Ausgabe 2/2017

uns die USA hinters Licht

Wenn unzählige Unschuldige bei einem Flugzeugunglück ihr Leben verlieren, bleibt die Wahrheit oft auf der Strecke. »Das FBI hat mir vier Millionen Dollar angeboten, falls ich lüge«, enthüllte ein der Mittäterschaft bezichtigter Schweizer Unternehmer in der »Lockerbie-Affäre« bereits vor Jahren. Obwohl juristisch nie belangt, kämpft er bis heute mit allen Mitteln um seine internationale Rehabilitation und betont: »Das Beweismaterial gegen Libyen wurde von Amerika zwecks Kriegspropaganda nachweislich manipuliert.« swar einer der schrecklichsten Anschläge des 20.

Jahrhunderts. EKnapp ein halbes Kilo Plastiksprengstoff riss am 21.

Dezember 1988 über 259 Menschen in den Tod.

Und so ranken sich um den Boeing-Absturz über dem schottischen Lockerbie bis heute allerlei Verschwörungstheorien. Kernfrage: Wurde das Massaker absichtlich den Libyern in die Schuhe geschoben?

Ja, betont der über 78-jährige Schweizer Edwin Bollier bis heute. Seit 2007 hält er den Beweis in Händen, dass bei den Ermittlungen zünftig geschummelt wurde – und dass die USA und Grossbritannien dies bis heute mit allen Mitteln zu verschleiern versuchen. Doch kaum ein Jurist, Historiker oder Politiker hat in diesen turbulenten politischen Zeiten Lust und Laune, ihm Gehör zu schenken.

Als der Zürcher Techniker 1969 beschloss, Radiopirat zu werden, ahnte er noch nicht, dass dies der Beginn eines Politthrillers werden würde, dessen Ausgang selbst heute noch nicht absehbar scheint. Zusammen mit seinem Kumpel Erwin Meister hatte Bollier damals ein altes norwegisches Küstenwachschiff und einen 300 Meter langen, ausgedienten Frachter erworben.

Die Männer tauften die beiden Schiffe auf die Namen »Mebo 1« und »Mebo 2«, bauten turmhohe Sendeantennen auf die Decks und richteten Radiostudios ein.

Am 28. Februar 1970 ging die »Mebo 2« vor Holland auf Sendung. Unter dem Namen »Radio Nordsee International« (RNI) räumten die Radiopiraten mit einer bunten Mischung aus Hitparadensongs und Werbespots ordentlich ab. Firmen standen Schlange, um bei ihnen Werbung zu buchen.

Gleichzeitig kam es auf hoher See zu einem scheinbar endlosen Katz-und- Maus-Spiel mit den Behörden, aber auch mit der aggressiven Konkurrenz. Denn fast auf dem gleichen Breitengrad sendete auch der eingesessene Piratensender »Radio Veronica«. Zeitweise bekämpften sich die beiden Konkurrenten mit Entermanövern und regelrechten Seeschlachten.

Als Bolliers RNI seinen Standort vor die englische Küste verlegte, begann die britische Post, den Piratensender zu stören.

Bollier und Co. unterstützten daraufhin die Konservativen im Wahlkampf. Störmanöver, Ankerbrüche und Sturmschäden an der 52 Meter hohen Antenne führten ab 1973 zu immer häuÀgeren Sendeausfällen. Schliesslich verkauften Bollier und Meister ihre Schiffe für fünf Millionen Franken an Libyen. Dort dienten die schwimmenden Radiostationen dem Revolutionsführer Muammar GaddaÀ zu Propagandazwecken. 1984 versenkte die libysche Marine die Boote schliesslich im Golf von Sidra.

Bollier schwamm mit seiner Mebo Ltd. Telecommunications fortan obenauf. Die Firma entwickelte Impulscodierer, Funkgeräte und sonstige elektronische Apparate. Zu ihren Kunden zählten Geheimdienste aus aller Herren Länder. Auch mit dem GaddaÀ-Regime machte man Geschäfte.

»Der libyschen Armee lieferte die Mebo in den 1980er-Jahren insgesamt zwanzig Timer«, bestätigt Bollier im Gespräch mit »mysteries«. Die sanddichten Apparate seien im Grenzkrieg mit dem Tschad eingesetzt worden, um Camps zu sichern, versichert der Schweizer. Falls Libyen seine Stellungen an den Feind verloren hätte, hätte man diese ferngesteuert in die Luft jagen können.

