Wundersame Indio-Erde Im Amazonas-Gebiet: LäSst Sich Das Geheimnis Doch Noch LüFten?

«Terra preta»: Die fruchtbare Biomasse aus dem Regenwald am Amazonas entzieht sich bis heute allen Reproduktionsversuchen. Pflanzen spriessen in der «Schwarzen Erde» wie der Blitz – und bringen erst noch massiv höhere Erträge. Wie stellten sie die Indios damals her?

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen zwei Ängste die Menschheit: Erstens, dass wir unseren Planeten vernichten könnten – also, dass die Industrie die Erde tötet. Und zweitens das so genannte «Terraforming», die Umgestaltung anderer Planeten, um sie für die Ansiedlung von Menschen tauglich zu machen. Beide Techniken verändern ein bestehendes Ökosystem in verschiedenen Richtungen: Zerstörung und Schöpfung.

Interessanterweise haben antike Völker am Amazonas in grauer Vergangenheit bereits geniale ökologische Techniken kreiert und angewendet, die ihnen erlaubten, erfolgreich zu siedeln. Methoden, die sich unserem wissenschaftlichen Verständnis bis heute seltsamerweise immer noch entziehen.

Die Rede ist von «Terra preta de Indio», «Schwarzerde aus Amazonien» oder «Indianische Schwarzerde», wie die spezielle dunkle Erde in der brasilianischen Amazonas-Region genannt wird. Man findet sie bis heute auch in weiteren südamerikanischen Ländern wie Bolivien, Brasilien, Ecuador oder Peru. Kurz gesagt handelt es sich um einen schnell nachwachsenden Boden, ähnlich dem mitteleuropäischen Torfmoor.

Was macht Terra preta derart wertvoll? Ganz einfach: So ökologisch reich der Regenwald einem vorkommen mag, eignet sich der Boden, auf dem er wächst, nicht für die landwirtschaftliche Nutzung – Resultat des praktisch unaufhörlichen Regens, der alle Nährstoffe auswäscht. Jene Nischen jedoch, wo Terra preta vorhanden ist, sind sehr fruchtbar und vorzüglich zum Anbau geeignet – inmitten einer äusserst rauhen Umgebung.

Gemäss Lehrbuch «unmöglich»?

Tatsächlich hat diese «Wundererde» die Fähigkeit, den Nährstoffgehalt über Hunderte von Jahren zu konservieren! Dazu PD Dr. Bruno Glaser vom Lehrstuhl für Bodenkunde und Bodengeographie der Universität Bayreuth, der sich dem Thema seit vielen Jahren wissenschaftlich widmet: «Nach Meinung der Lehrbücher kann es so etwas gar nicht geben!»

Studien des Museu Goeldi in Belem in Nordbrasilien wiederum belegen ebenfalls, dass «Terra preta mit keiner Erde unter den bekannten Bedingungen vergleichbar ist» – und lassen somit vermuten, dass sie nicht durch einen natürlichen Prozess entstanden sein kann.

Die typischen Terra-preta-Flächen im Amazonas-Becken sind oft extrem klein, mit einer Tiefe von rund 50 Zentimetern, die manchmal auch zwei bis drei Meter ausmachen kann. Kurz: Terra preta gleicht einer schmalen Tasche andersartiger Erde, nicht sehr tief und verteilt auf einem kleinem Landstrich. Dennoch: Wer die verschiedenen Flächen addiert, kommt auf etwa zehn Prozent der amazonischen Landmasse, was immerhin einer Fläche von der Grösse Frankreichs entspricht.

Die Besonderheit: Terra preta enthält weitaus mehr pflanzenzugängliche Anteile an Phosphor, Calcium, Schwefel und Stickstoff als es für den Regenwald typisch ist. Ein perfekter Nährboden für tropische Gewächse: Mais, Papaya, Mango und andere essbare Früchte spriessen dreimal schneller als auf «normalem» tropischen Boden.

Die Brachzeit liegt bei kurzen sechs Monaten, während sie üblicherweise acht bis zehn Jahre beträgt. Es scheint, dass diese kurzen Erholungszeiten genügen, um den Boden zu regenerieren. Im Jahre 2001 wurde beispielsweise berichtet, dass Felder mit Terra preta in Açutuba während mehr als vierzig Jahren ohne jegliche Düngung genutzt worden waren!

