«Engelshaar»: Irdisch, üBerirdisch Oder Sogar Ausserirdisch?

Magisches Naturspektakel

Alle paar Jahre schweben in unseren Gefilden seltsame Fäden vom Himmel. Manchmal bedecken sie ganze Felder, um sich später in Luft aufzulösen. Während früher über Mariengarn oder Engelshaar spekuliert wurde, favorisieren Biologen heute kommune Spinnen als Verursacher. Doch das magisch anmutende Spektakel lässt sich damit nur bedingt erklären.

Da sind sie endlich, seine fast schon vergessenen Erinnerungsbilder. Beim Archivieren alter Familienfotos hält er sie plötzlich wieder in den Händen. Und einmal mehr kommt der 57-jährige Ulrich Gottweiss ins Grübeln: Was zum Teufel hatten er und sein Sohn an jenem denkwürdigen Wintertag im Januar 1994 laienhaft auf Zelluloid gebannt?

Der frühere IT-Manager aus Baden-Württemberg ging damals bei Mutlangen auf der Schwäbischen Alb mit seinen Kindern spazieren. Es war sonnig und klar, aber bitterkalt: Minus 20 Grad zeigte das Thermometer an jenem Nachmittag. Warm eingepackt schlenderte die Familie durch die Landschaft – als sich ihnen plötzlich ein skurriler Anblick bot: «Kilometerweit waren über die Felder und Wiesen feine Fäden gespannt», erinnert sich Gottweiss. «So weit das Auge reichte: Alles voller Fäden!»

Einige davon trieb der Wind durch die Luft. Die meisten aber hingen in Bodennähe fest. «Die Fäden waren nie unterbrochen, immer zusammenhängend und das über viele Kilometer.» Sein Sohn, so Ulrich Gottweiss, habe das merkwürdige Zeug mit Hilfe eines Holzstöckchens aufgewickelt, um es mit nach Hause nehmen zu können. Denn wenn man es mit der Hand berührte, «löste es sich in Luft auf».

Daheim wollte die Familie ihren seltsamen Fund unter dem Mikroskop betrachten, doch die Fäden verschwanden, sobald sie auf den Glasträger gelegt wurden. «Aufgrund der Kälte nahm ich zuerst an, dass sie aus Eis bestanden und sich deswegen aufl östen», erinnert sich der «mysteries»-Leser. «Am Holzstück aber blieben sie merkwürdigerweise haften, selbst in der warmen Manteltasche.»

Auch Meteorologen zeigen sich ratlos Für die alteingesessene Bevölkerung auf der Schwäbischen Alb sei dieses Phänomen nichts Neues, erfuhr Gottweiss später.

«Das trete immer mal wieder auf – so alle vier, fünf Jahre, wie mir ältere Landfrauen, Jäger und Bauern erzählten. Die Leute hier nennen es Engelshaar.» Wie das fi ligrane Material entstehe und woraus es bestehe, wisse allerdings niemand. «Aber die meisten in unserer Gegend vermuten, dass es etwas mit der strengen Kälte zu tun hat.» Denn «Engelshaar», so sagte man ihm, werde nur an wirklich frostigen, windigen Wintertagen beobachtet.

Beweisfoto von Ulrich Gottweiss: Weder er noch seine Familie konnten sich 1994 einen Reim auf die hauchdünnen Fäden machen. Kilometerweit überspannten sie mitten im Winter die Felder und Wiesen.

Interessanterweise scheint das Phänomen selbst namhaften Meteorologen unbekannt: So muss etwa der Schweizer TV-Wetterfrosch Thomas Bucheli auf Anfrage von «mysteries» einräumen, dass ihm Gottweiss’ Schilderungen «nichts sagen»: «Ich habe wirklich keine Ahnung, was das sein könnte.» Und auch Carsten Brandt vom Meteodienst «donnerwetter.de» rätselt: «So eine Erscheinung ist mir bisher nicht bekannt.» Er vermute hinter den ominösen Fäden eher «keine natürliche Ursache».

Womöglich handle es sich um eine Form von «Düppel», spekuliert Brandt. Militärflieger stiessen diese Partikel in grosser Höhe zur Täuschung von Radargeräten aus. «Düppel können in verschiedenster Form ausgesetzt werden», erklärt der promovierte Meteorologe. Neu für ihn wäre dann aber, dass sich der militärische «Fallout» bei Hautkontakt auflöst.

Ob Zufall oder nicht: Auf der Schwäbischen Alb hatten die Amerikaner lange Zeit Pershing-Raketen stationiert. Einen Zu-Ausgabe 4/2012 Düppel-Fäden über dem Meer: Dieses Foto entstand bei Tests der deutschen Rüstungsindustrie auf hoher See.

sammenhang mit dem Engelshaar hält Entdecker Gottweiss aber für unwahrscheinlich, ebenso wie Brandt. Hingegen könnte sich der Wetterforscher vorstellen, dass Engelshaar aus ungewöhnlich langen und feinen Frostfäden besteht. Diese würden beim Schmelzen jedoch Wasserspuren hinterlassen. Zudem liessen sich Frostfäden wohl kaum um einen Stock wickeln…

Die Biologie dagegen kennt Phänomene, die Engelshaar gleichen. So fühlt sich der renommierte Insektenkundler und Buchautor Heiko Bellmann von der Universität Ulm bei Gottweiss’ Schilderungen spontan an den «Altweibersommer» erinnert: Bei diesem kuriosen Naturschauspiel begeben sich Aberhunderte von jungen, wenige Millimeter kleinen Zwerg- und Baldachinspinnen gleichzeitig auf Reise. Sie spinnen – auf Ästen oder kleinen Anhöhen sitzend – lange Fäden und lassen sich dann mittels dieser vom Wind erfassen und in die Ferne treiben.

