KöNnen Antike Vasen Doch Sprechen?
Heute amtet er als Direktor des Deutschen Museums. Doch bereits vor Jahren hatte Professor Wolfgang Heckl eine faszinierende Idee: Lassen sich Vasen der Vergangenheit womöglich akustisch gespeicherte Töne oder Gespräche entlocken? Ja, das könnte klappen, behaupten überraschend auch andere Forscher.
hörbar zu machen. Exakt jene Geräuschkulisse, die in grauer Vergangenheit unmittelbar während des Einkerbens vorherrscht haben soll.
Ausgestrahlt wurde der News-Beitrag im belgischen Fernsehen – am 1. April 2005. Leider kein Zufall, wie bereits das Datum erahnen lässt. Tatsächlich handelte es sich um einen – äusserst professionell aufgemachten – Aprilscherz. Doch so abwegig, wie sie auf den ersten Blick schei- Die französischsprachige TV-Meldung macht stutzig. Ohne mit der Wimper zu zucken, berichten belgische Wissenschaftler darin von einer schier unglaublichen Entdeckung. Kurz gefasst: Es sei ihnen gelungen, aus Einkerbungen einer 6500 Jahre alten Tonvase mit phonographischen Mitteln Stimmen und Gelächter akustisch nen mag, ist die Idee beileibe nicht. Bereits 1969 war die Idee, Töne aus der Vergangenheit hörbar zu machen, in der Februar-Ausgabe des «New Scientist» von David E. H. Jones in einer Kolumne aufgeworfen worden. Und kurz zuvor hatte ein unabhängiger Wissenschaftler namens Richard G. Woodbridge III. der renommierten Zeitschrift «Nature» ebenfalls einen entsprechenden Kurzbericht über eigene erfolgversprechende Versuche aus dem Jahre 1961 übermittelt. Sein Beitrag wurde von den Herausgebern indes als «zu spezialisiert» abgelehnt.
Immerhin: Woodbridge konnte seinen Kurzbeitrag wenig später, im August 1969, in den «Proceedings of the IEE» doch noch unterbringen, wo seine Zeilen indes schnell in Vergessenheit gerieten (siehe dazu auf Seite 41 die deutschsprachige Erstveröffentlichung seiner Gedanken).
Lediglich ein paar Science-Fiction-Autoren sollten die gewagte Idee in der Folge aufgreifen – bis 1993. In diesem Jahr doppelte der deutsche Biophysiker, Nanowissenschaftler und heutige Professor Wolfgang Heckl nämlich publikumswirksam in «Bild der Wissenschaft» nach.
Heckl amtet mittlerweile als Generaldirektor des Deutschen Museums. Doch war er bereits damals kein Unbekannter. Jahrelang hatte er mit dem Nobelpreisträger und Miterfinder des Rastertunnelelektronenmikroskops, Gerd Binnig, zusammengearbeitet.
Auch Heckl stellte sich damals die ketzerische Frage:Wäre es nicht möglich, dass Geräusche oder gar Musik in alten Töpfen und Vasen verewigt worden sein könnten? Konnten solche Laute womöglich mit Hilfe des 1986 ebenfalls von Binnig entwickelten Raster-Kraftmikroskops wieder hörbar gemacht werden?
Pure Fantasie? Nein, denn besagtes technisches Wunderding basiert ebenso wie das Raster-Tunnelmikroskop auf dem Prinzip einer ultrafeinen Nadelspitze, welche die Oberfläche eines bestimmten Materials zeilenweise abtastet. Und so selbst Kristallstrukturen oder einzelne Moleküle zumindest sichtbar werden lässt.
Gespeichert in den Rillen Heckls Idee lehnt sich eng an Woodbridges Gedanken an. Auch sie fusst auf der simplen Grundüberlegung, dass grundsätzliche alle Kratzer oder Rillen, die im Lauf der Zeit bewusst oder unbewusst auf ein Objekt gelangen, indirekt auch Speicher akustischer Information sein müssten. Grund: Die Schallschwingungen der jeweiligen Umgebung wirken sich ganz automatisch auf das kratzende Instrument aus, gelangen auf diese Weise als winzige Ablenkungen direkt in die gerade entstehende Rille.
