Das Letzte Geheimnis Der Cheops-Pyramide
Trotz Revolution: Im grössten Pharaonen-Monument wird heimlich weitergeforscht Knapp zehn Jahre musste die Öffentlichkeit darauf warten. Am 29. Mai 2010 kroch ein neuer ferngesteuerter Miniroboter in geheimer Mission durch die mysteriösen Schächte der Königinnenkammer in der Cheopspyramide. Sein Ziel: Die Suche nach der legendären Geheimkammer des Pharaos. In diesen Tagen werden die Ergebnisse endlich offiziell veröffentlicht.
«mysteries» enthült vorab die wichtigsten Erkenntnisse.
s war die Nachricht des Tages. Zahi Hawass (63), Pyramiden-Diktator und Mubarak-Spezi nimmt endlich den EHut. Dies vermeldete die Weltpresse am 7. März 2011: «Hawass wurde als Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung abgelöst. Sein Nachfolger ist Emad Abu Ghazi von der Universität in Kairo.» Bereits einen Tag zuvor bestätigte Hawass auf seiner Webseite, dass er aus freien Stücken abdanke, «weil die Sicherheit unserer Altertümer nicht mehr gewährleistet ist. Nach all den Diebstählen in unseren Museen und Ausgrabungsstätten kann und will ich in diesem Durcheinander nicht mehr wirken.»
Ägyptologen aus ganz Europa spitzten an jenem Tag die Ohren. Denn der Mann mit dem Schlapphut hatte so manche Ausgrabung mit der Peitsche beaufsichtigt. Grabungslizenzen gabs meist nur für regimetreue Ägyptologen. Sponsorengelder versickerten oft im Nirgendwo. Wer dem selbstherrlichen «Pharao» nicht huldigte, war aus dem Rennen. Stattdessen hielt Hawass selber in aller Stille nach den letzten ungelösten Rätseln seiner Vorfahren Ausschau – speziell in der über 4500 Jahre alten Cheopspyramide bei Kairo. Aber auch in und unter der Sphinx, die mit dem Bauwerk unterirdisch verbunden scheint.
Was er dort fand? Vieles. Doch nur weniges teilte der Mann mit der Öffentlichkeit. Und noch weniger davon wurde je sauber dokumentiert. Insofern liess der Rücktritt des ägyptischen Nationalisten niemanden kalt. Denn sein Abgang weckte Hoffnung auf eine liberalere Ausgrabungs- und Informationspraxis.
«Ich würde die momentane Situation mit vorsichtigem Optimismus beurteilen», kommentierte der Ägyptologe Professor Antonio Loprieno, Universitätsrektor von Basel, auf Anfrage von «mysteries» am 29. März 2011. Und weiter: «Die Tatsache, dass jemand aus dem universitären Bereich als Nachfolger von Hawass bestimmt wurde, könnte auf eine künftige engere Verbindung von Universität und Altertümerverwaltung hindeuten.»
Kaum erstaunlich, dass auch weitere europäische Ägyptologen Morgenluft witterten. Ein anderer Fachmann: «Die Pensionierung von Hawass, dem man unter europäischen Ägyptologen immer ziemlich reserviert begegnete, könnte auf gute Zeiten für die Zusammenarbeit hoffen lassen.»
Roboter-Experten verunsichert Wie auf Kohlen sass in jenen turbulenten Wochen im März dagegen Shaun Whitehead – langjähriger Mitarbeiter des Space Research Centre an der Universität Leicester (England). Eng an seiner Seite: Der hochbegabte chinesische Ingenieur und Zahnarzt Dr. TC Ng. Zusammen mit einem internationalen Expertenteam und einem neuen Hightech-Miniroboter sollten sie der Cheopspyramide bis Ende 2011 ihr wohl letztes grosses Rätsel entreissen – auf persönliches Geheiss von Hawass.
Ihr Auftrag: Die endgültige Erkundung der zwei mysteriösen bis zu 60 Meter langen, 20 Zentimeter breiten und hohen «Luftschächte» in der Königinnenkammer. Der eine Gang südlich ausgerichtet, der andere nördlich. An deren Enden: Genial konstruierte «Schatztüren» mit Kupferstiften, auf die sich kein Ägyptologe bis heute einen Reim machen kann.
