifachte, schliesslich vervierfachte sie sich sogar!« 1946 erschien erstmals das Magazin »Tintin«, publiziert von einem früheren Résistance-Kämpfer.
Wie ein roter Faden zieht sich Hergés Interesse und Offenheit raktere stets von neuem erfahren müssen, ist, dass es Kräfte gibt, die mächtiger sind als sie selbst.« Immer wieder liess der Zeichner Mystery-Forscher in seine Comics einÁiessen. So etwa den 1925 am Oberlauf des Rio Gran de verschollenen britischen Abenteurer Percy Fawcett (1867– 1925), der im brasilianischen Regenwald jahrelang nach der legendären Indio-Stadt »Z« gesucht hatte. Bis heute halten sich Gerüchte, wonach Fawcett überlebt haben soll. Und so begegnet Tim in Hergés Dschungel (»Arumbaya Fetisch«, 1937/1943) denn auch einem ergrauten langhaarigen Ethnologen namens Ridgewell – eine Hommage an Fawcett. Nur eine von vielen Reminiszenzen, die auch Hergé-Fan und Starregisseur Steven Spielberg später in seine Indiana-Jones-Filme einbauen sollte.
Indy ohne Hergé? Undenkbar!
Vom Nessie bis zum Yeti im Tibet Bei aller Faszination für das Übersinnliche blieb Hergé ein sehr nüchterner Mensch, der spätestens ab der Nachkriegszeit penibel darauf bedacht war, dass seine Comics stets in der Realität verankert und detailgetreu waren. Bei Remi handelte es sich dabei weitgehend um einen »Schreibtischtäter«, der nur selten an die Orte seiner Geschichten reiste. Umso akribischer recherchierte er in Büchern und Zeitschriften.
Fasziniert von geheimnisvollen Phänomenen aller Art: Meister-Ob Prospekte, Notizen, Forschungsarbeiten, Fotos, Postkarzeichner Georges Prosper Remi alias Hergé (1907–1983).
ten oder Illustrierte – der Zeichner hob alles auf, von dem er annahm, dass es ihm später mal nutzen könnte. Er sei »ein schen angezogen – etwa von der Kryptozoologie und deren geborener Archivar gewesen«, bestätigt sein Biograf Farr: »Fast Suche nach vergessenen Lebensformen. So verfolgte er bereits zwanghaft« schnitt Hergé demnach »Unmengen von Materialien in den frühen 1930er-Jahren die Berichterstattung über das aus, sammelte und sortierte sie«. Nahezu alles, was er in seinen vermeintliche schottische Seemonster Nessie. »Hergé war fas- Zeichnungen darstellte, hatte denn auch ein reales Vorbild. Seiziniert davon – wie später auch vom Yeti, der genauso wenig en es die Autos und Flugzeuge, die Tim nutzte oder die Gebäude greifbar war – und sammelte so ziemlich alles, was er zum Theund Landschaften, die der junge Reporter aufsuchte.
ma Ànden konnte«, konstatiert Farr, der ihn mehrfach persönlich Hergé war beim Zusammentragen äusserst vielseitig. Einergetroffen hatte.
seits informierte er sich stets über Wissenschaft und Technik, Nessie Áoss bereits in den Band »Die Schwarze Insel« (1937) andererseits fühlte er sich auch vom Mysteriösen und Mystiein. Den Yeti liess Hergé 1959 auftauchen – in »Tim in Tibet«, einem seiner persönlichsten Bände: »Ich litt an einer Depression und suchte einen Psychoanalysten auf. ›Tim in Tibet‹ ist während dieser Krise entstanden.« Wie der Yeti sei er damals ein verzweifelt Suchender gewesen, offenbarte das Genie 1989 dem Autor Numa Sadoul (»Entretien avec Hergé«). So habe er damals gerade seine Ehefrau verlassen und sei zu seiner langjährigen Geliebten gezogen.»›Tim im Tibet‹ widerspiegelt diese moralische Krise.« Auch die monotone Schneewüste, durch die sich die Protagonisten kämpften, sei sinnbildlich zu verstehen. So habe er in jener Zeit »ständig völlig in Weiss getauchte Träume gehabt«.
»In dieser an autobiograÀschen Zitaten reichen Erzählung brachte Hergé zwei weitere seiner Leidenschaften zum Ausdruck, die er mit seiner neuen Partnerin Das Original und seine Kopie. Links Professor Bienlein – rechts der Schweizer Physiker und Erfinder Auguste Piccard (1884–1962), der Hergé als Vorlage gedient hatte.
teilte: übersinnliche Wahrnehmung und 56 Ausgabe 2/2017 Von der Fiktion zur Wirklichkeit: Moderne Haifisch-Tauchboote des US-Herstellers Seabreacher, wie sie Hergé bereits 1943 in ähnlicher Form zu Papier gebracht hatte. Als Inspiration diente ihm dabei unter anderem ein Presseausschnitt über ein ähnlich geartetes deutsches »Mini Sub«.
