Dass Lee Harvey Oswald die tödlichen Schüsse auf US-Präsident John F. Kennedy abgefeuert hat, ist so gut wie sicher. Doch war der Linksextremist wirklich ein Einzeltäter? Ein ehemaliger CIA-Chef behauptet nun: Fidel Castro war über Oswalds Absichten bestens informiert – und unternahm nichts, um den Killer zu stoppen.

Kennedy-Mord: Castro wusste

lorentino Aspillaga traute seinen Ohren nicht. Doch der Befehl war unmissverständlich. Am Morgen des 22. Novem-Fber 1963 erhielt der Mann von seinem Vorgesetzen die Weisung, die CIA «für einen Tag vom Radar zu nehmen», also keine CIA-Funkverbindungen abzuhören. Stattdessen solle er sich auf «jedes noch so kleine Detail aus Texas konzentrieren».

Der überraschte Aspillaga tat wie ihm geheissen. Nicht mal drei Stunden später konnte der damals für den kubanischen Nachrichtendienst tätige junge Offizier von dort bereits eine Meldung rapportieren. Jene Nachricht, welche die Welt in Trauer versetzen sollte: John F. Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, war in Dallas erschossen worden.

«Castro wusste mit hundertprozentiger Sicherheit, dass an jenem Tag Schüsse auf Kennedy abgefeuert würden», enthüllte Aspillaga gegenüber dem Buchautor Brian Latell, der dieses pikante Detail nun in seinem soeben erschienenen Werk «Castro’sSecrets» veröffentlicht. Dass Castro aktiv an dem Attentat beteiligt war, glaubt Latell aufgrund seiner Recherchen aber nicht. Er spricht stattdessen von einer «Verschwörung des Schweigens».

Kurz: Der Máximo Líder habe zwar gewusst, dass Kommunist Lee Harvey Oswald auf Kennedy schiessen würde, habe es aber bewusst unterlassen, den Mann, den er als den «grössten und gefährlichsten Feind der Revolution» bezeichnete, vor der tödlichen Gefahr zu warnen.

«Castro wusste, dass Kennedy ihn beseitigen wollte» Brian Latell ist nicht irgendwer. Als ehemaliger Lateinamerika-Chef der CIA weiss er brisante Informationen sehr wohl zu gewichten. Fidels damaliges Schweigen interpretiert er als eine Art Selbstverteidigung: «Castro fürchtete Kennedy. Er wusste, dass Kennedy ihn aus der Welt schaffen wollte.» Tatsächlich hatte die CIA damals mehrere Attentate auf Castro in die Wege geleitet, und just an dem Tag, an dem JFK getötet wurde, soll ein amerikanischer Geheimagent beauftragt worden sein, den kubanischen Staatsführer mit einer vergifteten Füllfederhalter-Waffe ins Jenseits zu befördern. Attentäter Oswald kam Castro also wie US-Präsident John F. Kennedy unmittelbar vor seiner Ermordung in Dallas.

Rechts neben ihm seine Frau Jacqueline (22. November 1963).

gerufen. «Am 22. November 1963 waren die Absichten von Castro deleien, Verfälschungen, Halbwahrheiten und fehlerhaften Senund Oswald identisch», bilanziert Latell trocken.

sationen voll gespickte Dokumentation» auszustrahlen.