Aufgespürt hatte die uralten «Minipforten» 1993 der deutsche Ingenieur Rudolf Gantenbrink – ebenfalls mit einem fern- Titelthema Ausgabe 3/11 11 gesteuerten Roboter. Ob eines Missverständnisses gelangte Alle neuen Forschungsresultate blieben bis heute unter seine Entdeckung zu früh in die Presse, worauf Hawass den In-Verschluss. Doch «mysteries» weiss mittlerweile mehr – aus genieur wutentbrannt aus der Pyramide katapultierte, um sich allererster Hand. So konnten Shaun Whitehead und sein Team die Sensation selber unter den Nagel zu reissen.
mit ihrem ferngesteuerten Gefährt 2009/2010 drei erfolgrei- Der Clou: Bis dahin wähnten die Ägyptologen das über 4500 che Expeditionen durch den südlichen Luftschacht in der Che-Jahre alte Riesenbauwerk definitiv erforscht – obwohl darin opspyramide unternehmen: Zwei zu Testzwecken, die dritte – bis heute weder Cheops’ Mumie noch irgendwelche Schätze am 29. Mai 2010 – komplett bis ans Schachtende. Die neuen gefunden wurden. Geschweige denn Hieroglyphen, die den Forschungsresultate sollen dieser Tage in den «Annales du Pharao als Erbauer preisen würden. Arabische Legenden um Service des Antiquités de l'Egypte» veröffentlicht werden. Titel 1400 n. Chr. dagegen erzählen von einer «Geheimkammer» in der Publikation: «First report: Video Survey of the Southern der Pyramide, in welcher «vor der grossen Flut» allerlei Schät-Shaft of the Queen’s Chamber in the Great Pyramid».
ze verstaut worden sein sollen. Darunter «Waffen, die nicht rosten» und «Glas, das sich zusammenfalten lässt, ohne zu «Gantenbrink ist ein grossartiger Mann» zerbrechen», aber auch Prophezeiungen über die Zukunft.
Als treibende Kraft hinter dem ganzen Unternehmen wirkt der- Ein gefundenes Fressen für Hawass! Resultat seiner achtzeit – und das macht ebenfalls neugierig – Farouk El-Baz (73) tägigen Untersuchung samt neuem Videoroboter, deren Ende von der University of Boston. Der bekannte ägyptisch-amerikaim Dezember 2002 live im US-TV übertragen wurde: Hinter den nische Geologe und frühere NASA-Astronautentrainer amtete kleinen Abschlusssteinen mit den Kupferklammern befindet speziell für den chinesischen Zahnarzt und Superingenieur Dr.
sich eine künstlich angelegte Mini-Kammer, zumindest im Ng als «Türöffner» – in seiner Funktion als direkter Berater für Südschacht. Und dahinter womöglich die bislang unbekannte die ägyptische Antikenbehörde. «Ohne El-Baz hätte unsere Ex-Schatzkammer des Pharaos. Was sich darin wohl befinden pedition nie stattfinden können», betont Shaun Whitehead.
mag? Mysteriöse Schriftrollen? Cheops’ Gebeine? Goldschät-Erst durch dessen Empfehlungsbrief sei Hawass auf Dr. Ng und ze? Oder gar ein Relikt aus einer anderen Welt?
ihn aufmerksam geworden.
Besonders brisant: Bis heute unter Verschluss gehalten Ihrem deutschen Vorgänger winden die Beiden ebenfalls wurde damals der Fund zweier «Kristalle» im Südschacht ein Kränzchen: «Eine der allerersten Referenzen, die ich bei der («vermutlich aus moderner Zeit») sowie zwei weitere Objekte, Planung unserer neuen Mission zu Rate zog, waren die umdie mit Hilfe des Rovers geborgen werden konnten. Am Anfang fangreichen Daten auf der Homepage von Rudolf Gantendes Nordschachts wiederum stiess der Roboter nach rund 20 brink», verrät Whitehead. Und auch Dr. Ng ergänzt auf Anfrage Metern ebenfalls auf kuriose Dinge – darunter ein altes Einvon «mysteries»: «Gantenbrink ist ein grossartiger Mann. Leitrittsticket zu den Pyramiden und zur Sphinx! Warum wurde der hat er damals einen taktischen Fehler begangen…»
die Öffentlichkeit damals nicht darüber informiert? Speziell Konkrete Ergebnisse ihrer Schatzsuche durften die Proüber die beiden Kristallobjekte? Spekulieren ist erlaubt.
