Die Geheimkunst Der Gebetsheiler

Mit ebenso uralten wie geheimen Heilsprüchen und Segensformeln lassen so genannte »Faiseurs de secret« in der französischsprachigen Schweiz, aber auch anderswo, Schmerzen oder Hautekzeme verschwinden, Blutungen stillen oder Verbrennungen heilen. Dies zumeist per Telefon – und ausserdem kostenlos! Die behördlich tolerierte Heilkunst gilt als uralte Familientradition: Keine Scharlatanerie, wie so mancher Schulmediziner weiss und den einen oder andern seiner Patienten mitunter ebenfalls an die ehrenamtlich wirkenden Gebetsheiler weiterverweist.

es Emibois ist ein kleiner Weiler im Schweizer Jura. Viel Die ganze Prozedur dauert in der Regel gerade einmal zwei Wald. Noch mehr Weiden. Vereinzelte Bauernhöfe. Die Minuten. Bei Verbrennungen zweiten oder dritten Grades gibt Lfranzösische Grenze ist nicht weit entfernt. Hier lebt Elvire Louise, die früher einmal Krankenschwester war, zusätzlich PÁe-Aubry. Ihre Vorfahren waren Landwirte. Die Witwe ist ein weibgeanweisungen. Ihr Rat: Bei Wunden, die grösser als fünf Zentilicher »Faiseur de secret« (»Geheimnis-Macher«) – eine von 38 meter sind, muss die betreffende Person zum Arzt. Ihr »Geheim- Gebetsheilern, die allein im Kanton Jura öffentlich ihre Hilfe annis« nehme nur den Schmerz weg und sorge dafür, dass keine bieten. Ihre Spezialität sind Verbrennungen, Blutungen, Warzen, hässlichen Vernarbungen zurückbleiben.

Asthma und Hautkrankheiten.

Klingt irgendwie absonderlich. Und scheint dennoch weitaus Das Besondere: Hilfesuchende müssen sich nicht in die aböfter zu wirken als erwartet. Auch wenn es so manchem Betrofgelegene Einöde aufmachen, um Linderung ihrer Leiden zu erfenen peinlich ist, öffentlich darüber zu sprechen – aus Angst fahren. Es reicht, Madame Aubry anzurufen – und ihr voll und davor, belächelt zu werden. Unter ihnen Max S., ein prominenter ganz zu vertrauen. »Man muss nicht unbedingt gläubig sein, Tischler aus Zürich, der die wohltuende Wirkung des »Geheimaber an meine ›Secrets‹ muss man glauben.« Ihre Geheimnisse nisses« am eigenen Leib erfuhr, wie er gegenüber »mysteries« sind kurze Segensformeln oder Gebete für den Betroffenen, die bestätigt. Beim Auswaschen eines Schwammes, den er zum Absich an einen Heiligen richten. Dabei wird ein auf den jeweiligen laugen eines Tisches benutzte, war kochend heisses Wasser in Patienten personalisiertes Gebet gesprochen, geÁüstert – oder seine Plastikhandschuhe geÁossen. Schmerzerfüllt rief Max S.

auch nur gedacht. Jeder »Faiseur« hat diesbezüglich sein eigebei der Heilerin an. »Louise sagte, ich solle meine Hände zwanzig nes Vorgehen.

Minuten lang in kaltes Wasser halten und anschliessend eine Die oft geheimen Formeln und Gebete, die Aubry verwendet, handelsübliche Wundsalbe auftragen. Noch während sie das werden innerhalb der eigenen Familie weitergegeben. Bereits sagte, waren meine Schmerzen plötzlich weg – wie weggeblaihr Schwiegervater war ein bekannter »Faiseur«. Eines Tages gab sen! Das hat mich schon ziemlich überrascht…« er seine »Secrets« an Elvire weiter. Seither ist sie es, die den Da die geheimen Gebetsformeln der »Faiseurs« von Generatianrufenden Menschen hilft. Manche bitten on zu Generation weitergereicht werauch aus dem Ausland um ihre Unterstütden, wurde die Gabe auch in Louises Plötzlich waren alle meine zung, einer meldete sich unlängst sogar aus Familie weitervererbt – in diesem Fall der Millionenmetropole Amsterdam bei ihr.