Ex-CIA-Chef Latell untermauert seine These mit Interviews, Ex-CIA-Mitarbeiter Brian Latell trägt mit seinem Buch nun zudie er mit kubanischen Spionen geführt hat, und einer Menge mindest indirekt zur Ehrenrettung der kritisierten ARD-Reporter Material (geheime Akten und Tonbänder), die er im Laufe seiner bei. Denn auch er stützt sich auf Zeugenaussagen, wonach sich langjährigen Recherchen gesammelt hat. «Alles was ich schrei- Oswald einige Wochen vor dem Attentat angeblich in Mexikobe, lässt sich mit Dokumenten und Aufnahmen belegen», sagt City aufgehalten hat. Die Betonung liegt auf «angeblich» – denn Latell, der heute als Dozent am Institute for Cuban and Cuban handfeste Beweise dafür fanden sich bisher nicht. Das ist inso- American Studies der University of Miami fern bemerkenswert, als die CIA die Botarbeitet. «Ich behaupte nicht, dass Fidel schaften der Sowjetunion und Kubas in Castro den Mord befohlen hat. Auch nicht, Mexiko-City damals rund um die Uhr überdass Oswald sich unter seiner Kontrolle wachten. Personal und Besucher wurden befand. Es könnte so sein, aber dafür ausnahmslos fotografiert.

habe ich keine Beweise gefunden.»

Obwohl es etliche Möglichkeiten gab, Als Indiz für die Mitwisserschaft Cast-Oswald bei einem seiner Besuche in der ros wertet Latell einen Vorfall, der sich kubanischen oder sowjetischen Botschaft im Oktober 1963 in der kubanischen abzulichten, ist kein derartiges Bild von Botschaft in Mexiko City ereignete. Osihm vorhanden. Im Falle der kubanischen wald, der sich als Anhänger Castros und Botschaft bestätigten hochrangige Mitarals Marxist-Leninist ausgab (er hatte drei beiter der CIA zudem ausdrücklich, dass Jahre in der Sowjetunion gelebt), soll sich die Fotoüberwachung in den Zeiten, in dort um ein Einreisevisum für Kuba bedenen Oswald angeblich dort weilte, aktimüht haben. Nachdem man ihm eine Abviert war. Und derart unprofessionell, um fuhr erteilte, soll er angekündigt haben, Oswald – der in den USA als kommunisti- Kennedy zu töten, um seine «kommunisscher Agitator aktenkundig war – zu übertische Ergebenheit zu beweisen».

sehen, dürften die amerikanischen Spitzel kaum gewesen sein. Oder etwa doch?

Kontroverse ARD-Dokumentation Was stutzig macht: Zeugen aus Dal-Eine Schlüsselrolle spielt Oswalds Mexilas gaben zu Protokoll, dass der spätere Ex-CIA-Mitarbeiter Brian Latell: «Castro ko-Reise auch in der ARD-Dokumentation war über das Attentat informiert.»

Attentäter bei ihnen in Texas zu Besuch «Rendezvous mit dem Tod – Kennedy weilte, und zwar just zu dem Zeitpunkt, und Castro», die am 6. Januar 2006 ausgestrahlt wurde. In der als sich derselbe Oswald in Mexiko aufgehalten haben soll. Lie- 850’000 Euro teuren TV-Produktion behaupteten die Autoren fert ein Doppelgänger des Rätsels Lösung? Tatsächlich hörte Wilfried Huismann (dreifacher Grimme-Preisträger) und Gus die CIA damals ein Telefonat des angeblichen Oswald mit der Russo, den Mordfall Kennedy gelöst zu haben: Todesschütze sowjetischen Botschaft ab, in dem dieser ein «schreckliches, war demnach Oswald, und als Drahtzieher agierte der kubanischwer erkennbares Russisch spricht», wie in einer Aktennotiz sche Geheimdienst unter der Regierungsverantwortung von Fivermerkt wurde. Damit konnte aber nicht der «echte» Oswald gedel Castro.

meint sein. Denn dieser sprach fliessend Russisch, las Werke Oswald, so heisst es in der Reportage der ARD, habe in der von Dostojewski im Original und lernte ganze Opern in dieser kubanischen Botschaft in Mexiko-City samt Bargeld den Auftrag Sprache auswendig. FBI-Chef J. Edgar Hoover sagte später: «Es zur Ermordung des amerikanischen Präsidenten erhalten. Die scheint, als wäre eine zweite Person in der sowjetischen Bot-Geschichte des Kalten Krieges müsse umgeschrieben werden, schaft gewesen.»

