Spur Los
verschwunden
Jährlich verschwinden etliche Menschen auf unserem Planeten. Manche davon bis in alle Ewigkeit. Zu wenige, um deswegen in Panik zu geraten. Aber deutlich zu viele, um sich darüber keine Gedanken zu machen. Umso mehr, als so mancher Vermisstenfall weitaus merkwürdigere Fragen aufwirft als oft vermutet – auch im Schweizer Ski-Paradies Wengen, wie aktuelle Nachforschungen zeigen. von Luc Bürgin
as Szenario mutet fantastisch an: Im gleissenden Licht einer vermeintlichen Kometenerscheinung tauchen im DNordwesten der USA über Nacht unvermittelt 4400 Männer, Frauen und Kinder auf, die von 1946 bis 2004 spurlos von der Erde verschwunden waren. Keiner von ihnen kann sich daran erinnern, was geschehen ist. Entsprechend misstrauisch werden sie von Politik, Militär und Gesellschaft behandelt. So beginnt die US-Mystery-Serie »4400 – Die Rückkehrer«, die von 2004 bis 2007 von Francis Ford Coppola produziert wurde.
Und in Wirklichkeit? Wie viele Menschen verschwinden weltweit tatsächlich, ohne je wieder aufzutauchen? Niemand weiss dies mit Sicherheit. Auf jeden Fall aber sind es weitaus mehr, als man vermutet. Wer den Begriff »Spurlos verschwunden« auf Googles Newsseiten durchstöbert, stösst dort auf etliche aktuelle Meldungen aus unseren GeÀlden, die bereits morgen wieder aus dem Netz gelöscht werden – weil ständig neue Vermissten-Einträge dazukommen.
Allein in Deutschland, wo diesbezüglich akribisch Buch geführt wird, werden gemäss Bundeskriminalamt aktuell »rund 11'300 Menschen« als verschollen geführt: »In dieser Zahl sind sowohl Fälle enthalten, die sich innerhalb weniger Tage aufklären, als auch Vermisste, die bis zu 30 Jahren verschwunden sind.« Täglich werden demnach jeweils etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und beinahe ebensoviele im Gegenzug auch wieder gelöscht.
Keine gesamtschweizerischen Zahlen zu Vermissten können oder wollen die eidgenössischen Behörden liefern. »Wir führen Statistiken dieser Art nicht«, heisst es beim Bundesamt für Polizei. Allerdings führen manche Kantone, vergleichbar mit den deutschen Bundesländern, auf eigene Faust dennoch Buch. So verzeichnet etwa Basel-Stadt aktuell elf langzeitig vermisste Personen seit 1965, wie dessen Justizsprecher auf Anfrage von»mysteries« vorrechnet. Zum Vergleich: In Düsseldorf werden gegenwärtig »25 bis 30 Personen dauerhaft vermisst«. Untergetauchte Flüchtlinge ausgenommen. Und in Österreich? Dort seien es »langfristig zehn Fälle pro Jahr, die ungelöst bleiben«, erklärt Gerhard Brunner vom dortigen Bundeskriminalamt.
Die gute Nachricht: Zumindest 80 Prozent aller in Deutschland gemeldeten Vermissten – mehrheitlich Männer und Kinder – tauchen bereits nach einem Monat wieder auf. Die schlechte Ausgabe 1/2019 Nachricht: Drei Prozent bleiben auch nach einem Jahr immer noch spurlos verschollen. In Zahlen: 339 Menschen! Kommt dazu, dass viele ungeklärte Fälle nach 30 Jahren aus der Statistik eliminiert werden und damit für immer in Vergessenheit geraten. Zieht man von besagten 339 Fällen vor diesem Hintergrund grosszügig 95 Prozent weitere Personen ab, weil sie innerhalb besagter 30-Jahre-Frist irgendwann vielleicht doch noch auftauchen, bleiben Jahr für Jahr immer noch rund 17 Menschen übrig, deren Verschwinden bis in alle Ewigkeit ungeklärt bleibt – und dies allein in der Bundesrepublik.
Beunruhigende Hochrechnung Multipliziert man diese absichtlich niedrig geschätzte Zahl mit der Restbevölkerung der EU, sind es bereits über 88 Menschen pro Jahr. Und hochgerechnet auf die gesamte Weltbevölkerung sogar weit über 1300 spurlos Verschwundene pro Jahr. Also im Durchschnitt mindestens rund vier Personen pro Tag – und aufgrund so mancher Dunkelziffer wohl noch deutlich mehr.