Und ebendiese Ablenkungen sind es, die Heckl damals via Rasterkraftmikroskop «Können wir hörbar machen, wie ein römischer Künstler über Cäsars Tod tratscht?»
ausfindig machen wollte, um sie anschliessend abzutasten und mit Hilfe modernster Apparaturen zum Klingen zu bringen. Rillen übrigens, wie wir sie auf antiken Töpfen und Vasen in Hülle und Fülle finden.
Und wenngleich Heckl damals bewusst vorsichtig blieb und auf verschiedene Voraussetzungen in Bezug auf Material und Oberflächenbeschaffenheit hinwies, welche die Suche einschränken würden, eröffnen sich durch seine Überlegungen wahrhaft fantastische Perspektiven. Könnten auf die beschriebene Weise doch tatsächlich ganze Sätze oder Ausrufe der jeweiligen Künstler in den Rillen festgehalten worden sein.
Stellen wir uns nur einmal vor, wir könnten hörbar machen, wie ein römischer Vasenkünstler mit seinen Besuchern gerade über Cäsars Tod tratscht, während er seine Verzierungen eingravierte. Oder was Universalgenie Leonardo da Vinci vor sich hinbrummte, als er die «Mona Lisa» pinselte. Historischer Sprengstoff!
1998 fragte die Zeitung «Zeit» bei Heckl nach, was aus seiner Idee geworden war. «Gar nichts», antwortete der mittlerweile berühmt gewordene Wissenschaftler.
«Alles nur eine intellektuelle Spinnerei», wiegelte er auf Anfrage und mit Rücksicht auf seine akademische Karriere taktisch ab. Er habe die Sache nie weiterverfolgt. Für Deutschlands «Meinungsblatt» war die Sache damit erledigt.
Überraschende Entdeckung Nicht so für «mysteries». Eine intensive Suche in den Archiven förderte nämlich überraschend eine völlig unbeachtete wissenschaftliche Abhandlung Heckls zutage, in der er seine Überlegungen konkretisierte. Vorgestellt wurde sie bereits 1992 im so genannten «Dahlem Workshop Report» der Freien Universität Berlin, die Unorthodoxer Denker. Der deutsche Biophysiker Professor Wolfgang Heckl.
damals regelmässig interdisziplinäre Zusammenkünfte weltweit anerkannter Wissenschaftler aus unterschiedlichen Ländern durchführte.
Im englischsprachigen Sammelband «Durability and Change» der Tagung vom 6. bis 11. Dezember 1992 finden sich auch Heckls Überlegungen wiedergegeben. «Bis jetzt waren alle Informationen über das Leben in früheren Zeiten nur über erhalten gebliebene Schriftstücke, Gemälde oder Artefakte möglich», wird darin ausgeführt.
«Stimmen aber, Musik oder andere Geräusche sind nur kurzzeitig hörbar. Dank der Erfindung des phonographischen Prinzips durch Thomas A. Edison und des später entwickelten Plattenspielers wissen wir jedoch, dass Töne mit relativ geringem technischem Aufwand gespeichert werden können. Die Frage stellt sich nun, ob es in der Vergangenheit vielleicht möglich war, auf eine ähnliche Art Klänge in einem geeigneten Medium aufzuzeichnen – und dass sich diese möglicherweise bis heute erhalten hätten.»
So könnte es funktionieren Auf den folgenden Seiten führt Heckl seine Ideen bis ins Detail aus. Und so entsteht vor dem geistigen Auge des Lesers folgendes Bild: Auf einer einfachen Töpferscheibe wird ein Klumpen Ton mit einer Geschwindigkeit von zwischen 1 und 10 Hz beispielsweise zu einem Krug mit dekorativen Einkerbungen geformt.
Während des Drehens hält der Töpfer einen scharfen Gegenstand, ein Metallstück, ein Töpfermesser oder einen kammartigen Gegenstand (einen so genannten «Stylus» – gleichzusetzen mit einer Grammophonnadel) an die Oberfläche des zu bearbeitenden Gegenstandes. Auf diese Weise produziert er eine Verzierung, zum Beispiel Rillen, die sich spiralartig um eine Vase winden.
Umgebungsgeräusche – Gespräche oder Gesang – versetzen den Stylus nun in Schwingungen. Diese Modulationen werden der Bewegung des Stifts überlagert, solange dieser mit gleichmässiger Kraft auf das rotierende Tongefäss gepresst wird.
