Tausende Tanzen Auf Der Strasse Synchron Im Gleichschritt!

voodoo_2:S.56-61_mysteries0510 11.8.2010 16:05 Uhr Seite 4 ie Trommeln schlagen einen mächtigen Rhythmus.

Schwitzende Leiber tanzen fieberhaft. Beschwö-Drungsformeln werden gemurmelt. Plötzlich drehen die Augäpfel einer älteren Dame auf weiss. Sie zittert, wie vom Blitz getroffen, tanzt auf einen Mann zu – einen mächtigen Hundert-Kilo-Brocken – und hebt ihn, ohne jede Anstrengung, hoch in die Luft: Ein Erlebnisfragment aus dem Kosmos der afrokaribischen Religionen, die wir gemeinhin Voodoo nennen.

Voodoo, ein Klischeewort, das die meisten Europäer instinktiv mit Nadeln, Puppen und Todeszauber verbinden, steht in Wirklichkeit für lebendige Kulte, mit weltweit über 200 Millionen Anhängern. Diese Menschen stehen mit ihren Göttern im Alltag auf Du und Du. Der stetige Umgang mit der Anderswelt durchdringt für sie die graue Gegenwart.

Die afrokaribischen Religionen haben auf unserem Planeten viele Spuren hinterlassen, zum Beispiel in der Musik: Vor allem im Blues, Soul und Funk.

6. Juli 2010, 23.30 Uhr, Clarksdale, Mississippi (USA). Aussentemperatur: 39 Grad. Die Blutsauger sind heute Nacht unterwegs. Sie haben Freude an mir. Legionen von Moskitos umschwirren mich. Morgen werde ich leiden. Ich stehe an einer menschenleeren Strassenkreuzung. Vor der Tankstelle gegenüber steht ein Taxi, der Fahrer raucht und blättert in einem Damenmode-Magazin: Unterwäsche-Sonderausgabe. Ich habe einen Gitarrenkoffer dabei. Es ist nicht irgendeine Kreuzung. Es ist jene, an der sich die beiden so genannten Blues-Highways treffen, Nummer 61 und Nummer 49. Dieser Ort hat mit Voodoo zu tun. Deshalb stehe ich da.

Ich bin sicher nicht der erste, der hofft, jenes Phantom zu treffen, das Robert Johnson (1911 – 1938) einst genau hier die Gitarre gestimmt haben soll.

Johnson war wohl der grösste Blues-Musiker überhaupt. Seine Lieder haben den Stil geprägt. Sein Gitarrenspiel war von einer anderen Welt. Wie konnte er diese Fähigkeit erlangen?

Die Geschichte dazu geht so: Einst habe er um Mitternacht an dieser, seither berühmten Strassenkreuzung mit der Gitarre in der Hand gewartet. Bis ihm der Teufel erschienen sei und sein Instrument gestimmt habe, was Robert zum Virtuosen machte. Wer war dieser Teufel?

Meine Gedanken schweifen zurück, zu Dr. Sammy, jenem Magier aus den Sümpfen von Louisiana, den ich vor Jahren kennen gelernt habe. Seine alte Hütte sieht von aussen aus, als würde sie beim nächsten Windstoss zusammenfallen. Drinnen ist allerdings alles modern eingerichtet. Hier steht ein High-Tech-Fernsehapparat, dort eine riesige Tiefkühltruhe. In der guten Stube dagegen erhebt sich des Doktors Operationstisch: Ein mächtiger archaischer Altar mit Götter- und Dämonenstatuen, Knochen, Totenköpfen, ausgestopften und getrockneten Tieren, rätselhaften Ritualgegenständen sowie schwarzen Kerzen, die von ihrer Form her an Genitalien erinnern.

Vielerlei Opfergaben sind auf und unter dem monströsen Möbel präsent: Münzen, volle Schnapsgläser, Zigaretten, Spielzeug, Hühnerköpfe. Sie sind für die spirituellen Wesen bestimmt, mit denen der Doc arbeitet. Täglich beschenkt Sammy die Geister, sie erfüllen ihm dafür Wünsche. Der Altar ist seine Telefonleitung in eine andere Welt.

Ich frage den Doktor nach Robert Johnsons Teufel. Darüber weiss er gut Bescheid: «Für die christliche Welt mag es der Teufel sein. Für uns hier ist klar, dass es Eleggua war, die Loa der Strassenkreuzungen. Er hat Roberts Geist geöffnet, hat ihm die andere Seite gezeigt. Und auch vielen Bluesmusikern danach. Du kannst es in ihren Liedern fühlen.»

