«SüDdeutsche Zeitung»: Alles KnöDel Oder Was?

«Die Administratoren, von der Gemeinschaft der Wikipedia-Autoren gewählt und mit besonderen Rechten ausgestattet, sollen eigentlich für die Qualität der Enzyklopädie stehen. So sind sie die Einzigen, die Artikel löschen dürfen. Kein Wunder, dass sie auch hierzulande Kritik auf sich ziehen. So hat der ‹Knödelkrieg› mehr als 30’000 Zeichen. Der Streit, der von Autoren und Administratoren der Online-Enzyklopädie ausgetragen wurde, dreht sich nur um eine Frage: Gibt es den Böhmischen Knödel? Oder nur die Böhmischen Knödel, als übergeordneten Sammelbegriff für Knödelarten aus Kartoffeln oder Semmeln? Ein feiner Unterschied. 30’000 Zeichen später, gefüllt mit Beleidigungen, Seitenhieben und Besserwissereien, haben die Anhänger des Sammelbegriffes gewonnen. Verloren hat das Projekt Wikipedia.»

«Süddeutsche Zeitung» (12. 1 2011) Gegenstand monatelanger Diskussionen: Der Aluminium-Keil von Aiud.

ten John Seigenthaler. Er war in Wikipedia monatelang fälschlicherweise mit der Ermordung von John F. Kennedy in Zusammenhang gebracht worden.» Viel geändert hat sich seither nicht. Immer noch gilt die Faustregel:Je kontroverser ein Thema oder eine Person, desto fehlerhafter und lückenreicher der entsprechende Wikipedia-Eintrag.

Klitzekleine Fehler, wohin das Auge blickt Da wäre zum Beispiel «Mirin Dajo», jener Holländer, der seinen Körper Ende der 40er- Jahre zur Verblüffung vieler Medizinprofessoren mit spitzen Floretten durchbohren liess – ohne dabei zu bluten oder Schmerzen zu empfinden. Und das Hunderte Male!

Wikipedia benennt den «Wundermann» mit seinem bürgerlichen Nachnamen «Henske». Richtig wäre: «Henskes». Weiter heisst es: «Dajo starb im Alter von 35 Jahren, laut dem Schweizer Journalisten Luc Bürgin an den Folgen einer Infektionskrankheit, nach Ansicht des Leichenbeschauers hingegen an einer Aortenruptur.»

Welch ein Kuddelmuddel! Richtig ist vielmehr, dass sich in Dajos Körpers 1948 ein von den Zürcher Ärzten übersehener (!) Entzündungsherd «an der durchstochenen Speiseröhrenwand bis zur ebenfalls angestochenen Aorta ausgebreitet» hatte, diese bersten und den Mann innerlich verbluten liess. Warum die Verwirrung? Weil die Wikipedia-Autoren ihr «Wissen» aus Pressetexten im Internet zusammenklaubten, ohne die Originalquellen im Detail zu sichten. Dass einem im Online-Lexikon unter dem Stichwort «Luc Bürgin» zudem weisgemacht wird, dass «mysteries» seit 2002 existiert – statt 2004, wie es richtig heissen sollte, sei nur nebenbei erwähnt. Peanuts? Selbstverständlich! Aber auch Berge von Erdnüssen wiegen irgendwann schwer.

«Jeder kann derlei Fehler ändern – auch Sie», entgegnen einem Wikipedia-Fans im Zweifelsfall. Nur: Warum liegt es stets bei den Betroffenen, Zeit aufzuwenden, um Fehler – nicht zuletzt in ihrer eigenen Biographie – auszumerzen, die von anderen begangen werden und ohne Gegenprüfung sogleich als «Wahrheit» durchs Internet posaunt werden? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie alle paar Tage schriftlich bei Ihrer Ta-Internet Ausgabe 6/11 Wiki-Kauderwelsch der ganz besonderen Art Wer darf bei Wikipedia eigentlich was? Insider mögen es wissen. Outsider wie wir – und wohl auch alle anderen – verstehen dagegen oft nur Bahnhof. So wird etwa der Begriff des übermächtigen «Systemadministrators» auf Wikipedia wie folgt beschrieben: «Daneben gibt es noch Benutzer, die Shell-Zugang zu den Wikimedia-Servern haben.