plädierten denn auch die Verantwortlichen des Senders, als sie Mit anderen Worten: In Mexiko könnte ein Hochstapler in Erden Film den Medien lautstark vorstellten. Mit dieser Aussage scheinung getreten sein. Wollte jemand eine verräterische Spur schossen sie jedoch übers Ziel hinaus. Wäre der Killer, der die nach Kuba legen, damit sich die Beziehungen zwischen Cast-Schüsse auf Kennedy abgab, ebenso unpräzise gewesen wie die ros Staat und den USA nach dem Attentat derart verschlechtern ARD-Autoren bei ihrer Recherche, würde der US-Präsident heute würden, dass die USA gegen den kommunistischen Insel-Staat wohl noch leben.

militärisch vorgehen würden?

Dieser Meinung sind zumindest die beiden Autoren Lothar Buchholz und Ekkehard Sieker. In ihrem selbstverlegten Ta-Wer zog die Fäden im Hintergrund? schenbuch «Rendez-vous mit der Quote. Wie die ARD Kennedy Unbestritten ist: Oswald war der Killer. Wer aber waren die Drahtdurch Castro ermorden liess» zerfleddern sie die Reportage nach zieher? Diese Frage sorgte bereits nach dem Mord für hitzige Strich und Faden. Schritt für Schritt widerlegen sie mit Zeugen-Debatten. US-Präsident Lyndon B. Johnson, der Nachfolger von aussagen und Dokumenten die Thesen des Films. Nur auf eine JFK, bildete eine Woche nach dessen Tod eine Kommission, wel- Frage haben Buchholz und Sieker keine Antwort: Weshalb die che die Hintergründe des Attentats aufklären sollte. Zu diesem ARD es wagte, eine «derartig schlecht recherchierte, mit Schwin-Zeitpunkt war Oswald bereits seit vier Tagen zur letzten Ruhe Ausgabe 5/2012 Amateur-Filmaufnahme von Abraham Zapruder. Sekunden nach dem Attentat versucht Jackie Kennedy in Panik, die Präsidentenlimousine über das Heck zu verlassen.

gebettet, nachdem er in U-Haft vor laufenden Fernsehkameras von Jack Ruby, einem Nachtklubbesitzer mit Kontakten zur Mafia, erschossen worden war.

Die nach ihrem Vorsitzenden, dem US-Richter Earl Warren benannte Kommission, befragte über 600 Personen und analysierte 3000 Beweisstücke, ehe sie zum Schluss kam, dass der 24-jährige Oswald keine Verbündeten bei der Tatausführung hatte und nicht Teil einer in- oder ausländischen Verschwörung gewesen sei. Doch der «Warren-Report» geriet wegen diverser Ungereimtheiten und Fehler bald in die Kritik. Auch deswegen, weil Präsident Johnson, der an eine kubanische Verschwörung gegen Kennedy glaubte, die Kommission angehalten hatte, lediglich die Alleintäterschaft Oswalds zu belegen. Damit sollte den Verschwörungstheorien der Boden entzogen werden. «Wenn gewisse Gerüchte nicht zum Verstummen gebracht werden, könnten die USA in einen Krieg hineingezogen werden, der das Leben von Millionen Menschen bedrohen würde», soll der Präsident Warren ans Herz gelegt haben.

kam ihm mehr als gelegen.kam ihm mehr als gelegen. War Oswald nur der Sündenbock?

Dennoch bereitete die Einzeltäter-These den Nährboden für immer wildere Spekulationen. Dazu trug auch Oswald selbst bei, der bei seiner Einvernahme den Vorwurf der Ermordung Kennedys mit dem Ausruf «Ich bin bloss ein Sündenbock!» bestritt. Ähnlich dachte Jackie Kennedy, die sich nicht damit abfinden wollte, dass ein «dummer, kleiner Kommunist» ihren Mann getötet haben sollte: «Mein Mann hatte noch nicht einmal die Befriedigung, wegen der Bürgerrechte ermordet worden zu sein.»