von ihrer Mutter. Ebenso wie diese Schmerzen weg, als hätte sie»Wer kein Vertrauen hat, soll mich nicht anihre Fähigkeit zuvor bereits von ihrer jemand weggeblasen.

rufen«, sagt Elvire Aubry klipp und klar. Bis zu Mutter erhalten hatte. Ein ungeschrie- 20-mal klingelt ihr Handy am Tag. Viele der benes Gesetz gibt es in besagten Anrufer klagen über Hautprobleme und Schmerzen. Früher, so Kreisen allerdings: Das »Secret« darf nur an integre Personen erzählt Aubry, riss das Telefon sie oft schon frühmorgens aus weitergegeben werden, die helfen wollen und dafür kein Geld dem Schlaf. Bis zu 60 Anrufe zählte die Gebetsheilerin jeweils verlangen. Denn die Fähigkeit, mit einem einzigen Gebet Ekbis in die späten Abendstunden. Heute stellt sie ihr Smartphone zeme zum Verschwinden zu bringen, Verbrennungen, Verstaubereits um 21 Uhr ab. Wie vielen Hilfesuchenden sie schon gechungen und Schmerz zu lindern oder Blutungen zu stoppen, holfen hat, weiss sie nicht.

sei eine Gabe Gottes – »ein kleines Wunder«, wie Abbé Georges Schindelholz erläutert, ein pensionierter Pfarrer und Kenner be- Kostenlose Dienstleistung sagter Heilkunst aus dem jurassischen Bure. Was man kosten- Wer in ihrem Fall esoterische Abzockerei vermutet, liegt falsch.

los erhalte, solle auch kostenlos weitergegeben werden.

Denn Elvire Aubry verrechnet nichts für ihre Dienste! Weder ir- Vermutlich reicht die Tradition der »Geheimnismacher« Jahrgendwelche Behandlungskosten noch sonst einen Obolus. Erstaunlicherweise ist sie damit nicht allein. Auch die 50-jährige Louise (Name geändert) Heilung aus Distanz? Wer nicht darauf verist eine »Faiseuse de secret« – und auch sie vertraut, sollte es bleiben langt für ihre fürbitterische Dienstleistung keinen lassen. Allen anderen Cent. Die gläubige Katholikin aus der Nähe von Fri-Hilfesuchenden sei die bourg lindert mit ihrer Gabe Koliken und Verbrenkostenlose telefonische nungsschmerzen und kann angeblich sogar innere Dienstleistung der ehren- Blutungen zum Stillstand bringen.

amtlichen Gebetsheiler Klingelt bei ihr das Telefon, bittet sie die Anrufer empfohlen – ohne Galediglich um den Namen der betreffenden Person, rantie auf Erfolg und frei der geholfen werden soll, deren Geburtsdatum nach dem Motto: Nützt und den Wohnort. Dann sagt die Gebetsheilerin, es nichts, so schadet es dass sie keine weiteren Anrufe mehr wünscht, legt auch nichts. auf, schliesst ihre Augen und betet still vor sich hin. »Dabei spüre ich, wie sich meine Hände erwärmen«, erzählt sie.

Ausgabe 1/2018 29 Georges Delaloye aus dem Kanton Wallis. Im Gegensatz zu anderen Schweizer Gebetsheilern hat er keine Scheu vor Kameras.

hunderte zurück. Schriftliche Zeugnisse zur Geschichte ihrer Liste regelmässig benutzt. Ebenso wie Ärzte und PÁeger in den Tätigkeit sind rar. Die studierte Ethnologin Magali Jenny, heute Universitätsspitälern in Genf und Lausanne oder dem Kantonsals Oberassistentin an der Universität Fribourg tätig, hat zusamspital Fribourg davon wissen und besagtes Adresskompendium men mit Riti Sharma den Bestseller »Heilerinnen und Heiler in mitunter sogar ihren Patienten weiterreichen.

