Mysteriöser Störton raubt Hamburgern den Schlaf
Lange Jahre war es ruhig geworden um das «Brummton-Phänomen». Nun sorgt das nervtötende Geräusch bei den Betroffenen erneut für schlaflose Nächte – speziell in Hamburgs Westen. Physiker und Mediziner zucken ratlos die Achseln: Keiner kennt eine gescheite Antwort, die das Leiden der Geplagten erklären oder vielleicht gar lindern könnte. Was steckt dahinter?
Seit Monaten werden Bewohner im Westen der Stadt Hamburg von einem dumpfen Brummen aus dem Schlaf gerissen. Einige Nachbarn würden schon darüber nachdenken, ihr Haus zu verkaufen, klagte der betroffene Rico Schweitzer unlängst gegenüber Journalisten. Sogar selbst gebastelte Zimmer-Isolationen oder professionelle Ohrenschützer würden das nervtötende Summen nicht aus dem Kopf verbannen. Schweitzer: «Diesen Ton kann man nicht ausblenden.»
Auf der Suche nach dem Grund für den Störfaktor haben der Hamburger und weitere Betroffene bereits die ganze Gegend durchforscht.
Als mögliche Ursache verdächtigen sie den neuen Teilchenbeschleuniger der Forschungsanstalt «Desy», der seit April dieses Jahres in Bahrenfeld in Betrieb ging. Dort gebe es tatsächlich ein Gerät, das einen 50-Hertz-Brummton erzeuge, so ein Desy-Sprecher auf Anfrage. Allerdings würde dieses akustisch korrekt abge-
Sicher ist nur eines: Die gesehen völlig gesund! Betroffenen sind medizinisch
schirmt.
Konstantes Dröhnen im Kopf Selbst wenn die neue Anlage den Ton verursachen würde, wäre das Phänomen damit noch nicht geklärt. Denn bereits vor acht Jahren litten Einwohner des Hamburger Westens unter dem Brummton. Damals gab es den Teilchenbeschleuniger noch nicht. Und die Hamburger sind auch nicht die einzigen, die unter dem merkwürdigen Geräusch leiden. Vielmehr scheint es sich um ein globales Problem zu handeln.
Erstmals offiziell darüber berichtet wurde 1989, als das «ferne Dröhnen» in der Stadt Taos in New Mexico für Unruhe sorgte. Es folgten weitere Fälle in Amerika und Europa. Auch in Deutschland und der Schweiz war das nervtötende Summen ab 2000 immer wieder Thema in den Medien. Das Echo darauf verhallte jeweils nach kurzer Zeit. Im Gegensatz zum Brummton selber.
«Das Problem war nie weg», bestätigt Elmar Maronn gegenüber «mysteries». Maronn wohnt in Bad Waldsee im Süden Deutschlands und leidet schon seit Jahren unter dem Dröhnen in seinem Kopf. Gemeinsam mit weiteren engagierten Opfern gründete er 2001 die «Interessengemeinschaft zur Aufklärung des Brummtons» (IGZAB). Auf ihrer Homepage informieren die Betroffenen über aktuelle Forschungen und Theorien zum Thema.
2007 löste sich der Verein auf, um sich fortan nur noch auf Internetaktivitäten zu beschränken. «Wir hatten eine Unmenge an Zeit und Arbeit in unsere Aktivitäten investiert und mussten im Laufe der Jahre feststellen, dass wir leider kaum einen Schritt weitergekommen waren», erklärt der Süddeutsche resigniert. «Das Problem mit all seinen negativen Begleiterscheinungen konnte in all den Jahren nicht wirksam bekämpft werden. Unsere Arbeit und Forschung erwies sich als Sisyphusarbeit.»
Das merkwürdige Geräusch strapaziert nicht nur die Gehörgänge der Betroffenen: Zu den Symptomen gehören auch Schlafstörungen, Herzrasen, Vibrationen im Körper und erhöhter Blutdruck. Wer versucht, neben einem laufenden Dieselmotor einzuschlafen, dürfte wohl am ehesten nachempfinden können, was es heisst, dem tiefen Dröhnen schutzlos ausgesetzt zu sein. «Fast wortgleich berichten Betroffene aus aller Welt, dass sie den Ton zunächst einem defekten Kühlschrank oder einem entfernten LKW-Dieselmotor im Leerlauf zuschrieben», wie die IGZAB auf ihrer Homepage sinngemäss festhält.