»Unser Timer galt damals nicht als Kriegsmaterial«, betont Bollier, »man hätte auch einen Eierkocher daran anschliessen können.« Nicht im entferntesten hatte er damit gerechnet, dass ihm just diese Timer später fast den Kopf kosten sollten … Die Mebo, so lässt es sich zumindest in verschiedenen Zeitungsartikeln nachlesen, machte damals nicht nur mit Libyen Geschäfte. Sondern auch mit der DDR und der CIA. Sogar von Verbindungen zur IRA und zur ETA ist die Rede. Die »Zeit« behauptete, zum Angebot der Mebo hätten auch ferngesteuerte Bomben in Aktentaschen gehört sowie radiogesteuerte Spreng-Riskante Geschäfte mit den Mächtigsten Vom jungen Radiopiraten zum Hauptverdächtigen im Lockerbie-Drama.

28 Ausgabe 2/2017 Bilder des Grauens. Wrackteile der Boeing 747-121, die am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Dorf Lockerbie explodierte und insgesamt 270 Menschen in den Tod riss.

mischen Pilgern durch ein Kriegsschiff der USA im Jahr 1988 interpretiert.

Es werde»Blut vom Himmel regnen«, hatte Ajatollah Khomeini damals gedroht. Doch daran wollte sich Anfang der 1990er- Jahre plötzlich niemand mehr erinnern.

Inzwischen hatte der Irak nämlich Kuwait überfallen, und die USA bemühten sich, den Iran in die Koalition gegen Saddam Hussein einzubinden.

Genau in jener Phase konzentrierten sich die Ermittlungen im Fall Lockerbie plötzlich auf Libyen – ganz so, als habe man einen anderen»Schurkenstaat« als den Iran gebraucht und in Libyen den idealen Vertreter gefunden, auf den sich der Verdacht lenken liess.

Tatsächlich lagen die USA und Grossbritannien damals im Clinch mit Revolutionsführer GaddaÀ. Und so waren die Schuldigen rasch gefunden: Am 13. November 1991 erliessen die beiden Länder Haftbefehle gegen zwei hochrangige Agenten des libyschen Geheimdienstes: Abdel Basit Ali al-Megrahi und Lamen Chalif Fahima. Ihnen wurde vorgeworfen, die Semtex-H- Bombe in einem Koffer versteckt und in Malta als Fluggepäck aufgegeben zu haben, worauf diese in Frankfurt in die Unglücksmaschine umgeladen worden sei.

Zentrale Beweisstücke bildeten die Reste eines Timers, die nach Polizeiangaben unter den Trümmern gefunden worden kapseln in Pagern. Der »Spiegel« wiederum lästerte, Bollier sei»ein Diener vieler Herren, weder einem Land noch einer Überzeugung verpÁichtet«.

Den Schweizer, der von der Stasi ohne sein Wissen als Mitarbeiter geführt wurde, lassen derlei Vorwürfe kalt. Er verweist auf seinen Strafregisterauszug, der »absolut sauber« sei, räumt aber ein, dass Libyen und die DDR »lange Zeit unsere besten Kunden waren«. Bis es beim schottischen Dorf Lockerbie knallte: Am 21.

Dezember 1988 explodierte dort eine Boeing der US-Fluggesellschaft Pan Am. Alle 259 Menschen an Bord kamen um. Dazu weitere elf Personen, auf deren Häuser die Maschine stürzte.

Die Explosion verteilte die Flugzeugteile auf rund 2000 Quadratkilometern. Über 10’000 Trümmerteile wurden gezählt. Zu den dreijährigen Ermittlungen trugen auch die CIA und der britische Geheimdienst bei. 14’000 Zeugen in 50 Ländern wurden verhört, über 100’000 Beweisstücke unter die Lupe genommen.

Anfänglich vermutete man die Drahtzieher des Attentats in Teheran.

Der Anschlag wurde als Vergeltung für den versehentlichen Abschuss einer Passagiermaschine aus dem Iran mit musli- Bauernopfer in einem abgekarteten Spiel. Der 2012 verstorbene libysche Geheimdienstoffizier Abdel Basit Ali al-Megrahi (Mitte).

