»Viele Frauen Leiden An Eisenmangel Ohne Es Zu Wissen!«
Schweizer Arzt auf Konfrontationskurs mit der Schulmedizin
Beat Schaub. Der Schweizer Arzt verabreicht erschöpften Frauen seit Jahren Eiseninfusionen.
Ausgabe 6/2016 Ob Blutwurst, Leber oder Weizenkleie: Auch eine gezielte Ernährung kann Eisenmangel vorbeugen.
iele Frauen, welche die Praxis von Beat Schaub (59) aufsuchen, wer- Vden von denselben Symptomen geplagt: Erschöpfung, Depressionen, Schlafstörungen, Lustlosigkeit, Schwindel und Haarausfall, Nackenoder Kopfschmerzen. Manche haben eine regelrechte Odyssee bei Medizinern hinter sich. Und nicht wenige landen letztlich bei dem Schweizer Arzt, weil sie von anderen Betroffenen von ihm gehört haben.
Der Internist und Komplementärmediziner, der seine Praxis im Dreiländereck von Frankreich, Deutschland und der Schweiz betreibt, verabreicht seinen erschöpften Patientinnen nach eingehenden Abklärungen und Untersuchungen Eiseninfusionen.
Im Durchschnitt zwei- bis dreimal pro Jahr – und er bringt viele der müden Damen damit wieder auf die Beine.
In Schaubs Behandlungsräumen über den Dächern der Gemeinde Binningen reiht sich eine dunkel gepolsterte Liege an die nächste. Insgesamt zehn Patienten kann er hier gleichzeitig mit Eisen »füttern«. Sich selbst sieht er als Mediziner lieber mit einem Gärtner verglichen,»der die trockene Erde vergilbter PÁanzen giesst und diese dadurch von selbst ergrünen lässt. Die PÁanze braucht Wasser, der Mensch braucht Eisen.« Zu jenen Personengruppen, die häuÀger als andere unter Eisenmangel leiden, gehören neben menstruierenden Frauen auch Kinder, Jugendliche und Sportler. Bei älteren Menschen ist Eisenmangel ebenfalls nicht selten. So erinnert sich Schaub an eine über 80-jährige Patientin, die in schlechtem Zustand ins Spital eingeliefert worden war und nach wenigen Wochen heimgeschickt wurde, obwohl es ihr kein bisschen besser ging. Die Seniorin fand dank einer Freundin den Weg in seine Praxis. »Inzwischen geht es ihr so gut, dass sie weiterhin ihren Haushalt allein führen kann.« Eisen ist eines der wichtigsten Spurenelemente in unserem Körper. Es hilft den roten Blutkörperchen, Sauerstoff von der Lunge ins Gewebe zu transportieren, indem es den Sauerstoff direkt an sich bindet. Rund 70 Prozent des Körpereisens beÀndet sich als so genanntes Hämeisen in Knochenmark und Blut, rund 10 Prozent als »Funktionseisen« in allen anderen Organen und im Gewebe.
Die restlichen 20 Prozent bilden das so genannte Speichereisen beziehungsweise Ferritin. Es wird in Leber, Milz und Knochenmark abgelegt und als Erstes angezapft, wenn es dem Körper an Eisen fehlt. »Und den meisten Frauen fehlt es allein schon oft durch die Menstruation an Eisen«, weiss Mediziner Schaub.
Ob Immunsystem, Stoffwechsel, Atmung, Konzentration oder Muskelarbeit: Sämtliche Körperfunktionen sind von einer guten Eisenversorgung abhängig, um reibungslos zu arbeiten. Doch gerade damit hapert es nicht selten. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zählt der Eisenmangel weltweit zu den häu- Àgsten NährstoffdeÀziten. Über die Hälfte der Betroffenen weist eine Blutarmut, eine so genannte Anämie, auf. Die restlichen beÀnden sich im Frühstadium eines Eisenmangels (»Eisenmangelsyndrom«) mit den mehr oder weniger eingangs erwähnten Symptomen oder Krankheitsbildern.