Doch was, zum Teufel, ist eine Loa? Die Religion, die Sammy praktiziert, ist bei uns allgemein unter dem Begriff Voodoo bekannt. Ein Wort, das er selbst allerdings nicht gerne hört.

Auf jeden Fall ist es eine jener afrokaribischen Religionen, die sich alle ähnlich sind, aber verschiedene Namen tragen: Bi-Typischer Voodoo-Altar in New Orleans. Opfergaben aller Art wecken gruselige Gefühle.

58 Ausgabe 5/10 Phänomene

voodoo_2:S.56-61_mysteries0510 11.8.2010 16:05 Uhr Seite 5 zango, Santeria, Brujeria, Candomble, Palo Monte, Palo Majombe, GrisGris. Ihre Wurzeln sind bei den Yoruba-Kulturen der Elfenbeinküste zu finden. Ihre heutigen Hochburgen liegen in Togo, Mali, Brasilien, Mexico, der Dominikanischen Republik, Venezuela, auf Kuba, Haiti. Aber auch in New York, Los Angeles und – vor allem – in New Orleans.

Götter mit mächtigen Fähigkeiten Ihre Gottheiten werden Loas oder Orishas genannt. Sie bilden einen ausgedehnten Götterclan, mit dem die Praktizierenden aufs Engste kommunizieren: Wenn es um grosse spirituelle Fragen geht – aber auch, wenn sie in alltäglichen Dingen Hilfe benötigen. Loas sind lebendige Göttinnen und Götter. Sie verfügen über mächtige Fähigkeiten. Zudem sind sie launisch. In dieser Beziehung kann man sie mit den Gottheiten der Antike vergleichen. Wer an sie glaubt, verkehrt respektvoll mit ihnen. Wie mit einflussreichen Verwandten, die Türen öffnen, jedoch auch für immer verschliessen können.

Jede Loa hat sich untrennbar mit einem oder einer Heiligen aus dem katholischen Kanon verbunden. Der Grund: Unter Androhung von Todesstrafen wurde es geknechteten Schwarzen – aus Afrika entführt und in der Karibik zur Fronarbeit gezwungen – einst von den Kolonialherren aus Europa verboten, ihre afrikanischen Religionen zu pflegen. Also haben sie ihre Götter katholischen Heiligen zugeordnet: Eine Strategie der Tarnung. Noch heute geben viele Loa-Verehrer gerne an, gläubige Katholiken zu sein.

An meiner Blues-Strassenkreuzung denke ich über die Loas nach, schliesslich warte ich gerade auf einen von ihnen. Vor etwa 30 Jahren bin ich wegen meiner Leidenschaft für Blues und Soul dazu gekommen, afrokaribische Religionen zu erforschen. In den Songs kommen oft Andeutungen zu «Hoodoo» vor.

Ich habe Unmengen von Büchern dazu gelesen, auf vielen meiner Reisen Kultstätten besucht, habe Kontakt zu Menschen gesucht und gefunden, die diese oft verfemten Religionen praktizieren.

Anfangs der 90er-Jahre lernte ich so auch die Priesterin Mama Blanche kennen. In New York City. Ich war in einem Geschäft am Columbus Circle, das Tierpräparate und Knochen verkauft. Dort kam ich mit Mama Blanche ins Gespräch. Sie wühlte gerade in einem Korb mit Echsenschädeln und suchte sich die schönsten davon für ihre Hausaltäre aus.

Anhand der Amulette, die ich an ihrem Hals sah, ahnte ich, welchen kulturellen Hintergrund sie repräsentiert; diese grosse, voluminöse, wahrscheinlich uralte afroamerikanische Dame, die nichts als überwältigende Gutmütigkeit «mysteries»-Autor Christian Platz. Mit Gitarre und Hut begab er sich in den USA auf die Suche nach den launischen Loas.

ausstrahlt. Ich flocht einige Bemerkungen ein, die ihr zeigen sollten, dass ich über Loa und Co. Bescheid weiss. Sie reagierte amüsiert darauf – und gewährte mir schliesslich ein Interview.

