Gefangen in der Zwischenwelt: Österreichs »Lederner Franzl«
Ob in Deutschland, der Schweiz oder in Österreich: Immer wieder stossen Forscher auf jahrhundertealte, natürlich mumifizierte Leichname – Menschen, deren sterbliche Überreste ohne jeglichen Balsam wie durch ein Wunder nicht verrotten. Allein in Europa soll es laut Experten mittlerweile über 1000 Unverweste geben. Ihre auffällig gut erhaltenen Gebeine werfen Fragen auf: Weshalb kein Schimmel- oder Insektenbefall? Warum kein Fäulnisprozess? Ein überirdisches Wunder? Oder ein kaum verstandenes irdisches Naturphänomen?
Wer die Begegnung mit der Zwischenwelt nicht scheut, wird in St. Thomas am Blasenstein (Bezirk Perg) in Oberösterreich fündig. Neben allerlei »Unverwesten« in halb Europa bewegt dort seit Jahrhunderten ein »luftgeselchter Pfarrer« die wissenschaftlichen Gemüter, von Einheimischen respektlos »Lederner Franzl« genannt.
Mit dem Auto fährt man durch die idyllische Landschaft des Mühlviertels, vorbei an waldumgrenztem Hügelland, Feldern, Wiesen und Wackelsteinen. Das letzte Stück geht es über Serpentinen hinauf zum Pilgerort mit der Wallfahrtskirche von St. Thomas. Steht man auf der Kuppe auf rund 700 Metern über Meer, ist es lediglich ein Katzensprung zum steinernen Wahrzeichen der Region – der»Bucklwehluck’n«.
Sie thront auf dem Kreuzburgstall in Sichtweite zur Kirche.
Zwei massive Granitblöcke lehnen dort aneinander und bilden einen kleinen Spalt. Dieser Kultstein soll bereits in prähistorischen Zeiten ein magischer Ort gewesen sein, der später mit dem Aufstellen eines Bildstockes christianisiert wurde. Historisch belegt ist, dass sich hier im Hochmittelalter eine fünfeckige Burganlage befand und der eigenwillige Felsblock von einem Turm überbaut war. Altem Volksglauben nach hilft ein Kriechgang von Ost nach West gegen Kreuzschmerzen und rheumatische Beschwerden.
Ausserdem sei mit dieser sportlichen Tat die Wiedergeburt als gesunder Mensch garantiert. Wers glaubt, wird selig.
Ein kurzer Wanderweg führt hinüber zur Wallfahrtskirche aus dem 14. Jahrhundert. Hier ruht die natürlich mumifizierte Leiche des Augustiner-Chorherrn Franz Xaverius Sydler de Rosenegg (1709– 1746). Durch einen Kreuzgang oberhalb 42 Ausgabe 4/2019 der Kirche gelangt man zu der bescheidenen Gruft. Sie erinnert eher an eine dunkle Besenkammer als an ein würdiges Grab. In einer Wandnische beÀndet sich ein Holzsarg mit dem Leichnam, in einer Glasvitrine. Wirft man einen Euro in eine Sparbüchse, geht das Licht an. Was sich einem danach offenbart, erzeugt Gänsehaut: ein »Fetzenschädel« samt Körper, stark angegriffen bei Augen und Mund. Auffällig gut erhalten sind – ähnlich wie bei einem Pharao – die überkreuzten Arme am Brustkorb, die Hände, der Hals und die offenbar völlig kariesfreien Zähne. Ein Spiegelblick in unsere Vergangenheit – und unsere eigene Zukunft.
In der örtlichen Pfarrchronik wird Seltsames erwähnt. So soll der verstorbene Kirchenmann in jungen Jahren hastig beerdigt worden sein, bereits einen Tag nach seinem Tod. Als man in der Blick auf den »luftgeselchten Pfarrer«: Ob er darüber erfreut wäre, in dieser unwürdigen Form bis in alle Ewigkeit ungläubig bestaunt zu werden, bleibt zu bezweifeln.
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Grab ausräumen wollte, fand man überraschend seinen unversehrten Leichnam. Seither spricht der Volksglaube von einem Wunder. Fakt ist, dass bis zum heutigen Tage nicht geklärt werden konnte, warum der Tote nach mehr als 270 Jahren nicht längst verwest ist.
Hypothesen gibt es zuhauf: von übernatürlichen Zeichen Gottes, über Gerbsäure oder chlorsaurem Quecksilber bis zu radioaktiver Strahlung. Auf Anfrage zum letzteren, doch eher fantastisch anmutenden Punkt, äussert sich Spurenanalytiker Jan Kiesslich von der Gerichtsmedizin in Salzburg skeptisch: »Da müsste dann schon eine ziemlich starke Strahlung existieren, um eine solche Konservierung zu bewerkstelligen – und diese Strahlung müsste deutlich messbar sein und Nebeneffekte zeigen, wie etwa Erkrankungen von Personen, die sich im Wirkungsbereich der Strahlung aufhalten. Davon aber ist mir nichts bekannt.« Bereits um 2000 bis 2002 hat sich auch Bernhard Mayer, Chemiker am Institut für klinische Pharmakologie in Wien, um die Klärung der X-Akte »Franzl« bemüht. Röntgenbilder, welche man von der Leiche anfertigen liess, brachten Erstaunliches zu Tage: Sie zeigen einen unversehrten Brustkorb und im Magen eine kleine Kugel. War der Gottesmann einem Giftanschlag zum Opfer gefallen? Oder an einem Kirschkern erstickt?
