RäTselhafte Weltkarte Aus Dem 16. Jahrhundert Entdeckt

Sensationsfund in Bayern

Überraschung in der Münchner Unibibliothek: Durch Zufall stiess eine Mitarbeiterin in einem uralten Buch auf eine verschollen geglaubte Globus-Segmentkarte von Martin Waldseemüller. Unklar bleibt, woraus der Priester sein geniales geographisches Wissen damals schöpfte.

Das Wissen des Priesters Martin Waldseemüller (um 1470– 1522) verblüfft selbst Ungläubige. Um 1507 erstellte der süddeutsche Kartograf eine visionär anmutende, zwölfteilige Weltkarte, auf der ein grosser Ozean westlich des «neuen» Kontinents Amerika dargestellt ist – der Pazifik. Etwas, das man damals in Europa noch gar nicht wissen konnte! Ebenso wenig, dass es sich bei der «Neuen Welt» um einen ganzen Kontinent handelt, wie ihn die Karte bereits zeigt.

Auch die erstaunlich präzis umrissene Form Südamerikas sorgt bis heute für Verwunderung. Teilweise ist die Breite des Kontinents bis auf 100 Kilometer korrekt wiedergegeben. Woher schöpfte der Priester sein für die damalige Zeit visionäres Wissen? Wer flüsterte ihm ein, was damals niemand wusste?

Das kostbare Einzelstück (Bild unten), das jahrelang in der Fürstlich Waldburg-Wolfeggschen Bibliothek in Leutkirch (Baden-Württemberg) aufbewahrt worden war, wurde 2007 für zehn Millionen Dollar an die Kongressbibliothek in Washington verkauft. Wie durch ein Wunder ist in der Münchner Universitätsbibliothek jetzt eine verschollene zeitgenössische Kopie der Karte aufgetaucht – eine Art «Bastelbogen» für Gelehrte (siehe Bild auf den folgenden Seiten). Das Münchner Exemplar dürfte nach dem Erstdruck von 1507 im elsässischen Raum entstanden sein.

Gefunden hat diese kleinere, faltbare Globuskarte von Waldseemüller die Bibliothekarin Elke Humml durch Zufall – in einem falsch katalogisierten Buch. Ein Sensationsfund! Umso mehr, als Waldseemüllers Wissen den Gelehrten bis heute Rätsel aufgibt.

Nicht nur John Hessler von der Geografie- und Kartenabteilung der amerikanischen Library of Congress wittert in dieser Angelegenheit verlorenes Wissen: «Es besteht die Möglichkeit, dass der deutsche Kartograph etwas kannte, was nicht länger vorhanden ist – eine Information, die wir nicht mehr haben.»

Hatte man dem Priester einen Maulkorb verpasst?

Stutzig machte Hessler nicht zuletzt, dass Waldseemüller 1516 beim Zeichnen eines späteren, weitaus konservativeren Kartenwerks massiv zurückruderte – mit der zweideutigen Bemerkung, seine frühere Darstellung der Welt sei «voller Irrtümer, Wunder und Konfusionen» gewesen, was «nur sehr wenige Leute erfreute, wie wir erst jetzt verstanden». Hatte der kecke Priester für seinen ketzerischen Mut eins auf den Deckel bekommen?

Auch der Name «America» stammt übrigens von Waldseemüllers Karte – als Reminiszenz an Amerigo Vespucci (1451– 1512). Dass er die Entdeckung dem in Italien geborenen und in Spanien gestorbenen Seefahrer fälschlicherweise untergejubelt hatte, bemerkte der deutsche Geistliche leider erst später. Verzweifelt versuchte er den Namen zu revidieren. Doch vergeblich: «America» war längst in aller Munde und als allgemein anerkannter Begriff in den Sprachschatz eingegangen.

red.