«Radioaktiv»: VerdäChtiges Fass In Bayerischem See
Protestbild von Umweltschützern. Noch immer ticken in Boden und Gewässern radioaktive Zeitbomben – auch bei uns.
Als 1992 bekannt wurde, dass im bayerischen Walchensee ein radioaktives Fass liegt, entwickelte sich eine Posse, die höchste Behörden auf den Plan rief – und bis heute anhält. Reinhold Ostler, Deutschlands bekanntester Schatzsucher und Auslöser des Skandals, berichtet.
1992 war kein besonders gutes Jahr für den Freistaat Bayern. Zumindest nicht für dessen Umweltministerium. Es war das Jahr, das den bayerischen Behörden einen Atommüll-Skandal bescherte. Und der Auslöser war ich.
In einer dreiwöchigen Aktion im Auftrag einer österreichischen Bergungsfirma leitete ich die Suche nach der angeblich im See versenkten Zinnfigurensammlung des Reiseschriftstellers Colin Ross.
Was wir im Mai 1992 in 50 Metern Tiefe entdeckten, war weder Zinn, noch sonstiges sonderlich wertvolles Zeug. Was unsere Taucher jedoch zuhauf vorfanden, war Müll und Sondermüll aller Art. Von Unmengen halbvoller Farbeimer, über Ölfässer bis hin zur eisernen Wendeltreppe war alles vorhanden, was sich zum Hausbau verwenden liess.
Die Suche nach dem Zinn im Walchensee wurde von allen möglichen Medien aufgegriffen. Die Aktion war längst vorbei, als ich vier Wochen später den Anruf eines Tauchers erhielt, der von der Suche in den Zeitungen gelesen hatte. Er habe selbst schon in der Bucht danach gesucht. Er wolle mich einmal besuchen und sich persönlich mit mir unterhalten.
Bereits ein paar Tage später stand er vor der Türe. Ein sympathischer Mann, blond, vollbärtig und auch etwa so um die 40 Jahre alt. Ihn interessierte vor allem, wo wir unsere Schwerpunkte gesetzt hatten.
Er vermutete die Sammlung noch weiter draussen und hatte sich bei seinen Tauchgängen auf diesen Bereich konzentriert, der hinter unserer Nordleine lag.
Dieser Bereich ist wesentlich tiefer, als der von uns bearbeitete Quadrant. Bei seinen Tauchgängen erreichte er bereits die 70-Meter-Marke. Die Zinnfiguren habe er nicht gefunden, erzählte er mir. Aber er hatte einen seltsamen Fund gemacht, nämlich ein Fass.
Nun ja: Alte Ölfässer hatten wir ebenfalls in grösserer Zahl gefunden. Nein, nicht diese Fässer, entgegnete er. Solche habe er bei seinen diversen Unterwasserexkursionen ebenfalls genügend gesehen, jedoch nicht so weit draussen. Jenes Fass, welches er in beinahe 70 Metern Tiefe gefunden habe, trug obenauf das dreiflügelige Zeichen für Radioaktivität.
Er zeigte mir auf einer topographischen Karte ungefähr die Stelle, an der er den Fund gemacht hatte. Nachdem er mir auf einem Zettel seine Telefonnummer notiert hatte, verabschiedete er sich.
Besuch vom LKA Eigentlich mass ich dem Gespräch nicht allzu viel Bedeutung bei. Meine Frau dagegen war der Ansicht, dass ich die Sache dem Landratsamt melden sollte, was ich auch tat. Einige Zeit später erhielt ich einen Anruf vom Landeskriminalamt. Man wollte mich besuchen und mit mir über das radioaktive Fass sprechen. Zwei Tage darauf erschien eine Hauptkommissarin mit ihrem Kollegen, die mich in dieser Angelegenheit vernahmen.
Ich schilderte die Geschichte, wie sie sich zugetragen hatte. Nun erfuhr ich, weshalb man sich so sehr dafür interessierte. Die Justizbehörden unterhalten eine eigene Ermittlungsabteilung für so genannt «spektakuläre öffentliche Fälle».
Die anderen Umweltschweinereien, wie etwa die Müllkippe auf dem Grund des Sees oder das von mir aufgedeckte Fischsterben im Inn bei Mühldorf, waren anscheinend nie «spektakulär» genug.
Man wollte die Telefonnummer des Tauchers haben. Aber diese hatte ich nicht mehr. Weil ich der Sache damals keinerlei Bedeutung zugemessen hatte, habe ich das Papier wohl weggeworfen.
Nach München zitiert Damit, so dachte ich, sei die Angelegenheit erledigt. Denkste! Am Abend des 29. Juli, um 19 Uhr, rief mich ein Mann an, der sich als Staatsanwalt ausgab. Er sprach mich auf das radioaktive Fass an, und fragte, ob ich am nächsten Tag nicht zu ihm ins Büro nach München kommen könnte, da er mir noch ein paar Fragen dazu stellen wollte.
Dies alles, so betonte er, sei selbstverständlich rein freiwillig. Ich willigte ein, und wir verabredeten uns für den nächsten Morgen um 11 Uhr vormittags.