Makabre Quintessenz: Liessen irdische Geheimdienste, ausserirdische Mächte oder Zeitreisende aus der Zukunft, wie eingangs erwähnt, für irgendwelche Ànsteren Zwecke tatsächlich jeden Tag einen einzigen Erdenbürger auf Nimmerwiedersehen verschwinden, würde dies statistisch niemanden kratzen, geschweige denn irgendjemandem auffallen. Überlegungen, die auch David Paulides beschäftigen. In viel diskutierten Büchern geht der frühere US-Polizist und Sonderermittler im Ruhestand seit 2012 kuriosen Fällen spurlos verschwundener Mitbürger nach, die ihm spanisch vorkommen. Viele davon scheinen sich ihm zufolge seit Jahrzehnten in amerikanischen Nationalparks regelrecht in Luft aufzulösen (»Missing 411«).
Als Paulides bei der amerikanischen Nationalparkbehörde zu Beginn seiner Spurensuche ofÀziell um verlässliche Statistiken bat, erlebte er sein blaues Wunder: Obwohl in deren GeÀlden jährlich Millionen von Touristen unterwegs sind und Jahr für Jahr kerngesunde Naturfreunde unter rätselhaften Umständen verschwinden, wird darüber nicht Buch geführt. Noch bizarrer: Seit seinen Publikationen wurde Paulides von den dortigen Be-Verschwundenen Menschen auf der Spur: David Paulides.
Ausgabe 1/2019 11 lides' Statistiken sollen »beinahe 90 Prozent aller Verschwundenen deutschstämmige Wurzeln« haben. Ein Steilpass für Skeptiker – und so hütet sich der US-Spürhund wohlweislich vor jedwelchen Spekulationen, wer oder was hinter den bizarren Todesfällen stecken könnte. Denn je erfolgreicher er seine Ergebnisse publiziert, desto lauter unken längst auch seine Kritiker.
Rätselhafter Todesfall im Ski-Paradies Längst hat Paulides sein Augenmerk denn auch auf europäische Fälle gerichtet. Merkwürdig erscheint ihm nicht zuletzt ein Drama in der Schweiz, das sich am 22. Dezember 2009 im bekannten Ski-Ort Wengen ereignete. Der englische Tourist Myles Robinson (23) verabschiedet sich dort gegen 2.50 Uhr in der Früh nach einigen Drinks gutgelaunt von einer irischen Freundin, um danach zu seiner Familie im örtlichen Dorfhotel zurückzukehren. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen ihn beim Verlassen der dortigen Blue Monkey Bar, ohne ernsthaft betrunken zu wirken.
Sieben Tage (!) später wird der grossgewachsene Sportler nach tagelangen Suchaktionen weit entfernt am Fuss der 200 Meter hohen SteinhalteÁuh, kurz vor Lauterbrunnen, tot aufgefunden. Laut Obduktionsbericht soll Myles Robinson dort noch in den Morgenstunden seines Verschwindens nach einem Sturz verstorben sein – ohne vorherige Fremdeinwirkung, ohne äussere Verletzungen. Drogentests Àelen negativ aus.
Seltsamerweise trug der angehende Finanzberater bei seiner AufÀndung keine Schuhe und nur eine Socke! Seine später gefundenen Gamaschen waren laut seiner Schwester zudem nicht zugeschnürt und blitzsauber. Dennoch wurde die Polizeiakte acht Monate später ergebnislos geschlossen.
Umstände, die auch dem Journalisten und Bergkenner Bruno Petroni Kopfzerbrechen bereiteten, wie er in der Folge im»Berner Oberländer« notierte: »Wie kam Myles Robinson, der in besagter Nacht im tiefsten Winter nur mit Laufschuhen im Schnee unterwegs war, in das unwegsame und steile Gelände oberhalb der 200 Meter hohen SteinhalteÁuh, das zu Fuss eine knappe halbe Stunde vom Wengener Dorfzentrum entfernt Myles Robinson (links). Weshalb musste er sterben?
hörden mittlerweile sogar zur unerwünschten Person erklärt und allen Rangern jegliche Kommunikation mit ihm untersagt.
Nicht zuletzt des blühenden Tourismusgeschäftes wegen.
