Giftstoffe In Der Kabinenluft: Was Lufthansa & Co. Verheimlichen
»Es ist ein Irrglaube, dass in der Luftfahrt die höchsten Standards gelten. Denn Sicherheit hat ihren Preis und im Zeitalter von Billig-Flügen bleibt den Airlines nur wenig Spielraum, um in das erforderliche ›Mehr‹ an Sicherheit zu investieren.« Dies betont ein langjähriger deutscher Aviatikexperte und warnt seit Jahren vor vergifteter Kabinenluft über den Wolken. Trotz brandgefährlicher Zwischenfälle versuchen ihn Grosskonzerne als Querulanten oder »Verschwörungstheoretiker« zum Schweigen zu bringen.
18. Oktober 2016: Mit Sauerstoffmasken müssen die Piloten der Lufthansa-Maschine LH464 in Kanada notlanden. Im Cockpit hatte sich beissender Rauch ausgebreitet. Für die Passagiere habe zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden, versicherte der Vorzeigekonzern in abwiegelnder PR-Manier.
Bereits am 10. Oktober hatte ein Schweizer Jumbolino seinen Start in Richtung London abbrechen müssen. Grund: Intensiver Ölgeruch im Kabineninnern. Am 24. Oktober 2016 traf es erneut einen Jumbolino der Swiss: Ölgeruch beim AnÁug auf Birmingham.
Die Piloten setzten mit übergezogenen Sauerstoffmasken auf. Und am 19. November 2016 wiederum musste eine Boeing 777 der Qatar Airways in Zürich notlanden. Grund: Rauch im Cockpit.
Längst nicht alle »Fume Events« werden gemeldet»Fume Events« werden derlei brenzlige Zwischenfälle in der Fachwelt genannt. Und sie sind weitaus häuÀger als angenommen. Von 2006 bis 2013 hat allein die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) 845 Unfälle und Störungen dieser Art dokumentiert. Die weltweite Dunkelziffer dürfte massiv höher liegen. Denn nachweislich und gesetzeswidrig melden die Airlines längst nicht alle Vorfälle. Oft sind die giftigen Schwaden zudem unsichtbar und im ersten Moment für Besatzung und Crew auch nicht wahrnehmbar.
Personalverbände schlagen seit geraumer Zeit Alarm: »Die Kabinenluft in modernen VerkehrsÁugzeugen wird seit den 1960er- Jahren unverändert mit ZapÁuft (›Bleed Air‹) aus den Triebwerken Rauchalarm im Cockpit. Szenen wie diese ereignen sich weitaus häufiger als Fluggesellschaften uns glauben machen wollen.
versorgt«, informiert die Pilotenvereinigung »Cockpit«. Frischluft genetisch bedingt – nicht alle Betroffenen gleich stark auf die werde ungeÀltert eingeleitet und von den Menschen eingeatmet.
Stoffe reagieren. Dennoch gebe es »immer wieder Fälle« von»So passiert es immer wieder, dass Betriebsmittel, wie hoch lemassiven »Fume Events«, bei denen selbst Piloten »handlungsgierte Triebwerksöle und aggressive HydraulikÁüssigkeiten in die unfähig geworden sind«, betont »Cockpit«-Vorstandsmitglied Jörg Kabinenluft gelangen.« Handwerg immer wieder.
Bei den Chemikalien handelt es sich um Organophosphate, Wissenschaftler und Betroffenenverbände fassen die Thewie sie früher für chemische Kampfstoffe verwendet wurden.
matik unter dem Begriff »Aerotoxisches Syndrom« zusammen.
»Sie fallen unter die gleiche Kategorie wie Nervengase, etwa Sa-Besonders häuÀg treten Rauch- oder Gaszwischenfälle gemäss rin«, erklärt der französische Wissenschaftler Jean-Christophe Statistiken der BFU derzeit in der Boeing 757 auf. Aber auch die Balouet. Mögliche Folgen können Lähmungen und Schädigun-Airbus-Typen A330, A320 und etliche weitere Passagiermaschigen des Gehirns und Zentralen Nervensystems sein – wobei nen sind vom Problem betroffen.
Auch die Medien werden bewusst manipuliert Seit Jahren entlarvt der deutsche Aviatikjournalist Tim van Beveren (55) jenes »kleine dreckige Geheimnis der Luftfahrtindustrie«, wie er es nennt. Denn Flugzeugbetreiber und Hersteller leugnen bis heute, dass die verschmutzte Luft in den Kabinen ein Problem darstellt.
In seiner Filmreportage »UngeÀltert eingeatmet« zeigt der Investigativreporter eindrücklich auf, wie das Problem kleingeredet und gezielt unter Verschluss gehalten wird. Akribisch»Bleed Air«-Prinzip. Die Atemdokumentiert er, wie alarmierende medizinische Erkenntnisse luft wird direkt am Triebwerk negiert, ignoriert, ja sogar sabotiert werden – von Flugzeugherabgezapft und ungefiltert ins stellern, Airlines, Politikern und Behörden. Und wie Geschädigte Kabineninnere geleitet, oft – Piloten, Stewardessen und Passagiere – im Stich gelassen, vermengt mit Öldämpfen oder anderen Giftstoffen.
fehldiagnostiziert oder als Simulanten abgetan werden.
Selbst die Presse wird gezielt manipuliert, wie interne Papiere der Fluglinie Condor beweisen, welche der Fachjournalist zugespielt bekam: »Durch proaktive Kommunikation in Form einer Pressemeldung und Distribution durch die Deutsche Presseagentur konnten die Inhalte der Medienberichterstattung weitgehend gesteuert werden«, freute sich das Unternehmen nach einem Rauchzwischenfall an Bord einer Boeing 757 im Jahre 2013, bei dem mehrere Besatzungsmitglieder verletzt wurden.