Um Spuren so geschaffener möglicher Tonaufzeichnungen heute noch zu ermitteln, meint Heckl, seien vor allem nicht glacierte Tonwaren aus frühen Perioden geeignet. Relikte, die diese Voraussetzungen erfüllen, sind jedoch nicht mehr allzu reichlich vorhanden.
Immerhin: Die Töpferscheibe wurde bereits ab zirka 3000 v. Chr. im Nahen Osten verwendet, und so besteht immerhin die Hoffnung, dass damit gefertigte Artefakte heute noch gut erhalten in Museen zu fin- «Werden wir eines Tages einer antiken Version von Homers Ilias lauschen?»
den sind. Da auch der Brennvorgang jedoch möglicherweise die feinen Wellenlinien zerstört haben könnte, empfehle es sich, Experimente an ungebrannter, so genannter ägyptischer Fayence durchzuführen.
Um Töne aus der Vergangenheit hörbar zu machen, so der deutsche Wissenschaftler weiter, müsste das zu untersuchende Objekt zudem auf einer Scheibe montiert sein, die mit der gleichen Geschwindigkeit rotiert wie einst die antiken Töpferscheiben.
Auf einer höhenverstellbaren Einrichtung wird nun eine Nadel angebracht, die den Einkerbungen auf dem Gefäss entlang zu führen ist. Kleinste Ablenkungen werden so als elektrische Signale wahrgenommen. Zur weiteren Untersuchung müssten modernste Elektronikverfahren, optische und akustische Methoden, Spektralanalyse, Computer- und Lasertechnik eingesetzt werden.
Ursprünglichste Art von Dekoration auf rohen, auf der Töpferscheibe gefertigten Tongefässen waren Ziselierungen mittels eines spitzen Gegenstandes oder des Daumennagels. Deshalb, erklärt Heckl, müsse ein heute durchgeführtes Experiment zur Klangaufzeichnung und -wiedergabe analog den oben beschriebenen Bedingungen durchgeführt werden.
Dabei sollte möglichst feine Tonerde verwendet werden sowie eine Töpferscheibe mit variabler Drehgeschwindigkeit. Ein Stylus – also eine an einen Lautsprecher montierte Nadel – angetrieben durch einen Frequenz-Generator, tastet das Gefäss ab.
Auch wenn die vorgeschlagenen Experimente manchem Leser immer noch futuristisch vorkommen mögen, zeigt Heckls Aufsatz doch, dass eine faire Chance besteht, in naher oder ferner Zukunft mithilfe fortgeschrittener Technik mehr herauszufinden. Schlummern also tatsächlich verborgene Informationen in Fundstücken aus tiefster Vergangenheit? Werden wir beispielsweise eines Tages die Möglichkeit besitzen, uns eine in der Antike gesungene Version von Homers Ilias anzuhören?
«Meiner Meinung nach ist diese Idee mit dem Forschungsprogramm des internationalen SETI-Projekts – der Suche nach ausserirdischen Signalen – vergleichbar», betonte Heckl 1992. Nicht zu vergessen die goldenen Schallplatten mit ihren akustisch aufgezeichneten Mitteilungen, welche die NASA in den 70er-Jahren mit Hilfe ihrer Voyager-Sonden ins All katapultierte – in der Hoffnung, damit intelligente Wesen im All über Leben und Kultur unseres Planeten zu informieren.
Heckl: «Vielleicht sind die Artefakte aus unserer Vergangenheit diesen Scheiben ähnlich: Eine Geräuschkulisse aus der Vergangenheit, die nur darauf wartet, aufgespürt zu werden.»
Bestätigung aus Schweden Doch es kommt noch besser, denn nur wenige Monate nach dem Deutschen outeten sich auch schwedische Wissenschaftler aus Göteborg – unter dem Titel «The Brittle Sound of Ceramics: Can Vases Speak?». Seit Jahrzehnten beschäftigten sie ähnliche Gedanken.
Die Quintessenz ihrer früheren Experimente publizierten sie 1993 im Journal «Archaeology and Natural Science» (Vol.1). Archäologie-Professor Paul Aström und Akustik-Experte Mendel Kleiner






