Pfusch In Stonehenge: So Werden Touristen FüR Dumm Verkauft

Wollten Sie immer schon mal nach Stonehenge? Lassen Sie es bleiben. Denn was Ihnen die Briten dort vorgaukeln, hat mit der historischen Realität ebenso wenig zu tun wie das Dorf der Schlümpfe: Bei so gut wie jedem der Megalithsteine wurde in den letzten hundert Jahren Hand angelegt oder daran herumgedoktert. Je nach Lust, Laune und Zeitgeist. Damit sich heute touristengerecht präsentiert, was einst wohl ganz anders aussah.

Mathias Lang ist ein neugieriger Zeitgenosse. Regelmässig zieht es den badischen »mysteries«-Leser mit seinem Schweizer Reisegefährten Peter Kunz zu fernen historischen Stätten – um vor Ort zu erkunden, was Touristen oft arglos übersehen. Umso verblüffter waren Lang und Kunz, als sie kürzlich aktuelle Fotos von Stonehenge zu Gesicht bekamen. Gross darauf zu sehen: Ein Steinkreis-Megalith (»Nr. 60«), der unter seiner verwitterten OberÁäche den Blick auf einen hässlichen Betonsockel freigibt: Hollywood-Pappkulissen in Stonehenge?

Dass die Megalithenanlage von Stonehenge in Wiltshire bei Salisbury ab 3000 v. Chr. noch vor der ägyptischen Cheopspyramide errichtet wurde, erzählt uns jeder moderne Reiseführer.

Dass sie einst als vorzeitliches Observatorium diente, scheint ebenso unbestritten. Nirgendwo aber fanden die beiden Hobbyforscher in der DatenÁut des Internets oder der Populärliteratur auf die Schnelle auch nur die kleinste Information über den kosmetisch aufgepeppten Stein Nr. 60. Werden Besucher in der englischen Touristenstätte gezielt verschaukelt?

Misstrauisch düsten Mathias Lang, sein Sohn Nico und Peter Kunz im Februar 2014 kurzerhand nach England, um Stone-Stongehenge-Block Nr. 60: Bereits aus der Ferne ist der gegossene Betonsockel am unteren Ende deutlich zu sehen. (Foto: Peter Kunz) Dreiste Abzocke: Die Pu blikation dieses Fotos von Stein Nr. 60 aus dem Jahr 1964 (r.) erlaubte uns »English Heritage« nur gegen Bezahlung von 140 Euro! Dies im Gegensatz zu prächtigen PR-Fotos der Stätte aus moderner Zeit, die Journalisten gratis zur Verfügung gestellt werden.

henge selber unter die Lupe zu nehmen. Trotz neu eröffnetem Besucherzentrum und Touristen-Tuktuk-Bähnchen machte sich beim Trio bald Ernüchterung breit. »Der Durchmesser des äusseren Steinringes misst kaum 30 Meter«, erklärt Lang. Bereits vor Jahrzehnten, so wurde dem Trio überdies bestätigt, war das mystische Monument nach jeweils herrschendem Zeitgeist und Wissen mehrmals renoviert worden. Stonehenge-Stein Nr. 60 beispielsweise, so die behördliche Organisation »English Heritage«, sei 1959 wieder aufgerichtet worden – samt neuzeitlichem Betonstützpfeiler.

Wo einmal provisorisch herumgeÁickt wurde, ist der nächste Pfusch nicht weit. Tatsächlich hat man den vermeintlichen»Steinkreis«, der keiner mehr ist, seit 1900 – und wohl bereits auch zuvor – immer wieder neu verpÁastert: Schon nach der Jahrhundertwende wurden schräg stehende Monolithen gestützt, umgefallene aufgerichtet, im Boden Àxiert, weitere mittels Seilwinden wieder hochgehievt.

Und bereits damals krallte sich die Touristenschar Souvenirs, in Form von Steinstücken, die man aus den Megalithen herausklopfte. Ein Stückchen Stonehenge für jedermann. Im 19. Jahrhundert hatte ein geschäftstüchtiger Schmid den Besuchern sogar Hämmer angeboten, um die Reste von Stonehenge eigenhändig abzutragen!