Trotzdem konnte der Amerikaner dank hartnäckiger Rechtsbegehren mittlerweile über 1700 »Missing Cases« samt deren bis dahin teils geheimen Polizeiakten näher unter die Lupe nehmen. Im Zentrum seines Interesses stehen dabei nicht nur das Phänomen selbst, sondern vor allem auch die oft äusserst bizarren Umstände, unter denen manche der Vermissten verschwanden beziehungsweise Tage später tot aufgefunden wurden. »Vieles ergibt dabei einfach keinen Sinn!«, konstatiert der erfahrene Ermittler. Umso mehr, als er beim Sichten der Akten immer wieder auf Parallelen stiess.
Demnach verschwinden in der Nähe von Bergen oder Gewässern, vermehrt am helllichten Tag, neben Kindern auch erstaunlich viele sportliche junge Männer. Stutzig machte ihn zudem, dass vielen Opfern laut Polizeiakten Schuhe und Strümpfe fehlten. In einigen Fällen lag deren Wäsche sogar sorgfältig zusammengefaltet neben den Leichen. Immer wieder scheint sich das Verschwinden zudem in Sekundenschnelle abgespielt zu haben. Frei nach dem Motto: Der Opa in einer Wandergruppe eilt 100 Meter voraus, um sich auf einer Bank auszuruhen, ist dann aber bereits an der nächsten Wegbiegung von mitspazierenden Freunden oder Verwandten nicht mehr aufÀndbar.
Weitere Parallelen: Oft wurden die Leichen erst Tage später an entfernten oder unzugänglichen Orten aufgespürt, welche für die Betroffenen in kurzer Zeit nie und nimmer erreichbar gewesen wären. Und dies oft ausgerechnet dort, wo zuvor bereits nach ihnen gefahndet wurde. Ausserdem wiesen viele vermisste und später tot aufgefundene Personen laut Polizeiberichten keinerlei äussere Verletzungen auf, die auf ein Gewaltverbrechen schliessen liessen.
Besonders obskur: Laut David Pau- 12 Ausgabe 1/2019 Suchen nach Antworten: Simon und Oliver unterwegs nach Wengen. (hangar18b.com) Der Abhang in Richtung Schneerinne und Felswand hinter dem »Mönchblick«. Myles' Spuren endeten bereits rund 20 Meter vorher!
liegt?« (…) Seine Schwester: ›Absolut nicht erklärbar ist, dass türlich verständlich ist. Keiner der Befragten konnte oder wollte am Tag von Myles’ Verschwinden um 10.55 Uhr eine Internetsich übrigens auch im privaten Gespräch einen Reim auf das leitung von seinem Mobiltelefon aus aufgebaut wurde, die dann damalige Drama machen, das scheint uns nicht unwichtig. Niewährend 5 Stunden und 56 Minuten lief – zu einem Zeitpunkt mand sagte: »Nein, das war ganz klar so oder so…« Alle zuckten also, wo Myles längst hätte tot sein müssen.‹ Myles’ Vater Minur ratlos mit den Achseln, weil ihnen die Umstände von Myles' chael Robinson: ›Vodafone UK kann nur aufzeigen, dass eine Ableben bis heute ebenfalls reichlich suspekt vorkommen.
Internetverbindung zustandekam, aber nicht, ob und welche Dennoch erfuhren wir allerlei Wissenswertes. So wurde uns Websites damit angesteuert wurden.‹ Cara Robinson: ›Wer um beispielsweise bestätigt, dass Myles in jener Winternacht tat- Himmels willen hat denn die Internetverbindung aktiviert, wenn sächlich nur in Turnschuhen – und angeblich sogar ohne Jacke mein Bruder schon tot war?‹« – ins steile Gelände losmarschierte. Und Offene Fragen, die auch die beiden dies bei Temperaturen von 0 bis minus Wer um Himmels willen Schweizer Videoblogger Oliver und Si- 10 Grad Celsius. Um zur vermeintlichen mon vom Internetportal»hangar18b.
Unglücksstelle zu gelangen, hätte er im hat nach Myles' Tod sein com« gegenwärtig beschäftigen. Mit Ka-Mondschein, bei rund 1,2 Meter hoher Handy aktiviert?
mera, Drohne und Mikrofon begaben sie Schneelage wohl bis zu 45 Minuten besich kürzlich vier Tage lang auf Spurennötigt. Was um alles in der Welt trieb den suche nach Wengen (Foto links unten). »mysteries« sprach mit sportlichen Hünen wider jede Vernunft dorthin? Und dies nach ihnen nach ihrer Rückkehr.
»nur« einigen Drinks – nachweislich ohne DrogeneinÁuss?!
