Us-Autor Temple: «Schon Unsere Vorfahren Wussten, Dass Das Leben Aus Dem All Kam…»
Der «göttliche Lebensfunke», so überliefern es uns die alten Kulturen, kam einst aus dem Universum. Und der Philosoph Anaxagoras sprach gar wörtlich vom «Samen, der vom Himmel gefallen ist». Mehr als ein Mythos – wie der US-Autor Robert Temple überzeugt ist.
Stammen seltene neue Krankheitserreger wie SARS aus dem All, wie Anhänger der Panspermie-Theorie glauben? Werden die Erreger via Meteoriten in unsere Atmosphäre katapultiert, wo sie sich in Windeseile verteilen? Gelangte auf diese Weise einst womöglich gar der «göttliche Lebensfunke» auf die Erde – und sorgte damit dafür, dass wir uns heute überhaupt Gedanken über ihn machen können?
Die Panspermie-Theorie geht von der Vermutung aus, dass sich winzig kleine Lebenskeime – also Mikroorganismen wie gewisse Bakterien – durch das ganze Universum bewegen, in die Atmosphäre von Planeten eindringen und auf diese Weise einst für den Beginn des Lebens auf der Erde gesorgt haben. Für die Mehrheit der Wissenschaftler ob der lebensfeindlichen kosmischen Bedingungen eine Unmöglichkeit – dennoch mehren sich in neuster Zeit ernstzunehmende Hinweise, dass Bakterien im Weltall offenbar durchaus länger überleben können, als gemeinhin angenommen wird.
Blick zurück – ins alte Ägypten Interessanterweise scheint diese Hypothese bereits vor Jahrtausenden vertreten worden zu sein. Zu einer Zeit, als der Mensch wissenschaftlich gesehen noch gar keine Ahnung vom Kosmos hatte, geschweige denn von der Existenz von Mikroben.
So trifft man auf derlei Gedanken bereits im alten Ägypten ebenso wie im frühen Hinduismus. Herausgefunden und dokumentiert hat das jetzt der bekannte US-Forscher und Autor Robert Temple («Das Sirius-Rätsel»).
Wie er in seinem Fachaufsatz «The Prehistory of Panspermia» im «International Journal of Astrobiology» (6/2007) schreibt, kommt der Panspermie-Gedanke auch in der griechischen Philosophie vor und ist nicht zuletzt gar Bestandteil des jüdischen wie auch des christlichen Gnostizismus.
Erstaunt ob der Übereinstimmung vieler antiker Quellen, glaubt Robert Temple mit seiner Forschung bewiesen zu haben, dass die Idee der Panspermie so alt ist wie die Zivilisation selbst, wie er schreibt. Eine hochexplosive Behauptung. Denn sie wirft die ketzerische Frage auf, wie die Menschen der damaligen Zeit bereits von derlei komplizierten Zusammenhängen wissen konnten.
Worauf gründet der Mann seine Aussagen? Die ältesten diesbezüglichen Überlieferungen stammen aus Ägypten, wie Temple zu bedenken gibt. Die dortige Kultur kannte das Wort «Glauben» nicht – und es gab auch keinen Begriff, der «Religion» in irgendeiner Form umschrieben hätte. Stattdessen verehrten die alten Ägypter viele Götter, einige mit Tierköpfen, andere als Symbolgestalten.
Im ägyptischen Karnak wie an anderen Ausgrabungsstätten fällt dem Besucher immer wieder ein ungewöhnliches Bild auf: Eine Gestalt, wohl ein Gott, mit auffällig grossem erigiertem Penis, aus dem sich Samen ergiesst. Viele dieser Darstellungen wurden später «zensiert», sprich: beschädigt.
Und wer sich näher mit der Mythologie am Nil befasst, der entdeckt laut Temple bald das weibliche Gegenstück: Der nächtliche Sternenhimmel wurde nämlich auffällig oft als Göttin mit markanter Vagina dargestellt. Für Robert Temple sind diese samenspendenden Götter und Pharaonen nichts anderes als die ersten Sinnbilder für die Panspermie.
Merkwürdiges «Penis-Relief» Eines der markantesten Bild-Beispiele ortet er in der 1809 veröffentlichten «Description de l’Egypte», einem der umfangreichsten geschichtlichen Werke der Welt, das nach Napoleons Einfall in Ägypten entstand.
