Editorial Editorialeditorialeditorialeditorialeditorialeditorialeditorialeditorialeditorialeditorial
2011 weltweit die meisten Kriege seit 1945 hatten? Vermutlich deshalb, weil der Schriftsteller in seinem Pamphlet zwei Punkte streift, die im wahrsten Sinne «fragwürdig» sind: 1. Weshalb ge-
Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?
Haben Sie es ebenfalls bemerkt? Still und heimlich treiben in unseren Gefilden immer mehr Zeitdiebe ihr Unwesen. Emsig schrauben die fiesen Gesellen an unseren Uhren, stibitzen uns hinterrücks Sekunde um Sekunde, streuen uns abends Sand in die Augen und stehlen uns damit die Musse, zu lesen, zu lieben, zu träumen und zu denken. Sie piesacken uns täglich mit PC-Problemen, klauen uns mit kurzen Verkaufsanrufen den längsten Moment, lassen uns an der Kasse im Supermarkt versauern und auf der Autobahn im Stau ergrauen. Endlich zu Hause raubt man uns am TV mit Werbegelaber nächtens die letzte Ruhe, im Vergleich zum Filmton alle paar Minuten in doppelter Lautstärke, um uns aufzuschrecken – bis zum Einschlafen. Fazit: Je weniger Zeit wir haben, desto kostbarer wird das Leben. Selbst Zeit zum Sterben kostet in unserer Welt zunehmend Geld. Viel Geld!
Warum hetzen wir uns im Namen des Zeitgeistes eigentlich immer hektischer zu Tode? Wem nützt es, dass wir ständig noch mehr arbeiten und noch schlechter schlafen? Wieso toben die grössten Aufstände oft in den ärmsten Ländern? Weil die Menschen dort in ihrem Elend zumindest die Zeit haben, auf die Barrikaden zu steigen! Bin ich ein Schlingel, wenn ich behaupte, dass übermüdete Leistungsbürger unseren Herrschern am liebsten sind, weil sie kaum mehr die Kraft finden, aufzumucken?
Der tägliche Stress beginnt bereits morgens am Briefkasten, wo mir neulich ein Werbeprospekt für «Monopoly» die ersten Nerven raubte. Zur Erinnerung: Dank dieses Brettspiels hat man spätere Leistungsträger schon als Kinder spielerisch auf Raffgier getrimmt. Im Gegensatz zu PC-Ballergames schrie damals kein Kuschel-Pädagoge auf. Und das, obwohl sich das in über 100 Ländern verkaufte «Familienspiel» laut Lexikon seit jeher schamlos definiert: «Ziel ist es, ein Grundstücksimperium aufzubauen und alle anderen Mitspieler in die Insolvenz zu treiben.» Bereits 2005 wurde «Monopoly» mit Bankkarten und Kartenlesegerät aufgerüstet. Wie ich erfahre, gibt es nun sogar eine Version für «Kids ab 5 Jahren» (!), damit sie den «Umgang mit Geld lernen», dazu einen waschechten «Monopoly»-Geldautomaten für Kleinkinder (kein Witz!) und hirnverbrannte Werbeslogans wie: «Wenn ‹Monopoly› auf den Tisch kommt und Mama zum Immobilienhai wird, ist die ganze Familie gerne dabei.» Heiliges Kanonenrohr!
Scheinheilige Spiele und ebensolche Sprüche haben derzeit sowieso Hochkonjunktur. Da GRASSiert in Deutschland etwa die Empörung über ein Gedichtchen. Kaum jemand hats gelesen. Aber alle haben eine Meinung dazu. Warum quasselt am TV derzeit eigentlich alles über Günter Grass und keiner darüber, dass wir steht der Westen Israel nach wie vor das exklusive moralische Recht zu, heimlich Atombomben zu basteln, aber Diktaturen wie dem Iran oder Nordkorea nicht? 2. Wieso verschenkt Deutschland seit Jahren nagelneue Top-U-Boote an Israel, die den Steuerzahler bislang fast eine Milliarde Euro (!) gekostet haben?
Werde ich nun, ebenso wie Grass, als Antisemit gebrandmarkt, also als judenfeindlich, nur weil mir das unkoscher scheint? Was hat Kritik am israelischen Regime mit Antisemitismus zu tun?
Und weshalb empört sich alles immer über Judenfeindlichkeit – und niemand über Christenfeindlichkeit, Buddhistenfeindlichkeit oder Atheistenfeindlichkeit? Ehrlich gesagt: Dieses scheinheilige Schwarz-Weiss-Zetermordio hängt mir zum Hals raus! Denn ob hier oder sonstwo: Ein paar Jahre lang regiert die Linke, dann die Rechte, dann wieder die Linke, dann die Rechte etc. Glücklicher wird deswegen niemand. Die Parolen sind längst austauschbar.
Ich behaupte: Es ist immer nur der goldene Mittelweg, der in turbulenten Phasen neue Horizonte eröffnet und die Hoffnung auf bessere Zeiten, die uns Gutes diktiert – nicht die Extremisten links und rechts. Nur wer trotz Zeitnot noch liest, zuhört, denkt, hinterfragt und handelt, bewegt etwas. Sonst droht uns bald der geistige Stillstand: Die intellektuelle Apokalypse! Ein unheimlicheres Szenario als jeder Zykluswechsel im Maya-Kalender.
Und irgendwo da draussen trifft ein maskierter Zeitdieb nach erfolgreichem Raubzug einen Kollegen, um sich mit ihm ein Feierabendbier zu gönnen. «Sorry», winkt dieser hastig ab, «ich habe keine Zeit, ich muss noch arbeiten.» Kein Problem, grinst der Erste und knallt seine pralle Zeitausbeute auf den Tisch: «Ich lade Dich gerne auf ein Stündchen ein!»
Und noch weiter da draussen verstaubt derweil Michael Endes Kinderbuch-Juwel «Momo und die Zeitdiebe». Weil kaum noch einer Zeit hat, es zu lesen.
Luc Bürgin (Herausgeber)