Hergé und die Elektro-Autos Auch ausserhalb seiner Comics bewies Hergé visionäres Talent. So sah er bereits in den 1980er-Jahren den Siegeszug des Elektroautos voraus, als er in einem Interview sagte: »Die Verschmutzung von Luft und Wasser, die Zerstörung der Umwelt, das sind schreckliche Dinge. Aber das wird sich ändern, davon bin ich überzeugt. In den USA, in Schweden, überall wird nach Lösungen gesucht.
Die Autos beispielsweise werden elektrisch betrieben werden, virtuell gibt es sie bereits, die Hersteller haben konkrete Pläne. Aber solange genug Erdöl vorhanden ist… Stellen Sie sich nur mal vor, Sie sind Besitzer solcher Quellen, verdienen unglaubliche Summen und werden plötzlich durch Elektrofahrzeuge bedroht!« Ausgabe 2/2017 57 den Mystizismus des tibetanischen Buddhismus«, analysiert Experte Farr. Besonders deutlich wird dies in der Darstellung eines schwebenden Mönches, der eine Erleuchtung hat. Tims Erschaffer hielt das Phänomen der Levitation für absolut real. Viele seriöse Autoren hätten das Thema ausgiebig beleuchtet, erläuterte Hergé in den späten Achtzigern bei Gesprächen. Hauptquelle dafür war für ihn die Forscherin Alexandra David-Néel mit ihren Büchern »Bei Mystikern und Zauberern in Tibet« sowie »Der Weg zur Erleuchtung«.
Beraten liess sich der Zeichner bei den Arbeiten für den Tibet-Band auch von einem langjährigen Freund – dem belgischen Mystery-Forscher Bernard Heuvelmans (1916–2001). Dank ihm sei er bestens dokumentiert gewesen, so Hergé. »Ich besass eine Liste aller glaubwürdigen Personen, die behaupteten, den Yeti gesichtet zu haben; ich hatte seine sehr genaue Beschreibung über seinen Lebensraum und seine Gewohnheiten, Fotos seiner Spuren etc.« All dies habe er in den Comic eingearbeitet – inklusive der präzisen Darstellung der Fussabdrücke des Schneemenschen, die sich »von Bären deutlich unterscheiden«, wie er betonte. Er habe es absolut vermeiden wollen,»aus dem Schneemenschen eine unwirkliche Legende zu machen«.
Tintinologe Farr resümierte schmunzelnd, dass der Yeti – sollte er tatsächlich mal auftau- Visionäres Design. Computeranimation der Mond-Rakete, wie sie Hergé bereits anfangs der 1950er-Jahre skizziert hatte.
Schwebender buddhistischer Mönch in »Tim in Tibet« (1959). Copyright: www.carlsen.de chen –»sehr wahrscheinlich dem Bild ähneln wird, das Hergé von ihm gezeichnet hat; so wie auch schon seine ›Reise auf den Mond‹ von visionärer Genauigkeit war«.
Für dieses zweibändige Weltraum-Abenteuer (1953/1954) hatte Hergé ebenfalls eng mit Heuvelmans kooperiert, der in diesem Fall sogar an der Ausarbeitung der Geschichte beteiligt war.
Zudem las er sich begeistert bei führenden Raketenforschern wie Willy Ley und Wernher von Braun in die Thematik ein. Resul tat war ein Comic von »gleichsam prophetischer Genauigkeit«, ist Farr begeistert. »Schon im März 1953, also 16 Jahre bevor US-Astronaut Neil Armstrong seine berühmten Worte sprach: ›Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Sprung für die Menschheit!‹, konnte Tim verkünden: ›Ich stehe auf dem Mond! Zum ersten Mal macht ein Mensch von der Erde Schritte auf dem Mond!‹« Waren wir nicht die Ersten auf dem Mond?
Neben der szenarischen Genauigkeit fasziniert auch die technische Präzision, mit der Hergé das Jahrhundertereignis Jahre zuvor vorweggenommen hatte: Ob die Innenausstattung der Rakete, die MondoberÁäche, der lunare Rover, die Astronautenanzüge oder die an die legendäre deutsche V2 angelehnte Trägerrakete – auffällig vieles stimmte fast bis ins Detail mit den späteren Bildern aus der Realität überein. Dies notabene in einer Zeit, in der die meisten Weltraumexperten ein derartiges Unternehmen für völlig unmöglich hielten.
Auch die Frage nach ausserirdischem Leben trieb Hergé sein Leben lang um. Er habe sich in seiner Bildergeschichte bewusst


















































































