Lebender Superorganismus Der Clou: Der «Wunderboden» verhält sich wie ein lebender Superorganismus, er regeneriert sich selbst. Es wird angenommen, dass er durch präkolumbianische Indianer in der Zeit von 500 v. Chr. bis 1500 n.Chr. geschaffen worden sein könnte, und dass deren diesbezügliches Wissen nach der Eroberung durch die Europäer verloren gegangen ist.

Analysen von Bodenproben haben gezeigt, dass die Kultivierung zur Zeit der spanischen Invasion um 1500 n. Chr. aufgehört hat. So berichtete etwa der Spanier Francisco de Orellana im 16. Jahrhundert, dass er auf der Suche nach einer Goldstadt während seiner Expedition entlang des Rio Negro auf ein ganzes Geflecht von Farmen, Dörfern, ja sogar stark befestigten Städten gestossen war. Millionen von Menschen müssten hier gewohnt haben, folgerte er.

Spätere spanische Siedler jedoch konnten keine Spuren dieses Volkes mehr finden, das der Conquistador beschrieben hatte.

Waren sie einer historischen Lüge aufgesessen, wie viele Wissenschaftler lange Zeit annahmen? Orellanas Schilderungen, so meinten sie zu wissen, könnten nie und nimmer der Wahrheit entsprechen. Denn der Boden im Amazonas-Becken sei für landwirtschaftliche Gemeinschaften alles andere als geeignet. Das war allerdings noch vor der Entdeckung von Terra preta…

Wim Sombroek vom Bodenforschungszentrum der Universität Wageningen in den Niederlanden entdeckte eines der grössten Terrains mit Terra preta in der Nähe von Santarem in einer Zone von drei Meilen Länge und einer halben Meile Breite. Das Plateau wurde nie sorgfältig freigelegt, aber die Auswertungen der New Yorker Geographen Woods und McCann zeigten, «Erst später wurde in Betracht gezogen, dass der Mensch dahinter stecken könnte…»

dass die Fläche ausreichend gewesen wäre um 200’000 bis 400’000 Bewohner zu ernähren. Dadurch erhalten Orellanas Schilderungen rückwirkend durchaus wieder Glaubwürdigkeit.

Erstmals beschrieben wurde die Wundererde im Jahr 1871. Die Entdecker nannten sie damals noch «Terra cotta». Bereits sie waren nicht in der Lage, ihren Ursprung zu klären. Im Jahr 1928 erklärte Barbosa de Farias, dass die Terra-preta-Flächen auf «natürliche» Art von besonderer Fruchtbarkeit seien.

l941 wurde darüber spekuliert, dass diese Bodenbeschaffenheit von einem Vulkanausbruch in den Anden herrühren könnte. Andere Theorien sprachen von Sedimenten aus tertiären Seen oder jüngeren Teichen. Sprich: Bis um 1950 tippten fast alle Fachleute auf eine natürliche Entstehung.

Überall dort, wo Wasser fliesst Erst später wurde endlich in Betracht gezogen, dass doch der Mensch dahinter stecken könnte, so unerklärlich dies auch scheinen mag. Hinweise dafür lieferte in den 60er- und 70er-Jahren vor allem die Kartographierung von Terra-preta-Orten im ganzen Amazonas-Becken.

Ergebnis: Die meisten Fundorte liegen unweit von befahrbaren Wasserläufen und legen somit den Schluss menschlicher Besiedlung nahe. Aber: Wurde dort lediglich gesiedelt, weil die Erde besonders fruchtbar war? Oder war die ausserordentliche Beschaffenheit des Bodens ein landwirtschaftliches Produkt der Siedler selber?

In den späten 90er-Jahren zeigten molekulare Untersuchungen, dass Terra preta gewaltige Mengen an verkohlten Rückständen enthält, von denen man weiss, dass sie sehr nährstoffreich und von äusserster Stabilität sind.

