Unorthodoxe Denker Am Mystery-Forum

Wie kommt es, dass ein 4-jähriges autistisches Mädchen meisterhaft ein Pferd skizziert – so wie es einst Leonardo da Vinci tat? Und das, obwohl es sonst kaum mit seiner Umwelt kommuniziert?

Welches uns offenbar verborgene Hirnpotenzial zapft es dabei an?

Fragen dieser Art stellt sich der weltberühmte Forscher Professor Allan Snyder aus Australien. Gemeinsam mit zahlreichen weiteren internationalen Professoren und Querdenkern stellte er seine ebenso faszinierenden wie kontroversen Forschungsresultate im November 2006 am dritten World Mystery Forum in Interlaken zur Diskussion.

«Unser Gehirn diktiert uns, was wir zu sehen haben», betonte Snyder in seiner brillanten Präsentation. «Wir sehen, was wir kennen – was wir er-kennen – und nicht, was da draussen wirklich ist.»

Mit einem einfachen Beispiel machte er den Anwesenden klar, was er damit meint. «Was erkennen Sie in diesem Bild?», fragte der Professor, während er ein unscharfes Gemisch von schwarzen und weissen Flecken auf die Leinwand projizieren liess.

«Vermutlich einen Dalmatiner…», fügte er nach einigen Sekunden an. «Die meisten Europäer glauben einen Dalmatiner zu erkennen. Zeigen Sie dieses Bild dagegen einem Nigerianer, wird er darin eine Hyäne sehen. Für ihn ein absolut vertrautes Tier. Deshalb assoziiert sein Gehirn die Flecken auf dem Bild am ehesten mit diesem Tier – und mit Sicherheit ganz zuletzt mit einem Dalmatiner. Von Dalmatinern weiss er eben kaum etwas.

Ebensowenig wie wir von Hyänen.»

Konsequenz: Alles was wir sehen und wahrnehmen, wird durch unsere bisherigen Erfahrungen kontaminiert. Professor Snyder: «Unsere Erfahrung blendet und beeinflusst unsere Wahrnehmung.»

Autisten als Vorbild Können wir dennoch kreativ sein? Und unsere beschränkte Wahrnehmung quasi austricksen? Interessante Ansatzpunkte ortet Snyder bei Menschen mit schweren mentalen Krankheiten oder Hirnschäden.

Speziell bei Autisten – ebenso genialen wie verschlossenen Individuen, wie sie der Film «Rainman» mit Dustin Hoffman einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat.

Snyder: «Autisten sehen den Teil – und nicht das Ganze. Ihnen fehlt das grosse Bild. Für sie ist die Welt ein unendliches Detail.» Dennoch verfügen gerade sie oft über schier geniale Fähigkeiten. Manche können rechnen wie Einstein – ohne es je gelernt zu haben. Andere rezitieren ganze Lexika auswändig – nachdem sie sie einmal gelesen haben. «Diese Fähigkeiten schlummern in jedem einzelnen von uns!», ist Professor Snyder überzeugt. «Aber sie werden von unserem Bewusstsein blockiert.»

Lassen sie sich dennoch abrufen? Noch dazu auf Kommando? Experimente mit zahlreichen Testpersonen scheinen darauf hinzudeuten. Mit Hilfe magnetischer Impulse legte Professor Snyder Teile ihrer linken Gehirnhälfte quasi lahm – «jeweils ein Impuls pro Sekunde, während insgesamt 15 Minuten». Anschliessend liess er seine Probanden zeichnen.

Verblüffend, aber wahr: Unmittelbar nach der «Behandlung» schwangen die meisten von ihnen ihren Zeichenstift wie Künstler, obwohl sie bislang nie zeichnen konnten. Rund eine Stunde später «verschwanden» diese Fähigkeiten ebenso plötzlich wieder. Sprich: Ihre Zeichnungen wandelten sich wieder in jene unbeholfenen Kritzeleien, wie sie den meisten von uns eigen sind.

«Noch wissen wir nicht genau, wie und warum das funktioniert», räumt Professor Snyder ein, der Teile seiner Forschungsresultate bereits in namhaften Wissenschaftsjournalen veröffentlicht hat und nun umfangreichere Experimentreihen plant. «Aber dass es funktioniert, scheint mittlerweile klar zu sein. Kurz: Wir haben starke Hinweise, dass Fähigkeiten, wie sie sonst nur Autisten zeigen, künstlich generiert werden können – bei vollkommen ‹normalen› Menschen.»

Verlockende, aber auch kontroverse Perspektiven für unsere Zukunft – wie sie auch andere Forscher am Kongress in Interlaken zeichneten. Etwa Dr. Aubrey de Grey, der sich an der Universität von Cambridge der biologischen Erforschung von Alterungsvorgängen widmete und davon überzeugt ist, dass sich unsere Lebensspanne in absehbarer drastisch verlängern lassen wird.

Offenheit für Neues Rund 300 Besucher liessen sich von ihm und zahlreichen weiteren Referenten aus dem In- und Ausland während zweier Tage zu neuen, «gewagten» Überlegungen inspirieren.

An der abschliessenden Podiumsdiskussion beschwor die hochkarätige, interdisziplinäre Expertenrunde denn auch, was vielen «Schulwissenschaftlern» leider immer noch abgeht: die Offenheit gegenüber Neuem – auch wenn es ob des heutigen Wissenstandes kontrovers scheinen mag.

Ein Wermutstropfen blieb: Wenige Tage nach der Veranstaltung schloss der Mystery Park als Veranstaltungsort seine Pforten. Ob für immer, steht derzeit in den Sternen.

Umso erfreulicher die Abschlussmessage von Forumsorganisator Ulrich Dopatka: «Eines kann ich Ihnen auf jeden Fall bereits heute versprechen:Auch 2008 wird es wieder ein World Mystery Forum geben!»

red. ■

Ein Plakat für ein Forum namens World Mystery Forum.
Ein Mann und eine Frau stehen nebeneinander.
Zwei Frauen stehen nebeneinander und halten eine Plaque.
Ein Mann in Anzug und Krawatte mit einem blauen Schnurband um den Hals.