er grauhaarige Besucher trug einen eleganten Anzug und sprach Dwie ein Gebildeter. Er war eher dünn und hatte eine Glatze. Sein Name sei Robert C. Christian, stellte er sich höflich vor. Doch sei dies nur ein Pseudonym.

Er wolle anonym bleiben.

Zeit seines Lebens erinnerte sich der mittlerweile verstorbene Joe Fendley an jenen geheimnisvollen Mann, der ihn im Juni 1979 aus heiterem Himmel seine Aufwartung gemacht hatte. Fendley war damals Chef der grössten GranitverarbeitungsÀrma im Städtchen Elberton im US-Bundesstaat Georgia. Kaum sonstwo werden derart viele Granitprodukte hergestellt wie in diesem 4500-Seelen-Dorf in den südlichen USA.

»Der Fremde sagte mir, er wolle ein Monument in Auftrag geben.« Der Preis spielte offenbar keine Rolle. Fendley: »Ich wusste nicht, ob er es ernst meinte, deshalb nannte ich ihm einen übertrieben hohen Betrag. Doch das schreckte ihn nicht ab.« Robert C. Christian machte eine Anzahlung und erwarb kurz darauf bei einer Bauernfamilie in der Nähe ein geeignetes Grundstück. Gleichzeitig lieferte er detaillierte Pläne, wie seine »Georgia Guidestones« aussehen sollten.

Im März 1980 wurde Christians imposantes Monument feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Schon damals brodelte die Gerüchteküche: Wer war der mysteriöse Mäzen? Warum machte er rund 300'000 Dollar für dieses Mahnmal locker? Christian verschwand noch vor der Steinsetzung von der BildÁäche und hinterliess ein formgewaltiges Rätsel, das bis heute niemand lösen kann.

Ausgabe 3/2014 13 5. Schütze die Menschen und Nationen durch faire Gesetze und gerechte Gerichte.

6. Lass alle Nationen ihre eigenen Angelegenheiten selber und intern regeln und internationale Streitfälle vor einem Weltgericht beilegen.

7. Vermeide belanglose Gesetze und unnütze Beamte.

8. Schaffe ein Gleichgewicht zwischen den persönlichen Rechten und den gesellschaftlichen PÁichten.

9. Würdige Wahrheit – Schönheit – Liebe im Streben nach Harmonie mit dem Unendlichen.

10. Sei kein Krebsgeschwür für diese Erde. Lass der Natur Raum. Lass der Natur Raum.

Eine gut gemeinte Anleitung für eine bessere, friedvollere Welt, wie etwa John Lennons Witwe Yoko Ono glaubt? Oder stecken dunklere Kräfte dahinter? Ist die Botschaft gar prophetischer, vielleicht sogar apokalyptischer Natur? Nicht minder rätselhaft macht die Angelegenheit eine Granittafel, die direkt neben dem Monument im Boden eingelassen wurde – laut Aufschrift gesponsert »von einer kleinen Gruppe Amerikaner, die das Zeitalter der Vernunft anstreben«. Ihr zufolge ist dort sechs Fuss unterhalb der OberÁäche eine Zeitkapsel für die Zukunft versenkt worden – »platziert am … zu öffnen am …«.

Warum keine Zeitangaben? Weil dies als Aufforderung an die lokale Bevölkerung verstanden worden sei, zukünftigen Generationen etwas zu hinterlassen – diese aber schlicht keine Lust Wie es ihr Name besagt, sollen die »Georgia Guidestones« der Orientierung der Menschheit dienen und eine Art Anleitung für die Zukunft bieten. Das Monument besteht aus vier jeweils fünf Meter hohen und je 20 Tonnen schweren Granitblöcken, die in Kreuzform ausgerichtet sind, samt einem Pfeiler in der Mitte.

Darüber thront ein weiterer Granitblock. Der imposante Bau erinnert an europäische Megalithbauten der Vorzeit. Gleichzeitig stellen die »Guidestones« eine simple »Sternwarte« dar: Durch Gucklöcher können Uhrzeit und Datum sowie die Position des Polarsterns bestimmt werden.

