Bombenhagel Auf Die Schweiz: Absicht Oder Irrtum?
Rund 1200 Bomben der Alliierten prasselten im Zweiten Weltkrieg auf die neutrale Schweiz nieder. 84 Eidgenossen verloren ihr Leben, Hunderte wurden teils schwer verletzt. »Navigationsfehler und tragische Versehen«, urteilen die meisten Historiker heute. Anderer Meinung ist überraschend ein namhafter Geschichtsprofessor, wie er gegenüber »mysteries« bekräftigt.
von Jan Fischer er erste Fliegerangriff der Royal Air Force auf die Schweiz bardierten sechs US-Maschinen dort ein Wohngebiet und eine traf Basel in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember landwirtschaftliche Schule. Fünf Tote und Dutzende von zerstör- D1940. Die britischen Bomben verwüsteten Wohngebiete ten Wohnhäusern waren die Folge. Auch dort hatte niemand mit beim Bahnhof sowie im angrenzenden Vorort Binningen. Meheinem realen Angriff gerechnet, weil die Sirenen seit Kriegsausrere Menschen verloren dabei ihr Leben, darunter eine Grossbruch bereits 400 mal folgenlos geheult hatten. Weitere Abwürmutter samt Tochter und Enkelin. Rund fe, unter anderem auf die Gemeinde Le 280 Gebäude wurden in jener Nacht teils Noirmont im Jura oder Chiasso im Süden, Trotz heulender Sirenen schwer beschädigt. Wenige Tage späforderten ebenfalls Todesopfer.
ter luden britische Bomber ihre tödliche Insgesamt rund 70 mal schlugen Fliebegaben sich viele nicht Fracht erneut über der Schweiz ab: diesgerbomben während der Kriegszeit in der in die Luftschutzbunker.
mal im Raum Zürich. Weitere todbringen- Eidgenossenschaft ein, vor allem in den de Attacken folgten.
Grenzregionen. Weil oft Industrieanlagen, AmverheerendstenÀeldieBombardierungvonSchaffhausen aber auch Bahnlinien und Güterbahnhöfe getroffen wurden, am 1. April 1944 aus, bei der 40 Menschen starben und 270 keimte bald der Verdacht auf, dass die Alliierten Schweizer Wirt-Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Gegen 400 amerikaschaftsverÁechtungen mit Nazideutschland unterbinden oder nische Brand- und Sprengbomben gingen über der Stadt nieder zumindest bestrafen wollten. undsorgtenfüreineFeuerhölle,derauchKinderzumOpferÀelen. 450 Einwohner wurden obdachlos. Besonders tragisch: Vie-Folgenschwere Verwechslungen le Opfer hätten überleben kön- Mittlerweile gehen die meisten Historiker allerdings davon aus, nen, denn heulende Sirenen dass alle Bomben der Alliierten »versehentlich« in der Schweiz hatten die herannahenden einschlugen. Die Angreifer sollen stets in der Annahme gehan- B-24-Maschinen angekündelt haben, sie befänden sich über dem Deutschen Reich. Dies digt. Doch die grenznahe legen laut Experten diverse historische Quellen wie diplomati- Schweizer Bevölkerung sche und militärische Akten oder Tagebucheinträge der Solda- – an Fliegeralarme längst ten nahe, ebenso wie Verhörprotokolle und Gerichtsunterlagen.
gewohnt – Áüchtete leider So hätten beispielsweise die US-Piloten, die ihre tödliche nur teilweise in die Luftschutz-Fracht über Schaffhausen abwarfen, ursprünglich den Befehl gebunker.
habt, Ludwigshafen zu attackieren. Sie gerieten durch schlech-»An jenem Samstagmorgen um 10.38 Uhr tesWetterjedochvomKursab.AlssienachlängeremIrrÁugeine zeigt ein Fliegeralarm den dröhnenden und vom Boden gut»Stadt an einem linken Flussufer« entdeckten, seien sie sicher sichtbaren ÜberÁug von zwei Geschwadern der U.S. Air Force gewesen, deutschen Boden unter sich zu haben.
an – nichts Ungewöhnliches in jenen Kriegstagen«, erinnern Dass sich Schaffhausen als einzige Schweizer Stadt nördlich die »Schaffhauser Nachrichten« an jenen verhängnisvollen Tag. Die Stadtbewohner Suche nach Überlebenden. Auch in öffnen Fenster, bleiben auf der Strasse Zürich und Basel brachten alliierte stehen, blicken neugierig gen Himmel.