jektverantwortlichen bei Druckbeginn dieser Ausgabe (Ende Auch Zahi Hawass wollte es genauer wissen. Also liess er April) offiziell noch nicht ausplaudern. «mysteries» aber weiss, Shaun Whitehead und dessen Team ab 2009 mit einem dritten dass der neue Roboter mit seiner Kamera am Ende des Süd-Mini-Roboter weiterforschen. Deckname der neuen Mission: schachts zum zweiten Mal nach 2002 hinter die dortige Türe «Djedi-Projekt». Als Sponsorpartner fungiert die Uni Leeds.
mit den Kupferklammern in den dahinter befindlichen Hohlraum spähte!
Dazu ein Projektinsider: «Sie können sich vorstellen, dass man sich in der ersten Projektphase im Südschacht nicht beeilte, mit dem neuen Gefährt bereits zu bohren, um endlich in die ganz hinten vermutete Geheimkammer vorzudringen. Vielmehr nahm man vorab genauere Messungen und Analysen vor. Sie können sich ebenso ausrechnen, dass man dabei auch die nagelneue, rundum bewegliche Schlangenkamera benutzte – und damit deutlich mehr im 2002 entdeckten Hohlraum filmen konnten als bisher.»
Ebenso stiess das Team bei seinen Filmaufnahmen am Schachtende auf etliche rote und schwarze Markierungen der damaligen Handwerker, die den Experten derzeit noch Rätsel aufgeben.
2010: Das «Djedi-Team» mit Hawass (Mitte). Ganz rechts: Leiter Shaun Whitehead.
Zudem bemerkte man an der linken Sei-Ausgabe 3/11 Titelthema Querschnitt durch die grosse Pyramide: Wo liegt Cheops’ Geheimkammer?
1Königinnen-Kammer: Hier wird derzeit geforscht.
2Steintüre am Ende des Südschachts: Das Unterteil des rechten Stiftes wurde von Hawass’ Team 2002 beschädigt, als man ein Loch für die Kamera bohrte. Das Unterteil des linken Stücks war bereits abgebrochen.
32002 entdeckter Hohlraum: An dessen Hinterwand soll in diesem Jahr endlich gebohrt werden.
4Befindet sich hier die Geheimkammer des Pharaos? 5Ende des Nordschachts, ebenfalls mit zwei Kupferklammern: Befindet sich hier ein zweites Versteck?
6Königskammer: Hier steht der leere Steinsarkophag. 7Grosse Gallerie: Ein Paradies für Touristen.
8Ursprünglicher Eingang in die Cheopspyramide. 9Heutiger Eingang in die Cheopspyramide.
te des Hohlraums eine dunkle zersplitterte Stelle, bei der einst eine «chemische Reaktion» stattgefunden haben dürfte.
Und dann wären da auch noch die Gerüchte über die rechte Kupferklammer am vorderen Abschlussstein des Südschachts.
Warum war der Unterteil dieses uralten Metallstücks nach Hawass’ Expedition von 2002 plötzlich abgebrochen – ohne dass darüber ein Wort verloren wurde? Hatte die US-Firma iRobot gepfuscht, wie «mysteries» seit Jahren vermutet?
Ja – wie unser anonymer Top-Informant klarstellt: «Hawass und alle Involvierten wissen längst, dass das damalige Team mit ihrem Roboter das rechte Kupferstück am Ende des Südschachts irreparabel beschädigte, als sie ihre ‹Impact Echo›- Titelthema Ausgabe 3/11 Schlägt der Fluch des Pharaos erneut zu?
Darf man altägyptischen Herrschern ihre letzten Geheimnisse entreissen? Wie «mysteries» aus verlässlicher Quelle zu Ohren kam, kämpfte auch das «Djedi-Project» in den letzten Monaten mit dem berüchtigten «Fluch der Pharaonen». Kurz vor Weihnachten 2010 verstarb überraschend der kanadische Teammitarbeiter Ron Grieve – jener Forscher, der das Ende des Südschachts in der Tragischer Todesfall. Teammitglied Ron Grieve (3. v. r.) starb Ende 2010.