Ausgabe 2/2017 waren. Zündvorrichtungen dieses Typs seien von Bolliers Firma Eines der wichtigsten Beweisstücke stellten die Teile der Me-Mebo an Libyen geliefert worden, behaupteten die Ermittler.

bo-Zeitschaltuhr dar. Doch Bollier versuchte die Richter vergeb- Die Konsequenzen waren drastisch: Libyen, das sich im Golflich zu überzeugen, dass die Schalterteile nicht aus jenen Liekrieg auf die Seite des Irak gestellt hatte, wurde für den Lockerferungen stammen konnten, die er einst nach Libyen geschickt bie-Anschlag politisch in die Verantwortung genommen. 1992 hatte. »Die Wahrheit über das Verbrechen scheint sich immer verhängte die UNO ein Luftverkehrs- und Handelsembargo. Jahreweiter zu verÁüchtigen, je länger der Prozess dauert«, stellte die lang blieb der nordafrikanische Staat isoliert. Erst Ende der»Zeit« damals fest.

1990er-Jahre gab die libysche Führung dem internationalen Es kam, wie es kommen musste: Fahima erhielt zwar einen Druck nach. Sie übernahm zwar nicht die Verantwortung für das Freispruch, doch Megrahi wurde am 31. Januar 2001 zu einer Attentat, aber für allfällige kriminelle Handlungen ihrer staatlimindestens 27 Jahre langen Haftstrafe verurteilt. Die Regierunchen Bediensteten. Im April 1999 lieferte man die beiden Angen Grossbritanniens und der USA feierten den Schuldspruch geklagten an die schottische Justiz aus. Bedingung dafür war, als »grossen Etappensieg im globalen Antiterrorkrieg« und klopfdass der Prozess auf neutralem Boden ten sich gegenseitig auf die Schultern.

stattÀnden würde. Man einigte sich auf Bollier hingegen schäumte:»Die Verur-Die Verurteilung von einen ehemaligen Stützpunkt der US Air teilung von Megrahi war eine im Voraus Force in Holland.

gefällte politische Entscheidung gegen Megrahi war ein»Durch die bereits in Libyen durchgedas GaddaÀ-Regime«, ärgert sich er sich abgekartetes Spiel.

führte Untersuchung und das Gerichtsrückblickend.

»Mit Gerechtigkeit hatte verfahren gegen Fahima und Megrahi das nichts zu tun!« waren sich die Angeklagten und der Staat Libyen absolut sicher, Die in Genf domizilierte GaddaÀ-Stiftung GIFCA (GaddaÀ – In im Lockerbie-Fall einen Freispruch zu bekommen«, erinnert sich ternational Foundation for Charity Associations) erklärte sich in Edwin Bollier. Tatsächlich schienen die Libyer gute Karten zu hader Folge bereit, die Familien der Opfer von Lockerbie mit insge ben. Der ursprünglich für den Prozess vorgesehene Richter liess samt 2,7 Milliarden Dollar zu entschädigen – 10 Millionen Dollar sich suspendieren, weil ihm die Anklage zu dünn erschien.

pro Todesopfer.

Dazu übernahm sie auch noch die Forderungen Das Lockerbie-Drama ruinierte sein Leben. Bis heute kämpft Edwin Bollier darum, dass die Wahrheit ans Licht kommt. (Foto: Keystone) 30 Ausgabe 2/2017

Ein Flugzeug fliegt durch einen bewölkten Himmel.
Ein Flugzeug, das durch einen bewölkten Himmel fliegt.
Ein blauer Himmel mit Wolken.
Ein Flugzeug, das in der Mitte eines Feldes ist.
nicht beantworten
Ein blauer Himmel mit Wolken.
Ein blauer Himmel mit Wolken.
Ein Mann in Uniform, der vor einem Flugzeug vorbeigeht, das im Boden ist.
Drei Männer in Uniform stehen zusammen in einem Raum.
Ein schwarz-weißes Bild eines Balls.
Ein schwarz-weißes Bild von Rauch auf einem weißen Hintergrund.
Ein schwarz-weißes Bild eines Spiegels.
Ein Mann in Anzug und Krawatte steht vor einem roten Telefon.
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Ein Bild eines blau-weißen abstrakten Gemäldes.
Ein Bild von einem weißen Hintergrund mit schwarzem Rauch.
Ein Bild von elektrischen Teilen.