Bomben Tod und Verwüstung.»Eine dritte Staffel von 15 B-24-Bombern des Typs Liberator folgt. Und greift an. In nur 40 Sekunden entladen die Flugzeuge ihre tödliche Fracht über der Stadt.« Am Nachmittag des 11. September 1944 nahmen US-JagdÁugzeuge mit Bomben und Bordwaffen am helllichten Tag einen Schweizer Personenschnellzug bei Augst unter Beschuss. Wie durch ein Wunder blieben alle Reisenden am Leben. Neun Tote und etliche Schwerverletzte dagegen forderte die Bombardierung der kleinen Gemeinde Stein am Rhein am 22. Februar 1945.
Auch Zürich wurde gegen Kriegsende erneut getroffen: Am 4. März 1945 bom- ◄ Schaffhausen nach dem Angriff am 1. April 1944. Luftaufnahme der brennenden Innenstadt.
Ausgabe 3/2016 des Hochrheins beÀndet, war den Amerikanern offensichtlich nicht bekannt.
Zweifel an dieser These, so der mehrheitliche Tenor, seien im Bereich der »Verschwörungstheorien« anzusiedeln. Und so verallgemeinert das Internetlexikon »Wikipedia« unter Bezugnahme auf einen einzigen Presseartikel von 2005 wie folgt: »Die alliierten Bombenabwürfe auf die Schweiz während des Zweiten WeltkriegswerdenofÀziellaufNavigationsfehlerzurückgeführt.Eine andere Theorie sah die Ursache in den Waffenlieferungen der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft SIG und anderer Unternehmen an das Deutsche Reich. Diese zeitgenössische Theorie ist aber inzwischen klar widerlegt.« Historiker schliesst gezielte Angriffe nicht aus Anders sieht dies der Schweizer Geschichtsprofessor Georg Kreis, der die damaligen Attacken differenzierter beurteilt. Er hält es durchaus für möglich, dass zumindest einige der Angriffe auf eidgenössisches Territorium gezielt erfolgten. »Der Alpentransit war den Alliierten ein Dorn im Auge«, argumentiert der renommierte Historiker. »Die Bombardierungen der Basler Geleiseanlagen im Dezember 1940 und März 1945 sowie des Basler Rheinhafens im Mai 1943 können als Irrtum, sie können aber auch als vorsätzliche Aktion zur Warnung der Schweizer Behörden interpretiert werden.« Zwar müsse man »den Boys aus den USA speziell im Fall von Schaffhausen 1944 zugute halten, dass es schwierig gewesen ist, die kleingeograÀschen Verhältnisse an der komplizierten Grenze zu kennen«, betont Professor Kreis auf Nachfrage gegenüber »mysteries«. Dennoch gebe es auch in diesem Fall die Deutungsmöglichkeit, dass die Bahnlinie von und nach Singen von einem gewissen militärstrategischen Interesse war, ebenso wie die Industrie in Neuhausen: »Meine These geht dahin, dass beides möglich war – und im einen Fall die eine Variante, in einem anderen Fall die andere Variante zugrunde lag.« Die Alliierten bemühten sich in der Folge jedenfalls eilends um Wiedergutmachung. Umgerechnet rund 62 Millionen Franken Schadenersatz zahlten die Amerikaner 1949 an die Eidgenossenschaft für die rund 1200 abgeworfenen Bomben. 40 Millionen Franken davon allein für den verheerenden Angriff auf Schaffhausen.
Die Schweiz litt damals übrigens nicht nur unter Bombenabwürfen: Nahezu während der gesamten Kriegszeit musste sie sich gegen Luftraumverletzungen durch alliierte und deutsche Flieger zur Wehr setzen. Insgesamt verlor die eidgenössische Luftwaffe in direkten Luftkämpfen damals vier Piloten und Besatzungsmitglieder. Auf der Gegenseite starben vierzehn Briten und dreizehn US-Soldaten im Schusshagel der Schweizer Fliegerabwehr.
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Perfide Attacke als Warnung an die Schweizer Regierung?
Auch der Basler Güterbahnhof wurde im März 1945 von Bomben der Alliierten getroffen und verwüstet.
Möglicherweise geschah dies mit Absicht, wie der Historiker und Professor Georg Kreis zu bedenken gibt.
