der Deutschschweiz« geschrieben. »Die Tatsache, dass es sich Wenig Mühe damit bekundet auch Claude-Alexandre Fournier, beim Gebetsheilwesen um eine Geheimkunst handelt, sowie Professor für KrankenpÁege. Intensiv hat er die Beziehungen der Umstand, dass für deren Ausübung weder je eine Bewillizwischen Gebetsheilern und Gesundheitsinstitutionen im Wallis gung notwendig war noch in den meisten Fällen ein Honorar untersucht. Dabei nahm er sich auch einer Smartphone-App an, dafür gefordert wurde und wird, hatte wohl zur Folge, dass die die etliche Heiler samt Kontaktdaten auÁistet. Sein Fazit: »Die Gebetsheilerei auch nie aktenkundig geworden ist«, erläutert Faiseurs de secret ergänzen die traditionelle Medizin. Sie besie. »Auf jeden Fall sucht man in den Archiven vergebens nach haupten nicht, Heiler zu sein, sondern sie sagen, dass sie sich Anhaltspunkten zum Thema, obwohl diese Art des Heilens mit für eine höhere Instanz einsetzen.« Bestimmtheit seit etlichen Jahrhunderten praktiziert wird.« Und Jacques de Haller, bis 2012 Präsident der Schweizeri-Wie stark besagte Heilkunst zur volksschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin medizinischen Tradition der Schweiz und und heute Vorsitzender der europäischen Selbst mancher Arzt insbesondere zur französischsprachi- Ärzteschaft in Brüssel, gab gegenüber der gen Romandie gehört, untermauert ein Zeitung »Le Matin« zu Protokoll: »Krankenverweist Patienten mitunter ausführlicher Bericht auf der staatlichen häuser praktizieren eine Primärmedizin an die Gebetsheiler.

Internetseite»www.houseofswitzerland.

unter Bedingungen grosser Not und Unsiorg« des Eidgenössischen Departements cherheit und haben daher keine Antwort für auswärtige Angelegenheiten. Unter dem Titel »Das Geheimauf alles. Wenn es eine Lösung gibt – und offensichtlich gibt es nis der Faiseurs de secret« zeigt sich der Bund den Gebetshei-Menschen, denen Heiler helfen können – wäre es albern, sie lern dort auffallend wohlwollend gesinnt: »In der französischen nicht zu benutzen.« Schweiz ist das Gesundbeten im Gegensatz zum übrigen Europa nicht verboten. Es wird auch von der Schulmedizin nicht gänzlich Auch der Caritas-Direktor ist ein »Faiseur« abgelehnt. Sowohl in Heimen wie auch in vielen Krankenhäu-Nicht zuletzt im Kanton Jura Ànde man fast in jeder Ortschaft sern der Westschweiz liegen Listen mit den Telefonnummern einen Mann oder eine Frau, die das »Secret« ausüben, weiss von Heilerinnen und Heilern auf, geordnet nach den Leiden, die Abbé Georges Schindelholz. Trotzdem wird darüber öffentlich sie behandeln können.« nur ungern gesprochen. »Man hat eben Angst, dass man den So verwundert es kaum, wenn ein Kellner in einem TV-Report Jura von aussen als eine Art Indianerreservat betrachten könnder öffentlich-rechtlichen »Télévision Suisse Romande« hinter te«, ergänzt Jean-Noël Maillard, Direktor der dortigen »Caritas« der Theke plötzlich eine Liste hervorkramt, auf der mehrere Geund selber ein »Faiseur« von fünf »Secrets«, die ihm sein Vater betsheiler samt Telefonnummer aufgeführt sind. Oder wenn ein vor vielen Jahren weitergereicht hat. Wenn Maillard zu Hause Krankenhaus-Koch in Lausanne, der sich oft seine Hände am einen Anruf erhält, konzentriert er sich in kurzen Séancen von Herd verbrennt, vor laufender Kamera gesteht, dass er besagte zwei bis drei Minuten auf eine dieser fünf Formeln.

Ausgabe 1/2018 Maillard ist ein eher untypischer »Faiseur«. Er hat studiert, gilt als Intellektueller. »Das ›Secret‹ öffnet eine andere Tür als die wissenschaftliche Medizin«, betont er. Diese Erfahrung hätten die meisten in seiner Gegend gemacht. Deshalb sei das »Secret« auch kein Geheimnis. Lediglich die Formel bleibe geheim. »Ich habe keine Antwort auf das Warum!«, sagt Maillard. Ob etwa ein Hautproblem mittels »Secret« oder einer Salbe oder sogar mit beidem zum Verschwinden gebracht würde, sei letztlich egal.

