Mexikos »Alien-Relikte« sind Sie über 1000 Jahre alt?
Seit Jahren fördern Hobby-Ausgräber in mexikanischen Bundesstaaten Relikte mit teils futuristisch anmutenden Darstellungen zu Tage. »Alles neuzeitliche Fälschungen«, sagen lokale Archäologen – und mit ihnen auch Experten in unseren Gefilden, obwohl sie besagte Relikte nie persönlich zu Gesicht bekamen. Eine von »mysteries« mitfinanzierte Thermolumineszenz-Datierung erbrachte nun überraschende Resultate.
Herbst 2018: Tomas Hrico ist in Mexico unterwegs. Auf eigene Faust besucht der 32-jährige slowakisch-schweizerische Hobby-Forscher zusammen mit lokalen Begleitern so manchen Sammler kontroverser Objekte aus älterer und neuerer Zeit in den Bundesstaaten Guanajuato und Jalisco.
Alle Kontaktpersonen empfangen ihn auffällig offenherzig.
Manche ihrer Raritäten scheinen ihm authentisch, andere fragwürdiger. Manche der Relikte werden ihm »offiziell« präsentiert, andere lediglich in schummrigen Privaträumen. Manche zeigen klassisch anmutende Azteken-Motive, andere wiederum bizarre Göttermotive, die an Aliens oder UFOs erinnern: Ein faszinierendes Sammelsurium an kontroversen Relikten. Aberhunderte – wenn nicht sogar Tausende von Figuren, Gefässen und weiteren Kuriositäten. Zu umfangreich, um samt und sonders als Fälschungen abgetan zu werden. Und von Archäologen dennoch verschmäht. Weil sie nicht in die gängigen Schubladen passen (»mysteries« Nr. 1/2019).
Auf seinem Trip zwischen Vergangenheit und Gegenwart kommt Tomas Hrico aus dem Staunen nicht heraus. Umso mehr, als ihn – entgegen aller Befürchtungen – keiner der lokalen Sammler abzocken oder ihm irgendetwas gegen Bares aufschwatzen will. Besonders beeindruckt hat ihn nicht zuletzt die Privatsammlung von Gonzalo Franco Martinez. Der Physiker, der laut eigenen Angaben an der renommierten National Autonomous University of Mexico (UNAM) studiert hat, lebt im mexikanischen Teocaltiche im Bundesstaat Jalisco, erforscht seit Jahrzehnten das UFO-Phänomen und besitzt ebenfalls eine Sammlung ungewöhnlicher präkolumbianischer Kunstobjekte, von denen manch eines selbst Kenner verblüffen dürfte. Kaum ein Forscher aus Europa hat seine kuriose Kollektion bis heute zu Gesicht bekommen. Keine deutschsprachige Zeitschrift hat bislang darüber berichtet.
»Überraschend erlaubte mir Gonzalo Franco Martinez, seine Objekte abzulichten, ohne dafür Geld zu verlangen«, erzählt Tomas Hrico. Wann und wie der Sammler aus Jalisco seine »Prunkstücke« über all die Jahre zusammentragen konnte, soll ofÀziell ein Geheimnis bleiben: »Interessant genug, dass er mich persönlich auf den örtlichen ›Cerro de los Antiguos‹ (›Hügel der Alten‹) führte, wo sich auf einer riesigen Fläche noch heute jede Menge Scherben und Spuren ähnlicher Artefakte Ànden lassen.« Teocaltiche gilt als eine der ältesten Siedlungen mit hispanischem EinÁuss. Ihre Anfänge reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. 1530 wurde sie von den spanischen Konquistadoren erobert. Der»Cerro«, ein rund 30 Meter hoher Hügel, wird von manchen Einheimischen als antike»Pyramide« oder Grabmal gedeutet. Hrico: »Vorbei an Stacheldraht und dichtem Gestrüpp wurden mir dort mehrere mittlerweile wieder zugeschüttete Erdgruben gezeigt, wo manche der ungewöhnlichen Artefakte zu Tage gefördert worden sein sollen…« Ebenso wie ein weiterer Sammler aus Mexiko überliess Gonzalo Franco Martinez dem interessierten Globetrotter vor seiner Rückreise kostenlos Unterwegs in Mexiko: Tomas Hrico (l.) und Gonzalo Franco Martinez.
30 Ausgabe 4/2019 Probenentnahme im Labor Kotalla. Rechts das Titelblatt des mehrseitigen Analysereports, den Hrico in Auftrag gab.
das eine oder andere Stück aus seinem Fundus – in diesem Fall drei winzige Objekte aus gebranntem Ton. Mit einer gehörigen Portion Glück gelang es Hrico, sie durch den Zoll nach Europa zu lotsen. Darunter auch ein stilisiertes »Mini-UFO« aus gebranntem Ton, rund 1,5 Zentimeter hoch und zwei Zentimeter breit.
Datierungsanalyse in Baden-Württemberg Im Gegensatz zu Jade-Schmuckstücken oder Steinen lässt sich Keramik wissenschaftlich verlässlich datieren. Also packte Tomas Hrico die Chance und brachte sein»Mini-UFO« im März 2019 zum bekannten»Labor Kotalla« in Haigerloch (Baden- Württemberg), um davon vor seinen Augen zwecks Thermolumineszenz-Analyse eine Probe nehmen zu lassen. Auf Wunsch von »mysteries« dokumentierte der Hobby-Forscher besagten Prozess aus Beweisgründen auch fotograÀsch.
Vorgenommen wurde die Analyse durch den Gutachter Benjamin Kotalla (34), der seinen Vater als Mitglied im »Bundesverband öffentlich bestellter vereidigter Kunstsachverständiger sowie qualifizierter Kunstsachverständiger e.V.« im dortigen Institut seit rund zehn Jahren tatkräftig unterstützt. Das mittlerweile schriftlich vorliegende Analyseresultat lässt aufhorchen:»Rund 1000 Jahre alt, plus/minus 15 Prozent« dürfte besagtes Objekt aus der Sammlung von Gonzalo Franco Martinez laut Gutachten sein. Kein endgültiger Beweis für die Authentizität dessen gesamter Sammlung, wie Hrico weiss – »aber doch ein klarer Hinweis, dass sich darunter auch historisch authentische Objekte beÀnden«. Kommt dazu, dass die Analyse eines weite ren, grösseren Objekts aus besagter Kollektion durch russische Forscher um Oleg Elistratov unlängst ganz ähnliche Altersangaben erbrachte: »1050 Jahre, +/- 15 Prozent«.
Zumindest was die Datierung besagten »Mini-Objekts« betrifft, kann eine neuzeitliche Fälschung damit so gut wie ausgeschlossen werden, wie Benjamin Kotalla auf Nachfrage bestä tigt – auch wenn es durchaus Manipulationsmethoden gäbe:»Eine Variante bestünde beispielsweise darin, altes Material kleinzureiben und es zu einem neuen Objekt CT-Scans seien derlei Tricksereien indes leicht feststellbar. Beim »Mini-UFO« in Hricos Besitz mache eine zusätzliche CT-Scan-Analyse allerdings wenig Sinn. Kotalla: »Bei einem derart kleinen Objekt ist es höchst unwahrscheinlich, dass es aus unterschiedlichen Tonmaterialien in aufwändiger Arbeit neu ›zusammengeklebt‹ wurde.« Umso mehr, als der Schweizer noch zwei weitere Artefakte erhielt, für die er ebenfalls keinen Cent springen lassen musste.
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Ausgabe 4/2019 31








