»Lieber Dieter Bohlen: Kannst Du Wirklich Gitarre Spielen?«

Profi-Musiker über Lug und Trug im Pop-Geschäft

Alles bloss Show? Thomas Anders und Dieter Bohlen (r.) bei einem ihrer etlichen Playback-Auftritte als »Modern Talking«.

schen Konzerte stürzte – und der »Livegesang« in der Halle munter weiter lief. Ähnlich wie auch schon bei Madonna oder Lady Gaga. Klick-Hit auf Youtube: Ein Livevideo von Britney Spears, bei dem ein Tontechniker den Sound derart runterfährt, dass auf der Audiospur nur noch ihr armseliges Gekrächze zu hören ist (Suchbegriff: »Britney Can't Sing – Her REAL Voice«).

Je furioser die Show, desto dreister die Schummelei Über Vollplayback auf der Konzertbühne gegen horrende Eintrittspreise nervt sich auch Moderator Peter Rapp. »Wir haben ebenfalls Stars, die alleine mit der eigenen Stimme auf der Bühne kläglich versagen würden«, weiss Österreichs TV-Liebling aus Erfahrung. »Also schummeln sie – und das Ànde ich nicht in Ordnung.« Nur, wie erkennt man den Betrug? Faustregel Nr. 1: Je atemloser ein singender Topstar »live« auf dem Laufsteg herumturnt, hüpft oder sprintet, desto wahrscheinlicher das Playback.

Faustregel Nr. 2: Je bombastischer, furioser, internationaler und teurer eine Show, desto dreister der Beschiss.

Jahrezehntelang trällerten etwa bei »Wetten dass…« fast alle Popgrössen ab Band. Playback nutzen bei Livekonzerten auch umjubelte Musikstars wie Helene Fischer oder die deutsche Band Rammstein, wie »mysteries« von Mitwirkenden weiss. Bereits 2008 veralberten die Jungs von »Tokio Hotel« ihre Fans, als sie auf ihrer US-Konzerttour mit Vollplayback arbeiteten.

Verzückt kreischten ihnen ihre Anhänger dennoch zu. Ähnlich wie bei Superstar Beyoncés »Live-Interpretation« der US-Nationalhymne anlässlich Obamas zweiter Vereidigung 2013, welche die Massen zu Tränen rührte. Obwohl auch ihr Gesang von A bis Z vom Band kam.

»Hör dir nur mal Pop- und Rockaufnahmen aus den 60er- oder 70er-Jahren an«, doppelt Conny Conrad nach. »Damals konnten Branche ist es leider kaum noch besser als bei den Massenmedien, in der Politik oder anderswo: Wir sind heute in der Lage, jeden, der vollkommen talentfrei ist, zum Star zu machen. Möglich machts die Technik.« Kurz: Ähnlich wie GraÀker Fotos retouchieren, Models und Politiker von Fältchen befreien, wird an Songs am Studiocomputer mittlerweile so lange herumgedoktert, bis diese bis ins allerletzte Detail perfekt harmonieren.

»Die Mischpulte hier«, Conrad deutet im Studio Richtung Glaswand, »stehen eigentlich nur noch zur Zierde da. Abgemischt wird heute alles am PC.« Bereits für ein paar tausend Euro ermöglicht ProÀsoftware wie »Cubase«, »Logic« oder»ProTools« aufnahmetechnische Meisterleistungen, von denen die Beatles oder Elvis nur träumen konnten. Kehrseite: »Die Diskrepanz zwischen Studio- und Liveproduktion klafft heute derart auseinander, dass man selbst auf der grossen Bühne mittlerweile versteckte Instrumente einsetzt – dank Zusatzmusikern unter und hinter den Kulissen. Oder direkt via Technik. Die Medien halten das alles gerne unter dem Tisch. Die Illusion soll aufrecht erhalten werden.« Resultat: Namenlose Ausnahmetalente, die ohne Verstärker wie Götter musizieren, bleiben auf der Strecke. Vom TV hochgejubelte »Sternchen« dagegen trällern vergöttert im Rampenlicht. Marionetten eines gnadenlosen Illusionstheaters. Befürchten musste man derlei Gauklerei längst. Spätestens, nachdem Pop-Millionärin Rihanna auf einem ihrer bombasti- Neue »EU-Hymne der Herzen«. Conrad (r.) 2012 mit Martin Schulz (M.), dem Präsidenten des Europäischen Parlaments.

