Mit Rekordwachstum und skrupelloser Kaltblütigkeit strebt US-Multimilliardär Jeff Bezos im Internet die globale Handelsmacht an. Ohne Rücksicht auf Verluste streckt seine Amazon-Krake ihre Tentakel nach allem aus, mit dem sich Geld verdienen lässt. Nicht nur immer mehr Kleinhändler und Ladenlokale in unseren Städten fallen dem weltgrössten Internet-Kaufhaus zum Opfer, sondern zunehmend auch nationale Grosshandelsketten.

von Jan Fischer b Facebook, Microsoft, Apple oder Google: Alles warnt derzeit vor der Omnipotenz besagter amerikanischer OMega-Konzerne. Der fünfte Moloch im Bund wird seltsamerweise immer noch unterschätzt, obwohl er den Wettlauf um die wirtschaftliche Weltmacht bereits für sich entschieden haben dürfte: der Handelsgigant Amazon! Regiert vom reichsten Mann der Welt, dem Bilderberger Jeff Bezos, ist der US-Konzern längst in die intimsten Winkel unseres Lebens vorgedrungen – und macht in der westlichen Händlerwelt mittlerweile so ziemlich jeden platt, der sich ihm in den Weg stellt.

Bevor Jeff Bezos in die IT-Branche einstieg, verdingte er sich in jungen Jahren als Investmentbanker. Schon dort lernte er, dass nur die Gnaden- und Skrupellosen sich im HaiÀschbecken des globalen Kapitalismus durchsetzen. Als er sich 1994 entschloss, sein Geld in die Gründung eines Internetversandhandels zu stecken, wollte er sein Unternehmen erst »Relentless«, übersetzt »Gnadenlos«, nennen. Gnadenlos billig, gnadenlos zur Konkurrenz, gnadenlos auf Expansion, so Bezos' Idee. Bis heute gehört ihm die Domain www.relentless.com – und führt direkt zur Amazon-Hauptseite.

Die Zahlen seines Imperiums sprechen eine deutliche Sprache: Allein im ersten Quartal dieses Jahres hat Amazon seinen Umsatz um über 40 Prozent gesteigert: auf unfassbare 51 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn verdoppelte sich im gleichen Zeitraum von 724 Millionen auf 1,6 Milliarden Dollar. Allein die Deutschen geben beim Online-Shoppen jeden zweiten Euro beim US-Riesen aus, wie eine aktuelle Studie des Deutschen Handelsverbands zeigt.

Zum Vergleich: Während der Autokonzern General Motors 2016 pro Mitarbeiter 231'000 Dollar erwirtschaftete, waren es bei Amazon 20,5 Millionen Dollar pro Beschäftigtem! Eine wahre Geldmaschine, die gleichzeitig trickst, wo es nur geht, um möglichst wenig Steuern abzudrücken. HauptproÀteur: Jeff Bezos.

Auf rekordverdächtige 130 Milliarden US-Dollar wird sein Privatvermögen inzwischen geschätzt.

300 Millionen Kunden führt Amazon mittlerweile – Tendenz steigend. Bereits vor einem Jahr hatte das weltgrösste Kaufhaus gemäss »Focus Money« 372'539'860 Produkte im Sortiment.

Beim Börsengang 1997 gab es die Aktie des Unternehmens für gerade mal 18 Dollar zu kaufen – im Juni 2018 wurde sie für knapp 1600 Dollar gehandelt. Ein damaliges Investment von 1800 Dollar in 100 Aktien hätte genügt, um dank späteren Aktiensplits heute ein Vermögen von rund 1,5 Millionen Euro auf dem Konto zu haben.