Der 30. Juli war ein brütend heisser Tag. Am Abend zuvor fiel mir siedendheiss ein, dass am nächsten Tag einer jener Familientage war, die ein Ehemann besser nicht vergisst. Der Termin beim Staatsanwalt würde sich verschieben lassen.
Es war Freitagmorgen, 10 Uhr. Ich rief im Büro des Staatsanwalts an, um einen neuen Termin zu vereinbaren. Es schien ein ganz anderer Mann am Ende der Leitung zu sitzen. «Die Sache duldet keinen Aufschub, Sie setzen sich jetzt augenblicklich ins Auto und kommen hierher», bellte er mich an.
Ich konnte mir nicht gut vorstellen, dass über das Wochenende noch viel passieren würde, erklärte die Situation und sagte ihm, ich käme am Montag früh.
«Das ist mir alles egal, ich habe Sie gestern Abend offiziell vorgeladen. Wenn Sie nicht innerhalb einer Stunde hier sind, lasse ich Sie durch die Polizei vorführen!»
Kurze Zeit später läutete das Telefon erneut. Wieder der Herr Staatsanwalt.
Diesmal wurde er noch massiver. «Wenn Sie nicht bis spätestens 15 Uhr hier in meinem Büro sind, lasse ich Sie von der Polizei vorführen.» Er setzte noch einen drauf: «Heute ist Freitag, da könnte es natürlich sein, dass ich nicht mehr hier bin, um Sie anzuhören. Sie müssten das Wochenende dann in Arrest verbringen!»
Angesichts dieser Töne verschlug es mir die Sprache. Ich war meiner staatsbürgerlichen Pflicht gefolgt, hatte eine Umweltsauerei den Behörden gemeldet, und wurde behandelt, als wollte ich ein Loch ins Kernkraftwerk pinkeln! Zähneknirschend fuhr ich ins Büro des Staatsanwalts. Dort sass genau der Typ, den ich aufgrund der Telefonate erwartet hatte: jung, dynamisch, karrieregeil. Zugegen war die nette Hauptkommissarin vom LKA. Während der Fahrt hatte ich in den Nachrichten gehört, dass man am Walchensee nach einem ominösen radioaktiven Fass suchen würde…
Zwei Stunden dauerte die Vernehmung. Immer wiederkehrende Vorhaltungen, dass ich den Zettel mit der Telefonnummer des Tauchers weggeworfen hatte, bestimmten die «Anhörung», die mittlerweile in ein regelrechtes Verhör ausgeartet war.
In der «Süddeutschen Zeitung» konnte ich dann lesen, dass die Vernehmungen noch keine weiteren Ergebnisse erbracht hatten. Der damalige Oberstaatsanwalt, Dr. Hubert Vollmann, verkündete sogar Zweifel an meiner Aussage.
Später, als dieselbe Zeitung berichtete, dass sich «aufgrund der Ermittlungen einiger weiterer Zeugen die Hoffnung des Oberstaatsanwalts, das Fass könnte eventuell nur in meiner Phantasie existieren», nicht erfüllte, «vergass» der Mann, sich öffentlich bei mir zu entschuldigen…
Zwischenzeitlich trieb die Staatsanwaltschaft eine Posse nach der anderen. So wurde eine Suche durchgeführt, die in Fachkreisen herzhaftes Gelächter auslöste: Die freiwillige Feuerwehr, ausgestattet mit speziellen Gerätschaften, ruderte quer auf dem See herum, angewiesen durch Handzeichen eines Helfers am Ufer. Man verzichtete auf mein gut gemeintes Angebot, freiwillig und kostenlos an der Suche mitzuwirken, um das Objekt mit modernsten Mitteln zu orten.
Und so ruht das ominöse Fass, dessen Existenz mittlerweile mehrere Zeugen bestätigt haben, heute immer noch auf dem Grund des Sees. Hat man die Versenker mittlerweile ermittelt, und besteht womöglich Grund dafür, etwas vertuschen zu wollen? Ich weiss es nicht. Mittlerweile ist viel Wasser durch den Kraftwerkstollen am Walchensee geflossen. Viel Gras ist an den Hängen der Berge darüber gewachsen, und kaum jemand denkt mehr an diese Geschichte. Oder vielleicht doch?
Verdächtiges Boot Herbst 2003: Unbemerkt durchpflügt ein Boot wochenlang das stille Gewässer des Bergsees – dem grössten Trinkwasserreservoir Bayerns. Im Auftrag einer bayerischen Behörde nimmt der Spezialist einer Bergungsfirma Sidescan-Ortungen vor. Im offiziellen Sprachgebrauch der Behörden heisst dies «Suche nach einer ertrunkenen Person».
Bei diesem Kostenaufwand müsste es sich demnach eigentlich um den Ministerpräsidenten selbst handeln. Viele andere in bayerischen Seen Ertrunkene haben die Behörden jedenfalls in der Vergangenheit nicht sonderlich gekümmert. Aber wer weiss – vielleicht ist die bayerische Regierung ja lediglich auf der Suche nach einem Zwischenlager für ausgemusterte Brennstäbe örtlicher Kernkraftwerke… Reinhold Ostler ■




