Wahnsinn! KüNstliche Erdbeben Auf Knopfdruck

SCHWEIZER GEOTHERMIE-PROJEKT LÄSST BEVÖLKERUNG ZITTERN

Die spinnen, die Eidgenossen! Gleich fünfmal liessen stärkere Erdstösse den Norden der Schweiz um den Jahreswechsel erzittern. Pikant: Nicht die Natur ist daran schuld – sondern ein alternatives Energieprojekt der Behörden. Wer noch immer daran zweifelte, hat den technischen Wahnsinn nun schwarz auf weiss: Spürbare Erdbeben lassen sich bewusst erzeugen!

Erst knallte es, dann bebte der Boden. Kaum ein Bewohner von Basel, den dabei nicht mulmige Gefühle beschlichen. Ein Erdbeben von der respektablen Stärke 3,4 – so stellte sich heraus – hatte die Schweizer Rheinstadt in Aufregung versetzt. Ebenso das angrenzende Ausland.

Doch das Beben vom 8. Dezember 2006 hatte nichts mit Naturgewalt und schon gar nichts mit Zufall zu tun. Es wurde vielmehr künstlich erzeugt. Reine Absicht war das zwar nicht – schon gar nicht in dieser Stärke. Aber des Risikos schienen sich die Verantwortlichen offenbar durchaus bewusst, wie sie später kleinlaut eingestehen mussten.

«Schuld» am Erdstoss waren die Planer und Umsetzer des Projektes Geothermie – ein Pilotprojekt im Bereich der alternativen Energiegewinnung. Ziel: Inmitten der Stadt soll dereinst ein mit Erdwärme betriebenes Kraftwerk Strom und Fernwärme liefern – im Fachjargon: «Deep Heat Mining». Für die seismische Überwachung dieses «einzigartigen Pilotprojektes» ist der Schweizerische Erdbebendienst der ETH Zürich verantwortlich.

In einem ersten Schritt wurde ein fünf Kilometer tiefes Loch in die Erde gebohrt. Um die Durchlässigkeit des Gesteins zu erhöhen, wurde durch dieses Loch im letzten Dezember Wasser gepumpt. Dass dadurch kleine und kleinste Beben ausgelöst werden, war nicht nur bekannt, sondern auch erwünscht. «Diese Beben geben letztlich Auskunft über den Weg des hineingepressten Wassers», erklärt dazu die Geopower Basel AG. Weit über 150 derartige Mini-Beben wurden im regionalen Untergrund seit Dezember 2006 bereits verzeichnet.

Dass es die Bohrungen an der Oberfläche aber derart krachen und zittern lassen sollten, will rückblickend niemand geahnt haben. Zumindest nicht offiziell. Noch dazu war die Basler Bevölkerung im Vorfeld der Versuche kaum bis gar nicht über mögliche Risiken informiert worden.

Ein Debakel sondergleichen – um so mehr, als die Rheinstadt bekanntlich zu den erdbebengefährdetsten Regionen der Welt zählt. Noch dazu beherbergt sie mehrere Schweizer Chemie-Grosskonzerne, die exakt auf den besonders heiklen Zonen thronen. Ebenso gut hätte man mit einem brennenden Streichholz in ein dunkles Pulverfass äugen können…

«Alles im Griff»?

«20 Mal höher als erwartet», sei der Erdstoss vom 8. Dezember gewesen, räumten die Verantwortlichen an einer eilends einberufenen Medienkonferenz zerknirscht ein. «Es dürften wohl noch einige kleinere Nachbeben folgen.» Tatsächlich krachte es bereits in der Nacht vom 14. Dezember erneut: Dieses neuerliche Beben erreichte immerhin noch die Stärke 2,5 auf der Richterskala. Tenor: «Wir haben die Lage im Griff. Mit weiteren grösseren Nachbeben ist kaum zu rechnen. Folgen werden allenfalls noch ein paar leichte Erschütterungen.»

Harsche Kritik dagegen von Fachseite.

So verurteilte die Präsidentin der Schweizer Geothermievereinigung, Kathy Riklin, das Vorgehen von Projektleiter Markus Häring gegenüber dem «Tagesanzeiger» mit ungewöhnlich scharfen Worten.

Der Mann sei ein forscher Haudegen, kritisierte sie: «Man ging viel zu schnell und zu rücksichtslos ans Werk. Das Wasser wurde zu rasch und unter zu hohem Druck in den Boden gepumpt!»

Am 5. Januar 2007 lieferte die Geopower AG schliesslich einen ersten Analyse-Bericht zuhanden der Basler Behörden ab. Und nur gerade einen Tag später zitterte die Erde in der Region erneut massiv: 3,1 zeigte die Richterskala diesmal!

«Ein harter Schlag, gefolgt von zwei rasch nachfolgenden weicheren Stössen erschütterte das Haus», berichtete ein Augenzeuge stellvertretend. Einige munkelten gar, dass am Bohrloch wohl heimlich weiter gearbeitet worden sei…

Verwirrte Mienen auch bei den Projektverantwortlichen. Geopower-Geschäftsleiter Daniel Moll: «Wahrscheinlich ein Ausreisser nach oben…»

28 Millionen für die Katz’ Eigentlich sollte noch im Januar 2007 ein zweites Loch gebohrt werden. Durch dieses hätte das in der Erde erhitzte Wasser künftig an die Oberfläche strömen sollen.

Nun aber wurde das Projekt sistiert. Der Bohrturm wurde bereits demontiert. Wie es weitergehen soll, steht derzeit in den Sternen. 28 Millionen Schweizer Franken an Steuergeldern scheinen nutzlos verschleudert. Und der Bevölkerung sitzt der Schrecken bis heute in den Gliedern.

Zu Recht, wie der bekannte Schweizer Erdbebenforscher Max Wyss unlängst betonte: «Nirgendwo auf der Welt wird in einer Stadt nach Erdwärme gebohrt! Für ein solches Projekt hätte man in ganz Mitteleuropa keinen gefährlicheren Ort wählen können als Basel…»

Die Natur gab ihm Recht: Am 16. Januar bebte es erneut. Stärke: 3,2. Und der Wahnsinn scheint kennt Ende zu nehmen: Denn am 2. Februar – unmittelbar vor Druckbeginn dieser Ausgabe – folgte bereits der nächste Knall: Stärke 3,3. red. ■

Glück im Unglück?

Bewahrt das umstrittene Bohrexperiment von Basel die lokale Bevölkerung womöglich vor Schlimmerem? Diese durchaus gewagte Behauptung formuliert zumindest die deutsche «Geothermische Vereinigung e.V.

– Bundesverband Geothermie» in einer offiziellen Stellungnahme. Pure Schönrederei aus Lobbysicht? Oder hatte die betroffene Region tatsächlich Glück im Unglück? Urteilen Sie selbst.

Ein Mann in einer orangefarbenen Vorherscheide, der vor einer Wand von Computermonitoren steht.
Ein Diagramm einer tiefen Wärme-Mine mit vielen Rohren.