Neu ist das Phänomen des Eisenmangels nicht. »Forscher der Universität Innsbruck beschrieben es bereits im Jahr 1957«, weiss Beat Schaub. Noch ausführlicher setzten sich Anfang der 1970er-Jahre zwei Mediziner der renommierten Berliner Charité Ausgabe 6/2016 45 Eisenmangel gehört zu den häuÀgsten NährstoffdeÀziten mit der Thematik auseinander: Professor Gerhard Brüschke und spielte die Behandlung von Anämien durch Blut-Trinkkuren eine seine Kollegin Erika Mehls. Ihre Forschungsergebnisse fassten wesentliche Rolle. Patienten mit Eisenmangel wurden deswegen sie in einem Buch zusammen. Titel: »Das Eisenmangelsyndrom reihenweise in die Schlachthäuser geführt.
– Berliner Lehrbuch der Charité Universitätsmedizin« (1971). Das Wer heute seinem Körper Eisen zuführen will, hat es einfacher.
Werk war als Leitfaden für Ärzte aller Fachrichtungen gedacht, Es reicht, wenn man darauf achtet, was im Einkaufskorb oder ging jedoch schon lange vor dem Zusammenbruch der DDR verauf dem eigenen Teller landet. Zu den Spitzen-Eisenlieferanten gessen. Beat Schaub stiess im Zuge seiner Recherchen darauf, zählen neben Blutwurst und Schweineleber auch vegetarische er versteht sich von daher »nur als Wiederentdecker des Eisen-Produkte wie Weizenkleie, HirseÁocken, Linsen, Kichererbsen, mangelsyndroms«, wie er selbst bescheiden anmerkt.
getrocknete Aprikosen, Mandeln, Schwarzwurzel oder Spinat.
Allerdings kann der menschliche Körper das Eisen nicht aus Eisenspäne im Wein und Trinkkuren im Schlachthaus jedem Lebensmittel gleich gut absorbieren. Vitamin C, Zitronen-Wie wichtig Eisen für den menschlichen Organismus ist, wussten säure, Fleisch, Fisch und GeÁügel begünstigen die Aufnahme.
bereits die alten Ägypter, die Griechen und Hindus, ebenso wie Hemmend wirken Tannine, Phytate, Lignine sowie die Oxalsäure die Ärzte des Mittelalters. So berichteten sowohl der römische und Kalziumverbindungen, die in Rotwein und Schwarztee, aber Medizinschriftsteller Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr. bis 50 auch in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Cola, Rhabarber n. Chr.) als auch der griechische Arzt und oder Milch vorhanden sind. Medikamen-Anatom Galenos von Pergamon (129 bis te wie Aspirin wirken der Eisenaufnahme Auch Medikamente wie 200 n. Chr), dass zu ihrer Zeit das Kühlebenfalls entgegen.
wasser von Schmiedewerkstätten in der Beat Schaub, der nach seinem Medi-Aspirin wirken der Aufnahme Krankenbehandlung zur Anwendung kam zinstudium zusätzlich ein Homöopathievon Eisen entgegen.
– etwa bei Milzvergrösserungen.
Studium an der Universität im deutschen»Eisenspäne in Wein« verordnete im Freiburg im Breisgau absolvierte, hatte 16. Jahrhundert der englische Arzt Thomas Sydenham, der als 1994 in Binningen eine Hausarztpraxis übernommen.
»Nach»englischer Hippokrates« einen hervorragenden Ruf genoss. Ab meiner Krankenhauskarriere war ich dem Alltag dort kaum gedem 17. Jahrhundert setzten sich Trinkkuren mit eisenhaltigem wachsen«, erinnert er sich rückblickend. Zu ihm als Hausarzt Quellwasser in Europa durch. Eine besondere Form der Eisenankamen Patienten mit den unterschiedlichsten Beschwerden und wendung stellt teilweise bis in die heutige Zeit die bei vielen Völ-Krankheitssymptomen. Was ihm jedoch bald aufÀel: Sehr häuÀg kern verbreitete Sitte des Bluttrinkens dar. Schon die Spartaner klagten seine Patienten über massive Erschöpfung.
versuchten sich damit zu stärken. Und noch im 19. Jahrhundert Mit Hilfe eines IT-Experten begann Schaub in der Folge eine Massive Erschöpfung als Warnsignal. Viele Frauen leiden allein schon wegen ihrer Menstruation an chronischem Eisenmangel.
Modernes Ambiente. Blick in Schaubs Behandlungsraum.
elektronische Patientendatenbank aufzubauen. Bald zeigte sich, dass seine über Erschöpfung klagenden Patienten eine Gemeinsamkeit aufwiesen: »Zu 90 Prozent handelte es sich um Frauen, die meisten davon im Menstruations-Alter«, erinnert sich der Internist. Bald stellte er fest, dass bei diesen Patientinnen im Vergleich zu den Männern eine Lücke in den Ferritin-Werten klaffte.