Bald trieben Verschwörungstheorien die wildesten Blüten. Bereits 1967 kursierten über sechzig unterschiedliche Varianten.

Fidel Castro (um 1959).Fidel Castro (um 1959). Kennedys Tod So stehen neben Castro bis heute folgende Personen und Institutionen im Verdacht, in das Attentat verwickelt zu sein: ► Präsidenten-Nachfolger Lyndon B. Johnson wird nachgesagt, hinter dem Attentat zu stecken, da er der erste Nutzniesser von Kennedys Tod war: Zuletzt verbreitete diese These der Rechtsanwalt Barr McClellan in einem 2003 erschienenen Buch.

► Oder hatte der so genannte militärisch-industrielle Komplex der USA seine Hände im Spiel? Diese Kreise waren verärgert, dass Kennedy der CIA bei der gescheiterten Schweinebucht-Invasion in Kuba keine offene Militärunterstützung gewährt hatte.

Zudem waren sie über seine Abzugspläne aus Vietnam besorgt.

► In fast allen Verschwörungstheorien um die Ermordung Kennedys taucht die Central Intelligence Agency (CIA) auf. Gründe, Kennedy zu beseitigen, hätte auch sie gehabt, hatte doch der Präsident nach dem Schweinebucht-Fiasko gedroht, er werde die CIA «in tausend Stücke zerschlagen».

► Oder war das Attentat gar die Rache der Mafia? Tatsache ist: Als Kennedy Präsident wurde, stiegen die Anklagen gegen die Mafia um den Faktor 11 an. Nach seiner Ermordung fiel die Rate wieder auf das alte Mass zurück.

Weder der Clark-Ausschuss (1967–1968) noch die Rockefeller-Kommission (1975), der Church-Ausschuss (1975–1976) oder ein Sonderausschuss des Repräsentantenhauses (1976– 1979) konnten den Spekulationen ein Ende bereiten. Letzteres Gremium kam zum Schluss, dass «dem Anschein nach keine ausländische Regierung hinter dem Mordanschlag steckt».

Mitglieder des Sonderausschusses waren im April 1978 sogar nach Havanna gereist, um Castro zu befragen. Dieser wusch seine Hände in Unschuld. Wenn er etwas von den Mordplänen gewusst hätte, «dann wäre es unsere moralische Pflicht gewesen, die USA zu informieren», gab der Máximo Líder zu Protokoll. «Ich gehörte zu den naiven Leuten, die glaubten, dass so etwas wie die Ermordung eines amerikanischen Präsidenten niemals geschehen könnte.»

Zynischer gehts kaum. Umso mehr, als die kubanische Führung laut den neuen Enthüllungen von Nachrichtenoffizier Florentino Aspillaga geahnt haben muss, dass in Texas etwas in Busch war. Tatsächlich führte Fidel Castro die USA auch nach dem Attentat an der Nase herum: Rund fünfzig Doppel-Agenten standen für den Máximo Líder während Jahrzehnten unbemerkt im Einsatz. Kein Wunder, überlebte Castro alle Attentate. «Es ist schon schwer, einen Agenten einzuschleusen. Vier Dutzend Doppelagenten aber sind ein Meisterstück», zollt Ex-Geheimagent Brian Latell Anerkennung.

Dreissig Jahre lang informierten die Spione Castro über alle Geheimoperationen der USA. Erst 1987 flog alles auf, als Kubas Top-Agent Aspillaga in Wien in die US-Botschaft überlief. Jener Kronzeuge also, der in Latells Buch den kubanischen Staatsführer nun als Mitwisser von Oswalds Attentat anschwärzt. Aktuelle Bilder von Aspillaga gibt es übrigens keine. Der Mann lebt heute unter falscher Identität. Irgendwo in den USA.

Ausgabe 5/2012

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