Kein Wunder, wurden die Rufe nach Erhalt und Sicherung des bekanntesten englischen Denkmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend lauter. Nicht zuletzt, als kurz zuvor wieder mal ein paar der Riesenbrocken zu Boden gekracht waren. 1915 wurde das Gelände versteigert. Der Käufer vermachte es kurz darauf dem Staate England, der fortan auch die AufsichtspÁicht über den früheren Privatgrund hatte.

Eine leidige Aufgabe, denn die bislang durchgeführten »Sicherungsarbeiten« hatten nicht eben zur Verschönerung der historischen Stätte beigetragen. So wurden die Steine mit »hässlichen Streben aus Stahl und Holz« gestützt, wie der Archäologe Richard Atkinson in seinem Buch »Stonehenge« im Jahr 1956 konstatiert, nachdem er die dortigen Ausgrabungen bis 1964 geleitet hatte.

Bereits um 1900 wurden umgefallene Monolithen wieder aufgerichtet.

Nahaufnahme von Stein Nr. 60: Bereits 1959 wurde hier Hand angelegt, um den erodierten Brocken wieder aufzurichten. Bilder wie dieses findet man in keinem Touristenführer. (Foto: Nico Lang) Ausgabe 3/2014»Ziemlich enttäuscht«: Globetrotter Mathias Lang im Februar 2014 vor den Überresten von Stonehenge.

Gegen Ende des ersten Weltkriegs war auf der Wiese neben dem Steinkreis zudem ein Flugfeld errichtet worden. Atkinson:»Es wird erzählt, dass die Behörden allen Ernstes anfragten, ob das Monument abgebaut werden könne, da die Steine tief Áiegenden Flugzeugen gefährlich werden könnten.« Ausgräber machten alles nur noch schlimmer Bereits 1921 hatte Leutnant William Hawley im »Antiquaries Journal« von ersten Ausgrabungen berichtet: »Der ausgegrabene Schotter war voll von neuzeitlichem Abfall wie zerbrochenem Glas, Geschirr, Pfeifenstielen und anderen Dingen, deren Zahl weiter unten geringer wurde.« Hawley schürfte von 1919 bis 1926 in Stonehenge. Seine Arbeit brachte zwar einige Erkenntnisse über die Geschichte des urzeitlichen Kultplatzes.

Seine Arbeitsweise aber wurde massiv kritisiert.

So schrieb Atkinson später über die Ausgrabungen seines Vorgängers: »Hawleys Besessenheit führte zu einer mechanischen und weitgehend unkritischen Ausgrabungstätigkeit, die weit über den Punkt hinausging, wo sie bedeutende Informationen hervorbrachte.« Das führte dazu, dass »es eine Menge an Fragen rund um Stonehenge gibt, die durch zukünftige Ausgrabungen nie beantwortet werden können, weil Anhaltspunkte und Beweise zerstört wurden«.

Sechs Megalithen wurden während der Ausgrabungen von William Hawley in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts wieder aufgerichtet. Inklusive Montage von Deckensteinen mit der Hilfe von Kränen. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug Richard Atkinson der zuständigen Behörde eine weitere Restauration von Stonehenge vor, um dabei auch jene fünf Steine gerade zu rücken, die »bekannterweise in den letzten 160 Jahren umÀelen«. Bis 1964 wurde so an Stonehenge erneut herumgedoktert: Neu aufgestellte Steine wurden mit modernsten Methoden zum Stehen gebracht.

Durch Erosion brüchig gewordene Steine mussten von innen mit Beton gestützt und gesichert werden.

Danach kehrte im »aufgeräumten« Trümmerfeld Ruhe ein.

Nach und nach begannen sich die Touristen an die heutige gewöhnen.

Kaum jemand dachte mehr daran, das liebgewonnene neue Bild des vermeintlichen»Urzustands« zu hinterfragen. Am wenigsten daran interessiert waren die Vertreter von »English Heritage«, denen zunehmend mehr Besucher zunehmend mehr Geld in die Kasse spülten.

Dass der trügerische Glanz bis vor kurzem ofÀziell mit keinem Wort kommuniziert wurde, störte nicht zuletzt den britischen Historiker Brian Edwards. Für seine Doktorarbeit an der Universität Bristol grub er uralte Bilder von Stonehenge aus, die zeigten, wie den prähistorischen Megalithen mit Kränen und Postkartenidylle zu Bald begannen sich viele an die trügerische Postkartenidylle zu gewöhnen.