«Messwein ist eben wirklich Blut» Zwei Tage später traf ich sie in ihrer Privatpraxis, wie sie zu sagen pflegt. Blanche hielt mir einen Vortrag, den ich nie vergessen werde. Big Mama spricht mit tiefer Stimme: «Jahrhunderte lang wurden wir unterdrückt. Doch die Loa liessen sich nicht unterdrücken. Sie kämpften an unserer Seite gegen die Sklaventreiber. Warum soll ich keine Katholikin sein? Ich kommuniziere schliesslich täglich mit Göttern und Heiligen.

Was tut denn eine italienische Mama aus Brooklyn anderes, wenn sie für das Wohlergehen ihrer Tochter in der Kirche eine Kerze anzündet? Messwein ist eben wirklich Blut!»

Ihr donnerndes Lachen erfüllt den Raum, in dem vier mächtige Altäre stehen. Dann wird sie ernst, gefährliche Blitze durchzucken ihre dunklen Augen. «Ich bin eine fromme Frau, Mann. Und als solche fordere ich Respekt!» Aber was ist denn mit all den Gerüchten über Puppen, Nadeln, Todeszauber, schwarze Magie, welche die afrokaribischen Religionen umgeben? Unerbittlich gibt Mama Blanche ihren Standpunkt zum Besten: «Meine spirituelle Tradition hat mehr als 200 Millionen Anhänger auf diesem Planeten. Sie ist viele tausend Jahre alt. Ich selbst übe nur Werke des Lebens aus. Dazu bin ich berufen. Die Loas sind weder gut noch böse. Wir unterscheiden vielmehr zwischen heissen und kalten Geistern. Der Phänomene Ausgabe 5/10 59 2010, an der Strassenkreuzung der Moskitos: Ich sinniere darüber nach, auf wen ich hier warte, werde ein bisschen nervös und komme mir absurd vor.

Schliesslich will ich einem Wesen aus der Anderswelt begegnen: Eleggua. Er ist der Hüter der Schwelle, ein Götterbote, vergleichbar mit Hermes. Bevor eine andere Loa gerufen wird, muss ihm immer ein Opfer gebracht werden. Er stellt die Verbindung zwischen der Menschenwelt und den kosmischen Zonen her. Ein übermütiger Geist, der das Ausschweifende mag, die Musik, das Erotische, das Heitere – und er liebt Kinder.

Mann durchbeisst Weinflasche Eleggua wird durch zwei Gestalten aus dem katholischen Kanon symbolisiert: St. Antonius von Padua und Erzengel Gabriel. In der Karibik, aber auch in New Orleans, sieht man ihn an Strassenkreuzungen – oft ein einfaches Haupt, aus Ton geformt, mit Muscheln als Augen.

Die Gläubigen opfern ihm Zigaretten, Schnaps, Süssigkeiten und Spielzeug.

Wenn Sie in New Orleans also jemanden mit einem Amulett sehen, auf dem St.

Antonius von Padua prangt, dürfen Sie durchaus Hintergedanken haben.

Eleggua kann Menschenwünsche zu einer ganzen Heerschar von Gottheiten tragen: Etwa zu Shango, dem mächtigen Herrscher des Donners, der mit der Heiligen Barbara assoziiert wird; zu Oshun, der Venus des Loa-Reiches – symbolisiert durch die heilige Jungfrau Maria; zu Ogun, dem kriegerischen Feuergott, für den St. Sebastian steht; zu Yemayá, der Göttin des Ozeans, mit der Heiligen Jungfrau von Regla verschmolzen; zu Baron Samedi, dem finsteren Zylinderträger des Totenreichs, der mit St. Martin getarnt wird, und so weiter.

Ich erinnere mich an ein Ritual, das ich 2006 im ländlichen Westen der Dominikanischen Republik, nahe der haitianischen Grenze, beobachten konnte, nachdem ich einen Chauffeur mit einer Flasche Scotch bestochen hatte. An einem Feuer, unter freiem Himmel – polyrhythmische Trommelklänge und kreolischfranzösische Beschwörungsformeln erfüllten die tropische Nacht – wurden einige der rund 200 Anwesenden von den Loa «geritten». Die Gottheiten fuhren in die Gläubigen hinein, brachten sie zum wilden Zucken, Tanzen und Vibrieren.

Baron Samedi. Der «Psychypomp» des Totenreichs – wie immer mit Zylinder.

Umgang mit heissen Loas, etwa Ogun, ist für mich riskanter, als jener mit den kalten, wie etwa Yemayà. Aber, hey Baby, ich muss mich mit beiden Sorten arrangieren.»