Auch Helene Fischer und Rammstein arbeiten live mit Musik vom Band.

Musiker aus Leidenschaft: Conny Conrad 2006 bei einem Livekonzert seiner Rockband »Dark Ocean«.

Kämpfe für deine Gefühle – und für deine menschlichen Rechte!

Mit »Cosmic Gaarden« zurück zu den Wurzeln Musikalisch seit Jahren verbunden.

Sänger Dave Cousins (»The Strawbs«) und Gitarrist Conrad (r.).

46 Ausgabe 2/2015 klingt«, stiehlt mir mein Gegenüber die letzte Hoffnung. »Kaum ein erfolgreiches Live-Album entspricht heute noch der tatsächlichen Konzertaufnahme.« Selbst ProÀ-Sänger dürften künftig wohl um Studioaufträge bangen. Grund: Handelsübliche PC-Software ermöglicht es inzwischen sogar mit virtuellen »Künstlern« zu arbeiten. »Vocaloid« heisst das Zauberwort. »Ein Software-Synthesizer, der es durch Sprachsynthese ermöglicht, künstlichen Gesang zu erzeugen, der dem einer menschlichen Stimme ähnelt«, so das Lexikon nüchtern und trocken. »Dazu benötigt das Programm die Vorgabe des Liedtextes, der Melodie und die Angabe von Eigenheiten der Betonung.« Entwickelt vom Musik-Riesen Yamaha experimentieren immer mehr Produzenten damit. Auch Conny Conrad. »Auf meiner neuen CD ›Generations III‹ habe ich ›Avanna‹ ebenfalls eingesetzt – als Gag. Im Moment noch eine anspruchsvolle Sache…« Das Resultat kann sich hören lassen, auch wenn sich die akustische Schummelei zumindest für Kenner erahnen lässt. Dennoch scheint es nur eine Frage der Zeit, bis solche Software so weit perfektioniert ist, dass der Hörer nicht mehr zwischen echt und falsch unterscheiden kann. So wie sich mit Synthesizern seit Jahrzehnten Klavierklänge aus dem Lautsprecher zaubern lassen, die mit denen eines KonzertÁügels vollkommen identisch sind.

Zusammengemixt wird auf diese Weise, was sich die Top-Produzenten wünschen, um es anschliessend als »Sommerhit« oder sonstigen »Trend« an Mann und Frau zu verscherbeln. »Nennen wir das Kind doch beim Namen: Der Mensch ist unwahrscheinausschliesslich Künstler vors Studiomikro treten, die wirklich lich leitbar«, seufzt Conny Conrad. »In der Musikbranche ist es singen konnten. Hundertprozentig genau haben die natürlich wie in der Mode. Da wird aus heiterem Himmel irgendein ein ebenfalls nicht geklungen. Und exakt das ist der Clou: Hundertneuer Blödsinn vorgegeben. Frei nach dem Schema: Die Modeprozentig genau singen selbst die Grössten der Branche heute farbe im Herbst ist diesmal orange. Und fast alle machen den nicht. Nur Computer und Technik machen es möglich, dass mitt- Quatsch in der Folge mit. Hallo? Gehts eigentlich noch?« lerweile jeder einzelne Ton perfekt sitzt.« Der autodikatische Gitarrenvirtuose weiss, wovon er spricht.

Bleiben somit noch Live-CDs oder Live-DVDs. Zumindest die Musikgrössen wie Les Holroyd (Barclay James Harvest) zosind doch authentisch? »Vergiss es, auch daran wird nachträggen vor seinem Saitenspiel bereits den Hut. Für den erklärten lich im Studio gefeilt, geÁickt und geschönt, bis alles stimmig»Genesis«-Verehrer Grund genug, nach 40 Jahren auf der Bühne Peinlicher Patzer: Enthusiastisch dudelt Musik-Millionärin Katy Perry live auf ihrer Flöte, ehe sie vor lauter Jubelschreien ihrer Fans den Einsatz verpasst – und die Flöte dank Playback weiterflötet (Youtube: »Katy Perry Fails at Playing Flute«).

zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Dieser Tage lässt er die CD sonal (»Gott braucht keine Religionen«), das Universum (»Was seiner neuen Band »Cosmic Gaarden« abmischen, auf welcher war vor dem Urknall?«), das Rätsel der Mondblitze – und andere er es im Sommer 2015 ordentlich krachen lassen wird. »Ziel war umstrittene Erscheinungen. Selbstverständlich auch über die es, im Studio Rocksongs aufzunehmen, die auf der grossen Büh-Verlogenheit unserer heutigen Gesellschaft und ihre scheinheine originalgetreu – also ohne allen technischen Zauber – spielligen Meinungsmacher. Angesprochen auf seinen Lieblingswitz bar sind. Bei den Drums etwa haben wir nur mit zwei Mikrofonen zögert Conny Conrad beim Abschied denn auch keine Sekunde: gearbeitet – so wie Led Zeppelin in den 70er-Jahren.« Sagt es»Mein Lieblingswitz? Das nächste Wahlversprechen mancher und dreht entsprechende Demo-Versionen seines neuen Titel-Politiker.« Stomp!

Luc Bürgin ■ songs »Stomp« auf: Stampfender Powerrock der alten Schule, ➤ Infos:www.connyconrad.net dessen englischer Text zur emotionalen Revolution aufruft. Credo: »Stampf wütend auf (»Stomp!«), lass Dir von oben nicht mehr alles diktieren, kämpfe für Deine Gefühle und Rechte, woher auch immer Du kommst. Repression lauert überall. Wehr Dich.

Von »Perry Rhodan« in Richtung Die Evolution erwartet Dich.« Atlantis, zurück in die Zukunft»Lieber Dieter, kannst Du wirklich Gitarre spielen?« 1991 war Conny Conrad als Komponist für den geplanten Megareich geworden ist Conrad trotz weit über zwei Millionen ver-»Perry Rhodan«-KinoÀlm von Produzent Bernd Eichinger kaufter Tonträger zwar nicht. Aber wohlhabender, unabhängiger im Gespräch. Musikdemos waren bereits produziert. Lei- – und vor allem reifer. »In meiner Jugendzeit bin ich dem Wahn der sollte das deutsche Science-Fiction-Epos nie realisiert verfallen, je besser du spielst, desto erfolgreicher wirst du«, sinwerden. Wenige Jahre später komponierte Conrad seine niert der 57-Jährige bei einem Gläschen Wein später oben in sei- Rockoper »Atlantis« – ein Millionenprojekt, für das er bis nem Haus. »Und je älter ich geworden bin, desto mehr musste heute Produzenten sucht. Ein Herzenswurf, wie »mysteich erfahren, dass es in der Musikbranche gar nicht darum geht.« ries« beim Anhören der Tracks feststellte.

Leben wir in einer medialen Scheinwelt? Zählen Illusionen Warum rückte er ausgerechnet den versunkenen Kontimehr als die Realität? Wird das Publikum verschaukelt, nent musikalisch in den Mittelweil es sich verschaukeln lassen will? »Lass es mich in Be punkt? »Im Grunde ist das von zug auf die Musik mal so formulieren«, sagt Conny Conrad, Plato beschriebene Atlantis überlegt einen Moment, zwinkert einmal mehr frech und eine Abbildung unserer Geselllegt dann los: »Ist Dieter Bohlen wirklich der Pop-Titan als schaft – mit all den Fehlern, den man ihn hochjubelt? Ist er nicht eher ein begnadeter die irgendwelche Gesellschaf-Geschäfts-Titan – in diesem Bereich weitaus cleverer als ten immer wieder machen«, ich und viele andere? Tatsache ist doch, dass kein Mensch ist Conrad überzeugt. »So viebis heute weiss, was dieser Mann musikalisch überhaupt le Krisengebiete wie heute leisten kann. Bei allem Respekt stelle ich einfach mal eine hatten wir weltweit wohl noch freche Frage in den Raum: Kann Dieter Bohlen überhaupt nie. Insofern hinterlässt Platos Gitarre spielen? Ich kenne bis heute keinen einzigen Live-Überlieferung – ob nun erfun- Auftritt von ihm, in dem er dies unter Beweis gestellt hätte.

den oder real – der Mensch-Gerne würde ich mich vor Publikum musikalisch mit ihm heit eine Warnung. Eine Warduellieren, fair und ohne doppelten Boden.« nung, die wir bis heute leider Wir fantasieren weiter. Über Andersdenker. Ausserirdinicht beherzigen.« sche. Himmlische Phänomene und irdisches Bodenper-Ausgabe 2/2015 47

