Auf Leben Und Tod: Heimlicher Krieg In Der Antarktis
Walfänger und Tierschützer liefern sich erbitterte Seeschlachten
Schallkanonen, Laserwaffen, «Totenkopf»-Helikopter und schwarz lackierte Boote mit Antiradar-Beschichtung: Von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert tobt rund um die Antarktis ein regelrechter Hightech-Krieg. Japanische Walfänger liefern sich dort mit militanten Tierschützern heftige Schlachten.
ie See tobt. Der Stahlkoloss schiebt schäumende Wellen vor sich her. Erbarmungslos hält er auf das Dkleine, quer vor ihm dümpelnde schwarze Speed-Boot zu. Immer näher kommt er dem futuristisch anmutenden Vehikel – ohne auszuweichen. Gerade noch rechtzeitig können dessen sechs Besatzungsmitglieder ins Heck flüchten, bevor es gewaltig kracht und der Ozeanriese über die Spitze ihres Gefährts hinwegwalzt. Fast komplett drückt er das Boot unter Wasser und rauscht unbeirrt weiter.
Im Bug des gerammten schwarzen Trimarans klafft ein riesiges Loch. Von der Bootspitze sind nur noch Trümmer und Splitter übrig. Beim schwer beschädigten Hightech-Flitzer handelt es sich um die «Ady Gil» der amerikanischen Tierschutzorganisation «Sea Shepherd» – attackiert von einem Begleitschiff japanischer Walfänger. Bei der Kollision bricht sich ein Tierschützer mehrere Rippen. Die «Ady Gil» beginnt kurz darauf zu sinken, andere Boote retten die Besatzung.
Der dramatische Crash bildet den Höhepunkt eines regelrechten Seekriegs, der zwischen militanten Tierschützern und entnervten Walfängern in den Gewässern der Antarktis tobt. Pures Glück, dass es bei diesem Zwischenfall keine Toten oder Schwerverletzten gegeben hat. Denn während der aktuellen Walfang-Saison ist die Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien massiv eskaliert.
«So brutal und rücksichtslos wie dieses Jahr sind die Walfänger noch nie vorgegangen», bestätigt «Sea Shepherd»- Präsident Paul Watson (59). Denn bereits wenige Tage nach
So brutal wie in diesem Jahr agierten die Walfänger noch nie.
der Kollision mit der «Ady Gil» rammte ein anderes Walfangboot erneut ein Schiff der Tierschützer und riss ebenfalls ein Leck in dessen Bordwand.
Gegen den «Sea Shepherd»-Helikopter setzten die Japaner sogar ein «Long Range Acoustical Device» (LRAD) ein – eine Schallkanone!
«Ein unglaublich skrupelloses Vorgehen», schimpft der beschossene Helikopter-Pilot Chris Aultman schockiert. Der Mann hatte Glück und konnte seine Maschine nach dem Angriff sicher landen. Aber: «LRAD werden als militärische Waffen eingestuft. Sie können Brechreiz und Besinnungslosigkeit verursachen. Entsprechend gefährlich und verantwortungslos ist es, solche Waffen gegen Piloten einzusetzen.»
Der Konflikt zwischen den beiden Parteien eskaliert nicht Ausgabe 3/10 Umwelt Angriff auf Japans Walfänger (oben).
«Sea Shepherd»-Aktivisten im Einsatz.
Untergang der «Ady Gil» (l. u. r.). Die Waljäger rammten das Hightech-Boot der Tierschützer mit voller Absicht.
ohne Grund. Seit über 30 Jahren versuchen die Umweltaktivisten von «Sea Shepherd», Walfänger zu stoppen oder zumindest zu bremsen. Und das mit Erfolg: Immer seltener gelingt es den Japanern, mit ihren Harpunen Wale zu töten.
Mittlerweile erreichen sie oft nicht einmal mehr die Hälfte der angestrebten Fangquoten. Entsprechend gereizt reagieren die Fischer, wenn sie über Wochen von den «Sea Shepherd»- Booten begleitet, überwacht und behindert werden.
Umweltorganisationen wie «Greenpeace», «WWF» und eben «Sea Shepherd» ebenso wie die meisten Mitgliedstaaten der Internationen Walfangkommission sind überzeugt: Die Japaner jagen die imposanten Meeresriesen illegal. Die Forschungszwecke, mit denen Japan seine Waljagd stets begründet, seien nur vorgeschoben. Zudem wird den Japanern vorgeworfen, auch in internationalen Schutzgebieten zu harpunieren. «Sea Shepherd» agiert bei ihren Aktionen ebenfalls nicht zimperlich. Die Aktivisten treten meist martialisch vermummt auf – mit Totenkopf-Flagge. Und auch sie rammen mit ihren Schiffen gerne mal Walfang-Trailer. Sie rühmen sich sogar damit, schon mehrere Schiffe ihrer Kontrahenten versenkt zu haben – aber ausschliesslich in Häfen, wie «Sea Shepherd»-Chef Paul Watson betont. Und ohne dabei Umwelt Ausgabe 3/10 11 Menschen zu gefährden. «Wir gehen aggressiv vor», räumt der Haudegen ein, «zerstören Harpunen, Netze und Langleinen der Walfänger.
Aber wir haben noch nie einen einzigen Menschen verletzt – und werden dies auch «Ady Gil» wird nie tun.»
Ohne Unterlass versuchen die Tierund sinkt. Ein schützer, die Walfänger auf hoher See Aktivist erleidet mit Hochleistungs-Laserstrahlen zu dabei massive blenden oder mit Seilen und Bojen de- Verletzungen.
ren Schiffsschrauben und Ruder zu blockieren. Sie schmeissen Stinkbomben mit Buttersäure oder auch Farbbeutel auf Walfang-Schiffe und hoffen, damit den Fang der Fischer unbrauchbar zu machen.
Die japanische Regierung bezeichnet die «Sea Shepherd»-Aktivisten deshalb stets als «Öko-Terroristen». Die Tierschützer dagegen berufen sich bei ihrem Vorgehen auf die UN-Charta zum Schutze der Natur, nach der schliesslich jeder verpflichtet sei, «die Umwelt zu verteidigen».
Nerven liegen blank Die Walfänger antworten auf die Attacken der Tierschützer zunehmend gereizt und gewalttätig. Immer häufiger setzen sie neben Wasserkanonen sogar Tränengas- und Blendgranaten ein – und schrecken nicht einmal vor lebensgefährlichen Waffen wie den erwähnten Schallkanonen zurück.
Weil das Rammen und Versenken der «Ady Gil» juristisch bisher ungeahndet geblieben ist, fühlen sich die japanischen Fischer nun offensichtlich zu allem berechtigt, konstatiert der «Sea Shephard»-Boss Paul Watson. Seine australischen und neuseeländischen Crewmitglieder schwebten in akuter Lebensgefahr, kritisiert er. «Hier draussen herrscht ein regelrechter Krieg, ein Wal-Krieg – aber wir haben keinesfalls die Absicht klein beizugeben!»
Immerhin: Nach längerem Zögern wollen Australien und Neuseeland die Ereignisse – vor allem das Versenken der «Ady Gil» in der Antarktis – nun endlich doch noch untersuchen lassen. Medien zitieren den neuseeländischen Aussenminister Murray McCully mit den Worten: «Unsere Regierung lehnt den Walfang der Japaner in der Antarktis entschieden ab. Und wir lehnen es auch ab, dass Menschen dort getötet werden.»