Weltweit ist das Vorkommen an organischem Kohlenstoff enorm, was normalerweise als Problem betrachtet wird. Da die Terra-preta-Karte. Die Wundererde findet sich häufig in der Nähe von Gewässern.

amazonische Schwarzerde einen fünf- bis achtmal höheren Anteil enthält als der sie umgebende Boden, müsste sie landwirtschaftlich gesehen eigentlich als «schlecht» bezeichnet werden. Man könnte sie sogar als «kontaminierte» Erde bezeichnen. Bezeichnenderweise ist diese Schicht aber nicht 10 bis 20 Zentimeter tief wie üblich – sondern 1 bis 2 Meter dick. Was ein Problem zu sein scheint, könnte also eher die Lösung sein…

Extrem viele Nährstoffe Bruno Glaser von der Universität Bayreuth hat nun herausgefunden, dass Terra preta mehr als 64mal reicher an «nicht restlos verbranntem Holz» ist als ihre Umgebung. Er glaubt, dass dadurch die Nährstoffe im Boden zurückgehalten werden und sich nachhaltig vermehren können.

Versuche mit Holzkohle zusammen mit Dünger erhöhten die Fruchtbarkeit von Regenwaldboden um 880 Prozent gegenüber einer Düngung ohne Holzkohle. Dadurch konnte ein Geheimnis der alten Amazonier teilweise gelüftet werden: Um den Boden zu regenerieren, braucht es Feuer. Die Wissenschaft mag diese Technik vergessen haben. In den Hochebenen von Mexiko aber kann man sie heute nachts noch sehen, wenn die Bauern ihre Felder anzünden…

Aber so einfach ist es eben doch nicht: Simples Abbrennen erzeugt nicht genügend Holzkohle, um Terra preta zu erzeugen. Es muss einst eine spezielle Verkohlungstechnik gegeben haben. Nach Christoph Steiner von der Universität Bayreuth konnte sie nicht darin bestanden haben, organisches Material zu Asche zu verbrennen. Es dürfte vielmehr halb verkohlt in den Boden geschichtet worden sein.

Viele Erkenntnisse sind seither dazu gekommen. Heute wissen wir, dass die Verteilung der Flächen mit Terra preta im Amazonasgebiet identisch ist mit den menschlichen Siedlungen, von denen Orellana berichtet hatte. Heute wie damals bedeutet Terra preta Hoffnung für die Bewohner der Amazonasgebiete – und auch für andere Gegenden mit ähnlichen Problemen.

Was moderne Chemie und Technik nicht geschafft haben, könnte die Lösung sein: Genügend Nahrung für arme Regionen, obwohl einige Bestandteile von Terra preta bislang nicht identifiziert werden konnten. Ein weiterer Vorteil der Terra preta ist nämlich, dass sie «nachwachsen» soll. Solange 20 Zentimeter des Bodens nicht «gestört» werden, regeneriert sich das Anbaugebiet über eine Dauer von rund 20 Jahren wie von Zauberhand, wissen die Bauern am Amazonas aus langjähriger Erfahrung zu berichten.

Möglich, dass eine Kombination aus Bakterien und Pilzen diesen Prozess bewirkt. Nur: Mit einem Mikroskop liess sich das bisher nicht sauber feststellen. Und so lässt sich Terra preta trotz intensiver Untersuchungen unter Laborbedingungen bis heute wissenschaftlich nicht reproduzieren.

Oder um es mit den Worten von Bruno Glaser von der Universität Bayreuth zu sagen: «Wenn wir genau wüssten, wie sie es gemacht haben, könnten solche Böden Milliarden Menschen ernähren und zudem drei Jahrhundert-Zielen dienen: Wüstenbildung verhindern, das Treibhausgas CO2 langfristig einlagern und die Artenvielfalt des Regenwaldes schützen.»

Noch scheinen die Geheimnisse der «Wundererde» also verloren – sollte Glaser der hoch fruchtbaren Biomasse eines Tages nicht doch ihr Geheimnis entreissen (siehe dazu Kasten rechts). Die Völker, die sie einst geschaffen haben, sind ausgelöscht. Woher sie ihr erstaunliches Wissen wohl geschöpft haben?

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WUNDERSAME INDIO-ERDE IM AMAZONAS-GEBIET: LÄSST SICH DAS GEHEIMNIS DOCH NOCH LÜFTEN? – Abbildung 2
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