Finanz-Mafia Regiert Auch Das Internet
click_buy_neu:S.52-53_mysteries0510 11.8.2010 15:12 Uhr Seite 2
So verärgert Europas grösste E-Payment-Firma ihre Kunden
So schlimm wars noch nie: Immer häufiger werden wir beim Zahlen im Internet betrogen. Besonders dreist agiert der grösste Online-Finanzdienstleister Europas: «Click& Buy». Ungestraft zockt der Telekom-Moloch seine Kunden gleich reihenweise ab.
Wo bezahlt man etliche Euros für null Leistung? Bei der Deutschen Bank? Oder der Schweizer UBS? Nein – bei «Click & Buy» (C&B) – dem zweitgrössten E-Payment-Unternehmen der Welt. Was das ist? Ein international agierender Finanzmoloch, der im Internet mit virtuellem Geld handelt, seine Kunden inzwischen reihenweise verärgert und dabei erst noch abzockt.
Und das erstaunlicherweise, ohne damit in den Massenmedien bislang negative Schlagzeilen zu machen – ganz im Gegensatz zu Google, Microsoft und Co.
Auch «mysteries» stopfte dem gierigen Monster in den letzten Jahren gedankenlos etliche Euros in den Rachen: Über den Pressedienstleister «Genios» bezogen wir regelmässig Zeitungsartikel – bezahlt wurde virtuell, via C&B. Jahrelang bot der Konzern seinen Schweizer Kunden die Möglichkeit, alle Beträge via Telefonrechnung des lokalen Telefonriesen Swisscom abzurechnen. Das klappte in unserem Fall anstandslos – bis Swisscom Ende Juli 2009 aus dem C&B-Geschäft ausstieg.
Damit begann ein mühseliger Hindernislauf: Als wir unser C&B-Konto als langjähriger Kunde auf Kreditkartenzahlung umstellen wollten, wurde uns ohne Begründung mitgeteilt, dass unser Zugang «gesperrt» sei. Weitere Hilfe würden wir unter der kostenpflichtigen (!) Auslandshotline erhalten. Fünfzehn Minuten verbrachten wir anschliessend in der Warteschleife (Totalpreis: rund 2 Euro), während uns eine englischsprachige (!) Tonband-Stimme mit monotonem Gesäusel alle paar Sekunden von Neuem nervte. Anschliessend wurde uns von einem Kundenberater mürrisch mitgeteilt, dass wir «halt noch Geduld» haben sollten, «da wir bei C&B auf die ehemaligen Swisscom-Daten derzeit noch nicht zugreifen können».
Keine Antwort unter dieser Nummer Monate später – im Februar 2010 – war unser Zugang immer noch gesperrt. Erneuter Anruf bei der C&B-Hotline. Ohne Erfolg. Nach 22 Minuten Wartezeit (Preis: 2.50 Euro) gaben wir entnervt auf und bombardierten die E-Banking-Firma in der Folge – wie ausdrücklich von ihr gewünscht – mit mehreren Mails, in denen wir um Kontaktaufnahme baten. Unsere Reklamationen blieben eine Woche lang unbeantwortet. Dann – am 23. Februar 2010, 10.54 Uhr – endlich die erlösende Nachricht: «Wir freuen uns, Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihr Konto wieder aktiviert haben.» Hurra!
Hurra? Die Freude währte nur kurz. Genauer gesagt: eine einzige Minute. Denn um punkt 10.55 Uhr erreichte uns per Mail die nächste Mitteilung: «Ihr Click&Buy-Konto wurde vorübergehend gesperrt. Dafür kann es verschiedene Gründe geben…»
Und wenige Sekunden später folgte bereits die dritte Nachricht: «Leider ist eine Abrechnung Ihrer Einkäufe über die Telefonrechnung (Swisscom) nicht mehr möglich.
Bitte hinterlegen Sie eine Kreditkarte in Ihrem bestehenden Click&Buy-Konto oder führen Sie eine erneute Anmeldung durch.» Als ob wir das nicht selber wüssten. Wie bitte – zum Teufel! – sollen wir uns via Internet neu anmelden, wenn unser Konto einmal mehr gesperrt ist?
Marktleader in Europa Nur ein harmloser Einzelfall? Mitnichten, denn ähnlich – und teils noch weitaus schlimmer – ergeht es derzeit unzähligen Kunden im deutschsprachigen Raum. Auf Internetseiten wie «ciao.de» lassen sie ihrem Ärger freien Lauf. Die Abzock-Vorwürfe sind derart massiv, dass wir auf juristischen Rat hin davon absehen, daraus zu zitieren. Unser Tipp für Geschädigte: Einfach mal mit den Stichwörtern «click and buy abzocke ciao.de» oder «click and buy olbertz» im Internet googeln – und staunen, wie viele andere Betroffene sich vom Zahlungsdienstleister mittlerweile ebenfalls veräppelt, ja gar regelrecht beschissen fühlen.
Mehr als 14’000 Anbieter arbeiten mit diesem fragwürdigen Unternehmen inzwischen zusammen, darunter iTunes, Amazon oder Facebook – damit ist Click&Buy in Europa das führende System für Zahlungsabwicklungen in Onlineshops.
Mit zwölf Millionen Kunden gilt C&B inzwischen gar als zweitgrösster internationaler E-Payment-Moloch. Für die Überwachung zeichnet die britische Bankenaufsicht verantwortlich.
Mehrheitsaktionär ist mittlerweile die deutsche Telekom.
Ausgabe 5/10 Wirtschaft click_buy_neu:S.52-53_mysteries0510 11.8.2010 15:12 Uhr Seite 3 Reinstes Magnesium in holländischen Kornkreisen entdeckt Gipfel der Frechheit: Ab dem 31. Oktober 2009 erliess der Finanzriese selbstherrlich neue Geschäftsbedingungen. Wer seinen C&B-Zugang demnach innerhalb von zwölf Monaten nicht mehr benutzt, dem wird pro Monat ein Euro «Wartungsgebühr» in Rechnung gestellt. Noch frecher: Wer sein Konto auflösen und seine Daten löschen will, dem stellt C&B per sofort saftige 15 Euro in Rechnung.
Konsequenz: Da unser «mysteries»-Account nach wie vor ohne Begründung gesperrt ist, drohen uns und wohl auch vielen anderen Ende Oktober 2010 «wegen Inaktivität» weitere Kosten. Abhilfe schaffen könnte im besten Fall nur noch die nervende und kostenpflichtige Telefonhotline, die uns mittlerweile verleidet ist.
Unser Rat: Machen Sie nicht denselben Fehler wie wir und setzen Sie bei Internet-Zahlungen stattdessen wenn immer möglich auf das bislang kleinere Übel – also auf den internationalen Marktleader «Paypal».
blitzlicht