Auf Weltherrschaft getrimmt Wer nun denkt, dass es Jeff Bezos lediglich um Bücher und noch mehr Moneten geht, irrt gewaltig. Kurzfristige Gewinne interessieren den Mann nicht, sondern vielmehr kontinuierliches Wachstum. Sein Unternehmen sei »auf Weltherrschaft getrimmt«, warnte unlängst selbst die ansonsten zurückhaltende»Zeit«. Tatsächlich verleibt sich der Moloch alle paar Monate erfolgreiche Start-Up- oder KonkurrenzÀrmen ein, um deren Produkte weiterzuentwickeln, selber zu verkaufen oder im Interesse von Eigenmarken vom Markt zu drängen.

Ein zufälliger Blick in die News-Meldungen der letzten Monate Ausgabe 4/2018 ◄ Zentrale der Macht: Amazons Hauptquartier in Seattle. Ein zweiter Firmensitz soll in den nächsten Jahren entstehen. Fünf Milliarden US-Dollar will der Konzern dafür investieren. Noch unklar ist, wo der neue Prunkbau zu stehen kommen soll.

dürfte selbst dem gutgläubigsten Konsumenten die wahren Absichten von Amazon vor Augen führen: ►»Amazon kauft erfolgreichsten arabischen Onlinehändler Souq.com.« (März 2017) ►»Amazon kauft grösste US-Bio-Lebensmittelkette Whole Foods Market für 13,7 Milliarden Dollar.« (Juni 2017) ►»Amazon lässt sich Marke für Fertiggerichte in Deutschland eintragen.« (September 2017) ► Amazon will in deutsches Apotheken-Geschäft einsteigen.« (September 2017) ►»Amazon kauft den Zahlungsdienstleister CASHU mit Sitz in Dubai.« (Oktober 2017) ►»Amazon kauft drei Kryptowährungs-Domain-Namen.« (November 2017) ►»Amazon plant Ladengeschäfte in Deutschland.« (Dezember 2017) ►»Amazon plant YouTube-Alternative.« (Dezember 2017) ►»Überwachungskameras und Türklingeln: Amazon kauft Smart-Home-Startup Blink.« (Dezember 2017) ►»Amazon kauft für rund eine Milliarde Türklingel-Firma Ring.« (Februar 2018).

►»Amazon kauft britisch-irische Cloud-Gaming-Plattform GameSparks.« (März 2018) ►»Amazon plant Einstieg ins Bankgeschäft und will Girokonten anbieten.« (März 2018) ►»Amazon will indischen Internetrivalen Flipkart kaufen.« (Mai 2018).

Jede zweite Cloud-Datei wird von Amazon verwaltet Nicht minder verstörend: 45 Prozent aller weltweit angebotenen externen digitalen Speicherplätze, so genannte Clouds, gehören Bezos' Imperium. Der Mann hat damit theoretisch auf fast jede zweite Datei Zugriff, die weltweit virtuell gespeichert wird. Noch alarmierender: Zu seinen besten Kunden zählen auch Geheimdienste! Für 600 Millionen Dollar fand allein die CIA mit ihren Datensammlungen bereits vor Jahren bei »Amazon Web Services« Unterschlupf. In diesen Tagen verhandelt Amazon mit dem US-Verteidigungsministerium über eine weitere Partnerschaft.

Für schlappe zehn Milliarden Dollar will sich das amerikanische Militär künftig ebenfalls in die Cloud des Konzerns einmieten.