Nahezu alle Medien hätten den Vorfall nicht weiter hinterfragt und seien »der Meldung von Condor gefolgt«.
Klar, dass Reisekonzerne und ihre Lobbyisten wenig Freude Ausgabe 1/2017 19 an Tim van Beveren haben. Immer wieder wird er diskreditiert, von Pressekonferenzen ausgeladen oder mit Ignoranz gestraft.
Und obwohl preisgekrönt und hochbrisant, fand seine Dokumentation in der deutschen Printpresse kaum Erwähnung. Trotz Einladungen fehlten an der Filmpremiere viele führende Luftfahrtautoren. Ob es daran liegt, dass diese lieber im »Lufthansa Presseclub« verkehren und dort von Konzernsprechern bei Champagner und Lachshäppchen eingelullt und auf Richtung getrimmt werden?
Doch die Industrie besitzt noch weitere Methoden, um unliebsame Kritiker zum Schweigen zu bringen. So berichtete »Welt«- Aeronautikexperte Per Hinrichs, dass die Airbus-Pressestelle bei seiner Chefredaktion angerufen und ausdrücklich vor einer Zusammenarbeit mit Tim van Beveren gewarnt habe. Dem Magazin »Cicero« liegen ähnlich brisante Mails der Airbus-Pressestelle vor: »Im Jahr 2010 warnte der Flugzeugbauer den Sender NDR Info vor den ›sehr strittigen und ethisch fragwürdigen Methoden‹ des Journalisten.« Erschreckendes Obduktionsergebnis Dennoch wird die Luft nun auch für die Konzernbosse dünn.
Denn Obduktionen eines nach langem Leiden verstorbenen Piloten der British Airways brachten unlängst erschreckende Erkenntnisse zutage. Der Mann war zeitlebens überzeugt, unter dem Aerotoxischen Syndrom zu leiden und hatte seinen Leichnam deshalb der Forschung zur Verfügung gestellt.
Pathologen stellten in der Folge neben abgestorbenen Hirnund Nervenzellen auch Schädigungen des Herzmuskelgewebes fest. Zurückgeführt wurde dies auf eine »länger anhaltende Exposition mit pyrolysierten Organophosphaten aus der Atemluft»UNGEFILTERT EINGEATMET« (DVD) im Flugzeug«. Gewerkschaften fordern darum von der Luftfahrtindustrie, »dass bei zukünftigen Flugzeugmustern eine Kontamination der Kabinenluft technisch ausgeschlossen wird, zumal eine bestens geeignete alternative Technologie zur Verfügung steht«. Bei dieser wird die Kabinenluft aus der direkten Umgebung des Flugzeuges entnommen, ohne dass sie zuvor durch die Triebwerke geleitet wird. Weil ihre Forderung für bestehende Maschinen nicht umsetzbar sei, drängen sie bei allen Fliegern auf einen »umgehenden Einbau von Filtern, um die Kabinenluft möglichst schadstofffrei halten zu können«.
Besonders makaber: Im Fall von Rauch in der Kabine müssen auch Passagiere die vermeintlich lebensrettenden Sauerstoffmasken überziehen. Was viele nicht wissen: Auch deren Luft wird aus den Flugzeugtriebwerken gespeist – und ist im Notfall meist ebenfalls kontaminiert!
Jan Fischer ■
Aviatik-Kritiker: »Man versucht, mich mundtot zu machen!« Welch schmutziges Spiel treiben Luftfahrtgesellschaften auf Kosten unserer Gesundheit? »mysteries« nahm Kontakt mit dem preisgekrönten deutschen Filmemacher Tim van Beveren (Foto) auf. Was er zu berichten hat, sollte uns allen zu denken geben: Keine unbewiesenen Verschwörungstheorien, sondern die bittere Wahrheit über eine Branche, welcher der schnöde Mammon wichtiger ist als die Sicherheit von Crew und Passagieren.
»mysteries«: Seit Jahren gelten Sie in der Luftfahrtbranche als »Enfant terrible«. Fluggesellschaften, HerstellerÀrmen, aber auch öffentlich-rechtliche TV-Bosse raten davon ab, mit Ihnen in Kontakt zu treten, wenn es um das Thema»Rauch im Cockpit« geht. Weshalb dieser Boykott? Haben Sie die Branche an ihrem wundesten Punkt erwischt?
Tim van Beveren: Seit 2008 habe ich mich mit diesem Thema beschäftigt, überwiegend für die ARD und die Zeitung »Welt« – zum Ärgernis der grossen Airlines, Hersteller und ihrer Lobbyverbände. Seit Anbeginn wurde versucht, Druck auf die Entscheider auszuüben, man schreckt auch vor Intrigenspielen und Verleumdungen nicht zurück.
Ein Beispiel: Ich war 2009 mit einer Mitarbeiterin der Pressestelle einer grösseren deutschen Airline liiert. Anfang 2010 haben wir uns freundschaftlich getrennt. Im Herbst 2010 wurde meine ehemalige Lebensgefährtin dann von ihrem Arbeitgeber aus heiterem Himmel fristlos gekündigt, »weil sie mit einem Journalisten liiert sei«. Diesen völlig abstrusen Kündigungsgrund hat das Arbeitsgericht natürlich kassiert – aber es zeigt, wie dreist hier vorgegangen wird. Wir haben selbstverständlich Arbeit und Beziehung immer streng getrennt, aber hier wurden sogar Unterstellungen bis hin zum Geheimnisverrat sensibler interner Daten gemacht.
In diesem Zusammenhang rief dann der Leiter der Pressestelle meinen damaligen Abteilungsleiter beim WDR an und erzählte diesem, man habe wegen mir einer Mitarbeiterin kündigen Ausgabe 1/2017
