Lag der Leichnam womöglich nie unter der Erde?
Einige Ergebnisse der damaligen Analyse stimmen mit den ofÀziellen Berichten über den Pfarrer nicht überein. So äussert Mayer, der schon mit Untersuchungen der Gletschermumie Ötzi befasst war, den Verdacht, dass die Leiche vielleicht gar nie unter der Erde gelegen hatte. Viel eher hält er es für denkbar, dass der Tote »in einer sehr kalten, luftigen Gruft aufbewahrt wurde, also tatsächlich luftgetrocknet ist«. Handfeste Beweise dafür gibt es jedoch nicht. »Die Untersuchungen am Leichnam ergaben viele interessante Details«, so Mayer resümierend, »aber die schlüssige Ursache für dessen MumiÀzierung lieferten sie nicht.« Fazit auch für ihn: »Ein absolutes Rätsel!« Ähnlich die Einschätzung von Jan Kiesslich, der den »geselchten Pfarrer« ebenfalls für ein »hochinteressantes Objekt« hält: »Aufgrund vieler kleiner Löcher, welche sich im Leichnam beÀnden, kann man sagen, dass der Körper vor der Bestattung noch eine gewisse Zeit aufgebahrt gewesen sein muss. Die Löcher stammen nämlich von Insektenlarven der SchmeissÁiegen, also von Maden, welche sich in den Körper fressen, und die tun das erst bei nicht mehr allzu frischen Leichen. Auch kann davon ausgegangen werden, dass der Körper nicht wie überliefert zunächst in einem Erdgrab bestattet war, da die dafür typischen postmortalen Veränderungen fehlen, das heisst, es gab keine Deformationen und keine Reste von Erde oder Gestein.« Der Widerspruch zur Überlieferung, wonach der Verstorbene gleich am folgenden Tag seines Hinschieds beerdigt worden sein soll, bleibt damit ungeklärt.
Im Oktober 2017 wurde der Leichnam erneut untersucht. Man transportierte den Körper nach München in die Universität, wo er monatelang von Wissenschaftlern der Pathologie analysiert wurde. Der »Leichen-Check« brachte neue Erkenntnisse: Die kirschkerngrosse Kugel im Körper von Franz Xavier entpuppte sich als Glasperle eines Rosenkranzes. Wie gelangte sie dort- Ausgabe 4/2019 43 Seit 23 Jahren Ihr Reiseveranstalter zu den Palmblattbibliotheken und anderen spirituellen Orten.
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Der Pfarrvikar muss längere Zeit unter Luftabschluss gelegen haben. Vermutet wird, dass der Mann an einer chronischen Lungentuberkulose litt und dann an einem akuten Blutsturz starb.
Auszehrende Krankheit als Erklärungsansatz Das Rätsel seiner Unverwesbarkeit ist damit aber noch immer nicht gelöst. Molekularbiologe Jan Kiesslich gibt freimütig zu, dass es »sehr schwierig« sei, dafür eine beweiskräftige Erklärung zu liefern. »Vielleicht wäre es möglich, durch Parallelversuche den Grund herauszuÀnden«, erklärt er – schränkt aber ein:»Diese sind jedoch problematisch, weil man entweder fast 300 Jahre warten und beobachten müsste, oder man beschleunigt den Prozess künstlich. Dies wiederum hätte zur Folge, dass die Beobachtungen verfälscht und nur bedingt vergleichbar wären.« Einen Lösungsvorschlag für das Entstehen von kaum verwesten »Zufallsmumien« bietet der Forensiker dennoch an: auszehrende Krankheiten. »Eine denkbare Erklärung wäre, dass die betreffende Person zu Lebzeiten kaum mehr Fleisch und Knochen hatte und deshalb eine rasche TrockenmumiÀzierung bewirkt wurde. Die üblichen Prozesse – Fäulnis bei mikrobiologischer Aktivität, verursacht durch Bakterien, Pilze, Insekten und Madenfrass – hätten dann einfach nicht genug Zeit gehabt, um den Körper zu zersetzen.« Weitere Hypothese: »Die Person hatte Wohlgenährt oder ausgezehrt? So soll Franz Xaverius Sydler de Rosenegg laut Experten zu Lebzeiten ausgesehen haben.
vor oder nach dem Tod Kontakt mit giftigen Substanzen, etwa Schwermetallen, die den zersetzenden Viechern nicht besonders bekommen und die MumiÀzierung damit wohl begünstigen.« Spekulationen hin, Fakten her: Inzwischen wurde in St. Thomas am Blasenstein ein zweiter Gruftraum geöffnet und saniert, wo der »lederne Unverwesbare« nach seinem Münchner Abstecher seit August 2018 unter besseren Bedingungen zu sehen ist. Ob Franz Xaverius Sydler de Rosenegg dort endlich seine wohlverdiente, ewige Ruhe Ànden wird?