»Sei kein Krebsgeschwür für diese Erde« Das Eigentümliche an ihnen aber ist weniger ihre Form und Position als vielmehr die schriftliche Botschaft, die um 1980 in die Granitpfeiler geritzt wurde. Auf jedem der vier Hauptblöcke stehen Gebote – jeweils zehn an der Zahl, in acht verschiedenen Sprachen: Englisch, Spanisch, Swahili, Hindi, Hebräisch, Arabisch, Altchinesisch und Russisch. Übersetzt lauten sie wie folgt: 1. Halte die Menschheit unter 500 Millionen in fortwährendem Gleichgewicht mit der Natur.

2. Lenke die FortpÁanzung weise, um Tauglichkeit und Vielfalt zu verbessern.

3. Vereine die Menschheit mit einer neuen, lebendigen Sprache. 4. Beherrsche Leidenschaft – Glauben – Tradition und alles sonst mit gemässigter Vernunft.

»Georgia Guidestones« im Süden der USA. Obwohl erst 1980 errichtet, bleibt die wahre Absicht ihres anonymen Erbauers bis heute im Dunkeln.

Auch für Araber und Asiaten lesbar. Nahaufnahme der in Stein gemeisselten Gebote.

darauf hatten, wie Einheimische heute gelangweilt abwinken. Das hinderte misstrauische Geister freilich nicht daran, ihre Schaufeln zu zücken und die Erde rund um die Platte unlängst abzutragen. Offensichtlich erfolglos.

Faktum ist, dass die»Guidestones« zunehmend mehr lokalen Bürgern ein Dorn im Auge sind, ebenso wie manchen Besuchern. Schmierereien und Vandalenakte häufen sich, je bekannter das Monument wird. Bereits 2008 wurden die Steine durch GrafÀti verschandelt: »Stoppt die neue Weltordnung, wir sind nicht eure Sklaven!« sprayte ein radikaler US-Patriot damals.

Zu den lautesten Kritikern des Monuments zählt der aufmüp- Àge US-Journalist Alex Jones (40). In seinem Film »Endgame« bezeichnete der streitfreudige Wahrheitssucher die »Guidestones« 2007 als »kaltes Testament für die heilige Mission der dunklen Weltelite«. Und Mark Dice, ebenso kontroverser Gefolgsmann von Jones, glaubt, dass die neuzeitlichen Gebotssteine die biblischen Gesetze verhöhnten. Sie seien satanischen Ursprungs und sollten deshalb dem Erdboden gleichgemacht werden.

Dice und Co. interpretieren die Gebote wie folgt: Gebot Nr.

6 propagiere die Schaffung eines Weltgerichts, was der erste Schritt zur totalen Kontrolle der gesamten Menschheit durch die Elite darstelle. Gebot Nr. 4 stifte dazu an, Religionen zu unterdrücken. Ähnliches wolle Gebot Nr. 3: Dieses führe dazu, dass auf der Erde nur noch eine Sprache gesprochen werde, was ein Affront gegenüber Gott sei, wie die Geschichte vom Turmbau zu Babel gezeigt habe. Und die Gebote Nr. 1 und 2 erinnerten an die Machenschaften der Nazis: Die Zahl der Menschen solle kontrolliert und die FortpÁanzung gelenkt werden, was Eugenik und Massenmord gleichkomme.

Beschwören die »Guidestones« tatsächlich eine Zukunft herauf, in der nur die Schönsten und Besten überleben, alle dasselbe glauben und dieselbe Sprache sprechen? Propagieren sie Einfalt statt Vielfalt? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Einige Leute glauben jedenfalls, dass das Monument ein Werk der Rosenkreuzer ist. Bester Hinweis dafür sei der Name des Erbauers: Robert C. Christian. Ähnlich hiess auch der legendäre deutsche Begründer des mysteriösen Rosenkreuzer-Ordens, der im 15. Jahrhundert gewirkt haben soll: Christian Rosencreutz.