»mysteries«: Wengen ist ein Alpendorf auf 1274 Metern über Habt Ihr auch den Unglücksort aufgesucht?
Meer, das nur mittels Bahn erreichbar ist. Ihr habt dort mit In-Ja, es hat dort oben einen Aussichtspunkt, »Mönchblick« gevolvierten des Unglücks Kontakte geknüpft – in der Hoffnung, nannt. Von dort verläuft ein schmaler Pfad nach hinten Rich-Antworten zu Ànden. Zurückgekehrt seid Ihr offensichtlich tung HunneÁue, wo sich ein paar Sitzbänke beÀnden. Weitere mit noch mehr Fragen …
20 Meter dahinter ist der Weg mit einem Band abgesperrt, weil Nach etlichen persönlichen Gesprächen sind wir in der Tat es danach in die Wildnis hinabgeht. Anfangs übrigens nicht ziemlich nachdenklich. Wir haben mittlerweile mit 18 bis 20 senkrecht, sondern zuerst rund 50 Meter über mehrere kleine- Personen gesprochen, auch mit einigen Behördenvertretern, re Hänge mit Bäumen bis zu einer Art Schneerinne, und von dazu kommen rund 100 Telefonate und E-Mail-Anfragen. Wir dort dann rund 100 bis 200 Meter direkt nach unten. Dort soll kamen im Dorf auch mit Leuten in Kontakt, die Myles Robin-Myles hinuntergestürzt sein.
son persönlich gekannt oder mit ihm zu tun hatten. Das war für Befremdlich bleibt – wie wir unter anderem auch von einem alle von uns emotional ziemlich aufwühlend. Denn er und seine Skilehrer erfuhren, der in die damalige Suchaktion involviert Familie machten dort bereits seit vielen Jahren Urlaub. Leider war – dass sich Myles' Spuren bereits bei den Sitzbänken verlowollte bislang kaum jemand seine Aussagen vor unserer Kameren haben sollen. Also deutlich vor dem Abhang. Die Spürhunde ra wiederholen, was bei einer derart delikaten Geschichte nawussten nicht mehr weiter, und auch dahinter fanden sich im Ausgabe 1/2019 13 im darauf folgenden Sommer nochmals genauestens, aber ergebnislos unter die Lupe nahm. Konkreteres erhoffen wir uns nun vom damaligen Polizeibericht und dem Obduktionsprotokoll …
… Papiere, die trotz dem damaligen Medienrummel bisher noch kein Reporter studieren und auswerten durfte.
Ja – aber mittlerweile stehen wir mit Myles' Mutter in Kontakt, die demnächst einmal mehr in die Schweiz reisen wird.
Sie hat uns mündlich zugesichert, alle nötigen Formulare zu unterschreiben, damit wir besagte Unterlagen bei den Behörden einsehen dürfen. Darin müsste eigentlich auch festgehalten worden sein, dass ihr Sohn – wie erwähnt – ohne Schuhe aufgefunden wurde. Und womöglich noch weitere bizarre Details, über die im Moment nur spekuliert werden kann.
Der »Mönchblick« von oben gefilmt. Links der Abhang in Richtung Lauterbrunnen.
Demnächst werdet Ihr in einer Internet-Schnee keinerlei Abrutschspuren, wie eigentlich zu erwarten Reportage ausführlich über Eure Recherchen berichten …
gewesen wäre. Merkwürdig auch, dass Myles' Leiche, offenbar… und dies wohl nicht zum letzten Mal. Denn in Wengen kurohne äusserliche Verletzungen, nicht in besagter Schneerinne sieren noch weitere brisante Gerüchte in diesem Zusammenaufgefunden wurde, sondern – von oben herab betrachtet – hang, denen wir zusammen mit »mysteries« in den nächsten rund 50 Meter rechts davon, ganz unten im Tal. Die damaligen Monaten ebenfalls auf den Grund gehen wollen.
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Untersucher konnten sich keinen Reim darauf machen, wie ➤ Wohnen Sie in Wengen oder in der dortigen Umgebung? Wissen sein Leichnam dorthin gelangt sein könnte. So berichtete uns Sie mehr über das Verschwinden von Myles Robinson? Dann melden dies jedenfalls nicht zuletzt besagter Skilehrer, der bis heute Sie sich bitte bei uns: mysteries@bluewin.ch ebenfalls vor einem Rätsel steht, obwohl er die Absturzstelle
