Verschiedenste Untersuchungen wurden schon durchgeführt. Lange war unklar, ob allenfalls Infraschallwellen, die für den Menschen «als nicht hörbar» gelten, eine Erklärung für das Phänomen liefern. Könnten Frequenzen unter 20 Hertz für besonders sensible Zeitgenossen womöglich doch hörbar sein? Detaillierte Messungen der «Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe» im Mai 2002 ergaben das Gegenteil.
Mit Sicherheit kein Tinnitus-Leiden!
Aber auch die Suche nach Quellen im hörbaren Bereich blieb ergebnislos. Nachdem rund 300 Betroffene in Baden-Württemberg bei den zuständigen Lärmschutzfachstellen Beschwerde einreichten, rückten die Experten mit den Messgeräten aus. Aufgezeichnet wurden Schallwellen von 3 bis 20’000 Hertz, ohne dass man der Lösung des Rätsels dabei näherkam.
Ausgabe 6/09 Phänomene Eine «gemeinsame akustische Quelle für den Brummton», so das Ergebnis, könne «aufgrund der unterschiedlichen Messergebnisse» ausgeschlossen werden.
Aufschlussreicher waren die gleichzeitigen Untersuchungen in einer Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Tübingen. Sie zeigten, dass Brummton-Betroffene tiefe Töne im unteren Frequenzbereich tatsächlich besonders gut wahrnehmen, wie zuvor nur spekuliert wurde. Ausserdem konnte ein für allemal widerlegt werden, dass die Betroffenen schlicht an der bekannten Tinnitus-Krankheit leiden würden, wie Skeptiker oft respektlos abwinken. Zumindest dieses medizinische Übel kann mittlerweile also definitiv ausgeschlossen werden.
Sind manche sensibler als andere?
«Konsens ist derzeit, dass der Brummton kein akustischer, hörbarer Ton von aussen ist – aber möglicherweise von aussen im Körperinnern angeregt wird. Eventuell durch niederfrequente oder elektromagnetische Schwingungen oder Felder», fasst Elmar Maronn zusammen.
Zu diesem Schluss kam auch der Amerikaner David Deming von der Universität von Oklahoma, der das akustische Phänomen 2004 ebenfalls mit wissenschaftlichen Methoden analysierte. «Es scheint sehr wahrscheinlich, dass das Brummen elektromagnetischer Strahlung zugeordnet werden kann, die gewisse Leute offensichtlich als Ton wahrnehmen können», bilanzierte der Geologe im bekannten «Journal of Scientific Exploration».
Das bedeute nicht automatisch, dass Handystrahlung dafür verantwortlich sei, sagt Maronn. «Vielmehr ist es vermutlich ein Mix aus verschiedensten Quellen.» So würden die meisten Betroffenen bei langer Trockenheit das Brummen nur noch sehr schwach hören. «Kommt dann aber beispielsweise ein Gewitter auf oder auch einfach nur feuchtes Wetter, fängt das Leiden wieder von vorne an», weiss der Deutsche nur zu gut aus eigener Erfahrung. «Ich hatte diesbezüglich auch schon Kontakt zu einer Frau, die in Indien in einem unbedeutenden Dorf, weitab von der uns bekannten Zivilisation, arbeitete. Sie berichtete mir, dass selbst dort einige Bewohner das Brummen plötzlich wahrnehmen konnten.»
Möglich also, dass der Brummton an manchen Orten lokale Ursachen hat, daneben aber auch von Schwingungen verursacht wird, die erst allmählich erforscht werden. So zum Beispiel das Summen unseres Planeten, das Geologen in Bergwerkstollen und an Ozeanküsten messen konnten.
Erst anfangs August dieses Jahres will eine Gruppe von Forschern den eigentlichen Ursprung dieses «Erdbrummens» definitiv aufgespürt haben: Es entstehe, wenn an der nordamerikanischen Pazifikküste Wellen von ähnlicher Frequenz kollidierten, schrieben sie in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift «Geophysical Research Letters».
Den Betroffenen dürfte auch diese Erkenntnis nur wenig nützen. Ähnlich wie Elektrosmog-Geplagten bleibt ihnen derzeit nichts anderes übrig, als sich in ihr Schicksal zu fügen.