Darin – oder besser gesagt: in den originalen Fahnenabzügen, die Temple in seiner Bibliothek aufbewahrt – findet sich eine besonders kuriose Darstellung der «göttlichen Samenspender» (Bild rechts): Die originalgetreue Reproduktion eines Reliefs, das in einem der Königsgräber im Tal der Könige entdeckt wurde – «ob das Relief heute noch existiert, weiss ich indes nicht, da ich es nirgendwo je abgebildet fand», wie Temple anmerkt.
Vermutlich handelt es sich bei dem dort abgebildeten «Schöpfergott» mit erigiertem Penis um Osiris. Eines seiner Spermien verwandelt sich auf der Darstellung in den Gott Horus. Bei den aufgereihten Figuren links und rechts scheint es sich um mumifizierte Pharaonen zu handeln, von denen wiederum Samenströme zu den Sternen führen.
Die drei Sterne oben rechts dürften als Andeutung auf das Sternbild Orion verstanden werden. Die beiden Kugeln könnten Sonne und Mond darstellen.
«Leider sind wir heute nicht mehr in der Lage, sämtliche Details zu verstehen», räumt Temple ein. Es seien auch keine erklärenden Texte mehr vorhanden. «Erwarten Sie deshalb bitte keine vollständige Erklärung dieser Darstellung von mir, denn das Bild ist doch sehr seltsam und ich denke «Auch in Indien findet sich das Konzept einer Gottheit, die den Kosmos befruchtet.»
nicht, dass Sie einen Ägyptologen finden werden, der Ihnen eine abschliessende Deutung dafür liefern könnte.» Der Bezug zur Panspermie ist für ihn dennoch nicht zu übersehen.
Ganz ähnliche Gedanken sind aber auch aus Indien bekannt, aus der Zeit um 1500 v. Chr. Temple, der fundierte Kenntnisse in Sanskrit, der Sprache der frühen Hindu-Texte, besitzt, sagt dazu: «Die mythologischen und astronomischen Geschichten der Hindus sind von solcher Komplexität, dass es eine fast übermenschliche Geduld braucht, um all die Götter und ihre vielfältigen Aspekte auseinander zu halten. Zudem kann in der Geschichte des alten Indien kaum etwas anhand der Texte genau datiert werden. Dessen ungeachtet habe ich versucht, mir einen Weg durch den Dschungel zu bahnen.»
Die früheste Vorstellung einer Schöpfergottheit im Hinduismus wurde Hiranyagarbha genannt – «Goldener Fötus», geboren aus einem goldenen Ei, gezeugt aus Samen, die im Wasser abgelegt worden waren. «Wasser», sagt Temple, «bedeutet in heutiger Sprache ausgedrückt: Weltraum.» Also auch hier: Das Konzept einer grossen Universal-Gottheit, die samenspendend den Kosmos befruchtet hat. Völlig überrascht war Temple von der Tatsache, dass die astronomischen Aspekte dieser indischen Geschichte der Panspermie ebenfalls zum Sternbild Orion führen.
Samen, der «vom Himmel fiel» Im alten Griechenland wiederum war einst ebenfalls eine Art Panspermie-Theorie entwickelt worden – vom Philosophen Anaxagoras (500 – 428 v. Chr.). Seine Gedanken dazu sind leider nur bruchstückhaft überliefert, werden aber von verschiedenen Wissenschaftlern wie folgt beschrieben: «Die Tiere sind geschaffen worden aus Samen, der vom Himmel gefallen ist.
Osiris mit erigiertem Penis. Was wollten die Ägypter mit diesem Bild mitteilen?
Später haben sie sich dann reproduziert.
Auch die Samen der Pflanzen befanden sich in der Luft. Sie fielen mit dem Regen nieder zur Erde, wo sie Wurzeln schlugen und zu lebenden, am Boden festgemachten Dingen wurden.»
Ein Weltall voller fliegender Samen?
Robert Temple beschreibt die Kosmologie des Anaxagoras so: «Einst waren ‹alle Dinge beieinander›. Dann, zu einem unbekannten Zeitpunkt, aus einem nicht erkennbaren Grund und auf unerklärliche Weise haben sich die Partikel aus dem Urstoff gelöst. Diese ‹Samenkörner› begannen zu rotieren und sich auszubreiten.»