Sie habe einen Bekannten, einen Hexer, fährt sie fort: «Er praktiziert die andere Seite der Religion. Seine Berufung sind Werke der Zerstörung. Ich hasse ihn nicht dafür, ich mag ihn sogar. Obwohl ich ihn manchmal auf der spirituellen Ebene bekämpfen muss.

Schöpfung und Zerstörung sind treibende Kräfte des Universums. Was geschaffen wird, soll vergehen, um neuen Dingen Raum zu geben. Die Zerstörung ist die grosse Putzfrau des Eleggua-Tonkopf. In New Orleans oft an Strassenkreuzungen zu sehen.

Universums.»

Ausgabe 5/10 Phänomene voodoo_2:S.56-61_mysteries0510 11.8.2010 16:05 Uhr Seite 6 Ich habe damals persönlich gesehen, wie eine dünne alte Frau einen hundert Neue Voodoo-Dokumentation im Kino und auf DVD Kilo schweren Mann mühelos in die Höhe stemmte. Und ich wurde Zeuge, wie «Voodoo – Die Kraft des Heilens» wa einer «Hexenheilung» oder einem ein Mann eine Weinflasche in der Mitte heisst eine Dokumentation, die ab Ju- «bulletproof voodoo», bei dem die Kudurchgebissen hat, ohne sich zu verletli 2010 in verschiedenen Kinos zu segeln eines Schrotgewehrs am Körper zen! Die Ekstaseanfälle, die sich in den hen war. Der Ethnologe und Voodooeines Gläubigen abprallten.

schwarzen Baptistenkirchen der USA je- Kenner Henning Christoph ist für Gemäss der Vertriebsfirma soll die den Sonntag ereignen, lassen grüssen.

diesen Film nach Benin gereist, um faszinierende Dokumentation noch Zwei Tage vor meiner Fahrt nach die geheimnisvolle Religion mit der bis September in ausgewählten Kinos Clarksdale, Mississippi, weilte ich in Kamera einzufangen.

laufen. Für den Herbst 2010 ist zudem New Orleans, am grössten Black Music Sieben Wochen drehte er vor Ort und die Veröffentlichung einer gleichna- Festival der Welt. Es heisst «Essence».

wurde dank seines ausgeprägten Bemigen DVD geplant.

Abertausende von Menschen feiern auf ziehunsgnetzes Zeuge verschiedener Infos: www.alamodefilm.de der Bourbon Street. Sound dröhnt aus Voodoo-Rituale und -Zeremonien. Etallen Himmelsrichtungen: Blues, Soul, Funk. Gegen zwei Uhr morgens scheinen all die Songs aus den unzähligen Clubs unvermittelt zu einem den Koffer: «So, jetzt gehen Sie zurück ins Hotel. Da vorne an einzigen Stück zu verschmelzen; unglaublich. Von einem Moder Tankstelle steht ein Taxi.» Er duldet keinen Widerspruch, ment auf den anderen tanzen Tausende von Menschen auf der begleitet mich zum Wagen. Hält mir die Tür auf und sagt: Strasse, spontan und absolut synchron (!) etwa eine Stunde «Danke für die Zigarette, viel Glück, mein Junge…» Er winkt lang die gleichen Schritte. Weisse, Schwarze, Latinos, japanimir nach – und verschwindet in der Nacht.

sche Touristen: Als wären sie in einem Musical gelandet.

Erst bei der Morgenzigarette im Hotelzimmer – ich kratze Magnetisch zieht es mich in die Menge. Und schon bewemich fluchend am ganzen Körper, die Blutsauger haben ganze ge ich mich im gleichen Schritt wie alle anderen, ohne auch Arbeit geleistet – kommt mir ein seltsamer Gedanke. Ich nehnur eine Sekunde darüber nachzudenken – ich bin normalerme die Gitarre aus dem Koffer, spiele die erste Strophe von weise wirklich kein Tänzer. Doch New Orleans ist die US- «Help Me». Klingt gar nicht so schlecht. Ein eiskalter Schauer Hauptstadt der afrokaribischen Religionen. Der Rhythmus, läuft mir über den Rücken. Ich spüre eine Hand auf meiner linder mir in die Knochen fährt, ist der gleiche, den ich vor vier ken Schulter, drehe mich um. Niemand ist da.

Jahren in der Dominikanischen Republik gehört habe. Ich Infos: www.voodoomuseum.com denke: «Mensch, es ist eine Musicalnummer. Und die Loa führen Regie.»

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