Welcher Ferritin-Wert ist optimal?
OfÀziell galt bis vor kurzem: Die Konzentration für das gebundene Eisen im Blut, das Ferritin, soll mindestens 30 Nanogramm pro Milliliter Blut betragen. Vor wenigen Wochen dagegen korrigierte ein Expertengremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Empfehlungswerte nach unten. Erst ein Ferritin-Wert unter 15 Nanogramm pro Milliliter deute bei Erwachsenen auf ausgelaugte Eisenspeicher hin. Nur bei Menschen mit einer chronischen Entzündung im Körper, wozu laut WHO auch Übergewichtige gehören, sei dieser Grenzwert höher anzusetzen.
Für Schaubs 2007 gegründete Swiss Iron Health Organisation (SIHO) ist diese Herabstufung des Ferritin-Normwerts unverständlich, ja sogar ein Fehler, wie er betont. In der Schweiz hat sich nämlich im Gegensatz dazu eine Heraufstufung durchgesetzt – mit durchschlagendem Erfolg vor allem für Frauen. Insofern fordert Schaub eine höhere Norm von mindestens 50 Nanogramm pro Milliliter, hält aber aufgrund der wissenschaftlichen Statistiken einen Wert von über 100 Nanogramm für »optimal«. Sein persönlicher Ferritin-Wert liege durchschnittlich zwischen 180 und 200 Nanogramm.
Anfangs verordnete der Arzt seinen vom Eisenmangel betroffenen Patienten Eisen-Tabletten. »Bereits nach einem Jahr musste ich allerdings feststellen, dass das überhaupt nichts taugte.« Die verschriebenen Präparate waren mehrheitlich unwirksam. Schaub liess sich dadurch jedoch nicht entmutigen und suchte nach einer alternativen Behandlungsform. Und er fand sie auch. In seiner Praxis setzt er seither auf modernste Technologie: auf Infusionen. Er nennt seine Behandlungsmethode »Swiss Iron System«.
Eine Behandlung bei ihm kostet 700 bis 1200 Franken. Die Kosten übernehmen in der Schweiz die Krankenkassen. Bisher noch. Nun aber regt sich Widerstand. Denn inzwischen lassen sich derart viele Frauen, aber auch Kinder mit angeblichem ADHS oder Zappelphillip-Syndrom mit Eiseninfusionen behandeln, dass das Bundesamt für Gesundheit angesichts der steigenden Kosten Alarm schlägt. Allein in der Eidgenossenschaft belief sich das Volumen der über die Krankenkassen abgerechneten Eiseninfusionen im Jahr 2012 auf 36 Millionen Franken, 2013 auf 39 Millionen und 2014 bereits auf 42 Millionen. Tendenz steigend.
Dieser Kostenaufwand lohnt sich aus Sicht des Internisten auf doppelte Weise. »Erstens werden die meisten der Eisenmangel-Patienten dadurch gesund, und zweitens können sie in der Folge Kosten für unnötige Abklärungen und falsche Behandlungen einsparen.« Schaubs Therapiemethode spricht sich unter Fachkollegen herum. Die Behandlung mit Eiseninfusionen boomt. Doch auch die Kritik wird lauter. Eiseninfusionen seien meist unnötig und dazu noch gefährlich, warnte kürzlich etwa Erika Ziltener vom Dachverband der Schweizerischen Patientenstellen. Viele Frauen wüssten nicht, welches Risiko sie eingingen, mahnte sie und verweist auf Fälle, in denen Patienten weder über Risiken noch über Alternativen aufgeklärt worden seien. Und auch der Krankenversicherungs-Verband Santésuisse kritisiert: Es sei nicht wissenschaftlich belegt, dass Eiseninfusionen bei Frauen ohne Blutarmut, aber niedrigem Eisenspiegel bei einer Behandlung von Depressionen tatsächlich helfen. Gewarnt wird nicht zuletzt vor Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schüttelfrost, Kopfschmerzen oder allergischen Reaktionen.
Schelte wie diese ist Beat Schaub gewohnt. Ausdrücklich dis- Ausgabe 6/2016 47 Eisen-Tabletten taugen meiner Erfahrung nach überhaupt nichts.
tanziert er sich von Kurpfuschern. Selbstverständlich, so räumt senmangel dar. Insgesamt 2168 Teilnehmer nahmen an dieser er ein, gebe es unter seinen Berufskollegen schwarze Schafe, Umfrage teil.
