Nehmen Wir Nur Noch Wahr, Was Wir Wahrnehmen Wollen?
Ob in der Erde, im Wasser oder in der Luft: Die Natur kommuniziert ohne Unterlass – obwohl wir sie kaum noch verstehen.
Sei es das vermeintlich dauerfröhliche Zwitschern verirrter Zugvögel, das stille Ächzen wurzelkastrierter Baumriesen oder das unverstandene SchmerzempÀnden millionenfach zappelnder Meerestiere in den Netzen unserer schwimmenden Fischfabriken: Wir nehmen nur noch wahr, was wir wahrnehmen wollen.
Was fühlt ein Baum, wenn wir ihn mit Pestiziden einnebeln, um mehr Äpfel zu ernten? Dankbarkeit? Abscheu? Was empÀndet eine genmanipulierte Turbo-Maisstaude mit Terminator-Genen, wenn wir sie von der Last ihrer Superkolben erlösen: Schmerzen? Oder Erleichterung wegen aktiver Sterbehilfe?
In uralten Zeiten schenkten wir dem kleinsten Wispern der Zweige noch Gehör. Damals, als wir – Naturvölkern gleich – auf den Herzschlag von Mutter Erde horchten, um ihn im gegenseitigen Gleichklang zu verstärken. Wo im Wald Jahrtausende lang natürliche Resonanz herrschte, überdröhnen zunehmend grössere Forstmaschinen und Kettensägen die Harmonie von einst.
Vorbei die Zeiten, in denen wir mit Wölfen, Eulen oder Raben Áüstern konnten. Verrückt geworden, wer mit PÁanzen spricht.
Für bescheuert erklärt, wer Bäume umarmt oder Kürbisse streichelt, um ihr Wachstum zu fördern. Und gesellschaftlich belächelt, wer Naturgeister noch zu sehen vermag – weil ihn die globale Fantasielosigkeit noch nicht verblendet hat. Überheblich sprechen wir PÁanzen, Pilzen oder Insekten jedes noch so kleine Fünkchen Bewusstsein oder Gefühl ab, billigen ihnen allenfalls ReÁexe zu, um uns totalitären Machthabern gleich über sie zu erheben – und sie guten Gewissens auszubeuten.
Früher fürchteten wir die Natur. Heute fürchtet sich die Natur vor uns. Wehe, wenn sie aufbegehrt.
Luc Bürgin ■
Ausgabe 6/2015

