Man könne also davon ausgehen, meint Temple, dass die von Anaxagoras entwickelte Theorie nicht nur auf philosophischen Gedanken beruhte, sondern dass er bereits damals durchaus auch physikalische Gesetzmässigkeiten berücksichtigte.
Am meisten beeinflusst wurde die Panspermie-Hypothese aber vom Gnostizismus. Dieser Begriff – etwa mit «Erkenntnis» zu übersetzen – bezeichnet eine religiöse Bewegung des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. Viele diesbezügliche Texte wurden 1947 in den ägyptischen, frühchristlichen Nag-Hammadi-Schriften gefunden.
Sie sind erst 2006 als englische Übersetzung an die Öffentlichkeit gelangt.
«Für das frühe Christentum bedeutete der Gnostizismus die Gefahr einer Abkehr von den jüdischen und neutestamentlichen Wurzeln mit ihrem Monotheismus», lehrt uns das Lexikon. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die meisten schriftlichen Hinterlassenschaften der Gnostiker vernichtet wurden und die Anhänger dieser Lehre von der Kirche als Abtrünnige verfolgt wurden.
Madonna kam – aus Ägypten Viele Wissenschaftler sind heute überzeugt, dass der Gnostizismus seine Wurzeln im alten Ägypten hat, und zwar in den jüdischen Gemeinden von Alexandria oder jenen der Insel Elephantine. Zur Zeit von Jesus lebte mehr als eine Million Juden in Ägypten. Sie besassen eigene Tempel, in denen neben Jahwe auch die einheimischen Götter verehrt wurden.
Ihre Priester korrespondierten mit Jerusalem und den Machthabern in Juda und Samaria.Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum und auf welche Weise viele der altägyptischen Traditionen Eingang in den jüdischen und später den christlichen Gnostizismus fanden.
Robert Temple führt ein Beispiel an: «Man denkt, dass die Madonna mit Kind, wie sie auf vielen berühmten Gemälden dargestellt wird, ein durch und durch christliches Motiv ist. Dem ist aber nicht so. Dieselbe Darstellung findet sich als Porträt der Göttin Isis, die ihren Sohn Horus stillt, auf unzähligen ägyptischen Artefakten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Moses ein Ägypter war.» So überrascht es nicht, dass auch die Hypothese der Panspermie in der jüdischen Gnostik Aufnahme fand.
Einer der ersten gnostischen Philosophen war Basilides von Alexandria (ca. 140 «Basilides vertrat die Auffassung, dass die Welt aus einem einzigen Samenkorn entstand.»
– 120 n. Chr.) Unter anderem bezweifelte er die Kreuzigung Christi. Er wurde als Abtrünniger verfolgt.
Basilides vertrat ebenfalls die Meinung, dass die Welt aus einem einzigen Samenkorn entstanden sei, das fortwährend neue Samen zeugt. Daraus sei nach und nach das ganze Universum entstanden.
In Persien entstand im dritten Jahrhundert n. Chr. die gnostische Sekte der Manichäer. Ihre Lehre beinhaltete Elemente aus Zoroastrismus, Christentum und Buddhismus, und ihr Konzept der Weltentstehung mündete ebenfalls in eine Art Panspermie. Sie sahen den Weltraum als Reich des Lichts und die Erde als Reich der Dunkelheit. Der göttliche Funke, der in jedem Menschen existiert, kam aus dem Universum und wurde als Samenkorn in ihn hinein gelegt.
Viele Gnostiker sind überzeugt, dass die Welt dereinst durch Überflutung, Feuer und ähnliche Heimsuchungen zugrunde gehen wird – dem Szenario nicht unähnlich, das heutige Wissenschaftler angesichts des vermeintlichen Klimawandels prophezeien.
In dieser gigantischen Katastrophe wird der gute kosmische Samen ihrer Überzeugung nach in Form von Lichtpartikeln oder göttlichen Funken gerettet werden, der schlechte jedoch wird mit der Erde verschwinden: Ein anhaltender Prozess, in dem das kosmische Saatgut stets weiter verbessert wird, bis endlich paradiesische Zustände erreicht sein werden.
Ruth Gremaud n