Kaum ein Stein blieb auf dem anderen: Bilder der zahlreichen Restaurierungen um 1920.

Historisches Trümmerfeld (r.): Bereits 1901 wurde in Stonehenge »aufgeräumt«.

Fachberichte darüber sind Mangelware.

Baggern brachial zu Leibe gerückt wurde. »Das Monument ist nicht mehr die Schöpfung steinzeitlicher Menschen«, kritisierte Edwards 2001 gegenüber dem Wissenschaftsjournal »New Scientist«. Vielmehr sei es das, was die Archäologen in den letzten 100 Jahren daraus gemacht hätten. Oder wie der Historiker im Januar 2001 in deutschen Zeitungen nachdoppelte: »Das heutige Stonehenge ist ein Fantasieprodukt.« Man habe die Steine so arrangiert, wie man sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen alten Tempel vorstellte und sei dabei nicht gerade zimperlich gewesen, so Edwards. Kurz: Immer wieder sei in moderner Zeit Hand an die Stätte gelegt worden. Mit einer Schönheitsoperation nach der anderen wurde ihr Gesicht mehrmals aufgefrischt: Archäologisches Botox!

Und so kommentierte selbst das sonst so wissenschaftsfreundliche und hochgelobte Fachjournal »Bild der Wissenschaft« Hauruck-Restaurierung.

Weiteres Foto aus dem Jahr 1920, das verdeutlicht, dass Stonehenge einst ganz anders aussah.

damals kritisch: »In Stonehenge wurde im letzten Jahrhundert jeder Stein mindestens einmal verrückt.« Weitere drei Jahre sollten vergehen, ehe »English Heritage«, als behördliche Kommission zuständig für die PÁege der Stätte, der Kritik endlich Genüge tat. In ihrem Bildband »Stonehenge: AHistory in Photographs« präsentierte sie 2004 erstmals Bilder der Restaurationsarbeiten. Historische FotograÀen, die bis heute für teure Honorare vermarktet werden, obwohl das Copyright darauf – nebenbei bemerkt – längst erloschen ist.

»Enttäuschender, als man es sich vorstellt « In Sachen Öffentlichkeitsarbeit hat die englische Behörde eindeutig Nachholbedarf. Fotos der Restaurierungen aus den 50er-Jahren gäbe es leider nicht. Detaillierter Fragen von »mysteries« entledigte sich Rosie Ryder von »English Heritage« mit dem Hinweis auf den aktuellen Besucherführer. Die farbige Hochglanzbroschüre wurden uns denn auch prompt zugestellt, und das sogar kostenlos. Bezeichnenderweise Àndet sich darin kein einziges (!) der hier abgebildeten Fotos. Die Restaurierungsarbeiten werden in zwei, drei Sätzen abgehandelt.

Und Mathias Lang? Ebenso wie Reisegefährte Peter Kunz verliess er die renovierte englische Kultstätte mit gemischten Gefühlen: »Ich kannte Stonehenge bisher nur von Bildern. Vor Ort ist alles weitaus enttäuschender und kleiner, als man es sich vorstellt. Die neue Besucherführung über einen schmalen Pfad verunmöglicht einen vollständigen Rundgang. Und bei genauerer Betrachtung erscheint die berühmte Stätte aller Restaurierungen zum Trotz wie eine Hollywood-Kulisse: Von vorne eindrücklich aufgepimpt, von der Seite unspektakulär und uninteressant – wie ein angebissener Keks.« Luc Bürgin ■

Trügerischer Schein. Aktuelle PR-Aufnahme des neu eröffneten Besucherzentrums, wie sie Journalisten kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Pfusch in Stonehenge: So werden Touristen für dumm verkauft – Abbildung 2
Pfusch in Stonehenge: So werden Touristen für dumm verkauft – Abbildung 3
Pfusch in Stonehenge: So werden Touristen für dumm verkauft – Abbildung 4
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Pfusch in Stonehenge: So werden Touristen für dumm verkauft – Abbildung 6
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