Diese können direkt auf die Datenbank zugreifen und die Logfiles lesen. Vormals nannte man sie Entwickler (developer). Die entsprechende lokale Benutzergruppe gibt es seit dem 5.

März 2009 nicht mehr. Diese Funktion wird nun von den Mitgliedern der globalen Benutzergruppe Systemadministratoren (sysadmin) wahrgenommen. Diese sind nicht zu verwechseln mit den weiter oben beschriebenen Admins (Sysop). Eine Übersicht findet man auf System administrators (englisch).» Alles klar?

Die rätselhaften Scharrzeichnungen von Nazca. Unter den Einzelnachweisen im Wikipedia-Quellenverzeichnis dominieren Literaturangaben aus den 80er-Jahren.

geszeitung intervenieren müssten, weil dort Unwahrheiten über Sie oder Ihre Familie verbreitet würden?

Unter der Gürtellinie enden denn auch Einträge, in denen aus Neid oder Antipathie bewusst Tatsachen verdreht werden. So wird etwa Erich von Däniken bei Wikipedia als Verfasser «pseudowissenschaftlicher Literatur» kritisiert. Laut Wikipedia ist «Pseudowissenschaft ein Begriff für Behauptungen, Theorien, Praktiken und Institutionen, die beanspruchen, Wissenschaft zu sein, aber Ansprüche an Wissenschaften nicht erfüllen.» Nur: Erich von Däniken hat Zeit seines Lebens nie behauptet, Wissenschaftler zu sein – oder wissenschaftlich zu arbeiten. Vielmehr bezeichnet er sich seit jeher als «Sonntagsforscher» und Schriftsteller. Ebenso gut könnte man populärwissenschaftliche Journalistenwerke der Fernsehreihe «Terra X» oder Hape Kerkelings genialen Reisereport «Ich bin dann mal weg» als pseudowissenschaftliche Bücher brandmarken – was ebenso falsch wäre. In beiden Fällen handelt es sich um nichts anderes als unterhaltsame Sachliteratur, die zum Denken anregen soll. Punkt!

Laienhafte Recherchen und peinliche Dispute Ernüchternd und völlig veraltet auch der Wikipedia-Eintrag über das Jahrhundertgenie Nicola Tesla (1856 bis 1943): Kein Sterbenswörtchen über sein revolutionäres Elektroauto, dessen Existenz der deutsche Erfinder Heinrich Jebens bereits 1930 schwarz auf weiss bestätigt hatte (siehe «mysteries Nr. 4/2011). Stattdessen findet man im entsprechenden Diskussionsbeitrag den jüngsten, armseligen Dialog zwischen zwei Wikipedia-Schreibern: «Weiss jemand etwas über das legendäre Auto, das Tesla 1931 in Buffalo vorgeführt haben soll und dem nachgesagt wurde, es schöpfe Raumenergie ab?» (Slow Phil 1 am 20. Juni 2011). Antwort von User Martin Zeise am 26.Juni 2011: «Es gibt dazu den englischen Wikipedia-Artikel (…) Das Ganze scheint aber eine Art Hoax zu sein, wenn ich mir die dort verwendeten Begriffe anecdote, supposed und story ansehe.»

Ähnlich peinlich die Wikipedia-Diskussion über den umstrittenen 2,3 Kilo schweren «Aluminiumkeil von Aiud», der 1973 bei Bauarbeiten in der Nähe der rumänischen Stadt Aiud gefunden wurde und heute im Historischen Museum der Stadt Cluj-Napoc liegt. Ein gemäss mehrfacher Analysen offenbar uraltes Objekt.

Dennoch wettete am 4. Februar 2009 ein User namens «Stirni» auf der Diskussionsseite «Haus und Hof» darauf, dass es sich beim Fund um einen gewöhnlichen Baggerzahn handle, der garantiert nicht aus Aluminium bestehe – da Aluminium bekanntlich erst seit etwas mehr als hundert Jahren künstlich hergestellt werden Ausgabe 6/11 Internet

«Süddeutsche Zeitung»: Alles Knödel oder was? – Abbildung 2
«Süddeutsche Zeitung»: Alles Knödel oder was? – Abbildung 3
«Süddeutsche Zeitung»: Alles Knödel oder was? – Abbildung 4