Dachte ein neuzeitlicher Rosenkreuzer an den alten »Meister«, als er sein Pseudonym wählte? Oder sind die Ähnlichkeiten reiner Zufall? »Nein«, sagt der US-Historiker Raymond Wiley, der kürzlich ein Buch über das Monument mit dem Titel »The Georgia Guidestones: Americas Most Mysterious Monument« veröffentlichte. »Ich persönlich denke, dass der geheimnsivolle Fremde tatsächlich den Rosenkreuzern oder einer ähnlich orientierten esoterischen Vereinigung angehörte.« Die Rosenkreuzer waren ursprünglich christliche Mystiker, die zur Zeit der Aufklärung im 17. Jahrhundert reformatorische Schriften verteilten. Sie gelten als Vorläufer der Illuminaten und Freimaurer. Unzählige Gruppierungen und Personen auf der ganzen Welt agieren und agierten in ihrem Namen – von eher milden Esoterikern wie Rudolf Steiner über berüchtigte Okkultisten wie Aleister Crowley bis hin zu fanatischen Sekten wie die der Sie alle verbindet dasselbe Symbol: Ein goldenes Kreuz mit einer Rose in der Mitte. Es steht für den geistig gereinigten Menschen. »Zufälligerweise« stellen die »Guidestones« von Georgia von oben betrachtet denn auch ein leicht verschobenes Andreaskreuz dar – das ursprüngliche Symbol der Rosenkreuzer.

Eine weitere Verbindung ist die Zahl Sieben: Sie Àndet sich sowohl bei den Rosenkreuzern als auch beim Monument immer wieder. So sind die »Guidestones« am Highway 77 gelegen, stehen rund 750 Meter über Meer, die Ranch in der Nähe trägt die Nummer 77 und die Dimensionen der Steine – fünf auf zwei Meter – ergeben zusammen sieben.

Bei den Rosenkreuzern taucht die Sieben bereits in der Geschichte über Christian Rosencreutz auf. Die makabre Erzählung erstreckt sich über eine Zeitspanne von sieben Tagen. Rosencreutz nimmt an einer Hochzeit teil, die in einem Blutbad endet: Eine Königsfamilie wird geköpft. Ihre Überreste werden daraufhin in sieben Schiffen auf eine abgelegene Insel transportiert und in einen Turm gebracht, der sieben Stockwerke umfasst.

Ebenfalls für die Rosenkreuz-Connection spricht, dass die Bewegung mittlerweile vermehrt die Öffentlichkeit sucht. Zuletzt im Ausgabe 3/2014 15 Goldenes Kreuz mit einer Rose in der Mitte Sonnentempler.

Der rätselhafte Fremde gehörte wohl dem Orden der Rosenkreuzer an.

heisse Phase des Kalten Krieges. Die Welt stand immer noch am Rande eines Atomkrieges. Wollte Christian ein Zeichen setzen?

Wollte er die Menschen wachrütteln? Oder dachte er noch weiter? Glaubte er, dass ein nuklearer Zwist unausweichlich sei und einen Grossteil der Menschen auslöschen würde?

Möglicherweise wollte der Mann mit seinen »Guidestones« den Überlebenden einer atomaren Katastrophe tatsächlich Hilfestellungen bieten. Damit sie im postapokalyptischen Desaster Uhr- und Jahreszeit bestimmen können. Damit sie sich mit anderen Überlebenden austauschen können. Damit sie Richtlinien besitzen, nach denen sie künftig weiser handeln können. Damit sie nicht dieselben Fehler begehen wie die Zivilisationen vor ihr.

Was auch immer Robert C. Christians Absicht war: Sein Monument sorgt bis heute für Gesprächstoff. In diesem Sinn hat er sein Ziel erreicht. Denn so obskur manches seiner Gebote auf den ersten Blick auch scheinen mag: Der Ruf nach mehr Gerechtigkeit, weniger Extremismus und mehr Sorge zur Natur kann auch im 21. Jahrhundert nicht oft genug wiederholt werden.

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Die im Boden eingelassene Platte samt (absichtlich?)

undatiertem Hinweis auf eine Zeitkapsel.

rdie Zukunft – Abbildung 2
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