Endstation Psychiatrie Die Vertuschte Todesursache Von»Heidi«-Regisseur Franz Schnyder
Kaum ein Schweizer, der Franz Schnyders Àlmische Meisterwerke nicht kennt – und kaum einer, der Näheres über dessen Todesdrama wüsste. Weshalb wurde der eidgenössische Meisterregisseur 1992 kurz vor seinem Ableben in einer psychiatrischen Anstalt weggeschlossen? Und warum bleiben Schnyders medizinische Akten in der Bundeshauptstadt unter Verschluss? Was soll die Öffentlichkeit nicht wissen?
Er setzte Schauspielgrössen wie Therese Giese, Heinz Reincke, Theo Lingen oder Ruedi Walter in Szene. Selbst Chaplin erwies ihm bei seinen Dreharbeiten im Emmental die Ehre – um ihm Respekt zu zollen. Kein anderer Schweizer Regisseur hat derart viele Herzen berührt wie Franz Schnyder (1910–1993), der grösste eidgenössische Filmzampano aller Zeiten. Der Erfolg jenseits der Grenzen blieb ihm zwar verwehrt, dennoch lieben Zuschauer seine Meisterwerke bis heute. Ob »Gilberte de Courgenay« (1941), das »Gespensterhaus« (1942), »Ueli, der Knecht« (1954), »Heidi und Peter« (1955), der »10. Mai« (1957) oder die»Kummer-Buben« (1968): Nach wie vor erzielen Schnyders Filme bei jeder Wiederholung im Schweizer Fernsehen Rekordquoten.
Tragisch, aber wahr: Franz Schnyders Leben endete in der Psychiatrie! Das plötzliche Ableben des begnadeten Filmemachers wirft bis heute Fragen auf. Kaum eine Zeitung, kaum eine Zeitschrift, kaum eine Internetseite, welche die Umstände seines tragischen Todes bis heute je näher beleuchtet hätte. Stattdessen wird Schnyder von Behörden und Kulturinstitutionen mittlerweile ein scheinheiliges Denkmal nach dem anderen errichtet, sein tragisches Ableben in jeder Laudatio aber ebenso regelmässig schmählich verschwiegen.
Einst bejubelt – später vergessen Nach etlichen Grosserfolgen war die beruÁiche Laufbahn des Regisseurs ab den 1968er-Jahren zunehmend von Rückschlägen gekennzeichnet. Seine Leinwandepen fanden bei jungen Kritikern immer weniger Anklang. Der erfolgsverwöhnte Schnyder litt darunter. Niemand wollte seine Filme mehr Ànanzieren.
Franz Schnyder (mit Zipfelmütze), hier 1967 während einer Drehpause seines letzten Spielfilms »Die 6 Kummer-Buben«.
Einst bejubelt und später vergessen fühlt sich der wagemutige Produzent von der Filmindustrie je länger desto mehr Ànanziell ausgenutzt.
Obwohl seine Werke nach wie vor Millionensummen einspielen, sieht er davon kaum einen Pfennig.
Der ebenso perfektionistische wie exzentrische Regisseur wird zunehmend verbittert. Auf sich alleine gestellt, fühlt er sich ausgenutzt, unverstanden und im Stich gelassen. Zurückgezogen in seinem Elternhaus frönt er fortan der bildenden Kunst und der klassischen Musik. Seine Finanzen geraten aus dem Ruder…
Es war im Mai 1992, als Franz Schnyder im Alter von 82 wutentbrannt eine höhere Geldsumme in einem Ladenlokal seiner Heimatgemeinde eingefordert haben soll. Weshalb? Darüber weiss man heute nur noch Vages zu berichten. Oder wie vor einigen Jahren kolportiert wurde:»Nachdem er in Burgdorf wegen einer ihm verkauften Rembrandt-Fälschung mit geladener Pistole in der betroffenen Galerie erschienen war, wurde er verhaftet.« Ob’s stimmt? Eine Anfrage von »mysteries« bei der Kantonspolizei Bern (Region Burgdorf) bezüglich Schnyders Verhaftung blieb ergebnislos. »Diese Informationen sind streng vertraulich«, antwortete ein Beamter. Ohnehin sei Schnyders Polizeiakte mittlerweile längst vernichtet worden und genauere Umstände rund um seine Verhaftung so gut wie vergessen…
Zu Tode gespritzt?
Tatsache bleibt: Mitte 1992 wird der aufmüpÀge Filmemacher ofÀziell für psychisch krank erklärt und in die geschlossene Station Nr. 27 der Berner Psychiatrieanstalt Münsingen eingewiesen. Zu Unrecht, wie aus dem 1996 von Marc Rufer publizierten Artikel »Zu Tode behandelt« hervorgeht, der auch in Buchform erschienen ist.
Psychiater Rufer hatte den exzentrischen Regisseur in der Münsinger Klinik Ende 1992 besucht und erinnert sich bis heute an einen freundlichen Empfang durch einen hellwachen »Patienten« samt angeregter Diskussion. Schnyder sei bis zum 31. Januar 1993, wenn auch wie gewohnt herrisch und energisch, geistig und körperlich absolut rege und rüstig gewesen, versichert Rufer. Wie ein Besessener sass er täglich an seiner Schreibmaschine, verfasste Briefe, schrieb und feilte an Drehbuchideen über seinen Landsmann Johann Heinrich Pestalozzi. Verbittert, aber nach wie vor voller Tatendrang.
Umso verwunderlicher, dass Franz Schnyder bereits eine Woche später das Zeitliche segnete. Die Klinikleitung versicherte der Presse, die Todesursache sei eine Lungenembolie gewesen Trieb Schauspieler zu Höchstleistungen an. Schnyder galt als unerbittlicher Perfektionist.
und berief sich auf den Autopsie-Bericht. Was sie verschwieg: Schnyders Tod war eine Woche zuvor eine Zwangsmedikation vorangegangen! Dies entgegen der Empfehlung des damaligen Kantonsarztes Dr. Anton Seiler, der den Regisseur nach einer persönlichen Unterredung in der Klinik als ungefährdet taxiert und seinen medizinischen Kollegen von einer Zwangsbehandlung ausdrücklich abgeraten hatte.
Dennoch wurde Franz Schnyder – gegen seinen Willen und die Empfehlung des Kantonsarztes – vom zuständigen Oberarzt ab dem 31. Januar 1993 dreimal täglich Haldol – ein hochpotentes Neuroleptikum – samt Nozinan verabreicht. Dies, nachdem sich der alte Mann, um die verhasste Ärzteschaft zu provozieren, mit einer Schere zynisch einen winzigen Schnitt im Unterarm zugefügt hatte. Kein Selbstmordversuch. Aber ein Kapitalfehler – weil Schnyder dem Klinikpersonal damit quasi einen Freipass erteilte, ihn als vermeintlich Gefährdeten ein für allemal ruhigzustellen.
Ausgabe 2/2017 51








