Die verheimlichten Sarkophage
Sakkaras unterirdisches Labyrinth zählt zu Ägyptens grössten Rätselstätten. Zwei Dutzend monumentale Riesen-Sarkophage bekommen Besucher im dortigen Serapeum zu Gesicht. Was kaum jemand weiss: In der faszinierenden Gruft befindet sich mindestens eine weitere monströse Sargwanne aus uralter Zeit, die bis heute geheim gehalten wird! Einmal mehr enthüllt»mysteries«, was Touristen nicht zu Gesicht bekommen und wovon selbst viele Ägyptologen bis heute keinen Schimmer haben.
1: Heutiger Eingang in die Anlage.
2: Kleine Galerie. Hier fand Mariette 6 im 19. Jahrhundert etliche Holzsärge voller Bitumen-Gemisch – aber keine mumifizierten Stiere.
3: Grosse Galerie. In ihren Nischen befinden sich die gigantischen leeren Steinsarkophage.
4: Das neuzeitliche, eiserne Tor zur geheimen Sargkammer. Für Touristen bleibt es bis heute verschlossen.
5: Eingestürzter Gang. Was sich dahinter wohl verbirgt?
6: Enger Gang, Wohin er führt, ist bis heute unklar.
Wer das ägyptische Serapeum in Sakkara als Tourist erkundet, versteht die Welt nicht mehr: Ein riesiger Sarkophag reiht sich in der dortigen Unterwelt an den nächsten. Jeder davon sagenhafte 60 bis 70 Tonnen schwer – aus einem einzigen Stück gefertigt. Bis zu vier Meter lang, über zwei Meter breit und ohne Deckel über zwei Meter hoch. Mindestens 2500 Jahre alt. Monströse Kolosse ohne Vergleich. Gefertigt aus Basalt oder Rosengranit aus dem 1000 Kilometer entfernten Assuan. Eine unverstandene »Begräbnisstätte«, wie sie selbst mit modernsten Werkzeugen kaum erschaffen werden könnte. Fantastische Inspirationsquelle für Science-Fiction-TV-Serien wie »Stargate«. Denn die 1851 von Auguste Mariette freigelegten Steinsärge enthielten in ihrem blitzblank polierten Innern wider Erwarten keine mumiÀzierten Apis-Stiere. Vielmehr waren sie bei ihrer Auffindung ausnahmslos leer! Ursprünglicher Sinn und Zweck? Unklar.
24 ebenso gigantische wie fusselfrei leergefegte Riesenwannen hatte der französische Ausgräber in den dortigen Katakomben laut offizieller Schreibweise entdeckt. Angeblich aus der Zeit um 600 v. Christus. Ihre tonnenschweren Deckel waren wie von Riesenhand sachte beiseite geschoben. Doch damit nicht genug: Bereits ein Jahr später stiess Mariette im dortigen Untergrund auf weitere Nebenkammern. Inhalt: Zerfallene Holzsärge aus der Zeit ab 1280 v. Chr. Kurz darauf wurde er erneut fündig und legte eine dritte Reihe von Gräbern ab 1550. v. Chr. frei.
In einigen davon entdeckte er eine stinkende, umhüllte Masse aus bitumenartigem Material (Erdpech) und Knochensplittern.
Beim Anfassen zerbröselte es zu Staub. Keinen einzigen mumifizierten Stier, wie ursprünglich erhofft, stellte der Ausgräber schlussendlich sicher, auch wenn in so manchem Fachbuch bis heute das Gegenteil fabuliert wird.
Ebenso umstritten bleibt, ob und wo der französische Abenteurer Paul Lucas (1664–1737) bereits über ein Jahrhundert vor Mariette dort unten herumkroch (»Voyage du sieur Paul Lucas fait en MDCCXIV, & c. par ordre de Louis XIV…«, Vol. ΙΙ, 1720). Noch verwirrender: Im Gegensatz zur Fachliteratur soll das Serapeum insgesamt weitaus mehr Sarkophage bergen als ofÀziell bekannt. Genauer beziffert sagenhafte 40 bis 70 Stück, wie mir bereits vor etlichen Jahren von einheimischen Experten hinter vorgehaltener Hand zugeÁüstert wurde: »Längst nicht alle Gänge der Anlage sind heute für Touristen zugänglich.« Das aktuell wohl naheliegendste Mysterium verbirgt sich derzeit rund 30 Meter entfernt vom offiziellen Eingangsbereich, linkerhand – versteckt hinter einer verriegelten gelben Metallpforte. Eintritt strengstens verboten! Zu sehen bekommt man die dortige Seitengruft und ihr antikes Erbe, wenn überhaupt, nur mit viel Glück. Bereits 2013 gelang es mir mit einigen Freunden wider Erwarten, ein paar Blicke in deren Inneres zu erhaschen.
