Papst-AttentäTer: «Emanuela Orlandi Lebt – In Der TüRkei»

Vor fast dreissig Jahren verschwand Emanuela Orlandi spurlos aus dem Vatikan. Auf der Suche nach der Leiche des Mädchens haben Ermittler das Grab eines Mafia-Bosses geöffnet. Doch der Fall bleibt rätselhaft. Nun sorgt Papst-Attentäter Ali Agca für weitere Verwirrung.

Wo steckt Emanuela Orlandi? Am 22. Juni 1983 war die damals 15-jährige Tochter eines Hofdieners von Papst Johannes Paul II.

nach dem Musikunterricht unweit der Basilika Sant’Apollinare verschwunden. Bald brodelte die Gerüchteküche. So soll, wie gemunkelt wurde, ein anonymer Anrufer vom Heiligen Stuhl im Austausch für Emanuela die Freilassung des Papst-Attentäters Ali Agca gefordert haben. Entsprechende Ermittlungen führten aber in eine Sackgasse.

Die Staatsanwaltschaft hielt eine andere Version für glaubwürdiger: Sie vermutete die Mafia hinter der Entführung.

Grund: Die Vatikanbank sollte gezwungen werden, das Geld zurückzugeben, das Mafiaboss Enrico De Pedis bei ihr investiert hatte. Offenbar hatte sich De Pedis noch vor seinem Tod mit der Kurie versöhnt, ehe ihn 1990 ein Killerkommando erschoss. Wie sonst ist zu erklären, dass er in der Basilika Sant’Apollinare des Geheimbundes Opus Dei bestattet wurde? Dieses Privileg ist sonst nur Kardinälen und hohen Kirchenmännern vorbehalten.

Auch die Angehörigen von Emanuela Orlandi schlossen nicht

Beerdigt worden war der Mafiaboss in der Basilika des Opus Dei.

aus, dass Emanuela mit De Pedis beigesetzt worden war und drängten auf eine Graböffnung. Bestärkt wurden sie durch eine Aussage von der ehemaligen Geliebten des Mafioso, die verlauten liess, dass die Drahtzieher «im Vatikan sitzen». Doch als nun am 14. Mai 2012 das Grab von Enrico De Pedis in der Basilika Sant’Apollinare in Rom geöffnet wurde, war die Ernüchterung gross: Im Sarg befand sich eindeutig der Mafia-Boss, der im Februar 1990 erschossen worden war.

Man entdeckte in der Krypta zwar noch weitere menschliche Knochen, aber nicht die geringste Spur von Emanuela. Seither haben andere Theorien Hochkonjunktur. Und von denen gibt es jede Menge, zumal zum «Fall Orlandi» mittlerweile über ein Dutzend Bücher erschienen sind.

Entführt – um Ali Agca freizupressen?

Wurde das Mädchen als Sexsklavin missbraucht? Hatten kommunistische Geheimdienste ihre Hände im Spiel? War Emanuela Orlandi in Wirklichkeit eine Tochter von Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, dem langjährigen Chef der Vatikanbank? Lebt sie heute unter neuer Identität in der Türkei? Letzteres behauptet Ali Agca. Der türkische Rechtsextremist, der 1981 Papst Karol Wojtyla mit drei Schüssen schwer verletzte und im Jahr 2010 aus der Haft entlassen wurde, meldete sich kürzlich in der Mailänder Tageszeitung «Corriere della Sera» zu Wort.

Er schwöre bei Gott, dass Emanuela Orlandi lebe, sagte Agca, und zwar irgendwo in der Türkei: «Kein Land, keine Institution und kein westlicher Geheimdienst sind in den Fall verwickelt. Das Mädchen wurde entführt, um meine Freilassung zu erzwingen. Alle anderen Spekulationen stammen von verlogenen und paranoiden Personen. Emanuela Orlandi geht es gut, sie betet täglich und hat nie Gewalt erlitten.»

og.

Erinnerungstransparent.

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Ausgabe 5/2012

Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 2
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 3
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 4
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 5
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 6
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 7
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 8
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 9
Papst-Attentäter: «Emanuela Orlandi lebt – in der Türkei» – Abbildung 10