»die einfach wild drauÁos spritzen«. Er verurteilt dies klar: »Eine In der Zusammenfassung heisst es: »Bei 85 Prozent der Pati-Eiseninfusion zu verabreichen, ohne zuvor die notwendigen Abentinnen lag der Ausgangswert von Ferritin unter 50 Nanogramm klärungen und Analysen durchzuführen, kann ich als Mediziner pro Milliliter und bei 15 Prozent zwischen 51 und 75 Nanogramm.
in keiner Weise empfehlen.« Bei 12 Prozent der Frauen lag eine Anämie vor, das heisst ihr Vor allem seit einem Todesfall, der sich Ferritin-Wert lag unter 22 Nanogramm.« 2013 nach einer Eiseninfusion in der Nach erfolgter Behandlung mit Eisen-Infusionen sollten nur Schweiz ereignete, verweist er Patienten infusionen hätten sich 65 Prozent der ausdrücklich darauf, die Infusion»nur Teilnehmer bei einem durchschnittlimit Eisensaccharose bei spezialisierten und erfahrenen Ärzten chen Ferritin-Wert von 222 Nanogramm vorgenommen werden.
durchführen zu lassen«.
»beschwerdefrei oder deutlich besser« In seiner Praxis verwendet Schaub fast gefühlt. 21 Prozent gaben an »ein wenig ausschliesslich das sicherste aller erhältlichen InfusionspräparaproÀtiert« zu haben. Und nur 14 Prozent fühlten sich unveränte: Eisensaccharose – in der Schweiz »Venofer«, in Deutschland dert. Bei einer Nachkontrolle drei Monate später sei der Erfolg auch »Fermed«. Nur auf ausdrücklichen Wunsch benutze er an-»praktisch unverändert« gewesen.
dere Arzneimittel, was jedoch äusserst selten vorkomme. Erst ein Warum Schaubs eigene Statistiken wissenschaftlich umstritten einziges Mal habe bei ihm eine Patientin – mit einem anderen bleiben? Weil er nicht, wie bei universitären Studien üblich, eine Präparat als Venofer – in all den Jahren eine schwere allergische so genannte Placebo-Kontrollgruppe parallel laufen liess. »Das Reaktion erlitten, betont der Arzt.
kann ich meinen Patienten als Hausarzt nicht zumuten«, verteidigt er sich. »Sie kommen zu mir, weil sie mich oft als letzte Hilfe Vielen Betroffenen scheint die Behandlung zu helfen sehen.« Dennoch wittern Eisen-Spezialisten wie er Morgenluft: Beat Schaubs Behandlungserfolg bei mittlerweile rund 8000 Pa-Wie »mysteries« aus gut informierter Quelle weiss, werden nach tientinnen und Patienten scheint ihm Recht zu geben. Vor zwei der Schweiz nun auch in Deutschland universitäre Studien zum Jahren veröffentlichte er im Journal der Swiss Iron Health Or-Thema Eisenmangel und Infusionen mit Placebo-Kontrollgruppen ganisation zudem die »Praxisstudie Eurofer IV«. Zusammen mit angedacht – um endlich mehr Klarheit zu schaffen.
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Mediziner-Kollegen legte er darin die Auswirkungen von indivi- ➤ Infos:www.eisenzentrum.org duell dosierten intravenösen Eisengaben bei Patienten mit Ei-Distanziert sich ausdrücklich von Kurpfuschern: Beat Schaub mit dem von ihm empfohlenen und bevorzugten Infusionspräparat.
Mit seinen Eiseninfusionen bringt Beat Schaub seit vielen Jahren chronisch erschöpfte Frauen wieder auf die Beine. Der Schweizer Internist und Komplementärmediziner gilt als Wiederentdecker des »Eisenmangelsyndroms«, das erstmals 1971 in einem Lehrbuch der Berliner Charité beschrieben wurde.
Schaubs Behandlungserfolg fordert kritische behördliche Gesundheitsapostel heraus. Auf Kriegsfuss steht der Arzt zudem mit der WHO, die mit neuen Referenzwerten operiert, bei denen er nur noch den Kopf schütteln kann.



























