Malta: Touristen FüR Dumm Verkauft

Fantasievolle Replika und verschandelte Tempelanlagen

Ob im südamerikanischen Puma Punku oder im französischen Carnac: Wenn Archäologen rätselhafte Kultstätten für Touristen «restaurieren», bleibt oft kein Stein auf dem anderen. Auch in Malta wurde und wird mit den ebenso gigantischen wie rätselhaften Riesenbauten unserer steinzeitlichen Vorfahren jede Menge Schindluder getrieben, wie «mysteries» vor Ort ernüchtert feststellen musste.

Malta ist ein fortschrittliches Land. Seit einigen Monaten dürfen sich die Bürger im erzkatholischen EU-Inselstaat endlich scheiden lassen. Wahlberechtigte werden von der Regierung alle paar Jahre aus der halben Welt eingeflogen, um ihre Stimme abzugeben – natürlich auf Staatskosten. Und über 35 zumeist von Amateuren betriebene Feuerwerksfabriken im kleinen 400’000-Seelen-Land sorgen alle paar Wochen für Tote und Verletzte. Der pyromanische Knallkörperzauber zu Ehren der verehrten Heiligen, so diktiert es das maltesische Gesetz, darf «frühestens ab 8 Uhr morgens» beginnen.

Auf der idyllischen Mittelmeer-Insel zwischen Sizilien und Libyen ticken nicht nur die Uhren anders. Unliebsame Überraschungen erwarten Touristen mittlerweile auch in den zahlreichen steinzeitlichen Kultstätten: Wer heute etwa die geheimnisumwitterten Freilichttempel von Hagar Qim und Mnajdra (3600 bis 2500 v. Chr.) besichtigen will, findet diese neuerdings komplett von gewaltigen beigefarbenen Zeltkonstruktionen überdacht – «zum Schutz vor schädlichen Umwelteinflüssen».

Die mystische Stimmung ist dahin, ebenso wie die bis heute kaum verstandenen astronomisch ausgerichteten Licht- und Schattenspiele unserer Vorfahren zwischen den grossen Megalithen. «Ich habe die Tempel vor drei Jahren letztmals besucht, da waren sie noch unter freiem Himmel und das Fotografieren hat noch Spass gemacht», so Globetrotterin Tatjana Ingold aus Solothurn. «Jetzt herrscht dort überall ein gelbes Einheitslicht ohne Kontrast zum blauen Himmel.»

Ein Augenschein vor Ort bestätigt: Die steinzeitlichen Heiligtümer wirken unter den beigen Zelten ähnlich charmant, wie wenn man rund um den bekannten Steinkreis im englischen Stonehenge eine Lagerhalle errichten würde. Umstritten bleibt zudem, ob die Tempel seit der Überdachung (2009/2010) nicht noch mehr leiden. Malta-Tourist Mathias Lang gegenüber «mys- Dreister Etikettenschwindel. Das steinzeitliche Original der «Fat Lady» im Archäologischen Museum von Valetta (Bild rechts) und das nicht als Kopie deklarierte, fantasievoll ergänzte Gegenstück in den Tempeln von Tarxien (Bild oben).

Ausgabe 6/11 Geschichte Tempelreste von Hagar Qim. Seit der kürzlichen Zeltüberdachung ist der einstige Reiz der steinzeitlichen Kultstätte dahin.

teries»: «Erst 2010, nach der Renovierung, hat mich der rieseln- Tierdarstellungen verzierten Megalithkolosse. Ja selbst das de Sand zwischen den Megalithen stutzig gemacht – ebenso dort thronende, breitbeinige Unterteil einer einst wohl knapp die Plastikwasserflaschen in den Steinfugen, die offenbar drei Meter hohen «fetten Muttergöttin» wirkt nur auf den ersten Feuchtigkeit spenden sollen. Beides sah ich bei früheren Besu-Blick imposant: Wer das im Archäologischen Nationalmuseum chen nicht!» Ärgerlich, aber zumindest verständlich die neuen von Valetta ausgestellte Original besichtigt, merkt schnell, dass Absperrungen: Wo man früher ungestört herumschlendern übereifrige Archäologen auch in diesem Fall ihre Fantasie walkonnte, verwehren mittlerweile Seile den Zugang in die innersten liessen und die Beine der holden Lady im Tempel nach ihren ten Bezirke. Kommt dazu, dass in Hagar eigenen Vorstellungen rekonstruierten, Qim neben einigen uralten, verwitterten wie «mysteries» vor Ort feststellte (siehe Blöcken von bis zu 20 Tonnen Gewicht Fotos auf der linken Seite).

auf den zweiten Blick unzählige moder- Fast schon zynisch muten in diesem nere Brocken auszumachen sind, die erst Zusammenhang die neusten Schautaab 1885 bis 1950 an ihren heutigen Platz feln in den maltesischen Nationalmugehievt worden sind, wie ein Vergleich mit seen an, auf denen der patriarchisch alten Fotos und Zeichnungen zeigt.

dominierte Inselstaat um wissenschaftliche Erklärungen für die allerorts aus- Kopien, wohin das Auge blickt gegrabenen Figürchen üppig gebauter Aber auch an anderen Orten auf Malta Göttinnen ohne Kopf ringt.

werden Touristen für dumm verkauft. So Weiblich? Oder doch männlich? Bizar-Ohne mit der Wimper zu zucken, weretwa in den 1914 entdeckten Tempelresrer Sumo-Ringer-Vergleich im Museum.

den den meist ahnungslosen Touristen ten von Tarxien (um 3100 v. Chr.), die speauf besagten Info-Stellwänden direkt ziell für die Besucher Dutzende Meter von ihrer ursprünglichen neben den fülligen steinzeitlichen «Unterleiben» japanische Position entfernt aufgebaut wurden – ohne dass dies beim Sumo-Ringer vor Augen geführt – um die Frage aufzuwerfen, Kauf der Eintrittstickets erwähnt würde. So stammt auch das ob die kopflosen Darstellungen nicht auch männlichen Urimposante monolithische Eingangstor nicht etwa aus der sprunges sein könnten (Bild oben). Asiatische Muskelprotze im Steinzeit, sondern wurde speziell für die zahlenden Besucher steinzeitlichen Malta? Das wäre bei Gott nicht nur für Archäo- «nachgebaut» – ebenso wie grosse Teile der mit Spiralen oder logen ein wahres Mysterium!

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Malta: Touristen für dumm verkauft – Abbildung 2
Malta: Touristen für dumm verkauft – Abbildung 3
Malta: Touristen für dumm verkauft – Abbildung 4
Malta: Touristen für dumm verkauft – Abbildung 5