Gelüftet: Das Geheimnis von Entenhausen

«Panzerknacker-Bande» feiert sich. Freudentanz mit klassischer Sprechblase der Übersetzerin Erika Fuchs.

Duck-Comics prägen deutsches Sprachgut

Ächz, grübel seufz: Kaum einer weiss, dass derlei Wortschöpfungen auf die Kunsthistorikerin Erika Fuchs zurückgehen. Seit sie ab 1951 mit ihren Übersetzungen die Comicwelt revolutionierte, sind ihre verkürzten Infinitive aus der Umgangssprache nicht mehr wegzudenken.

1990 erschien die erste russische Ausgabe der «Micky Maus». Damit hatte nicht nur der berühmte Mäuserich den Schritt in das ehemalige «Reich des Bösen» getan, sondern auch der noch berühmtere cholerische Enterich Donald Duck, der 1934 in Walt Disneys «Silly Symphonies» als Anti-These zur quirligen Maus das Licht der Welt erblickte.

Höchste Zeit, das verzerrte Bild des berühmten Erpels zu korrigieren. Immerhin gebührt Donald Duck ein Platz in der deutschen literarischen Kultur.

Blasphemie? Mitnichten. Nicht grundlos, wenn auch natürlich satirisch gemeint, ist die Originalausgabe der legendären Analyse «Die Ducks – Psychogramm einer Sippe» 1970 als Band 1 in der «Wissenschaftlichen Verlagsanstalt zur Pflege Deutschen Sinngutes» erschienen.

Speziell in konservativen Kreisen wenig bekannte Tatsache ist, dass Donalds deutschsprachiges Alter-Ego – und mit ihm alle Bewohner Entenhausens – jahrzehntelang von der promovierten Kunsthistorikerin Erika Fuchs übersetzt worden sind. Comic-Kenner stellen mit Fug und Recht fest, dass diese brillante «Mehr-als-Übersetzerin» das amerikanische Duck-Kulturgut des 1901 geborenen Carl Barks durch deutschen Firnis regelrecht «veredelt» hat.

Originell – und ironisch

Erika Fuchs hat, ohne den Sinn zu verändern, ihn vielmehr sogar verstärkend und für unseren Kulturkreis adaptierend, feine Ironie eingebaut. Etwa wenn sie Feuerwehrleute «Ecke Friedensallee und Kanonengasse» auf Donald lauern lässt, der Bienen durch die Stadt transportiert, oder wenn sie das Atomenergielabor in der «Geheimstrasse Nr. 13» ansiedelt.

Ausserdem hat sie den viel geschmähten Textblasen literarischen Schliff gegeben. Ein paar Beispiele belegen dies:

  • «Ei Traun fürwahr, mög‘ eher ich abscheiden von der Welt, als dass ein edles Herz im Unglück schmachte.»
  • «Oh Verezweiflung! Oh dräuend Ungemach!»
  • «Icus picus sellericus. Juristenlatein für: Da haben wir den Salat.»
  • «Professor Knall. Keine Schönheit, aber ein bedeutender Chemiker.»
  • «Wir pfeifen auf Pomade, auf Seife, Schwamm und Kamm. Wir bleiben lieber
    dreckig und wälzen uns im Schlamm.»

Auf eine Abwandlung des Rütlischwurs aus der Feder von Friedrich Schiller stösst man, wenn Tick, Trick und Track einander an anderer Stelle abermals Seifenabstinenz mit diesen markigen Worten geloben: «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.»

Die Welt verdankt Dr. Fuchs originelle Namens- und Wortschöpfungen wie die Panzerknacker Bande AG, den griechischen Philosophen Eukalyptos, den Justizrat Wendig, den Maharadscha von Zasterabad, den üblen Typen Gregor Ganovsky, den Kinderpsychologen Dr. Plappert, den Versicherungsdirektor Ungewitter, den Ölmagnaten Kuno Mächtig, den wackeren Hilfspostboten Säbelbein, den alten Barsch Bombastus – oder die originellen Musikstücke «Crescendo fortissimo» von Bompoff und «Der Untergang Pompejis» von Krachmaninoff.

Auch der gern zitierte Spruch «Dem Ingeniör ist nichts zu schwör» geht auf Erika Fuchs zurück, die damit den manchmal geradezu faustischen Erfinder Daniel Düsentrieb treffend charakterisiert.

Viele Namensgebungen erfolgten nicht zufällig. Während beispielsweise Dagobert im Original nach dem Geizkragen aus Dickens «A Christmas Carol» Scrooge McDuck heisst, trägt er im Deutschen den alten Merowingernamen Dagobert.

«Knurr! Grunz! Brumm!»

Eine Reihe skurriler Lautmalereien sind rein der deutschen Version vorbehalten.

So etwa: «Rhabarber», «Lechz», «Grummel», «Würg», «Schluchz», «Krächz», «Schnurch» oder der Ducksche Dreiklang «Knurr! Grunz! Brumm!».

All das ist keine Verballhornung der deutschen Sprache, sondern eine liebevolle Spielerei mit ihren facettenreichen Möglichkeiten, die kaum eine andere Hochsprache in der Form überhaupt möglich macht.

Wer tiefer eintauchen will in das komplexe Duck-Universum, in dem alles nur denkbar Menschliche liebevoll-ironisch, aber bei aller Subtilität messerscharf reflektiert wird, dem sei das Buch «Die Ducks – Psychogramm einer Sippe» empfohlen.

Dieser immer wieder aufgelegte Klassiker, den der Zeitungswissenschaftler und Pädagoge Michael Czernich, der Germanist und Philologe Carl-Ludwig Reichert sowie der Historiker und Soziologe Ludwig Moos unter dem gemeinsamen Pseudonym Grobian Gans veröffentlichten, ist eine echte Fundgrube.

Randvoll mit schlüssigen Duck-Zitaten, kombiniert mit seriös anmutenden Querverweisen zu Max Weber, Konrad Lorenz oder Theodor W. Adorno, wird selbst der puristischste Historiker oder Germanist daran seine helle Freude haben – natürlich nur, wenn er den nötigen Humor mitbringt.

Franz Gans entlarvt

Auch für Psychologen und Freunde des Enthüllungsjournalismus findet sich darin Faszinierendes, werden doch in dieser schonungslosen Analyse Masken aller Art heruntergerissen. Gustav Gans entpuppt sich als CIA-Agent und Homosexueller. Franz Gans, der Knecht von Oma Duck, wird anhand eines klaren Zitates und einer logischen Interpretation der Zustände auf Omas Hof sogar als ihr geheimer Liebhaber enttarnt.

Noch schlimmer sieht es mit der Sexualität der männlichen Ducks aus. Die Autoren: «Donald kompensiert die Forderungen seines Geschlechtes oral mit einer unbändigen Fresslust oder in zahllosen pseudogenitalen Aktivitäten…» Derlei Höhepunkte lassen sich kaum steigern. Darum seien mit den Worten des berühmten Malers Gottfried Helnwein alle jene ins Duck-Universum eingeladen, die bisher glaubten, Comics seien «nur» für Kinder: «Viele lesen Micky-Maus- Hefte, wenige aber verstehen die Botschaft wirklich.»

Viktor Farkas ■

Ein Cartoon von drei Cartoon-Charakteren mit Sprachbladern, die Mir kreist der Hut sagen!

«Käsende Gehirne». Eine der unzähligen Wortschöpfungen von Erika Fuchs.

Eine Zeichentüke hält ein Ping-Pong-Paddel.

«Pseudogenitale Aktivität». Psychologen haben an Donald ihre helle Freunde.