Physikalische MedialitäT: Zu Unglaublich FüR Die Moderne Wissenschaft?
Eckhard Kruse, Professor für Angewandte Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim, wohnte ab 2015 mehreren Séancen im Basler Psi-Verein bei, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Seither versucht er, den umstrittenen Phänomenen als Wissenschaftler kritisch und vorurteilsfrei auf den Grund zu gehen. In einem kurzem Erlebnisbericht fasst er seine ersten Eindrücke zusammen.
Wenn ich früher Berichte über »Physikalische Medialität« hörte, von Séancen in völliger Dunkelheit, körperlosen Stimmen Verstorbener, »Ektoplasma« und Dingen, die aus dem Nichts erscheinen oder von Geisterhand in der Dunkelheit herumgewirbelt werden, dann ging es mir wie wohl den meisten Menschen: Bei so viel Unglaublichem zuckte ich nur mit den Schultern. Was soll das denn, kann ja wohl nicht sein, damit muss ich mich nun wirklich nicht beschäftigen?! Mittlerweile konnte ich mehrere derartige Séancen persönlich miterleben, und ich bin inzwischen überzeugt, dass es sich lohnt, diese Phänomene genauer anzuschauen.
Ich hatte die Gelegenheit, beim Basler Psi-Verein an Séancen von Kai Mügge, Mychael Shane und Warren Caylor teilzunehmen. Bei allen drei Medien waren vielfältige Phänomene zu erleben. Dabei waren von den jeweiligen »geistigen Kontaktpersonen« Botschaften zu hören, und es ergab sich mitunter ein – oft schlagfertiger und humorvoller – Dialog mit den Teilnehmern. Ich möchte einiges herausgreifen, das mich beeindruckt hat und wovon ich keine Vorstellung habe, wie es sich mit Tricks und Betrug erreichen liesse.
Aus feiner Substanz wuchsen Finger hervor Bei Kai Mügge haben mich besonders die Ektoplasma-Phänomene fasziniert. Im schwachen Rotlicht, das an- und ausgeschaltet wurde, konnten die Geschehnisse beobachtet werden.
Aus Kais Mund strömte eine feine, weissliche Substanz und sank zu Boden, wo sie sich rund einen Meter vor meinen Füssen zu einem kissengrossen Haufen ansammelte, der langsam und organisch vor sich hin wabbelte. Nach und nach wuchsen einzelne Finger, dann schliesslich eine Hand daraus hervor und Basler Séance mit Warren Caylor im Juni 2016. Allen Kontrollmechanismen zum Trotz quollen aus seiner Nase und seinen Ohren in Trance unerwartet grössere Mengen an gewebeartigem Material, an dessen unterem Ende sich im Rotlicht eine Hand bildete.
(Fotos: bpv.ch) Séance mit Kai Mügge im kleinen Raum des Psi-Vereins (2016). Auch in seinem Fall manifestiert sich vor aller Augen immer wieder gewebeartiges Material. Parapsychologen nennen besagte Substanz Ektoplasma.
bewegten sich langsam und sehr natürlich wirkend.
Bei Mychael Shane wiederum fand ein Teil der Séance bei normaler Beleuchtung statt. Nachdem er eine Weile gesprochen hatte, wurde sein Mund mit Klebeband verschlossen und die Position mit Filzmarkern auf dem Gesicht markiert. Arme und Beine waren am Stuhl Àxiert. Der Vorhang des Kabinetts (einer bei Séancen üblichen »Dunkelzelle« für das Medium) wurde geschlossen, und nach einer Weile signalisierte Mychael grunzend durch den zugeklebten Mund, es gehe los.
Der Vorhang wurde geöffnet, die Fixierungen gelöst, so dass Mychael aufstehen konnte. Nach dem Lösen des Klebebands strömten aus seinem Mund innerhalb weniger Sekunden mehrere Dutzend kleinerer, erbsengrosser Steine, aber auch grössere, insbesondere zwei ungefähr walnussgrosse Steine.
Sind alle eingeweiht? Bin nur ich der Dumme?
Warren Caylor aus England schliesslich konnte ich im Rahmen einer privaten Séance kennenlernen. Die »Spirits« waren in seinem Fall als körperlose Stimmen zu hören, die sich in deutlichem Abstand vom Medium im Raum bewegten, um mit einzelnen Teilnehmern zu sprechen, und mir dabei bis auf vielleicht einen halben Meter nahekamen.
Doch selbst wenn Warren das Schauspieltalent besässe, so unterschiedliche Charaktere, vom Klang der Stimme, dem Sprachduktus und der Persönlichkeit her, derart lebendig, humorvoll und schlagfertig vorzuspielen, bliebe die Frage, warum er sich dann nicht einfach auf Comedy-Bühnen als Künstler feiern liesse.
Was soll ich damit anfangen? Während der Séancen war mein Verstand wie alarmiert und machte sich eifrig aber vergeblich daran, konventionelle Erklärungen für das Erlebte zu suchen. RafÀnierte Zaubertricks mit unsichtbaren Fäden und Beamerprojektion? Kollekti-Professor Dr. Eckhard Kruse.
ve Halluzination aller Teilnehmer unter unbewusster Hypnose?
Versteckte Helfer unter den Zuschauern, alle sind eingeweiht, nur ich bin der Dumme?
Diese und weitere Fragen stellen sich Forschern, die derartige Phänomene untersuchen, schon seit langem, und oft gehen die medial Begabten auf derlei Bedenken ein und lassen vielfältige Kontrollen zu, um herkömmliche Erklärungen und Betrug auszuschliessen, wie etwa das Festbinden oder Festhalten auf dem Stuhl, die vorherige Durchsuchung der Räume, ihrer Kleidung und manchmal sogar ihrer Körperöffnungen.
Dass Wissenschaftler so oft die Untersuchung des Paranormalen scheuen, liegt wohl an ihrer Angst, Täuschung oder Betrug aufzusitzen und danach dumm dazustehen. Doch ist es nicht viel dümmer und unwissenschaftlicher, sich einem Forschungsgebiet wie diesem aus Angst vor dem Scheitern pauschal zu verweigern?
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Ausgabe 1/2017 43