Bei so viel Nähe zu den Lauschern und Manipulierern in Washington sollte Europas Otto Normalverbraucher eine weitere brisante Entwicklung nicht unterschätzen. Denn neben dem Handel und der Cloud-Vermietung scheint sich Amazon derzeit in einem weiteren Bereich durchzusetzen. Nicht nur, dass der Gigant mit Kiva Systems eine eigene RoboterÀrma besitzt. Er bietet mit »Echo« und »Alexa« auch Áeissige und scheinbar praktische Helfer mit künstlicher Intelligenz für den Privatgebrauch an: sprachgesteuerte, internetbasierte und smarte Computer-Butler, die sowohl bei den Endkunden als auch in der Industrie längst auf dem Vormarsch sind. »Echo« heisst der lautsprecher- Ausgabe 4/2018 45 gen, die ihrem frei einstellbaren Codewort ähneln. So fühlt sich das in der Grundeinstellung mit »Alexa« betitelte Programm auch bei Namen wie Alex und Alexander angesprochen. Beim ebenfalls oft verwendeten Sprachbefehl »Computer!« reagiert der Lauscher auch auf die Phrase»Komm, Peter!«, stellte die Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen bei Tests fest. »So kann es passieren, dass unbeabsichtigt Ausschnitte aus Alltagsunterhaltungen aufgezeichnet und an Amazon übertragen werden.« Tatsache sei zudem, warnt die Jury des »Big Brother Award«, dass Konzerne wie Amazon bereits heute Patente für Technologien halten, die nicht nur erkennen, WER spricht, sondern auch anhand der Stimmlage erkennen, in welcher Stimmung man gerade ist. Konsequenz:»Wenn Mama vormittags verzweifelt weint, wird nachmittags Klosterfrau Melissengeist geliefert.« Vor diesem Hintergrund besonders bedenklich: Das System scheint sich weltweit durchzusetzen! »Amazon verschafft sich im Wettrennen der künstlichen Intelligenz (KI) – neben Alexa sind das zuvorderst der Google Assistant, Siri von Apple und Microsofts Cortana – gerade einen wahnsinnigen Wettbewerbsvorteil«, analysieren die Experten des deutschen Händlerbunds Predigt erfolgreich den Grössenwahn. Amazon-Boss und Multimilliardär Jeff Bezos.

ähnliche Zylinder und »Alexa« das darin enthaltene Spracherkennungsprogramm.

Kaum zu glauben: In den USA bestellen bereits Millionen von Menschen ihren täglichen Bedarf im »Gespräch« mit Alexa. Sie informieren sich bei der virtuellen Dame in Alltagsfragen (»Alexa, wie wird morgen das Wetter?«, »Alexa, wer ist Donald Trump?«) und ordern über sie ihre Taxis oder Kindermädchen. Die wenigsten beachten dabei, dass sie sich mit der stets freundlich antwortenden Frauenstimme aus der unscheinbaren Lautsprecherröhre eine zwielichtige Spionin ins Haus geholt haben. Nicht ohne Grund erhielt die Amazon-Sprachassistentin soeben den Schmähpreis »Big Brother Award«, der jährlich von deutschen Datenschützern und Computerexperten vergeben wird.

»Das Gerät lauscht 24 Stunden am Tag in meiner Wohnung, weil es darauf lauert, dass ich das Wort Alexa sage«, begründete die Jury die Auszeichnung. Denn sobald der Lautsprecher seinen Namen hört, zeichnet er die nachfolgenden Sätze auf und sendet sie schnurstracks zu den Rechnern in der Amazon-Zentrale in den Vereinigten Staaten. Dort wird der Text in Sekundenbruchteilen übersetzt, analysiert und der jeweilige Auftrag sofort ausgeführt. Die Computerassistentin spielt auf Wunsch sogar»Musik, der jeweiligen Stimmung entsprechend – oder was das Gerät eben dafür hält«, wird kritisiert.

Rund um die Uhr am Lauschen Amazon beteuert, dass Alexa nur dann aufzeichne, wenn sie angesprochen wird. Informatiker warnen indes, dass die »sympathische Dame« ihre Lauscher immer offen haben muss, um mitzubekommen, wann sie aufgerufen wird. Es sei fraglich, ob die Amazon-Butlerin nicht dauerhaft speichere und versende, was im jeweiligen Haushalt vor sich geht.