«Je nach Thermik können die Tiere auf diese Weise beeindruckende Distanzen zurücklegen und enorme Höhen erreichen», erläutert Bellmann. Selbst auf Inseln seien sie schon gelandet.

«Altweibersommer-Spinnen wurden sogar schon von Flugzeugen aus gesichtet.» Zwar findet der Altweibersommer «in der Regel im Spätsommer» statt. Doch grundsätzlich könnte dieses Naturschauspiel «zu jeder Jahreszeit auftreten», so der Experte weiter: «Manchmal sogar mitten im Winter, besonders an sonnigen, relativ warmen Tagen. Wenn es dann kurz darauf wieder kalt wird, können sich diese Fäden durchaus noch einige Zeit halten.»

Überzieht die Jungfrau Maria das Land mit Seide?

Bereits alte Volksweisen berichten von ungewöhnlichen Altweibersommern, wie das volkskundliche «Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens» belegt: Auf über drei Seiten beschreibt es das Phänomen und dokumentiert, wie sich die frühere Landbevölkerung dieses magische Naturschauspiel erklärte. So hielten die Menschen im Mittelalter die geheimnisvollen Fäden lange für «geflügelte Boten des Sommers».

Handelt es sich bei Engelshaar somit um ordinäres Spinnensekret? Mit hundertprozentiger Sicherheit kann das bis dato niemand sagen. Denn anderen Volksmythen zufolge sind die haardünnen Seilchen von geradezu himmlischer Herkunft: Die Jungfrau Maria ziehe im Herbst mit 11’000 Jungfrauen herum und überziehe «das Land mit Seide». Interessanterweise taucht in einigen wenigen Volksweisen neben Begriffen wie «Mariengarn» oder «Marienhaar» auch die Bezeichnung Engelshaar auf.

Weitere Legenden verdächtigen «Frau Holle» oder die «Mondspinnerin» als Urheberinnen. Weil unsere Altvorderen keine Ahnung von Spinnen hatten? Oder weil auch ihnen die konventionellen Erklärungen nicht so recht einleuchten wollten?

In parawissenschaftlichen Kreisen werden unter dem Begriff Engelshaar weitere Phänomene als Verursacher debattiert. So fluchen besonders misstrauische Bürger Ausgabe 4/2012 derzeit über «Teufelshaar», weil sie derlei chemischen «Fallout» auf das gezielte Versprühen giftiger Substanzen in unserer Atmosphäre zurückführen («Chemtrails»). Dieser These steht entgegen, dass Engelshaar-Phänomene bereits vor dem Aufkommen des modernen Flugverkehrs beschrieben worden sind.

Auch UFO-Phänomene hinterlassen Engelshaar Weiter scheinen die mysteriösen Gebilde auch eng mit dem Auftreten von UFO-Phänomen verknüpft. So wurden etwa am 27.

Oktober 1954 über Italien am helllichten Tag leuchtende, spindelförmige Flugobjekte beobachtet. In Florenz musste deswegen gar ein Fussballspiel zwischen Fiorentina and Pistoiese unterbrochen werden. Romolo Tuci, damaliger Captain von Pistoiese, sprach gegenüber Journalisten von 15’000 Zuschauern, die über ihren Köpfen bestaunten. Kurz danach habe sich am Himmel ein riesiges Spinnfäden-Gewebe ausgebreitet, das in Form watteartiger Flocken langsam zu Boden segelte (siehe dazu den französischen Zeitungsbericht rechts).

Chemische Analysen des flüchtigen Materials durch die Professoren Giovanni Canneri und Danilo Cozza von der Universität Florenz offenbarten in der Folge ein glasartiges, schmelzbares Material, das Bor, Silizium, Kalzium und Magnesium enthielt.

Keine Zeitungsente, denn 2004 liessen einige der damaligen Augenzeugen ihre Erlebnisse im Stadion für einen italienischen TV-Report nochmals Revue passieren (Google-Suchbegriff: «Ufo – Avvistamento di massa a Firenze 1954»).

Ob somit UFOs, die Jungfrau Maria, militärische Streitkräfte oder ganz gewöhnliche Mini-Spinnen: Wer oder was damals im frostigen Januar 1994 die Felder, Wälder und Wiesen der Schwäbischen Alb kilometerweit bedeckt hatte, lässt sich rückblickend kaum mehr eruieren. Merkwürdig ist das alles allemal, nicht nur für Ulrich Gottweiss.

Jan Fischer zusammen mit den Spielern verdutzt einen «fl iegenden Diskus» Altweibersommer: Dieses Foto aus dem Archiv des Biologen Heiko Bellmann zeigt hauchdünne Fäden von Minispinnen. Ist das wirklich des Rätsels Lösung?

«Engelshaar»: Irdisch, überirdisch oder sogar ausserirdisch? – Abbildung 2
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