»Pssst!«, hatte uns ein ägyptischer Wächter im unterirdischen Labyrinth zuvor unter der Hand immer wieder zugeflüstert.»Pssst!« – und noch einmal »Pssst!« – ehe er dank zunehmend mehr Schmiergeld schliesslich einen uralten Schlüssel unter seinem Gewand hervorkramte und uns das mächtige, verrostete Tor für ein paar Augenblicke aufsperrte.
Drei, vier Minuten mussten genügen, um im Dunkeln ein paar Schnappschüsse von einem weiteren, mit einer Plastikplane verhüllten Riesensarkophag und dessen ebenso monumentalem Deckel zu schiessen. Gegenüber, auf der rechten Seite: Eine offenbar erst kürzlich aufgeschlagene Trennwand, die im Schein unserer Taschenlampen eine weitere Kammer mit wannenartiger Vertiefung und Hieroglyphen am Boden offenbarte, ehe wir eilends wieder herausgescheucht wurden. Ebenso wie im selben Jahr bereits meine unabhängig davon agierenden Forscherfreunde Mathias Lang und Peter Kunz (Seite 18).
Gruft verwehrt? 2015 gelang es einem gut betuchten Globetrotter namens Igor Tochilnikov aus Prag, in der unterirdischen »Grauzone« überraschend ungehindert zu filmen. Ob mit offizieller Erlaubnis, darf bezweifelt werden, da sich auf seinem YouTube-Video entgegen üblicher Gepflogenheit kein Amtsträger ins Szene setzt (»Serapeum Full Movie«). Kommt dazu, dass dort seit unserem Besuch offenbar erneut gebuddelt wurde, wie weitere aufgeschlagene Seitenkammern in Tochilnikovs Video vermuten lassen, von denen 2013 noch keine Spur zu sehen war.
Weshalb die behördliche Mauschelei – in einer Zeit, in der das Land am Nil mehr denn je auf Touristen angewiesen ist?
Was soll dort bis auf weiteres verborgen bleiben? Wer forscht hier – und auf Kosten von wem? Und welche kontroversen Kostbarkeiten wurden dort mittlerweile womöglich längst heimlich beiseite geschafft? Ein Narr, wer sich darauf Antworten von den zu bringen.
Um wagemutigen Spürnasen dennoch den Weg zum Ziel zu weisen, hat unser ortskundiger Mitstreiter Gregor Spörri in Zusammenarbeit mit »mysteries« kürzlich die weltweit wohl genaueste Skizze der rätselhaften Untergrundanlage angefertigt, die wir anbei exklusiv veröffentlichen. Gleichzeitig versuchte er mit ein paar Kollegen Ende Mai 2019 vor Ort ebenfalls einen Blick in die geheime Gruft zu werfen. Leider ohne Erfolg.
Doch damit immer noch nicht genug. Denn kürzlich tummelte sich auch unser österreichischer Kollege Reinhard Habeck einmal mehr im Land der Pharaonen, wo ihm unter der Hand ebenso Aufregendes zugeflüstert wurde. »Ich stöberte damals in der Bibliothek des Imhotep-Museums in Sakkara nach Quellen zum Serapeum«, erzählt er. »Dabei kam ich mit dem Ägyptologen Dr. Hatem El-Kereti ins Gespräch. Er wunderte sich darüber, dass ich mich für archäologische Ausgrabungen interessiere, obwohl ich kein Ägyptologe bin.« Bei dieser Gelegenheit machte besagter Altertumsforscher eine Bemerkung, die den Wiener aufhorchen liess: »Er sah mir in die Augen und murmelte dann in ernsthaftem Ton: ›Im südlichen Abschnitt des Serapeums wurde eine weitere Galerie entdeckt!‹ Ich war einigermassen perplex. Denn davon hatte ich noch nirgendwo gehört oder gelesen. Kein Wunder! Schliesslich sei die Entdeckung offiziell noch gar nicht publik, weil sie derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen bilde, wie mir Hatem El-Kereti verriet.« Bis zu 40 weitere, bislang unbekannte Riesensärge sollen sich Habecks Gewährsmann zufolge hinter einem verschlossenen Tunnel-Komplex verbergen, der in erweiterter Verlängerung zur »grossen Galerie« und ihren Nebengängen verläuft. Ähnliche Informationen also, wie sie »mysteries« bereits 2013 ebenfalls zu Ohren gekommen waren. Näheres dazu hofft der österreichische Globetrotter auf einer seiner nächsten Reisen in Erfahrung
2 Das Serapeum von Sakkara (Grafik: Gregor Spörri/Mysteries, 2019)