Deutsche Produkttester haben zudem nachgewiesen, dass die digitale Assistentin auch dann aufnimmt, wenn Worte erklin- Ausgabe 4/2018 in ihrem »Amazon-Watchblog«. Alexa verbreite sich quasi von selbst. Denn während die Konkurrenten bislang weitgehend auf Àrmeneigene Geräte setzen, hat Amazon seine KI-Software auch anderen Unternehmen zur Verfügung gestellt. So arbeiteten bereits gegen 1000 unterschiedliche Geräte mit der Amazon-Software: Lautsprecher von Lenovo, Waschmaschinen von Samsung und Whirlpool, Kühlschränke von LG und nicht zuletzt Autos von Ford und VW.

Sie alle kommen inzwischen mit integrierter Alexa-Unterstützung daher und bilden schon jetzt ein unüberschaubares Ökosystem, warnen die Branchenkenner: »Irgendwann brauchen wir alle neue Waschmaschinen, neue Fernseher und neue Autos – und wenn dann in fünf von sechs Geräten Alexa die Ansprechpartnerin ist, dann ist es vollkommen zweitrangig, ob der Echo-Lautsprecher damals gut abverkauft wurde oder viele Skeptiker einen Bogen darum machten. Amazon hat dann längst gewonnen, weil es kaum noch Alternativen gibt.« Missbrauchtes Vertrauen und naive Konsumenten Ein entsprechend düsteres Zukunftsszenario malen auch die Datenschützer des »Big Brother Award«: »Bald wird es so sein, dass ich, wenn ich auf der Strasse spreche, von der Strassenlaterne an der Stimme erkannt werde. Wer ich bin, hat das Gerät Alexa verraten, das mein StimmproÀl aufgesaugt und der grossen Big-Data-Krake zum Verdauen vorgeworfen hat. Diese imaginäre Datenkrake weiss dann beispielsweise nicht nur, wen ich besuche, sondern auch, welchen Weg ich nehme, um den Besuch abzustatten.« Ein Grundproblem sei denn auch die Vertrauensseligkeit vieler Konsumenten, hält der amerikanische Wirtschaftsprofessor Scott Galloway in seinem Buch »The Four. Die geheime DNA von Amazon, Apple, Facebook und Google« fest.

Ihm zufolge informieren sich bereits heute 52 Prozent der Amerikaner zuerst bei Amazon, bevor sie ein Produkt kaufen – nicht etwa bei Google und schon gar nicht im lokalen Fachhandel.

Doch Amazon missbraucht dieses Vertrauen – oder sollte man es eher Naivität nennen? – bereits jetzt. Dies zeigen Experimente mit Alexa, die Professor Galloway mit der Hilfe seiner Studenten durchführte.

Bittet man das System beispielsweise Batterien zu bestellen, schlägt es ausschliesslich diejenigen der Eigenmarke »Amazon basic« vor »und stellt sich bezüglich anderer Auswahlmöglichkeiten dumm (›Tut mir leid, das ist alles, was ich gefunden habe!‹), obwohl es auf amazon.com andere Marken gibt«. Der Wirtschaftsexperte prophezeit deshalb langfristig ein Labelsterben. Von der Unterhose bis zur Batterie könnte es für alles bald nur noch einen grossen Hersteller geben: Amazon!

Produzenten sind nur weitere Opfer auf dem Siegeszug des Online-Giganten. Längst siecht auch der klassische Einzelhandel dahin. Ihm brechen die Umsätze weg, seit die Kundschaft lieber online einkauft. Während Amazon Áoriert, kämpfen viele nationale Handelsketten, aber auch unzählige traditionelle Kleinbetriebe ums Überleben. Millionen von Arbeitsplätzen stehen auf dem Spiel. Denn statt von Fachberatern und Kassiererinnen Gibt es für viele Produkte künftig nur noch einen grossen Hersteller?

»Echo«-Lautsprecher von Amazon.

Wer ihn kauft, holt sich die amerikanische Abhörwanze direkt in die heimische Stube – oder auch ins Schlafzimmer.

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