»Ich möchte es ja auch verstehen – aber wenn man etwas nicht versteht, muss man es deswegen noch lange nicht ablehnen.

Was zählt ist das Resultat.« Und das sei, gemäss etlichen Zeugnissen, oft positiv.

Ein weiterer, der das »Secret« als Amtsträger, Allgemeinmediziner und Privatperson erlebt, ist Jean-Luc Baierlé, Kantonsarzt des Jura. »Die Leute sollen frei wählen können, ob sie von medizinischen Laien geheilt werden wollen oder durch die ofÀzielle Medizin«, betont er. Einziger Vorbehalt: »Es darf zu keinen illegalen Handlungen kommen.« Ab und an frage er deshalb Patienten, die wegen Warzen mit ihren Kindern in die Praxis kommen, ob sie bereits mit Volksheilern in Kontakt waren.

Persönlich glaube er zwar nicht an Magie, betont Baierlé, »aber durchaus an den Placebo-Effekt«.

Mitleid, Barmherzigkeit und Sinn für Gerechtigkeit Fest verwurzelt und verbreitet ist die Tradition der Gebetsheiler auch im deutschsprachigen Appenzell Innerrhoden. Gegen 30 Heiltätige sind dort gegenwärtig aktiv, »die mit Hilfe von Gebeten Schmerzen oder Heimweh nehmen, Blut stillen, Warzen und andere Hautkrankheiten vertreiben können«, wie die Kantonsbehörden auf ihrer ofÀziellen Homepage schreiben. Verwendet würden ebenfalls geheime Heilsprüche und Segensformeln, die zum Teil seit dem Spätmittelalter belegt sind. Voraussetzung für die Fähigkeit zum Gebetsheilen seien Mitleid, Barmherzigkeit Auch bei Tierkrankheiten werden die Gebetsheiler oft zur Hilfe gerufen.

und der Sinn für Gerechtigkeit: »Für die Heiltätigkeit darf kein Honorar verlangt werden, ansonsten die Gabe verloren gehen könnte. Gebetsheilen funktioniert zudem auch auf Distanz, ja sogar wenn der Kranke nichts davon weiss. HäuÀg werden die Gebetsheilenden auch von Bauern bei Tierkrankheiten beigezogen.« Zu den Unterstützern der »Geheimnismacher« zählt auch Georges Delaloye (62). Seit Jahren bietet der Walliser im Internet eine regelmässig aktualisierte PDF-Liste zum Download an, welche Orte, Namen und Telefonnummern derjenigen aufführt, die das»Secret« aktiv praktizieren. Knapp 150 Gebetsheiler sind darauf mit ihrer Erlaubnis aufgeführt, samt ihren jeweiligen Spezialgebieten. Wer selber einen Gesundbeter kontaktieren möchte, scheint insofern gut beraten, auf Delaloyes Kontaktempfehlungen zu vertrauen (siehe Infozeile unten). Denn auch er selbst – wen wunderts – ist ein gewissenhafter »Faiseur«.

Erhalten hatte er das Geheimnis von seinem früh verstorbenen Bruder. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Masseur und Therapeut. Die Gebetsheilungen des leidenschaftlichen Motorradfahrers dagegen erfolgen selbstverständlich ebenfalls kostenlos. Hilfe und Unterstützung erhalte er dabei von den Erzengeln Michael, Raffael und Gabriel, den drei»Ärzten des Himmels«, betont er und legt Wert darauf, dass alle seine Gebete mit »Vater unser« beginnen und mit »Ave Maria« enden. Denn das Geheimnis habe weder mit schwarzer Magie noch mit Exorzismus zu tun.

Erst vor wenigen Monaten hat Georges Delaloye in der französischen Schweiz übrigens ein Buch über sein alternatives Helfertum veröffentlicht. Titel: »Que puis-je faire pour vous?«. Auf Deutsch: »Was kann ich für Sie tun?«

Die Geheimkunst der Gebetsheiler – Abbildung 2
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