Cheops-Pyramide wenige Monate zuvor mit seinem Ultraschall-Gerät als erster Mensch der Welt nach weiteren Geheimkammern abklopfte.
Zwei weitere Teammitglieder kämpften in den letzten Monaten ebenfalls mit sehr schweren Erkrankungen. Offiziell Auskunft geben mag darüber derzeit noch niemand.
«mysteries» drückt dem Team jedenfalls beide Daumen – auf dass es seine Mission baldmöglichst ohne weitere gesundheitliche Schicksalsschläge beenden kann.
2010 erfolgreich in der Pyramide unterwegs: Dr. TC Ng aus China mit dem neuen Roboter, am Eingang des Südschachts.
Utensilien benutzten. Sie können sich ausrechnen, dass man während der neuen Untersuchung 2010 mithilfe der Kamera auch nach allfälligen Metallresten am Boden des Schachtes Ausschau hielt. Es scheint so, als ob man fündig geworden wäre.»
Eine weitere, abschliessende Roboter-Expedition soll noch in diesem Jahr stattfinden. Dann würde, wie es heisst, am Ende des Hohlraums im Südschacht womöglich endlich auch gebohrt – um mittels Mini-Kamera einen ersten Blick in die dort vermutete Schatzkammer zu erhaschen. Analog dazu soll 2011 auch das ähnliche «Ende» des Nordschachts entsprechend inspiziert werden.
Die Rückkehr der Mumie: Hawass’ Auferstehung Aber eben: Ohne Hawass geht in Ägypten kaum etwas. Und so versteht es sich von selbst, dass die Verantwortlichen des «Djedi-Project» im März 2011 nach dem Abgang des Pyramiden-Diktators konsterniert Däumchen drehten, weil sie nicht wussten, welcher neue ägyptische Chefbeamte über das weitere Schicksal ihrer grösstenteils selbstfinanzierten (!) Expedition entscheiden würde.
Farouk El-Baz, der amerikanisch-ägyptische «Mentor» des Roboter-Projekts blickte derweil gelassen in die Zukunft. «Es ist völlig normal nach jeder Revolution, dass sich die Dinge in den folgenden Monaten einpendeln müssen», betonte der einflussreiche Strippenzieher in jenen turbulenten Tagen gegenüber «mysteries». «Ich habe bereits mit dem neuen ägyptischen Premierminister Essam Sharaf gesprochen, und er setzt sehr grosses Vertrauen in Dr. Hawass, wie er mir persönlich versicherte!»
Kein Wunder also, dass die Sonne für die «Roboter-Truppe» bereits wenige Tage später wieder aufging. Am 30. März 2011 entpuppte sich der freiwillige Rücktritt von Ägyptens Pyramidenboss nämlich als cleveres Manöver, wie es sonst nur Berlusconi oder Putin erfolgreich zelebrieren: Völlig überraschend vermeldeten Medien in aller Welt an diesem Tag Hawass’ triumphale Rückkehr als Kulturminister – zumindest in die neue Übergangsregierung, die in Ägypten bis Ende 2011 herrschen soll. Wenige Tage später strahlte der Mann mit dem Schlapphut nach einmonatiger Abstinenz denn auch bereits wieder in eine Videokamera und gelobte ebenso pathetisch wie händeringend Besserung: «Ich werde gut sein – zu jedermann!»
Und tatsächlich: Kurz vor Druckbeginn dieses Hefts antwortete Zahi Hawass «mysteries» auch persönlich – zum allerersten Mal überhaupt. «Das Djedi-Projekt wird weitergehen», liess er uns kurz nach seiner Wiedereinsetzung exklusiv wissen.
«Ein konkretes Datum dafür steht noch aus. Aber ich werde das Team und die Universität Leeds bald kontaktieren und ein neues Zeitfenster vereinbaren, damit wir die Arbeiten fortsetzen können – vermutlich irgendwann später in diesem Jahr.»













