Vor Dem LäCheln War Die Vision
Der 14. Dalai Lama. Seine Bescheidenheit und Lebensfreude faszinieren Millionen von Menschen rund um Globus.
Viele verehren ihn – doch kaum einer weiss um das Wunder seiner Inkarnation: Der Rückblick auf die mysteriöse Geschichte rund um das Auffinden des heutigen Dalai Lama lässt hoffen – auch für die Zukunft.
Der Andrang zum Dalai Lama war riesig: Im August 2005 unterwies er begeisterte Zuschauer im neuen Zürcher Hallenstadion. Es war das erste Mal, dass das tibetische Oberhaupt ausserhalb seines indischen Exils acht Tage lang unterrichtete.
Wenige Wochen zuvor war der Mann mit dem mysteriösen Lächeln 70 Jahre alt geworden. Seine Ausstrahlung scheint ungebrochen. Seine Bescheidenheit und Lebensfreude ebenfalls. Und so verehren ihn mittlerweile mehr denn je als Vorbild in einer Welt, in der menschliche Werte zunehmend in den Hintergrund rücken.
Umso mehr beschäftigt viele die Frage, wer ihn nach seinem Tod ablösen wird.
Oder nach dem Glauben der Tibeter: Wer nach ihm inkarniert wird. Und wo und wie man seinen Nachfolger dereinst auffinden wird. Denn die Auffindung eines neuen Dalai Lama ist aus westlicher Sicht eine reichlich mysteriöse Angelegenheit.
Journalistisch dokumentiert wurde sie einzig vom Globetrotter Heinrich Harrer, der mit dem jetzigen Dalai Lama in Tibet Mitte der 40er-Jahre viel Zeit verbrachte.
Angesprochen auf dessen Inkarnation verwies ihn der mangels eigener Erinnerungen direkt an den Befehlshaber seiner Armee, der damals dabei gewesen sei.
Ihren Ursprung nahm diese Geschichte 1933, als der 13. Dalai Lama starb. Damals pilgerte ein Abgesandter zum Tschö-Khor-Gye-See. Jeder, der auf dessen Wasser blickt, munkelte man, sähe ein Stück der Zukunft. Und der Mann hatte nach etlichen Gebeten tatsächlich eine Vision: Er sah «ein dreistöckiges Kloster mit goldenen Dächern, neben dem ein kleines chinesisches Bauernhaus mit geschnitzten Giebeln» stand, wie Harrer überliefert.
«Sera Lama, Sera Lama!»
1937 schliesslich schwärmten zahlreiche Mönche aus, um den so prophezeiten Ort mit dem heiligen Kind zu suchen. «Die eine Gruppe, zu der auch mein Gewährsmann gehörte, war bis in den Distrikt Amdo gekommen», notierte Harrer.
Dort traf sie jede Menge Kinder, aber keines entsprach den Anforderungen. «Sie zweifelten schon am Erfolg ihrer Sendung.
Endlich stiessen sie nach langer Wanderung auf ein dreistöckiges Kloster mit goldenen Dächern.»
Erregt zogen sie sich die Kleidung ihrer Diener an, wie es Brauch war. Sie betraten das Haus. Dort rannte ein zweijähriger Bub freudig auf sie zu und griff dem Lama ans Gewand, der den Rosenkranz des 13. Dalai Lama trug. Ohne Scheu habe das Kind «Sera Lama, Sera Lama!» gerufen.
«Es war schon erstaunlich, dass der Knabe in dem Diener einen Lama erkannte, dass er aber gleich sagte, er käme aus dem Kloster Sera, das war selbst für die Mönche, die mystische Ereignisse gewohnt sind, verblüffend», rapportiert Harrer. «Dann griff der Kleine nach dem Rosenkranz und zerrte so lange daran, bis er ihn sich selbst um den Hals gehängt hatte.»
«Richtig» gewählt Nach einigen Tagen nahmen die Lamas weitere rituelle Prüfungen vor. Sie legten dem Knaben vier Rosenkränze vor, wobei der schlichteste derjenige des verstorbenen Dalai Lama war. Das Kind überlegte nicht lange, zupfte den «richtigen» heraus. Dasselbe wiederholte sich bei Trommel und Spazierstock des Verblichenen.
Harrer: «Als man den Körper des Knaben untersuchte, fand man alle Zeichen, die eine Inkarnation aufweisen musste; die grossen, etwas abstehenden Ohren, die Male am Oberkörper… Nun waren die Abgesandten ihrer Sache sicher.»
Bleibt die Hoffnung, dass uns der heutige Dalai Lama, als einer der letzten glaubwürdigen Friedensprediger, noch lange erhalten bleibt – und sich nach seinem Tod ein ähnliches Wunder anbahnt.
red. ■