Ebenso wie uns Mainstream-Medien täglich ein X für ein U vormachen, wird auch im Showbusiness dreister denn je geschummelt, ärgert sich Spitzengitarrist und Komponist Conny Conrad (57) gegenüber »mysteries«. Der Rockmusiker aus Baden-Württemberg fordert Dieter Bohlen deshalb zum grossen öffentlichen Saiten-Duell, sportlich und fair. Grund: RTLs millionenschwerer »Pop-Titan« hat seine Gitarrenkünste bislang noch nie live vor Publikum unter Beweis gestellt.

benötigen. Dave Cousins von den legen dären »Strawbs« etwa. Mick Rogers (»Manfred Mann's Earth Band«). Das kanadische Jungtalent David Blair. Und viele mehr. Weit über 1000 Melodien hat Conny Conrad in den letzten vier Jahrzehnten komponiert und produziert, ehe er zuletzt mit seiner Hardrockband »Dark Ocean« aufhorchen liess oder samt Orchester im Anzug seine EU-Hymne»Europeana« einspielte. Ein musikalischer Hansdampf in allen Gassen. Aber auch ein gesellschaftlicher Freidenker, den UFO-Phänomene, die Frage nach Aliens oder Atlantis weitaus mehr faszinieren als das tägliche Mainstream-Geschwätz.

»Ich bin der festen Überzeugung, dass die Geschichte völlig anders verlief, als wir es in unseren Schulbüchern lesen«, bemerkt er fast schon nebenbei – und raubt mir als Musikfreund sogleich die letzten Illusionen: »Im Mainstream-Bereich unserer»So, gleich haben wirs, nur noch ein Sekündchen Geduld«, zwinkert Conny Conrad schelmisch und hantiert mit der Maus in seinem Musikstudio auf den PC-Monitoren herum. Eine Tonspur zeichnet sich darauf ab. Kurz zuvor hatte sie der süddeutsche Komponist und Gitarrenvirtuose ins Mikro geträllert. Absichtlich falsch. Flink korrigiert der Meister am Bildschirm ein paar Tonmuster, schraubt hier noch ein bisschen, klickt dort. »Fertig!«, grinst er, während ihm »mysteries« über die Schulter blickt. Ein weiterer Klick und die Aufnahme ertönt erneut aus den Studioboxen. Nun klingt der Gesang beinahe fehlerfrei, blitzsauber – als hätte ihn ein ProÀ ins Mikro gehaucht. »Verrückt, oder?« Möglich machen die Trickserei »Auto-Tune« und weitere Voice-Programme.

Wir setzen uns aufs rote Studiosofa. Dort, wo sich schon namhafte Musiker lümmelten. Ausnahmekönner, die den PC nicht Ausgabe 2/2015

Ein Mann sitzt in einem Stuhl und hält eine Gitarre.
Ein schwarz-weißes Bild einer Reihe von Bars.
Ein schwarz-weißes Bild aus einer Reihe von Wörtern.
Eine orangefarbene Strecke auf einem weißen Hintergrund.
eine Linie von Punkten auf einem weißen Hintergrund
nicht beantworten
Zwei Männer mit langem Haar spielen Gitarre.
Drei Männer in Anzügen und mit einem Zertifikat.
nicht beantworten
Ein Mikrofon, das an einen Mikrofonstand in einem Aufnahmestudio befestigt ist.
nicht beantworten
Eine orangefarbene Strecke auf einem weißen Hintergrund.
Ein Mann singt und spielt vor einem Mikrofon Gitarre.
Ein schwarz-weißes Bild in rechteckiger Form.
nicht beantworten
nicht beantworten
Eine Gruppe von Männern auf der Bühne, die Instrumente spielen.
Eine Linie von Punkten auf einem weißen Hintergrund.
nicht beantworten
eine Linie von Punkten auf einem weißen Hintergrund
Ein Plakat für einen Film namens Perry Rhodan.
Ein Videosplayer spielt ein Video auf einem Computer.
Eine Frau spielt Flöte, während ein Mann ein Mikrofon hält.
Ein Videosplayer spielt ein Video auf einem Computer.
Eine Frau singt in ein Mikrofon, während ein Mann hinter ihr Gitarre spielt.